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Spreerien, die Ferien mit Spreeblick

Es ist Ferienzeit und ihr liegt wahrscheinlich alle längst am Strand und lest Spreeblick auf euren sündhaft teuren Mobildingsen. Wir spüren, während wir im Büro geblieben sind, den Sand, die flirrende Hitze, eure Entspannung. Und sind ein bisschen neidisch. Aber:

Wir waren auch schonmal im Ausland, also außerhalb Berlins. Daher nachfolgend von uns für Kurzentschlossene: Die Spreeblick-Urlaubstipps. Ergänzungen bitte gerne in den Kommentaren.

Björn
Als Kind fuhr ich mit meinen Eltern immer auf die Schwäbische Alb, genauer gesagt ins Große Lautertal. Da konnte man die Füße in die kalte Lauter packen, Kanufahrer und Fledermäuse beobachten, auf Felsen und Burgruinen rumklettern, rustikal essen und wandern. Wandern war toll. Wir wurden mit Campino-Bonbons und Schokolade geködert und ich frage mich bis heute, wie meine Mutter es geschafft hat, dass die Tafeln in der Sommerhitze nicht geschmolzen sind. Irgendwo in der Nähe gab’s ein Freilichttheater. Und Pferde. In Marbach. Das Marbach ohne Schiller. Das liegt am Neckar und wäre ein Reisetipp für Leseratten. Dann kam die Wende und wir haben unsere Ferien in Ostdeutschland gemacht. Dann haben sich meine Eltern scheiden lassen. Ich war gern im Großen Lautertal. Letzten Sommer bin ich nochmal durchgefahren. Sah immer noch gut aus.

Fred
Auf der Route Napoléon, von Süden kommend, vom Mittelmeer, fährt man ein Stück ins französische Jura hinein. Man hat dann schon Cannes und Grasse im Rücken, hat von den ersten Steigungen an einen letzten Blick über den blauen Dunst der Côtes d’Azur erhaschen können, während das Gelände um einen immer steiniger und karger wird. Man kann zwischendrin in einem Dorf halten, im Sommer gibt es da viele Märkte, und eine Merguez essen oder was einem sonst behagt, auf einem Marktplatz rumsitzen und anderen Leuten beim rumsitzen zusehen.

Dann, in 731 Meter Höhe, kommt man plötzlich in eine kleine Schlucht, die hat der Verdon ausgegraben. In dieser Schlucht liegt ein Dornröschen von einem Dorf, Castellane. Verschlafen kann man das kaum mehr nennen, eher „mitten in der REM-Phase“. Alte Männer stehen auf dem Marktplatz und spielen Boule. In den engen, verwinkelten Gassen kuscheln sich Cafés an Restaurants. Über dem Dorf thront auf einem Felsen die Kirche Notre Dame du Roc, und am Lauf des Verdon gibt es wunderbar stille, kleine Seen, viele Grotten und diese seltsam karge, schläfrige Natur, die selbst einen Wanderhasser wie mich zu täglichen Spaziergängen zwingt. Es ist ein ruhiger, erholsamer Ort, und völlig aus der Zeit gefallen zwischen all den Steinen.

Tanja
Ferien ohne Meer sind wie Sparta ohne Speer, Staatskasse ohne leer, Lottoziehung mit Gewähr.

Der Pazifik ist ein Traum, der Atlantik hinreissend, die Karibik obzschön, aber auch für viel weniger bekommt man schon viel Meer.

Die Nordsee sei wilder, meeriger als ihr kleiner Nachbar, sagen Manche. Sie ist aber vor allem gezeitiger und also, befindet man sich an und nicht auf ihr, die Hälfte der Zeit gar nicht da. Damit geht’s schon mal los und da hört’s für mich auch direkt auf.

Wer das Weite in der Nähe sucht, wird an der polnischen Ostseeküste mit einer Form von Exotik belohnt, für die man seit Euro, EU, Globa- und Lidlisierung dachte, den Kontinent wechseln zu müssen.

Polens Norden ist architektonisch ein bisschen Kuba, sprachlich dem Deutschen so fern und unentwirrbar wie Mongolisch und mit einer Währung gesegnet, die man am besten gebündelt in der Hosentasche trägt, weshalb sie in etwa die Seriösität des guatemaltekischen Quezal besitzt. Und während an der deutschen Nachbarküste mit Nachhaltigkeit getöpfert, aquarelliert und gefachwerkt wird, setzt der Pole auf HalliGalli.

Polnische Badeorte sind geprägt von der Farbvielfalt aller nur erdenklicher Aufblasobjekte: pinkfarbene Riesenhasen, neonorangene Alligatoren, die als Gästebett durchgingen, Reifen und Matratzen in Enten- und Handyform und was nicht alles. Wenn sich aber die Sonne senkt, geht’s erst richtig los. Dann erwachen Schiessbuden, Draussen-Discos, Karussels, Glücksspielautomaten werden aus allerlei Garagen gerollt und ich schwöre, ich habe einen lebenden Native-American dazwischen tanzen sehen, mit dem man sich gegen acht oder 18 Scheine aus dem Bündel knipsen lassen konnte. Und all das findet man nur drei, vier Stunden hinter Berlin!

Im Ernst: ich habe vor zwei Jahren mit zwei Freundinnen drei günstige Tage verbringen wollen. Für nur 100 Euro hatten wir hinterher, Polen sei Dank, richtig was zu erzählen!

Johnny

Ich bin ja mehr so der Abenteuer- und Wasser-Typ und tendiere gen Norden. Wild wachsende Gräser fast bis zum Knöchel, deren Bewohner einem beim Drauftreten selten attackieren, am Strand die ewige Herausforderung der Wellen, bei der ich immer überlegen bin, denn sie kommen einfach nicht an mich heran, und in der Nacht das klassische Duell „Mann gegen Mücke“.

Im Ernst: Der dänische Strand ist mein Revier — doch Obacht:
Das passende Adventure-Equipment nicht vergessen!

24 Kommentare

  1. 01

    Wegfahren? Ich dachte der Trend waeren jetzt staycations?

  2. 02

    @Armin: Na wir bleiben ja drinnen!

  3. 03

    Herr Haeusler, Sie haben vier Beine.

  4. 04

    @Tanja: guatemaltekisch? ja? nein? ;)

  5. 05
    Johnny Haeusler

    @dapperdan: Danke, ist geändert. :)

    @Philipp: Ich sag‘ ja: Dänemark rockt! ;)

  6. 06

    texas. am meer mit einem eimer chicken wings in der linken und einer chicken-wings-fett verschmierten dose budweiser in der anderen.
    gekleidet in weiße socken, weißes shirt und jeans die man im walmart zusammen für 5 $ gekauft hat.

    fuck yeah.

  7. 07
    Batumi

    Ich schau in ner Woche bei Saakaschwili vorbei. Übrigens auch sehr zu empfehlen !

  8. 08
    marcel

    Polnische Ostsee ist echt super! Glaubt man erst wenn mans erlebt hat. Wir waren damals Campingexilanten, da man das Stammklientel und Betreiber der deutschen Campingplätze nicht ertragen kann. Ich war positiv überrascht: nette Menschen und tolle Strände“¦ warum denn in die Ferne schweifen?
    Und bei Danzig hat man sogar fast „weiße Nächte“, einmalig schön.

  9. 09

    Ach schön, für uns Hamburg vielleicht ein Tagesausflug nach Helgoland oder die Harburger Berge?

    Als Kind liebte ich Butterfahrten. Die gibt es aber leider nicht mehr.

  10. 10
    42

    @Björn: Das Lautertal kenne ich auch gut, von ausgedehnten Radtouren als Kind. Meine Eltern stammen beide aus der Gegend, und dementsprechend haben wir da jede Menge Verwandschaft bei der wir öfters mal das Wochenende verbrachten.

    Zu schätzen weiß ich das erst jetzt richtig (wenn man am Wochenende bei 30 Grad in der Stadt gefangen ist), damals war das für mich eine Selbstverständlichkeit. ^^

    Wem das Lautertal zu kurz ist, dem kann ich das Donautal empfehlen – genauer gesagt den Naturpark Obere Donau, das wohl schönste Teilstück in Deutschland.

  11. 11

    Danzig, Sopot und weiter zur Kurischen Nehrung (Litauen) im Sommer. Natur, wie Schokopudding mit Vanillesosse.

  12. 12

    In Castellane war ich auch schon mal. Da muss ich dem Fred zustimmen, dass es eine Reise wert ist.

  13. 13

    Ich bin für ‚obszschön‘-T-Shirts. wunderbares Wort, Danke, Tanja. (Nur 9 Belege bisher im Netz: http://www.google.com/search?rlz=1C1GGLS_deDE291DE303&sourceid=chrome&ie=UTF-8&q=obzschön )

  14. 14

    Ich wohne im Lautertal -> Baden Württemberg -> immer noch keine Ferien :-/ …Urlaub: Entweder auf der dänischen Ostseeinsel Møn (sehr gemütlich, auf der südostseite hübsche und (da BW abseits der Saison) menschenleere Strände. Im Norden Steilküste (ca 15m, ideal für Steinesammler). An der Ostküste Klippen: etwa 100m hoch, aus weißer Kreide. In der Mitte das niedliche Städtchen Stege. <3 Møn

    Alternativ: Die Farafra-Oase in Ägypten. Eine Woche lang in der einmaligen Wüste leben und danach für 2 Tage ins Hotel in der Oase. Danach weiss man, was "Paradies" heißt. *träum*

  15. 15
    jochen

    kommen gerade von elba zurueck. herrlich, 3 wochen sommer am stueck.
    bei der einreise nach D musste ich das erste mal wieder den scheibenwischer einschalten. dafuer aber gleich hoechste stufe.

  16. 16

    Wohoo, in Dänemark gibt es Kentauren

  17. 17
    peter h aus b

    Tanja: besser kann man es nicht beschreiben. Danke!

  18. 18

    @Björn Das Freilichttheater in der Nähe des Lautertals ist das Naturtheater Hayingen.

  19. 19

    Für uns als Großfamilie geht es dieses Jahr wieder auf den schlampigen Biobauernhof in der holsteinischen Schweiz. Nach zwei Wochen zwischen Tieren und See dann alle mit dem Kärcher abspritzen – fertig und wieder alltagstauglich.

    Kuckuck

  20. 20

    @Leon Hartner: Oh ja, in Stege war ich auch schon mal über ein verlängertes Wochenende. Kann ich nur empfehlen.

  21. 21
    Frogster

    Dieses Jahr auf nach Polen alle! Nächstes Jahr isses teurer!

  22. 22

    @Frogster: Wieso, tritt Polen dann dem Teuro bei?

    Dann kommt lieber dieses Jahr auf die Insel, angeblich ist das Pfund so billig wie nie. Mit ein bisschen Glueck gibt’s dann auch Marmite bei Tesco als BOGOF fuer das einmalige Geschmackserlebnis zum halben Preis. Oder einen traditionsreichen Fussballverein haben wir auch noch im Angebot, so um die £100m wenn ich mich nicht irre. Das waere doch ein Souvenir?

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