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Journalismus und Ethik

Ich weiß nicht, wie oft (und warum) ich in den letzten Jahren auf die Themen „Ethik in Blogs“ oder gleich „Ethik im Internet“ angesprochen wurde, zu wie vielen Veranstaltungen mit diesen Themen ich eingeladen war und wie oft ich mir anhören musste, dass Amateure, die im Internet veröffentlichen, keine moralischen und ethischen Grenzen zu kennen scheinen. Im Gegensatz zu echten Journalisten. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich zurück fragen.

Ich werde fragen, wo genau diese Echtwelt-Journalisten-Ethik stattfinden soll, von der immer die Rede ist, werde fragen, wie man denn die Redakteure, Autoren, Publizisten nennt, welche die Grenzen der Geschmacklosigkeit in Printmedien mit Riesenauflage schon lange vor dem Internet überschritten haben und dies immer wieder tun.

Es sind schließlich Journalisten, die Fotos des in einer Blutlache liegenden St.-Pauli-Fans veröffentlicht haben, der sechs Meter in die Tiefe gestürzt ist und noch immer in Lebensgefahr schwebt. Journalisten, die sich nur durch Anwälte von ihrem Tun abhalten lassen. Journalisten, die ein Millionenpublikum haben, aber nicht einen Funken Anstand.

Es geht nicht um „Blogger gegen Journalisten“, nicht um „Online vs. Offline“, auch nicht in diesem kleinen Posting. Es geht immer wieder allein um Arschlöcher gegen den Rest der Welt. Der langsam mal wieder etwas lauter werden könnte. Denn ich verstehe es auch nach vielen, vielen Jahrzehnten immer noch nicht: Wer kauft diesen Dreck?

[via]

29 Kommentare

  1. 01

    „Wer kauft diesen Dreck?“ – Immer weniger. Das ist die gute Nachricht.

  2. 02

    Warum ist die Bild die meistverkaufte Zeitung in Deutschland?! Ich weiß es nicht aber ich kennen 1 der sie aboniert hat und das ist nicht toll.

    Und es ist ganz richtig das man aufhören sollte Online vs Offline – den es gibt in echt und im web guten UND schlechten Journalismus.

  3. 03

    Man sollte auch noch weiter fragen. Wer macht solche Bilder?

  4. 04

    @Sebastian S.: alles andere wird auch weniger gekauft…

    @topic: diese sorte journalisten wird es immer geben (diese sorte leser auch!), da hilft es auch nichts, wenn sich zB die jmt09 in hannover (du erinnerst dich vllt?) diesem thema gewidmet haben und so etwas wie ethische erziehung für jungjournalistisen durchführen wollten.

    denn wie du sagst, arschlöcher wird es eben auch immer geben.

  5. 05

    @Stefan: dieselben Leute, die bei einem Autounfall gaffen.
    Und ein Sportfotograf, der bei 2.-Ligisten arbeiten muss, wird gewiss auch jeden Cent brauchen können. Der bedient letztendlich aber auch nur diese Art „Zuschauer“, die mit leichtem Grauen und großem Erstaunen der Marke „Boah ey“ ganz gewiss nicht wegschauen, wenn Britney im Minikleid ohne Unnerbüx aus dem Auto steigt. Oder wenn irgendwelche Streitkräfte mit modernsten Waffen irgendwelche Schurkenstaaten einäschern.
    Wir sind nunmal Voyeure, der eine mehr, der andere weniger. Während der eine den Paparazzo moralisch noch durchgehen lässt, findet der nächste den embedded Journalist drunten in Bagdad schon fragwürdig und sieht im Bild Leserfotografen das Ende des Abendlandes.
    Sicher, wir als Bessermenschen brauchen all das nicht. Deswegen haben wir vor einer Dekade schon Radio und Fernsehen abgeschafft und bewegen uns moralisch einwandfrei in unserer sauberen (Blogger)Welt. Aber der gemeine Mensch tickt anders. Ich habe in den letzten Jahren 3 „Netzbeben“ miterlebt. Es gab Serverausfälle, weil zuviele Leute dasselbe suchten:
    – Britney unten ohne
    – Nick Berg, geköpft von den Taliban
    – die Hinrichtung Saddams

    Die Welt ist niederträchtig, der Fotograf spielt nur nach ihren Regeln.

  6. 06

    Hat wirklich nix mit „online vs. offline“ zu tun, die Bild ist offline genauso schlecht wie online und viele andere nehmen sich da auch nicht viel.

  7. 07

    Zumeist lockt Journalisten das Geld mehr als Laien, sie stehen mehr unter Druck und haben auch eine größere Handhabe; sie sind eindeutig schneller und leichter verführt ethische Bedenken über Bord zu werfen, um im Job voran zu kommen.
    Die Diskussion „Blogger gegen Journalisten“ wird gerade von den Zeitungsleuten so verbissen geführt, weil sie die Konkurrenz durch das Internet, in Kombination mit den Einbußen bei den Printmedien, einfach fürchten. Ich will ein Journalismus-Studium bestimmt nicht herab würdigen. Zwei, drei Pro-Seminare zum Thema journalistischer Ethik und gewissenhafter Recherche sind bestimmt hilfreich, oft auch nötig, doch bedeuten sie im Arbeitsalltag nur wenig. Erst dort, wo man als Referendar ausgebeutet und unter Erfolgsdruck gesetzt wird, zeigt sich ob man ein Arschloch ist oder nicht. Und damit sind wir bei deiner Aussage: „Es geht immer wieder allein um Arschlöcher gegen den Rest der Welt.“
    Dem schließe ich mich mal an, denn das betrifft Blogger, Journalisten, Polizisten, Lehrer und eigentlich jeden, der in seinem Beruf Verantwortung anderen gegenüber trägt. Jeder von ihnen muss sich dem inneren Schweinehund stellen und die meisten bekommen das ohne Ethik-Seminar auch ganz gut hin.

  8. 08

    @Salz:
    Von irgendwelchen Prominenten oder bekannten Persönlichkeiten spricht hier niemand. Es geht darum, warum ein Fotograf eine unbekannte Person so fotografieren muss. Wenn Bilder von einem 2.-Ligaspiel zum Lebensunterhalt nicht mehr reichen, dann sollte er sich was anderes suchen. Die Mehrheit der Leute braucht so etwas bestimmt nicht. EIn Bild vom Krankenwagen, ein paar Sanitäter, ne betroffene Menschenmenge hätte auch gereicht. Da hätte niemand mehr gefordert. Das auf die Konsumenten zu schieben ist zu einfach. Der wusste, dass er dafür von den bekannten Schweine(Grippe)Blättern Kohle bekommt. Der Durchschnittsleser schaut sich das halt an, weil es angeboten wird, sucht aber bestimmt nicht danach.

  9. 09

    Weder die Leser – oder Gaffer – die diesen Dreck in Massen kaufen sind zu Ethik und Moral erzogen, noch die, diese „niederen“ Instinkte der Sensationsgier, der miesen Nachrichten, der Ängst, des Todes, des Sex und des Crimes, belieferen.

    Profit und dessen Optimerung ist alles. Viel mehr wert als Medienkompetenz und Würde!

  10. 10

    @Stefan:

    Der Vergleich hinkt ein bisschen (aber nur ein bisschen), aber was ist mit dem sterbenden Maedchen im Iran?

    Ich habe das Video nie gesehen, habe nur ein Standbild dunkel in Erinnerung, aber ich nehme an man konnte das Maedchen da sehr gut erkennen und ihm „beim Sterben zusehen“. Das Maedchen war auch keine Prominente oder bekannte Persoenlichkeit, gleichzeitig nehme ich an das Video wurde in sehr vielen Blogs eingebunden und in den Nachrichten gezeigt.

    Braucht die Mehrheit der Leute das? Haette da ein Bild der Menschenmenge nicht auch ausgereicht? Oder musste da dem Protest ein Gesicht gegeben werden?

  11. 11
    Upton Sinclair

    @Phil: Bild-Zeitung a borniert?… schon klar…
    @Sebastian S.: Genau das ist der Grund warum sich solche Dinge in Zukunft leider noch häufen werden… Viel Spass dann mit den guten Nachrichten in Amateuristan…

  12. 12

    Das ist die typische elitäre Grundhaltung der Journalisten gegenüber jedem, der nicht so ist wie sie. Vielleicht ist auch etwas Angst dabei. Viele Blogs leben ja vom unethischen Verhalten der Printmedien. Zum Beispiel das Bildblog. Wer wird schon gern überwacht? Wir sind eben eine ernstzunehmende Konkurrenz;)

  13. 13
    Jander

    @08 Der Durchschnittsleser will solche Bilder. Wer kauft die Zeitung mit dem Titelblatt auf dem Politiker X und Politiker Y zum z-ten Mal die Hände schütteln und einer Textmeldung über Britneys Höschen, während nebendran eben jene mit großen Genitalpixeln beim Boulevard zu sehen sind? Vielleicht der links-liberale Gutmensch oder der erzkonservative Kirchengänger, aber der Durchschnittsmensch?

    @05 Dir muss ich da zustimmen, sehe ich genauso.

    Und weil das Brecht schon so schön erklärt hat, zitier ich nur: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“

  14. 14

    @Salz: Ich denke, dass Du da etwas wesentliches ansprichst. Letztendlich bedienen Journalisten bis zu einem bestimmten Punkt auch nur einen Markt bzw. sind repräsentativ für die Gesellschaft für/über die sie berichten. Ethik und Moral ihrerseits sind wiederum leider nicht die vordersten Tugenden in unserer Gesellschaft; die Hintergründe der Wirtschaftskrise und das mainstreammediale „panem et circustancem“ sind da nur Beispiele.
    Ausführlichere Betrachtung dazu hier:
    http://evolusin.wordpress.com/2009/03/16/von-sittlichkeit-und-mora/

  15. 15

    An Ethik & Journalismus hat mich heute auch das hier erinnert:
    http://meedia.de/details/article/ein-schmutziges-kapitel-mediengeschichte_100022657.html

    – Hatte Udo Röbel schon fast wieder vergessen. Anscheinend wird moralische Gesinnung wie beim Gladbecker Geiseldrama früher oder später mit einem Chefredakteursposten bei BILD belohnt:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Röbel

  16. 16

    Ein anderes aktuelles Beispiel, passend zur Diskussion: Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, über seinen Berufsstand:

    Die Zeiten, in denen nur ausgebildete Journalisten über Ausnahmefälle wie Geiselnahmen und Amokläufe, aber auch über Wahlkämpfe und Skandale berichteten, sind vorbei.

    Lindner, so wird aus seinem Beitrag über das Web 2.0, einen Twitterer und den Umbruch der Medienwelt deutlich, bedauert dies eher. Er vergisst dabei das Geiseldrama von Gladbeck (das holt dann ein Kollege von ihm nach) und offenbar gehört auch der Bildblog nicht zu seiner täglichen Lektüre, vom aktuellen Beispiel des St.-Pauli-Fans ganz zu schweigen.

    Udo Röbel war ausgebildeter Journalist und Wächterpreisträger. Das hat ihn 1988 auch nicht davon abgehalten, Grenzen zu überschreiten. Und Bild, Morgenpost und Express müssen offenbar auch 2009 noch erst durch Medienanwälte dazu gezwungen werden, Reste von Anstand zu wahren. Stimme zu: die Grenzziehung verläuft nicht zwischen (Print-)Journalisten und den Ins-Internet-Schreibern, sondern wie überall auch: zwischen Arschlöchern und den anderen.

    [PS: Als ich dies ins Kommentarfeld schrub, war Andreas‘ Beitrag noch nicht zu sehen. Offenbar naheliegende Gedanken, die wir da hatten]

  17. 17
    Falk

    Idioten kaufen diesen Dreck. Und so kann man das allgemein darstellen:

    Idioten –lassen sich begeistern von–> Arschlöcher
    <– schlagen Profit aus–

    __________________________________________________

    Normale Menschen: Stehen daneben und regen sich drüber auf.

    ;)

  18. 18

    Aus den Biografien bekannter Fotografen las ich, dass viele als Fotojournalisten anfingen; damit verdienten sie ihr Geld. Je sensationslüsterner, desto mehr Geld. Das ist die Geschichte des Fotojournalismus, nicht die Geschichte einer Zeitung. Man muss tatsächlich den Fotojournalismus ernsthaft in Frage stellen! Seitdem den Leuten klar ist, dass Bilder genau so lügen können wie Worte, brauchen wir sie als Glaubwürdigkeitsverstärker nicht mehr. Er ist Gefühlsverstärker und das ist ein und sein Problem. Fotojournalisten erzeugen unnötige Emotionen. Das ist das, was verkauft wird: Emotionen. Säckeweise.

  19. 19

    Brot und Spiele. Im Zusammenhang mit dem jüngsten Amoklauf setzt sich allerdings auch ein Journalist kritisch mit dem Thema auseinander: http://blog.tagesschau.de/?p=6021

    Auf der anderen Seite: Eine Mitbewohnerin ist Journalistin. In ihren Augen sind Twitter und Blogs eher eine belächelnde und gefährliche Parallelwelt.

    Mir scheint allerdings, dass einige Blogs und Twitter-Nutzer nur das nachahmen, was sie aus den altvorderen Medien kennen: unsachlichen, unkritischen, unethischen Boulevard.

  20. 20
    ulrich

    Naja, dafür, dass es in dem Beitrag nicht um „Blogger gegen Journalisten“ gehen soll, wird aber in bester Demagogen-Manier verallgemeinert. Aber kenn ich ja vom Stammtisch: „Die Frauen…“, „Die Handwerkter..“, „Die Ausländer…“, „Die Schweden…“, „Die Blogger…“, „Die Ärzte…“, „Die Politiker…“
    Vielleicht hat der Verfasser des Beitrags vorher ja auch zu tief ins Glas geschaut ;)
    Hoffe zumindest, dass es das war, ansonsten bitte wieder auf gewohnt guten (Schreib-)Stil rückbesinnen.

  21. 21

    @ulrich: Wieso denn? Johnny schreibt doch deutlich genug, dass es eben am Ende doch wieder nur gegen die Arschlöcher der Welt geht und dass man dort meist allein auf weiter Flur ist. Sei es im Internet oder in der Zeitung.
    Wo wird denn verallgemeinert? Es ist doch Fakt, dass die Intelligenten immer in der Mehrheit sind, im Netz oder außerhalb.

  22. 22

    „Es geht nicht um „žBlogger gegen Journalisten“, nicht um „žOnline vs. Offline“, auch nicht in diesem kleinen Posting. Es geht immer wieder allein um Arschlöcher gegen den Rest der Welt.“

    Recht hast Du.

    Erinnert mich an das Missverständnis, das sich in den „Ich habe Ausländer lieb, weil sie Ausländer sind“-Stickern der 80er (90er?) Jahre ausdrückte, auf denen stand: „Alle Menschen sind Ausländer – irgendwo“, auf denen aber eigentlich hätte stehen müssen: „Alle Nazis sind Arschlöcher – überall“.

  23. 23

    Den Schrank in meinem alten Zimmer bei meiner Mutter ziert immer noch der alte Titanic-Sticker „Besatzungssoldaten sind Ausländer – überall“ ;-)

  24. 24

    Die Frage ist doch auch: Wer macht für diese Dreck Werbung?
    U.a. Sarah Connor und Marius Müller-Westernhagen.
    Da schau ich lieber den hier: http://www.youtube.com/watch?v=M0kmwrXprQM

  25. 25
    quasi

    ich denke jeder kennt dieses preisgekrönte foto mit dem kind nur in einer unterhose in einer kriegsregion mitten auf der strasse stehend, mit dieser mischung aus entsetzen, überraschtheit, ahnungslosigkeit und unfahigkeit des begreifens in seinem gesicht – das ganze in schwarz-weiß. da finde ich – genau da – ist die grenze. ich hätte gerne erfahren ob er oder sie nach dem schießen des bildes geholfen hat.

  26. 26

    Hat eigentlich schon jemand den Spruch auf der Mauer (auf dem Bild) übersetzt? Oder ist das jetzt nur eine Marginalie in dieser Diskussion?

  27. 27

    @Oliver: Die Ethik ist die Ästhetik des Inneren.
    (bzw. „im Inneren“).

  28. 28
    fox gzgzsr

    @Phil: Kann man die jetzt abonnieren? Gibts da Prämien? Kannst Du deinen Bekannten fragen ob er jemanden werben könnte? Und gewähren die Studentenrabatt?

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