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Jochen Distelmeyer: Heavy

Was habe ich mich mit Menschen über Blumfeld gestritten! Zwar hatte auch ich nach dem 1992er Blumfeld-Debüt „Ich-Maschine“ keinen Zweifel an der Wichtigkeit der Arbeit von Jochen Distelmeyer und seinen Mitstreitern, an der Notwendigkeit von intelligentem Pop in Deutschland. Die später folgende Strategie jedoch, Inhalte unabhängiger Herkunft in Mainstreamverpackung an Mann und Frau bringen zu wollen, konnte ich zwar nachvollziehen, aber nicht mehr ertragen, denn am Ende blieb einfach nur der Schlager: Zu angeblichen Wichtigkeiten hochinterpretierte Belanglosigkeiten, eingehüllt in musikalischen Klebstoff. Man kann sagen, dass Blumfeld mich zuletzt nicht einmal mehr verwirrt, sondern nur noch gelangweilt haben, was ich ihnen insgeheim ein bisschen vorwarf.

Grund genug, sich Jochen Distelmeyers erstes Solo-Werk „Heavy“ anzuhören.

Das Beste: Ich kann nach „Heavy“ etwas klarer formulieren, was mir das uneingeschränkte Jochen-Distelmeyer-toll-finden immer noch so schwer macht. Ich glaube, es ist die so überdeutliche Distanz der Stimme zur Musik. Wenn Jochen Distelemeyer singt, dann spielt im Hintergrund eine Band. Da ist keine in Klänge eingebettete Stimme, kein Miteinander, keine Chemie. Sondern ein Texter, der Begleitung brauchte.

Interessanterweise beginnt „Heavy“ dann auch mit einem A-cappella-Stück. „Regen“ ist hübsch, beweist aber eine andere meiner Vermutungen: Distelmeyer findet, dass er sehr gut singen kann. Ich sage damit nicht, dass er nicht gut singen kann, ich wünschte nur, das wäre ihm nicht so wichtig. Mir wäre es lieber, er würde mich mehr überzeugen, statt immer den richtigen Ton zu treffen.

Und trotz dieser ganzen Zweifel finde ich auf Heavy einige spannende Songs. „Wohin mit dem Hass“ glänzt nicht nur durch den Titel, sondern auch durch die Bowie-eske Komposition und wächst mit mehrfachem Hören, wie es sich für einen guten Song gehört. Doch auch hier: Distelmeyer will laut sein, klingt aber wie jemand, der bei den Gesangsaufnahmen im Heimstudio Rücksicht auf die Nachbarn nehmen musste. Ich erwarte kein Metal-Shouting, das wäre lächerlich, aber würde dieser Song auch nur einmal das Gefühl vermitteln, dass hier eine Band spielt, in welcher der Sänger gegen die Gitarren ankämpfen muss, könnte er weitere Größe entwickeln.

Zu „Er“ kann ich mir noch keine Meinung bilden, die Single „Lass uns Liebe sein“ fällt trotz des sympathischen Videos in die oben beschriebene Kategorie der gar nicht mal so tollen Schlagernähe. Doch just, nachdem ich mich bei „Bleiben oder gehen“ und dessen beinahe unerträglichen Seichtigkeit frage, ob sich das Weiterhören lohnt, überzeugen mich „Hinter der Musik“ und „Hiob“, zwei tolle Songs, die in wenigen Minuten erklären, warum man Jochen Distelmeyer einfach nicht ignorieren darf.

„Nur mit dir“ und „Jenfeld Mädchen“ sind dann wieder die Songs, über die ich mich streiten werde mit jungen Menschen, die mir die Tiefe dessen erklären wollen, was mit anderen Absendern seit Jahren am Samstagabend in der ARD läuft. Ich weiß: Kunst muss im Kontext betrachtet werden — Kunst ohne Kenntnis des Künstlers kann wertlos sein, das vielleicht Schlimmste, das Kunst passieren kann. Und wertlos ist das, was Jochen Distelmeyer auf „Heavy“ treibt, garantiert nicht. Doch Musik ist Musik ist Musik und manche Songs auf „Heavy“ sind mir, losgelöst von diesem so wichtigen Kontext, einfach zu dicht an einer Geschmacksgrenze, die ich nicht überschreiten mag.

Und dann kommt als Abschluss des Albums „Murmel“. Ein Lied, dass eigentlich viel mehr als alle vorher genannten Beispiele meine Schlager-Thesen belegen müsste, ein Text, der WTFiger nicht sein könnte, ein Stück, das derart luschig vor sich hin schlürft, dass man froh sein muss, dass es überhaupt vorwärts kommt. Und das mich beim dritten Hören zu Tränen rührt.

„Murmel“ ist eine Liebeserklärung an das unaufgeregte Leben, das Leben mit Familie, Kindern, Freunden, eine Liebeserklärung an die Banalitäten dieses Lebens. Und darüber muss man erstmal ein Stück Musik schreiben können, ohne sich selbst und andere zu belügen, wie es eben der echte Schlager tut. „Murmel“ passt deshalb nicht ins Schlagerprogramm, weil das Lied voller nur vermeindlicher Klischees steckt, welche aber die Reflexe eines Schlagerpublikums nicht genügend triggern könnten. Ein solcher Song braucht mehr Mut als jedes noch so aggressive Anprangern von Ungerechtigkeiten des Systems und wagt sich auf solch schwierigeres Terrain, dass man allein vor dem Versuch höchsten Respekt haben muss.

Und so bleibt mit Distelmeyer und mir nur fast alles, wie es war. Nach wie vor bin ich nicht bereit, jeden Weg mit ihm zu gehen, nach wie vor habe ich trotzdem großen Respekt vor seiner Arbeit. Neu ist: Er langweilt mich nicht mehr. Und das ist doch was.

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32 Kommentare

  1. 01

    Für mich muß es Metal sein. Das Leben ist schon Heavy genug … So richtig mit VERSTÄRKER!

    HD

  2. 02

    Schön vielschichtige Kritik. Habe die meisten Lieder bisher nur live gesehen, freue mich schon auf das Album. Der Lars aus der Murmel ;-)

  3. 03

    ich hab ja weiterhin angst vor der komischen beliebigkeit, werde der platte aber auch mal eine chance geben. der spex-artikel hat ja auch schon mut gemacht (die ist beim distelmeyer aber befangen). und dann noch die zitronen. die sollen ja noch besser geworden sein.

  4. 04

    er macht es mit nicht leicht. und zwar auf tausend arten. ich liebe das.

  5. 05

    das ist wohl die platte, die ich in diesem jahr am sehnsüchtigsten erwarte. und gerade distelmeyer schafft es bei mir immer eine tiefe ahnen zu lassen, die ich bei den vielen anderen bands, deren hörer immer von ihrer tiefe sprechen (tomte, kettcar, younameit), nie entdecken kann.

    wobei: die größte tiefe hatten für mich immernoch die lassie singers. das wird wohl nie mehr erreicht…:)

  6. 06

    Ein paar Blumfeld Lieder haben bei mir in iTunes die (bei mir „magische“ Grenze um beim Syncronisiert bedachte zu werden) 3 Sterne erreicht. Höre ich sie aber dann via iPod/Phone, wird irgendwie doch oft „geskippt“ – weil ich mich nie richtig an seine Stimme gewöhnen mochte.
    Bs vor kurzem hab ich nicht genauer beschreiben können warum, aber seit ein paar Wochen geht es.
    Unterwegs auf der Autobahn hörte ich eine Playlist mit deutschen Titeln und als das erste Blumfeld Lied dran war hab ich mich gefragt, ob es auch 3 Sterne bekommen hätte, wenn man es in der ZDF Hitparade gespielt hätte – von der fehlenden zeitlich Überlappung von iPod und ZDF Hitparade mal ganz abgesehen.
    Dann bin ich zum nächsten Titel gesprungen.
    Es ist genau dieses „Schlagereske“, das auch für mich ein absolutes NoGo ist. Richtig deutlich wurde das gerade, als ich das Video angeklickt habe – das erste Distelmeyer (blumfeld) Video, das ich sah.
    Und jetzt macht diese Dimension der ungeliebten Schalgernähe noch mehr Sinn. Denn jetzt weiß ich: er sing nicht nur so, er sieht auch noch so aus. Er ist so Jürgen Marcus, Bernd Clüver, Roland Kaiser und Chris Roberts-mässig – mit fieser Schlinge im Mikrofonkabel – dass ich ihn wohl nie wieder hören kann.
    Schade um „1000Tränen tief“, das hab ich echt selten übersprungen.

  7. 07

    Morgen erscheint die neue Element of Crime! Und hier gehts um Disteljochen! DIe Band die gleichzeitig Spreeblickkompatibles „Berliner Urgestein“(tm) ist und vom Grand Hotel van Cleef vertrieben wird; wird hier komplett vergessen!
    Nochmal ein empörtes Ausrufezeichen, dass bezeichnend sein soll für die ausgerufene Empörung meinerseits: !
    grummel.

  8. 08

    „ich-maschine“ und „l´etat et moi“… das waren die beiden alben, für die ich blumfeld damals liebte. danach wurde es schlager, da haste recht johnny.

    die neue werde ich auch mal durchzappen. ein paar tränen hab ich mir beim vorhören von „murmel“ auch schon verdrücken müssen. aus den gleichen gründen…

  9. 09
    James Tea Kirk

    Wieso sind Blumfeld nach ihren beiden ersten Alben eigentlich so abgerutscht? Weiß das jemand? Es kann doch niemand freiwillig wie die Münchner Freiheit klingen wollen.
    **
    Über das aktuelle Werk lässt sich auch nicht viel Gutes sagen. „Ich war zu lang allein und hab darüber nachgedacht.“ Na, sensationell. Wenigstens ist das Video witzig ..
    *

  10. 10

    Ui, das war schön zu lesen.

  11. 11

    Im Prinzip geht es mir mit Distelmeyer und Blumfeld so wie Johnny – das war immer zu wenig Hamburger Schule und zuviel Lehrer..

    Und was der Wigger von SPON an der letzten Blumfeld-Platte so großartig fand, wird mir ein immer währendes Rätsel bleiben..

  12. 12

    Weil Ihr alle einfach keine Ahnung habt!
    Ach, das musste jetzt einfach mal raus! :-)

    Nee im Ernst. Blumfeld 1992 live, da dachte ich nur „Ähh… Fehlfarben. Echt jetzt?“. Aber die Old Nobody ist immer noch die wirkliche Offenbarung bei Blumfeld. Tolle Platte, tolle Texte. Über das danach kann man streiten, sicherlich. Aber wird das ewige „Die ersten beiden Platten waren genial, danach nur noch Schlager, weil Münchener Freiheit und gar nicht so cool“ nicht langsam langweilig? Zeigt ja eigentlich nur, dass im Post-Punk-Wave-Alles-Schon-Dagewesen-Post-Post-Modernismus das Saxophon irgendwie doch die neue laute Gitarre ist. Oder so.

    PS: Da fällt mir noch was ein. Ein Typ einer namhaft bekannten Band hält Jochen D. Backstage an und fragt „Mensch Jochen, was soll denn dieser ‚Apfelmann‘ da bitte?“ Und Jochen D. darauf: „“Ja, geil oder?“ Und geht lächelnd von dannen. Ha.

  13. 13

    Weil Ihr alle einfach keine Ahnung habt!
    Ach, das musste jetzt einfach mal raus! :-)

    Nee im Ernst. Blumfeld 1992 live, da dachte ich nur „Ähh… Fehlfarben. Echt jetzt?“. Aber die Old Nobody ist immer noch die wirkliche Offenbarung bei Blumfeld. Tolle Platte, tolle Texte. Über das anach kann man streiten, sicherlich. Aber wird das ewige „Die ersten beiden Platten waren genial, danach nur noch Schlager, weil Münchener Freiheit und gar nicht Underground“ nicht langsam langweilig?

    PS: Da fällt mir noch was ein. Ein Typ einer namhaft bekannten Band hält Jochen D. Backstage an und fragt „Mensch Jochen, was soll denn dieser ‚Apfelmann‘ bitte?“ Und Jochen D. darauf: „“Ja, geil oder?“ Und geht lächelnd von dannen. Ha.

  14. 14
    karmacoma

    Ich fand schon die ersten Platten, die als so wegweisend angesehen werden, einfach nur langweilig und so fürchterlich aufgesetzt. Da klingt nie irgendwas ehrlich oder spontan. Alles ist so fein säuberlich produziert. Und dieser neue Hass-Song von Solo-Distelmeyer ist noch übler, weil er sich so anbiedert und keine Sekunde irgendwie überzeugend wirkt. Jochen Distelmeyer und Straßenkämpfe. Das hat nun wirklich noch gefehlt.

  15. 15
    ralf

    Ihr seid einfach zu wenig Liebe :)

  16. 16
    binko

    Also, mir gehts auch so, ich kann die ersten beiden Alben auswendig, und danach war es mir egal.

    Bienenjäger dagegen find ich großartig, irgendwie ist es das was Jochen jetzt macht, aber irgendwie funktioniert es nicht. Das, was bei den ersten beiden Alben so großartig kalkuliert und konstruiert war, geh nicht zusammen mit dem unmittelbarem Weltschmerz, den er jetzt versucht. Waren eigentlich völlige Schlagertexte früher, aber eben in super.

    Goße Städte, flaches Land ……

  17. 17

    @christoph kratistos: Na toll … wollte eigentlich ins Bett und jetzt sitz ich hier und hör Element of Crime :/

  18. 18
    tim

    Sicher mag Distelmeyer für mache schlageresque klingen, aber manchmal treffen die Texte sowas von ins Schwarze, dass man eben weinen muss wie Johnny bei „Murmel“. Und das ist das großartige an Distelmeyer (und Blumfeld).

    Und dass Distelmeyer bei „Wohin mit dem Hass“ nicht shoutet ist doch wohl klar. Das ist für mich grade die spannende Diskrepanz, in der ich mich selber auch wiedererkennen kann: Man ist schon länger Ü-30/40 und ist trotzdem genervt von vielem, aber gleichzeitig schon zu alt und abgeklärt (oder familienväterlich und bausparvertragt), um wie die jungen Leute im Video zur Sache zu gehen.
    Das gleiche beim Albumcover: Der Titel „Heavy“ in Kombination mit rosa Bubblegum – ich find’s großartig.

  19. 19
    Wolf

    Ist der schlechte Stil und Ausdruck dieses Textes eigentlich Bestandteil der Kritik oder nur ein Mangel an Bildung?

  20. 20

    was blumfeld betrifft, fällt mir immer wieder ein, wie du, johnny, vor so schätzungsweise 10 jahren noch beim soundgarden in einer ‚retro‘-themensendung „kommst du mit in den alltag“ gespielt hast mit eben einem kommentar in der art von „so viel dann zum thema schlager.“
    sehr schön.

  21. 21
    Jan(TM)

    „Wichtigkeit der Arbeit“, „Notwendigkeit von intelligentem Pop in Deutschland“
    Bin ich froh, diese Nichtigkeiten überwunden zu haben. Das einzig Wichtige und Notwendige ist das die Musik mir und dem Künstler etwas bringt. Es ist pure Freiheit die Musik zu hören die mir gerade gefällt, ohne Gedanken daran ob das jetzt wichtig ist oder ich die richtige Frisur oder den passenden Anzug trage. Und wenn man dann mal eine Umfrage macht, welche Platte im Leben der meisten Menschen wirklich wichtig war – kommt das sicher irgendwas wie „Kuchelrock“(grusel).

  22. 22
  23. 23
    PeterStein

    dann musst du wissen, was du willst:

    für dein leben
    deine liebe
    für dich selbst

    schlageresk? ihr seid ja verrückt!

  24. 24

    Es ist irgendwie bezeichnend dass Distelmayer bei dem Video dass du dazugepostet hast vor dem Spiegel steht und Bewegungen mit dem Unterleib macht.

    Ziemlich ehrlich, eigentlich.

  25. 25

    Interessante Kritik, weil mal eher persönlich und nicht so aufgesetzt intellektuell wie leider viele (ich hab den Artikel in der Spex auch mit Interesse gelesen, vom Inhalt gefällt mir die Zeitung auch meistens, aber die Ausdrucksweise, börk, kommt einfach immer wieder total forciert „hyperdistingué“ rüber. Schade eigentlich…). Mir ging beim Lesen einiges durch den Kopf, vieles habe ich lange ähnlich gesehen.

    Ich kannte von Blumfeld jahrelang nur die Lieder ‚Penismonolog‘, ‚Testament der Angst‘ und ‚Diktatur der Angepassten‘ (welche gefielen) sowie ‚Graue Wolken‘ und ‚Tausend Tränen tief‘, die mir auch zu seicht waren. Ich konnte damit nix anfangen, und die einzigen Blumfeld Fans, die ich damals kannte, erfüllten das typische Klischee vom selbsternannten Kenner der gescheiten guten Musik, die fortwährend auf gehobenstem Niveau über die sozialen Umstände fachsimpeln ohne dabei auch nur drei zusammenhängende Sätze mit der Frau und dem Mann aus der Würstchenbude an der Ecke wechseln zu können. Vor vier Jahren hab ich mir dann doch ein Herz gefasst und mir Ich-Maschine zugelegt.

    Das Album kam zu einer Zeit als alles um mich kaputt und sinnlos schien; und da war wer, der genau das sang, was ich fühlte. Über das was in mir nicht klappte, über das was ich wollte, über das was ich noch nicht ganz vergessen hatte. Ich hörte mich Album für Album chronologisch durch die Diskografie. Ausser ‚Jenseits von Jedem‘, auf dem mir einige der traurigen Lieder doch etwas zu pathetisch (oder, so frage ich mich manchmal, doch nur einfach zu nackt und zu offen gerade heraus?) sind, war jedes Album, jedes Lied eine kleine Offenbarung. Und jedes Album passte komischerweise in die Zeit, zu der ich es entdeckte. Ich irrte noch eine Weile umher, kam in der Talsohle an und bin seit letztem Jahr wieder auf meinem Weg bergaufwärts. ‚Verbotene Früchte‘ war für mich genau so wichtig wie die anderen Alben. Ich habe vor ein paar Monate eine Kritik dazu gelesen, die in die Themen auf dem Album jede Menge Theorien hineininterpretierte. Mag ja sein, dass Jochen das alles gedacht hat. Aber auch, wenn man die Lieder nur das sagen lässt, was sie konkret aussagen – Schnee, April, Apfelmann, usw – steckt da so viel drin.

    Vielleicht nicht für jeden. Für mich drückte er damit genau die Rückbesinnung auf die kleinen schönen Dinge im Leben aus, die ich damals auch durchlief – und die mich schlussendlich das Leben hat wiederfinden und geniessen lassen. Bitte nicht falsch verstehen – ich mach niemandem einen Vorwurf, wenn er das als Schlager empfindet und keinen tollen Sinn darin sieht. Das ist das Schöne an Musik. Aber naja, für mich hat diese Seite von Blumfeld eben ihren Sinn erhalten in meinem Leben. Und ich bin dankbar dafür, dass es diese Band gab.

    Auch das, was ich zu Beginn meines Kommentars geschrieben habe, nicht falsch verstehen. Ich hab nichts gegen anspruchsvolle, intelligente, meinetwegen auch intellektuelle Texte/Artikel/whatever. Das ist gut und gefällt mir auch besser als Bild und Bravo Artikel. Was ich meine ist, es sollte nicht wie ein purer Selbstzweck rüberkommen. Klar will man sich nicht verbiegen, aber wo eine Message ist, sollte sie auch ankommen wollen. Sonst kann man sie gleich zu Hause im Regal verstauben lassen?

    Klammer zu :) Zurück zu Distelmeyer. Ich habe die ganze Platte noch nicht gehört, als der Postbote heute morgen klingelte stand ich in der Dusche und muss jetzt bis morgen warten. Grmbl. Aber ich finde ‚Lass uns Liebe sein‘ super. Ich habe es die letzten Tage immer wieder rauf und runter gehört, mit jedem Mal machte jede einzelne Zeile darin mehr Sinn für mich. Es ist genau das, was ich fühle, genau das was ich lange vergessen hatte und endlich wieder habe. Das Lied kommt genau zur rechten Zeit. Ich fange jetzt ein Studium an, mache endlich das, wovon ich immer geträumt habe. Meinen Job habe ich nach Jahren hinter mir gelassen. Die Welt schmeckt mir immer noch nicht, vieles regt mich auf, nachwievor. Und auch das findet man ja auf der Platte wieder. Toll finde ich aber, dass das Einfache am Leben darüber nicht mehr in Vergessenheit gerät. Dafür ist es zu kurz. Klar kann das auch ein Schlagersänger singen, und manchmal schreibt sicher auch ein Schlagersänger einen Text, der einfach stimmt (ich weiss es ehrlich gesagt nicht). Da fällt mir eben ‚Mein Freund der Baum‘ ein LOL

    Das ist doch egal, oder, im Grunde? Hauptsache, die Aussage macht Sinn und gibt einem etwas. Vielleicht sollte man sich auch glücklich schätzen, wenn man zum das-Leben-fühlen nicht unbedingt eine Beschreibung vom Schneegestöber hören muss. Klar, dass es dann vielleicht sogar enttäuscht oder belanglos erscheint. Jedem sein Ding, ich kann das wie gesagt auch nachvollziehen. Dachte aber, vielleicht kann ich wenigstens ein bisschen ausdrücken, wieso auch diese Seite von Jochen Distelmeyer offensichtlich viele Menschen mitreisst. Ich hab keine Ahnung, was in seinem persönlichen Leben vorgegangen ist, aber ich finde über die einzelnen Platten kann man richtig nachempfinden, wie er sich langsam aber stetig zu diesem grossen Ja aus ‚Lass uns Liebe sein‘ bewegt hat, ohne das andere darüber zu vergessen. Ich kenne viele melancholische Bands, viele happy happy Bands, viele wilde und kaputte Crust und Noise Bands. Oft bewegt sich alles innerhalb eines mehr oder weniger abgesteckten Stimmungsfeldes. Bei Jochen finde ich das Bittere/Negative und das Offene/Schöne in ihren Extremen, mit allem dazwischen. Und das finde ich persönlich halt das Besondere an ihm.

  26. 26

    @binko: binko, hast du die bienenjäger sachen zufällig als mp3? ich würde die so gerne mal hören. falls du das hier liest, wär toll wenn du dich melden würdest :) danke

  27. 27
    Novocaine

    „Ich leb dafür und leb davon, am Ende ist es nur ein Song und ich flieg davon – mit Dir“.

    schlageresk? ihr seid ja verrückt!

  28. 28
    marcel

    ist der beste beitrag, an den ich DAS anfügen kann.

    der gute jochen distelmeyer legt dir den guten iggy pop ans herz:

    sein klassiker:

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/10/27/dlf_20091027_1552_8a767345.mp3

    ;¬)

    er rockt halt schon noch…

  29. 29

    Wer Blumfeld nach oder schon während der Einnahme der „Verbotenen Früchte“ (was glaubt ihr eigentlich, warum die Platte so heißt?) endgültig den Rücken kehrte, hat das wenigste verstanden — aber er tat genu das, was für Jochen längst beschlossene Sache zu sein schien: die Spreu vom Weizen zu trennen, um nur noch all jene um sich zu scharen, die ihm wirklich zuhören…

    Eric Pfeil schrieb 2006 in einem Artikel im faz.net (googlen lohnt) treffend: „Ganze polemische Infektionsherde entzündeten sich an dem Album, und man weiß nicht recht, wie lustig, interessant oder traurig man all das Gezetere und Geschimpfe über die vermeintliche „žNaturlyrik“ finden soll.“

    Es lohnt sich durchaus, in diesem Zusammenhang nochmal in Ruhe über die letzte Strophe aus „Wohin mit dem Hass?“ nachzudenken… Wenn ihr mich fragt: Da hat einer einfach die Schnauze voll, möchte musiziern und texten, was er will und was er lebt, weil er zu sich gefunden hat und dazu steht. Authentisch und ehrlich. Ich wüßte nicht, was es daran zu kritisieren gäbe. Den Kaugummi, der sich auf dem Cover so „heavy“ aufgebläht und auf der Rückseite schnöde zerplatzt, haben all jene aufgeblasen, die sich über Jochen und sein Werk zuletzt das Maul verrissen. Nun spielt er mit eurer Schadenfreude: „Also gebt mir euren Hass und seht mir zu, wie ich ihn für euch verwandle“…

    Sicher, Ehrlichkeit kann zuweilen ebenso wehtun, wie das nüchterne Eingeständnis, älter geworden und am Ziel angekommen zu sein, und sei es auch noch so bieder im Vergleich zu dem, was man 17 Jahre zuvor noch proklamierte. Die Ideale muss man dafür noch lange nicht aufgeben.

    Und mal Hand aufs Herz: hat nicht jeder einst so harte Protestrocker schonmal genau das gefühlt, wovon „Nur mit Dir“ weich und unverblümt erzählt? Eben. Und Jochen tut genau das, was die wenigsten von uns in einer solchen Phase tun: Er spricht darüber.

    Mit anderen Worten: Schluckt die Pille und nutzt die Chance zur Selbstreflektion oder zappt einfach weiter. Jochen wird euch nicht böse sein.

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