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John Gray – Politik der Apokalypse

John Gray hat in diesem erstaunlichen Buch zweierlei gemacht: er hat die Politik des 20. Jahrhunderts als Religionsgeschichte aufgeschrieben. Und er hat ein Plädoyer für die Deeskalation verfasst. Interessant ist, wie Gray Frühchristentum, französische Revolution, Kommunismus, Nationalsozialismus und Neoliberalismus in eine Abfolge stellt. Allesamt sind westliche Gedankensysteme, die sich durch zweierlei auszeichnen: Erstens vermitteln sie alle eine teleologische Geschichtsauffassung, das heißt sie glauben an einen ideologischen, ideengeschichtlichen Fortschritt, der irgendwann in einem Paradies endet. Zweitens glauben sie, dass dieses Paradies bald kommt. Sie glauben alle ans Ende der Geschichte. Sie sind alle Millenaristen.

Millenaristen ist ein Begriff aus der Religionsgeschichte. Er bezeichnet diejenigen, die an ein baldiges Ende der Welt glauben und daran, dass sich anschließend irgendeine Form von Himmelreich breitmacht. Die neuen Millenaristen glauben mit Francis Fukuyama ans „Ende der Geschichte“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war ihnen zu Folge der Kapitalismus und die liberale Demokratie ohne Alternative. Im Kampf der Systeme hat die Us-amerikanische Variante gesiegt.

Die Pointe bei John Gray ist: Er hält Faschismus und Kommunismus für strukturell mit dem Neoliberalismus à la Fukuyama verwandt. In diesem Glauben, dass ein besseres politisches oder gesellschaftliches Leben nach dem Zusammenbruch aller anderen Systeme dräut, sind sie sich ähnlich. Dieser Auffassung widerspricht Gray entschieden:

Angesichts der Tatsache, dass sich in China, in Russland und in der arabischen Welt ganz andere Staatsformen als stabil erwiesen haben, ist es schwer nachzuvollziehen, warum die liberale Demokratie der Weisheit letzter Schluss sein soll. John Gray dazu: „Es kann keine Rede davon sein, dass die liberale Demokratie weltweit als einzig sinnvolle oder legitimste Regierungsform anerkannt ist. Das menschliche Leben ist viel zu vielschichtig und kompliziert, als dass eine einzige Regierungsform überall anwendbar oder sinnvoll wäre.“

Die Interventionen auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak spiegeln den Glauben ans Gegenteil. Sie sind ein Zeichen dafür, dass es dem Westen darum geht, Heil, Friede und Demokratie in die Welt zu bringen. Es geht nicht nur um die Sicherung von Ressourcen, es geht tatsächlich darum, eine bessere Welt zu schaffen.

John Gray zeigt auf, warum dieser (durchaus gute) Wille in der Realität scheitern muss. Gut gemeint ist selten deckungsgleich mit gut durchdacht. Die Interventionen der US-Aussenpolitik mit Flankenschutz der europäischen Regierungen haben schon längst einen missionarischen Unterton bekommen. Gareth Brandl, Oberstleutnant der US-Marines, sagte im November 2004: „Der Feind hat ein Gesicht. Sein Name ist Satan. Und wir werden ihn vernichten.“

Den Satan, das Böse aus der Welt zu schaffen, war und ist Ziel und Aufgabe der westlichen Außenpolitik. Sie war das Ziel der Bolschewiki, die das Böse in der Kapitalistenklasse sah. Sie ist das Ziel des politisch-radikalen Islams. Sie war das Ziel des Nationalsozialismus. Es ist ein ideologisches Ziel, die einzelnen Parameter sind austauschbar.

Endgültige Lösungen gibt es nicht, sagt Gray. Auch nicht des Nahostkonfliktes durch den Einmarsch von Truppen im Irak. Eine endgültige Auschlöschung des internationalen Terrors durch den Einmarsch in Afghanistan hat nicht stattgefunden. Dem gegenüber stellt Grey seine Vision eines neuen Realismus. Er plädiert dafür, Maß zu halten und Probleme einzeln zu betrachten, indem er Hedley Bull zitiert:

„Um unser Vorgehen so zu gestalten, dass wir den schlimmsten Gefahren dieser Situation entgehen, werden wir beständig Mittel einsetzen müssen, die zur Beruhigung beitragen. Es wird nicht darum gehen, Schwierigkeiten in einem einzigen dramatischen Schritt aus dem Weg zu räumen, sondern darum, immer wieder neue Krisen zu bewältigen und sich neuen Schwierigkeiten zu stellen.“

Ich kann nicht behaupten, dass ich dieses Buch schon ganz durchblickt habe. Aber es ist ganz sicher eines der Bücher, das ich in einem halben Jahr nochmal in die Hand nehme, um es zu lesen. Um es mit Gewinn zu lesen.

John Gray – Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt (Amazon-Partnerlink)

7 Kommentare

  1. 01
    david

    also erstmal macht dein artikel „lust auf mehr“ (eine ausgenudelte formulierung, deshalb die gänsefüßchen, um sie in form zu halten), bin schon bei amazon und überlege, ob ich zuschlagen sollte. du hast zwei schreibfehler: zweiter absatz zweite zeile „si9ch“ statt „sich“ und vorletzter absatz letzte zeile erstes wort.
    hab inzwischen auf „kaufen“ geklickt…

  2. 02
    Frédéric Valin

    @david: Danke für die Hinweise, habs verbessert. Viel Spaß mit dem Buch!

  3. 03
    ChiX

    Klingt interessant. Neben Gunnar Heinsohns „Söhne und Weltmacht“ eines derjenigen Sachbücher, die ich mir holen werde.
    Ich hoffe nur dass das nicht ein Relativismusgeschnasel wird.

    Natürlich sind alle Weltanschauungen „Religionen“.
    Aber wer nicht mehr daran glaubt, dass die eigene, auf Menschenrechten und freiheitlicher Demokratie beruhende „Religion“ den anderen verhältnismäßig überlegen ist, der trägt unweigerlich zum Untergang dessen dazu bei, worauf wir alle uns hier einigen können.

  4. 04
    Thomas Honesz

    Zugegebenermaßen, ohne jetzt das Buch gelesen zu haben: Die Argumentation „Eine Regierungsform ist gut, weil sie stabil ist.“ finde ich gelinde gesagt etwas problematisch. Vielleicht bin ich da ja etwas kulturzentristisch, aber ich finde, dass eine Regierungsform nicht (nur) an ihrer stabilität zu messen sei, sondern eben auch daran wie sehr sie es schafft das grundlegende Bedürfniss eines Menschen nach einer individuellen Entfaltung mit dem Interesse eines Gesellschaftszusammenghalts (was eben zu Stabilität führt) zu vereinbaren. Und da sehe ich bei all meiner Arroganz doch die „westlichen“ Regierungsformen klar im Vorteil.
    Das ich Interventionen, vor allen dingen kriegerische, auch nicht unbedingt gut finde, ist da eine andere Geschichte und hat sehr stark etwas mit einem, ich nenne es „missionarischen Gutmenschentum“ zu tun, was aber meiner Meinung nach nicht unbedingt eine der Grundlagen unserer Gesellschaftssysteme ist.

  5. 05
    Frédéric Valin

    @Thomas Honesz: Ich muss zugeben, dass es mir sehr schwer fällt, im Sinne Grays zu antworten. Was man aber in jedem Fall sagen kann, ist: Die Interventionen bisher, die im Sinne einer liberalen Demokratie angestrengt worden sind, haben nicht zu einer Stabilisierung der Lage in den betreffenden Ländern geführt. Und ein stabiles Regime ist allemal besser als ein instabiles.

    Aber ich teile Deine Grundidee. Ich weiß nur nicht, wie ich sie gegen Grays Argumentation durchsetzen kann. Vielleicht schreib ich darüber, wenn ich in einem halben Jahr das Buch nochmal gelesen habe.

  6. 06

    Kurz mal daran weitergedacht, ohne das Buch zu kennen: Eine Religion muß schon aus Gründen der Selbstlegitimation dazu neigen, sich selber für universell zu erklären – also seligmachend für alle Menschen zu sein. Betrachtet man unser westliches Wertesystem unter dieser Voraussetzung, so landet man tatsächlich bei der Feststellung: Ja, auch wir halten das, was wir als Menschenrechte bezeichnen, für weltweit anwendbar. Sonst müßte wir sie ja „Europäer- und Amerikanerrechte“ nennen oder so. Heißt das umgekehrt, daß auch wir nur eine Religion sind, die die ganze Welt missionieren will? Ich glaube: nein. Religionen gehen von einer Idee aus, wie die Welt beschaffen sei, und wollen den Menschen in dieses Modell einordnen. Die Menschenrechte und alles was daran hängt gehen den umgekehrten Weg: Man guckt nach, wie der Mensch beschaffen ist, was er braucht, um glücklich zu leben, und versucht die Welt so zu ordnen, daß das möglich ist – völlig unabhängig davon, welcher Gott vielleicht im Himmel sitzt. Unser System hat damit gewisse Merkmale einer Religion, ist dem, was Religion eigentlich bedeutet, aber eher entgegengesetzt. Ein radikaler Neoliberalismus, der die ganze Welt gewaltsam mit westlicher Demokratie beglücken will, steht vielleicht auf dem Boden von Menschenrechten etc., führt sich aber in der Tat wie eine aggressive Religion auf, pervertiert also das, was er als seine Grundlage behauptet. Und jetzt besorge ich mir mal das Buch, es scheint ja spannend zu sein. (Ist das übrigens der gleiche John Gray, der „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ geschrieben hat? Nee, oder?!)

  7. 07
    Frédéric Valin

    @Dietrich: In der Struktur eines Gedankens und in seinen Ausprägungen erkennt man Inhalt, nicht in seiner Absicht. Sag ich mal so.

    (Nein, das ist nicht der gleiche Gray. Hoffe ich ;))

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