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Das Guardian Live-Blogging von der UN-Vollversammlung


Es soll Gegenden an Englands felsiger Südwestküste geben, deren Zipfel karg und schlicht Land’s End genannt wird, in denen sie gar nicht so traurig sind, dass der Premier mal nicht schnell auf einen Blitzbesuch zur Dorfschuleröffnung vorbei kommen kann, dass Länderspiele der Three Lions im Tele über Antenne praktisch gar nicht und über Satellit nur krisselig empfangen werden können, solange nur die Leitung an den Regent’s Canal in der Hauptstadt steht. Denn dort befindet sich der Hauptsitz des Guardian und in dem gläsernen Trutzbau wird jeden Tag auf’s Neue bewiesen, dass Qualitätsjournalismus vom Internet keine Pickel bekommt.

Mehr noch, die Guardian-Redakteure umarmen hemmungslos bürgerjournalistische Medientechniken und treiben sie zu unerwarteten Höhen. Das Live-Blogging, in der Blogosphäre aus dem Mangel heraus entstanden, keine Videobilder zu Großereignissen anbieten zu können, erreicht in der Hand der englischen Journalisten eine unerhörte Qualität. Anfangs waren es die Länderspiele der englischen Fussballnationalmannschaft, zu denen sich immer mehr Leser Abends vor dem Rechner versammelten und mit freudiger Erwartung auf die nächste trockene Punchline (bis zur Erfindung des Autoreloads) stoisch in ihre F5-Taste hackten. Inzwischen hat der Guardian seine textbasierte Live-Berichterstattung auch auf andere  Ereignisse ausgeweitet. Höhepunkt einer langen Reihe journalistischer Glanzleistungen war die 12-stündige Sitzung der UN-Vollversammlung in New York am Mittwoch und Donnerstag, inklusive der ersten Rede des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi vor dem Plenum.

Daniel Nasaw und Matthew Weaver notierten die Ereignisse tapfer und auch wenn der Ton sachlicher als vielleicht ein Deutschland-England-WM-Halbfinale war, präsentierten sie Live-Blogging in seiner ganzen aufklärerischen Kraft. So erfährt man zum Beispiel dass der UN-Generalsekretär (oder sein Büro) twittert und was für ein riesiges diplomatisches Durcheinander herrschen muss, wenn Vertreter der 192 UN-Mitgliedsstaaten zusammen kommen. Es liest sich wie das Protokoll eines Schulausflugs: Das Weiße Haus läßt vorab verlauten dass die USA nicht alle Probleme der Welt lösen können [sic!], die Deutschen kommen nicht, wenn Ahmadinejad wieder den Holocaust leugnet, der Präsident von Honduras kann seine Rede am Nachmittag nicht halten, weil er sich in der braslilianischen Botschaft verschanzt hat, Gaddafi is sauer, weil er sein Beduinen-Zelt nicht aufschlagen darf und die Angehörigen der Lockerby-Opfer planen eine Demo, wenn er überhaupt zu Wort kommen sollte.

Zur Höchstleistung laufen die beiden Redakteure und ihr Medium allerdings auf, als sie Gaddafis Rede, der Anfang des Monats noch die Auflösung der Schweiz forderte, zitieren und kommentieren:

3.50pm: Gaddafi is next up, but lots of delegates are now leaving the hall. Treki appeals to them to be seated. Gaddafi is in no hurry to get to the stand.

There is an unexplained delay in getting Gaddafi up onto the stage. The presiding UN people are desperately banging their gavels but to no avail. Gadafy appears to be having a fine time chatting to his friends at his seat within the assembly hall. When will the chaos end?

4.01pm: Gaddafi finally takes to the podium and suggests that swine flu was created for military purposes: He tore up a copy of the UN charter in front of startled delegates, accused the security council of being an al-Qaida like terrorist body, called for George Bush and Tony Blair to be put on trial for the Iraq war, demanded $7.7tn in compensation for the ravages of colonialism on Africa, and wondered whether swine flu was a biological weapon created in a military laboratory. At one point, he even demanded to know who was behind the killing of JFK. All in all, a pretty ordinary 100 minutes in the life of the colonel.

To be fair, this was a man suffering from severe sleep deprivation. The US state department, New York city council and Donald Trump had prevented him from laying his weary head in an air-conditioned tent in New Jersey, Central Park and Bedford respectively, and the resulting strain was evident.

„I woke up at 4am, before dawn!“ Gaddafi lamented about an hour into his speech, adding for the benefit of the jetlagged diplomats seated stony-faced in front of him: „You should be asleep! You’re all tired after a sleepless night!“

Beim nächsten Länderspiel oder G8-Gipfel also einfach mal den eigenen Medienzugang künstlich einschränken, und mal schauen ob die beim Guardian Live-bloggen — es ist unglaublich gut.

7 Kommentare

  1. 01
    n.

    hoert sich gut an, check ich aus.
    frage am rande: woher kommt das [sic!] im text? geisteswissenschaftliche aufwertung? ;-)

  2. 02

    Danke, guter Tipp!

  3. 03
  4. 04
  5. 05
    n.

    @cc23: ich weiss was sic heisst. deshalb ja. [sic!]

  6. 06
  7. 07

    Häh?

    Böond Gut aussehend Eloquent und (No Comment) schon vergeben

    Neuerdings ‚Over the Riverside‘ unterwegs. Von mir aus :-)

    Alles Gute für die zur Völkerverständigung beitragenden Artikel.

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