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Der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten


Heute morgen beim Gang zum Bäcker die Bild-Titelzeile „žYes we gähn“ gesehen, Thema Kanzlerduell. In der Wortspielhölle nachts um halb zwei. Der Wahlkampf soll ja insgesamt sehr dröge sein, liest man, uninspiriert und ohne Verve.

Hat“™s das schon mal gegeben, einen inspirierten, mitreißenden Wahlkampf? Vielleicht bin ich zu jung, aber ich kann mich an keinen erinnern. Wahlkämpfe waren schon immer dämlich wie Bohlen.

Gut, gestern Abend die beiden Anwärter auf dem Podium stehen zu sehen hatte was von Hänsel und Gretel vor den vier bösen Wölfen. Dass sie sich nicht an den Händen gefasst und Regenbogenlieder gesungen haben ist verwunderlichm, schließlich waren doch die letzten Jahre harmonisch wie kaum mehr eine Ehe in Deutschland.

Was braucht es für einen spannenden Wahlkampf? Drei Möglichkeiten.

Zum Beispiel ein starkes Thema. Oder vielmehr: einen Dissens zu einem starken Thema. Das ist nicht zu machen, denn dann müsste eine der beiden Parteien sagen: Was wir die letzten Jahre veranstaltet haben, war Schmierwurst und sollte das Klo runtergespült werden. Außerdem kriegt die SPD thematisch keinen Fuß in die Tür: Mindestlohn vertritt die Linke viel glaubwürdiger, Atomausstieg ist das Ass der Grünen, in den zentralen außenpolitischen Fragen (Vertrag von Lissabon, Afghanistan) ist man sich einig mit der CDU. Die SPD ist im Grunde eine „žCDU plus Mindestlohn minus Schäuble“ (Stefan Gärtner), und ihr stärkstes Argument heißt: Ohne uns wär’s noch viel schlimmer. Schwarz-Gelb, und Deutschland wird ein Bienenstaat, mit Merkel als Königin.

Alternativ ginge natürlich auch ein starker Charakter. Gerhard Schröder hat mal versucht, als Stand-Up-Politician Wahlkampf zu machen. Das war zwar unterhaltsam, aber nicht erfolgreich. Deutschland ist keine der Demokratien, in der Politiker durch Volksnähe und Verständlichkeit nach oben kommen. Merkel ist durch ihre Intrigantenfähigkeit da angelangt, wo sie gerade ist, und Steinmeier (den ich mir anfangs als eine Art Stoiber mit Kantenhaar gedacht hatte, mein Fehler) ist von Müntefering nach oben gewiegt worden. Wäre Deutschland ein Dorf, man müsste Steinmeier als Postbeamten und Merkel als Inhaberin des örtlichen Tante Emma-Ladens besetzen.

Drittens fehlt die ideologische Spannung, die Vision. Da es keinen Dissens in den Themen gibt, müsste wenigstens eine der Parteien mal irgendwas anders machen wollen, eventuell grundlegend. Ein paar Atomkraftwerke abschalten hin oder her ist noch kein großer Zukunftsentwurf, und statt Weitblick hat Steinmeier „Augenmaß“ gewählt: was immer ein bisschen nach ‚Fensterkreuz mal Daumen‘ klingt.

Weil das so ist, bleibt es während des Wahlkampfs dabei, sich gegenseitig Statistiken unter die Nase zu halten und dabei so seriös wie nur irgend möglich auszusehen. Und als SPD darauf hoffen, dass möglichst viele Schwarz-Gelb verhindern wollen. Davon wird der Wahlkampf auch nicht besser, aber wozu auch? Bloß weil in verschiedenen Redaktionen so und so viel Platz für Wahlkampfgedöns verplant worden ist, der jetzt nicht sinnvoll vollgeschrieben werden kann, bloß deswegen haben wir diese Art von Klageschriften über einen uninteressanten und uninspirierten (sagen wir’s ruhig nochmal) Wahlkampf.

Inklusive der Idioten, die darüber schreiben, dass andere schreiben, der Wahlkampf sei uninspiriert und dröge.

19 Kommentare

  1. 01

    lustig. Der langweiligste Wahlkampf trifft auf die interessanteste Bundestagswahl seit dem Einzug der Grünen in den Bundestag. Zumindest aus Sicht idealistischer Piraten. Aber an Idealismus mangelt es ja in dieser Wahl keinem. Die CDU idealisiert Atomkraft, die SPD sehen sich als Kanzler, die Grünen sehen sich als das Drehmoment im Koalitionswahlkampf und die FDP hält sich für sozial. Und das soll langweilig sein? Okay ich gebe zu – es ist eher traurig. Aber warum denn so ernst?

  2. 02
    Andi

    „Wäre Deutschland ein Dorf, man müsste Steinmeier als Postbeamten und Merkel als Inhaberin des örtlichen Tante Emma-Ladens besetzen.“

    Westerwelle gehörte die VW-Niederlassung, Gysi die Tankstelle mit Schauberschuppen und Künast der Bauernhof. Stiegler wäre der Bürgermeister, Seehofer der Pfarrer, Ströbele der Lehrer, Lafontaine der Wirt und Steinbrück der Polizist.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @Andi: You name it. Rezzo Schlauch versucht sich mit einer Weinhandlung, Cem Özdemir ist der Friseur, der nach einer Auszeit in Thailand zurückgekommen ist, Pofalla ist das Serviermädchen bei Lafontaine.

  4. 04
    Frédéric Valin

    Claudia Roth… Grundschullehrerin vllt.

  5. 05

    Das Blöde an der Sache ist, dass der nächste Wahlkampf sicher nicht spannender wird und man sich also wohl kaum darauf verlassen kann, dass dies der langweiligste Wahlkampf „aller Zeiten“ bleibt.

    Wo bleiben die Propagandisten, wenn man sie braucht?

  6. 06

    @Frédéric Valin: Schäuble der pensionierte Nachbar aus der Schrebergartensiedlung, Chef des örtlichen Kaninchenzüchtervereins.

  7. 07
    Frédéric Valin

    @Dominik: So einen hatten wir auch im Dorf, der hat mit dem Feldstecher immer den jungen Mädchen hinterhergeschaut.

  8. 08
    Ullrik

    der artikel gefällt mir! die kommentare aber noch sehr viel mehr :-)

  9. 09
    Lars

    Ich vermute, viele haben nach dem furiosen Wahlkampf in den USA irgendwie zumindest ein Teil-„Rüberschwappen“ erwartet.
    Es wurden ja auch entsprechende Ankündigungen gemacht, Versuche durchgeführt (Town-Hall, anyone?), Webseiten aufgesetzt und Twitter-Accounts erstellt; nachdem es dort aber zu keinem echten Funken kam, war die Enttäuschung nach den hohen Erwartungen groß, die empfundene Langeweile daher noch intensiver.

  10. 10
    pmn

    Genauso schlimm wie die Unfähigkeit der beiden Koalitionspartner, interessante Themen für die Massenmedien zu generieren, finde ich die Unfähigkeit dieser Medien, sich interessante Themen zu suchen. Oder hat jemand von Euch noch Lust, jeden Tag was über Opel zu hören, aber eine ausführliche Berichterstattung und Information der Bürger über Gesundheitspolitik und Zukunft des Finanzmarktes bleibt fast gänzlich aus. Das liegt natürlich auch an den Formaten (Berichtet wird nur über das, was andere sagen, und länger als 90 Minuten sollte es auch nicht dauern) und die Wahl der Formate hängt wiederum sowohl vom Sender/der Zeitung, als auch vom Publikumsverhalten ab.

    Na ja, und so viele Expertenblogs zur Finanzmarktregulation gibt es auch nicht, oder täusche ich mich da?

  11. 11

    Amen. Wir brauchen ein Gouvernator und der heißt dieses Mal: Johnny Häusler…. *Rogenbogen mal* – it makes the world better :D

  12. 12

    Das schönste am Ende war trotzdem von Steini der Vergleich Tigerentenclub und CDU-FDP. ;)

    ENTE, ENTE, ENTE, ENTE, ENTE, ENTE, ENTE, ENTE, ENTE…

  13. 13
    Frédéric Valin

    @pmn: Über Wirtschaft zu schreiben ist aber auch höllisch schwer. Ich lese jetzt seit einem halben Jahr unter Bauchkrämpfen den Wirtschaftsteil, und ich kann immer noch nicht erklären, was beispielsweise der Unterschied zwischen einer GmbH und einer AG ist. Also, ganz grob schon: aber im Detail, ne.

    Gesundheitspolitik ist immer mal wieder ein Thema, aber da ist der Konsens eben überraschend hoch bei SPD/CDU. Grüne und FDP finden das alles zu bürokratisch. Außer dass die FDP Steuerfreiheit für Zahnärzte haben will, is da ja kaum ein Unterschied zwischen den beiden.

    Und das Thema wär was für eine starke Opposition.

  14. 14
    martin

    den wahlkampf scheint wie das wetter zu sein: man kann es den leuten einfach nicht recht machen…
    ich finde es dieses jahr herrlich! endlich hat man mal seine ruhe und wird nicht ständig vom wahlkampfgeschrei und schilderwald belästigt.
    von mir aus kann es immer so sein.

  15. 15
    Blixten

    Ich hab nie verstanden, warum Wahlkæmpfe spannend sein sollten? Ist das fuer euch nur noch Unterhaltung?

    Klar, ein Showdown, Berlusconi vs. Haider vs. Chavez etc. mag spannender sein – besser aber nicht.

  16. 16
    Frédéric Valin

    @Blixten: Na, für die Medien isses besser, wenn er spannend ist: dann muss man sich nicht so lange mit inhaltlichem Gedöns aufhalten, sondern kann gleich den Boulevard ausfahren.

    Je Sarkozy, desto Bruni.

  17. 17
    Nancy007

    Die Sensationsgeilheit mancher ist schwer zu übertreffen. Es ist Wahlkampf. Spannend ist, wer Kanzler oder Kanzlerin wird. Nutzt die Zeit um euch zu informieren und geht bitte alle wählen. Sonst passiert gar nichts! http://loom.tv/channel.php?c=19242

  18. 18
    Matthias Sch.

    @Frédéric Valin: das kann ich dir gerne erklären, sogar im Detail ;-)

    Wobei es ehrlich gesagt WIRKLICH wichtigere Dinge gibt, die man beim Thema Wirtschaft verstehen sollte. Zum Beispiel dass Aktionäre nicht bloß Schmarotzer sind und Banken trotz aller Fehler nicht verboten werden sollten. Oder so.

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