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Drei bis sieben Gedanken zum Thema Nichtwählen


18.134.809 Nichtwähler. Das sind viele, naiv gesagt. Drölf unsortierte Gedanken zum Thema.

Meine Nachbarin, die ist 80 und unglaublich nett, sagte neulich im Treppenhaus: „Also, ich geh ja nicht wählen, ich habs im Kreuz.“

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Heribert Prantl hat mal geschrieben: „Die politische Kommunikation konzentriert sich auf den wählenden Rest. Wahlabende sind Resteabende geworden. (…) Die großen Parteien verhalten sich zu dieser Malaise wie der Autofahrer, der erklärt, ihm seien steigende Benzinpreise egal – er tanke ohnehin immer nur für dreißig Euro.“

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Ist man bescheuert, nur weil man akzeptiert, dass man in den entscheidenden Fragen sowieso nicht gefragt wird? Entscheidungen wie die Rente ab 67, der Einsatz in Afghanistan, Mindestlohn und Erbschafts- und Vermögenssteuer sind sowieso über den erklärten Volkswillen hinweg entschieden worden. Bei wichtigen Entscheidungen wie der Wiedervereinigung, der Einführung des Euros und dem Vertrag von Lissabon sind die Deutschen erst gar nicht gefragt worden. Wenn der Volkswille in entscheidenden Fragen nicht berücksichtigt wird, noch nicht einmal abgerufen wird, ist man dann nicht genauso bescheuert, wenn man dem durch wählen gehen ein demokratisches Deckmäntelchen leiht?

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„Fast die Hälfte der Wähler weiß nicht, wofür Erst- und Zweitstimme eigentlich gut sind. Einige meinen, mit der Erststimme wähle man die Regierung, mit der Zweitstimme die Opposition.“ (Thomas Wieczorek, Die verblödete Republik) Haben Sie schon mal auf einer Karte Essen bestellt, deren Sprache sie nicht verstanden haben? Und wissen Sie inzwischen, was Sie damals gegessen haben?

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Nichtwählen ist Protest mit stillgestandenen Füßen.

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Es war nie egaler, was man gewählt hat. Bisher hat mir noch keiner erklären können, wo der prinzipielle Unterschied zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb liegt. Das ist eine Soße. Die Parteien können raabiger werden, wie sie wollen – so lange sie sich nur in Detailfragen unterscheiden, unterscheiden sie sich. Nicht. Sie unterschieden sich nicht. Politik wird dann spannend, wenn es um fundamentale Unterschiede in der Auffassung geht – Unterhaltsam müssen sie nur dann werden, wenn es diese Unterschiede nicht gibt.

41 Kommentare

  1. 01
    fault

    Zum letzten Teil:

    Irgendwie hat diese ganze Diskussion, finde ich, ein bisschen was um das Gerede vom Gammelfleisch. Als man bemerkte und es durch die Medien ging, dass auf altes Fleisch einfach andere Ettiketen geklebt werden, waren alle schockiert. Trotzdem hat aber niemand aufgehört, weiterhin brav in den Supermarkt zu laufen und das Fleisch zu kaufen. Man hat nur… mehr gemeckert.

    Und so ist das auch mit der Disskussion um Schwarz-Rot oder Schwarz-Gelb. Im Grunde genommen ist egal, wie eklig das ist, was man von denen vorgesetzt bekommt, es geht uns allen nur um das neue Ettiket. Darum, das „Frisch“ und „Neu“ und „Lecker“ drauf steht.

    Übrigens können wir unsere Stimme immernoch an andere Parteien „verschenken“. Wäre es wirklich so schlecht, wir wir uns alle einreden, dann hätten die Kleinparteien 50 % erreicht (mindestens).

  2. 02
    Frogster

    „žFast die Hälfte der Wähler weiß nicht, wofür Erst- und Zweitstimme eigentlich gut sind. Einige meinen, mit der Erststimme wähle man die Regierung, mit der Zweitstimme die Opposition.“

    Das klingt nicht gut.
    Ansonsten bin ich der Meinung, dass jeder Wähler nach der Stimmabgabe 20 Euro (steuerfrei) bekommen sollte. Das wäre doch mal ein Anreiz. Ausserdem gehört endlich die Option „Ich wähle keine der gelisteten Parteien“ auf die Zettel, was auch in den Ergebnissen verrechnet werden müsste – anders als Nichtwähler und ungültige Zettel.

  3. 03
    Jan(TM)

    Keks zum whine?

  4. 04
    Frédéric Valin

    @Jan(TM): Au ja!

  5. 05
    eva

    Selbstverständlich unterscheiden sich die Parteien. Dieses ständige Gerede von der Konsenssoße ist ebenso müßig wie die Behauptung, die immer wieder aufgetischt wird, „links und rechts“ würden nichts bedeuten oder seien überholt. Politik beobachten und kritisieren ist wichtig, aber sie als überflüssig darzustellen ist gefährlich und der beste Weg, unsere Demokratie vollständig zu zerstören.

  6. 06
  7. 07
    Frédéric Valin

    @Juppi: Taugt das was? Ich halte ja bei gott nicht viel von Steingart und wäre überrascht, wenn ja.

  8. 08
    Ulli

    @eva: Genau. Wenn es so egal wäre, warum ist schwarz-gelb dann schlimmer als rot-grün oder rot-rot-grün oder rot-schwarz oder…. ?

  9. 09
    Frédéric Valin

    @Ulli: Ich sehe nicht, wo sich Schwarz-Gelb von Schwarz-Rot unterschieden wird. Also, im Detail durchaus, aber im großen und ganzen. Insofern bin ich falscher Adressat für die Frage.

    Ich wäre aber dankbar, wenn mir mal jemand erklären könnte, wo die Unterschiede zwischen Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot liegen werden. Das meine ich völlig unironisch.

  10. 10
    slowcar

    Faulheit ist dank Briefwahl nicht wirklich eine Ausrede. Wobei ich mir vorstellen kann das die für eine 80-Jährige auch zu kompliziert zu beantragen ist. (andererseits: wählen die renter nicht eh grösstenteils schwarz?)

    es fehlen halt parteien die nicht nur „mitte, mitte“ rufen.

  11. 11
    Einsiedlerkrebs

    Hallo.
    Solange Schwarz im Spiel ist, bleibt die Farbe Schwarz. Egal mit welcher Farbe man sie mischt. Schwarz/gelb wird wie Schwarz/rot auch Schwarz.
    Schwarz hat in unserem Kulturkreis eine negative Bedeutung.
    Schwarz ist die Farbe des Todes.

    Schöne Farben sind z. B. Orange. Orange ist stimmungsaufhellend.
    Piraten sind also stimmungsaufhellend.

  12. 12
    ganzunten

    Wer nicht wählen kann, fragt jemanden um Hilfe. Und ein Antrag auf Briefwahl ist ganz einfach zu stellen.

    Unterschied zwischen Schwarz-Rot und -Gelb? Wie wärst damit: Bei S/G ist eine Partei in der Regierung, die gegen die Vorratsdatenspeicherung ist.

    Ich finde es übrigens ein gutes Zeichen, dass sich die Parteien fast nur in Detailfragen großartig unterscheiden. Schließlich geht es uns so gut, dass wir uns den Luxus/die Arroganz leisten können, übers Nichtwählen zu diskutieren. Die Afghanen und Iraner müssen glücklich sein, dass sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen müssen… pardon!

  13. 13
    Juppi

    @Frédéric Valin: Kann ich noch nicht beurteilen, aber hab es mir mal bestellt nachdem ich ein wirkliche interessantens Interview mit Steingart bei SWR Leute gehört hab.

    @Frédéric Valin: Der Unterschied wird sein, dass echte Reformen kommen werden (ala Hartz-4), die nicht so verwässert sind durch die Macht- und Hackordnung einer grossen Koalition. Die faulen Kompromisse werden weniger, egal ob das Ergebnis für einen persönlich „gut“ oder „schlecht“ ist, aber immerhin wird mal was gemacht. Nur wer was ordentlich und grundlegen anpackt hat zumindest mal die Chance einen guten Wurf zu landen – auch mit dem Risiko mal auf die Fresse zu fliegen (als SPD mit Hartz-4). Daran glaube ich und in den nächsten 4 Jahren wird man sehen, ob ich richtig gelegen habe. (Disclaimer: Wenn es natürlich eine Blockadepolitik der Opposition im BR ala Lafontaine früher gibt, dann gilt das geschriebene natürlich nur beschränkt…)

  14. 14
    Name (muss sein)

    Oh Großartig. Wer nicht wählen will soll’s ruhig tun, aber die fadenscheinigen Begründungen sind doch nur peinlich.

    „Kann nicht hin – hab’s im Kreuz“: Briefwahl existiert, inzwischen sogar für alle ohne Angabe von Gründen.

    „Ist man bescheuert, nur weil …“: Man ist durchaus bescheuert, wenn man sich in einem Atemzug darüber beschweren will, nicht gefragt zu werden, obwohl man gleichzeitig – wenn man denn endlich mal gefragt wird – die Antwort verweigert. Bonuspunkte auch dafür, eben keine der Parteien gewählt zu haben, die (einfachere / mehr) Volksabstimmungen fordern.

    Es war nie egaler, was man gewählt hat.: Es ist eben nicht egal, wenn man nur dein eigenen Tunnelblick loswerden kann. Setze ein Zeichen und wähle eine der kleinen Parteien und sei es nur als Protest. Linke nicht links genug? Dann eben MLPD. Politik zu verkopft? Dann eben die Violetten. Familienpolitik fehlgeleitet? Dann eben die Familen-Partei, …

    Wer nicht wählt, hat vorher schon aufgegeben.

  15. 15

    Ich gebe hier mal nochmal zum Besten, was ich schon bei basicthinking gesagt habe:
    Die Zuschreibung einer Protesthaltung, der Faulheit, des Nicht-Einverstandenseins oder des Verdrusses etc. für die „Partei“ der Nichtwähler bleibt doch zu hinterfragen.

    Da, wie wir alle wissen, auch das Nicht-Kommunizieren eine Kommunikation ist, so ist es eben auch das Nichtwählen. Es sagt aus:

    1.) Entscheidet ihr für mich, liebe Wähler, es ist mir recht, wenn eure Stimme an Gewicht gewinnt, ich vertraue eurem politischen Wissen & Instinkt.
    2) Das politische System ist so gut, dass schon kein Unsinn, eine Diktatur o.ä. dabei herauskommen wird, deshalb wird das politische System auch ohne mich ein „˜gutes Produkt“™ hervorbringen.
    3.) Die Punkte 1 und 2 drücken meine grundsätzliche Übereinstimmung mit dem status quo aus, ich bin mit dem, wie es gerade läuft bzw. nach der Wahl laufen wird, grundsätzlich einverstanden und lasse die Sache deshalb einfach laufen.

    Dazu kann man stehen, wie man will, aber man sollte die Leute nicht für zu doof halten, um zur Wahl zu gehen oder zu checken, dass sie etwas ändern können, sondern letztendlich handelt es sich doch um den warmen Mief des Einverstandenseins.

    Früher hieß sowas mal Affirmation, heute ist das — und das ist vielleicht sogar ein Erfolg des Systems! — die Grundhaltung vieler Menschen.

  16. 16

    Ich kann Nichtwähler eher nicht verstehen. Manchmal erinnern mich ihre Argumente an einen Mann der Bergstiefel anzieht, um mit Steigeisen den zugefrorenen See zu überqueren. Kann man so machen.

    Mich ermüdet es regelmäßig, die Argumentations-Spannweite von Nicht-Wählern nachvollziehen zu wollen. So kurze Flügel sollte sich keiner freiwillig schneiden lassen.

  17. 17

    Ich habe für Freunde des dicken Brettes mal eine politikwissenschaftlich inspirierte Analyse über Wählerverhalten, Weltanschauungen und Visionen in der Politik versucht. Weltanschauliche Differenzen (vertreten ist ja im Bundestag ohnehin nur ein schmales Spektrum von handzahmen Kommunisten bis wachsweichen Neoliberalen) werden im Ergebnis von Politik nämlich immer auf den Mainstream eingenordet. Abweichungen vom Mainstream erfahren in erster Linie Randgruppen. Gegen einen diffusen Volksgeist werden keine Entscheidungen gefällt, egal wohin das Pendel gerade ausschlägt.

    Der Nichtwähler ist allerdings als Gruppe inhomogener als alle anderen Wählergruppen, weil die Motive vom banalen „ich habs im Kreuz“ bis zur strategisch langfristig geplanten Aushöhlung des demokratischen Systems durch Verweigerung reichen. Wer seine Stimme nicht strategisch optimiert als direkt im Bundestag vertreten sehen will, sondern sie als Ausdruck politischen Willens versteht, hat auch das Recht, keiner Partei und dem mit ihr verbundenen Weltbild Zuspruch zu leisten.

    Natürlich ist die Aussage der Nichtwählerstimmen noch undeutlicher, als die der abgegebenen Stimmen (dank des 2% Anteils der Piraten ist Netzpolitik überhaupt erst von den großen Parteien als gesellschaftlich relevant wahrgenommen worden), aber als Zeichen von Politikverdrossenheit wächst der Druck auf die politischen Karrieristen, sich für den schweigenden Anteil der Bevölkerung zu interessieren.

  18. 18
    Martin

    Ich denke was fehlt ist die ‚gefühlte‘ Selbstbetroffenheit der politischen Machtverhältnisse. Tatsächlich lebt sich jeder Tag genauso gut bzw. schlecht unter Schwarz-rot, wie unter schwarz-gelb.
    Eine Politisierung findet in den meißten Fällen aber nur bei einer Selbstbetroffenheit statt.

  19. 19
    Jan

    @Frederic (9): Den Unterschied zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb sehe ich auch noch nicht so recht. Aber genau das ist für mich das Fatale und ein konkreter Hinweis darauf, was in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist, aus mehreren Gründen:
    Erstens zeigt das, wie profillos die SPD in der Großen Koalition geworden ist, da „Einigung“ in der Koalition offenbar hieß, den Kurs der CDU einzuschlagen.
    Zweitens ist das Erschreckende, dass der bisherige Kurs von Schwarz (mit Rot) ab sofort mit Gelb noch problemloser fortgeführt werden kann.
    Und 3.: Wer glaubt der SPD künftig eine eindeutige Positionierung entgegen der Union, wenn man ihr am laufenden Meter sagen kann „Habt Ihr doch damals zusammen mit der CDU selber durchgedrückt?“

  20. 20
    jan

    @Fred 9 und @Juppi 13
    Beispiele gefällig? Im Bereich des Gesundheitswesens wird die Post abgehen: weite Bereiche werden wohl „auf den Prüfstand“ müssen, als „nicht solidarisch zu finanzieren“ klassifiziert und in die PKV ausgelagert werden. Das fordert die FDP schon lange, geht in Richtung Rationierung und ist auch den Spenden der Versicherungswirtschaft geschuldet. Hier sehr gut zusammengefasst (auf die links im Text auch bitte achten):
    http://faz-community.faz.net/blogs/biopolitik/archive/2009/09/28/gesundheitspolitik-im-fdp-rausch-und-vice-versa.aspx
    Schwarz-Gelb ist für längere AKW-Laufzeiten, gegen Mindestlohn, für „Modifizierung“ des Kündigungsschutzes, für Senkung der Erbschafts- und Unternehmenssteuern. Demnächst wird auch der große Rasenmäher durch die Sozialetats fahren. Dann sind aber auch die Links-Rechts-Unterschiede wieder kenntlich und ihr seht den Unterschied „live“

  21. 21
    Frank 72

    1) Hat man das parlamentarische System verstanden, wenn man erwartet, dass man zu einzelnen politischen Entscheidungen befragt wird? Nein, hat man nicht.
    2) Habe ich schon mal jemanden getroffen, der meinte, mit seiner Zweitstimme die Opposition zu wählen? Nein, habe ich nicht.
    3) Kann jemand etwas dafür, dass es Leute gibt, die nicht verstehen wollen, dass Politik etwas mit gemeinsamer Willensbildung und Kompromissen zu tun hat? Nein, kann er nicht.

    @betonblog: Ich versuche auch, meiner Umwelt einzureden, dass Nichtssagen eine From von Kommunikation ist. Wenn ich nämlich den Mund halte, dann kann mir wenigstens keiner widersprechen und ich kann hinterher schön behaupten, was ich alles ausdrücken wollte.

    Frank

  22. 22
    Christian

    Und wenn Nichtwähler politischer handeln als vielfach gedankenlose Pflichtwähler?

    Mein Kreuzchen schön nach Bauchgefühl verteilen? Soll ja alles so bleiben wie es ist, hm? Schön Besitzstand wahren, Renten müssen sicher und die neuen Zähne billig bleiben. Oder linksrum: Atomkraft ist Mist, aber bitte, die elektrischen Schubladenöffner in der neuen Ökoholzküche müssen’s schon sein.

    Einige haben auf diesen Schießbudenzauber halt keine Lust mehr. Zweifeln an Volkes Weisheit oder sich selbst. Und andere pumpen ihr Kreuzchen eben zu einer heiligen Handlung auf. Ist ok. Aber dann bitte nicht von der Kanzel der Ehrwürdigkeit herabschauen und diesen Akt der Stimmabgabe zu etwas aufblasen, was er nie war: Eine kluge und weitsichtige Entscheidung für unsere Richtung in der Zukunft.

    Das Kreuzchen machen die meisten doch nicht für das Wohl der Menschheit oder Gesellschaft, sondern bittesehr fürs eigene Wohlergehen – und zur Bestätigung des eigenen Weltbilds. Hexenverbrennungen waren ne Zeit lang auch mal echte Publikumsmagneten.

    Wer heute wählen geht, pflegt zu oft die Bequemlichkeit der Illusion, das alles so weitergehen könnte wie bisher. Wie doll muss man die Augen dafür eigentlich zusammenkneifen?

    Und schwupps, gehts gar nicht mehr um eine Partei- oder Koalitionsfrage, sondern um die konkrete eigene Haltung. Aber ungefähr an der Stelle reden die meisten lieber über Politik.

    Wie schön das sein muss.

  23. 23
    Ulli

    @Frédéric Valin:
    Klar, im Kern gebe ich Dir recht: Die Unterschiede sind in der Tat deutlich kleiner als noch vor Jahren.
    Aber da scheint es ja auch andere Ansichten zu geben. Vielleicht fragst Du mal diesen netten Kollegen hier: http://www.spreeblick.com/2009/09/27/bundestagswahl-2009-deutschland-wird-schwarzgelb/

  24. 24
    Stephan

    Ich finde diese 12 Gedanken ziemlich kopflos! Es ist keinesfalls egal, ob und wie man wählt! Niemand würde sich so wunderbar darüber aufregen, dass jetzt die (böse) CDU an der Regierung ist, wenn es bei einer anderen Machtverteilung nicht anders sein würde.
    Trotzdem ist es erschreckend, wie viele Menschen es nicht geschafft haben sich an der Demokratie zu beteiligen. Ich könnte wetten, dass das auch genau die jenigen sind, die später am meisten über Entscheidungen in der Politik meckern. Selbst schuld!

    Und wir sollten froh darüber sein, dass Wahlen in Deutschland wirklich die Politik beeinflussen. Zeitnahe Ereignisse wie die Wahlen im Iran oder Afghanistan haben doch gezeigt, dass es nicht selbstverständlich ist als Volk gehört zu werden.
    Außerdem hat man doch an den sehr sehr überraschenden (für mich jedenfalls) Ergebnissen gesehen (insbesondere der große Stimmenverlust der SPD), dass es durchaus möglich ist für einen Wähler etwas zu bewegen.

  25. 25
    Marco

    betonblog (15) trifft in meinen Augen den entscheidenden Punkt. Die Leute, die aus Protest bewusst nicht wählen sind unter den Nichtwählern doch eine Minderheit. Es gibt viele Nichtwähler, die politisch eher desinteressiert sind, weil sie im Großen und Ganzen mit dem „was da in der Politik läuft“ zufrieden sind und ihr Leben leben. Ich sehe daran auch nichts verwerfliches.

  26. 26

    Ich werf noch ein paar lose Gedanken dazu:
    Ich wollte ja eigentlich ungültig wählen (also durch Hingehen und Wahlschein durchstreichen zumindest dokumentieren, dass ich gerne wählen würde, wenn es denn noch etwas gäbe, das meine Stimme wert ist), habe mich aber quasi in der letzten Minute umentschieden und doch noch etwas angekreuzt – allerdings nicht, weil ich erwartet habe, dass ich damit Schwarz/Gelb verhindern hülfe, sondern weil mich letztendlich doch eine Partei inhaltlich überzeugt hat.

    Ich denke inzwischen, Deutschland braucht vielleicht sogar erst mal vier Jahre diesen regierungspolitischen worst case. Das klärt die parteilichen und gesellschaftlichen Fronten. Allerdings machen mir dabei ein paar Bereiche echt sorgen, für die vier Jahre verdammt lang sind (z.B. Atomkraftwerke, Grundrechtsabbau und Kriegsbeteiligungen).

    Mittlerweile habe ich aber auch vollstes Verständnis für die vielen Politikmüden, die keiner der etablierten Parteien mehr genug zutrauen, dass sie sich mit ihrer Stimme hinter sie stellen würden (finde aber auch, die müssten das mit einer offiziellen Stimmenthaltung zum Ausdruck bringen können).

    Was ich nicht verstehe ist, wie eine Kanzlerin angesichts so vieler Nichtwähler von einer stabilen Mehrheit reden kann. Ich habe schon seit Jahren immer häufiger das Gefühl, die regieren einfach stur über das Volk hinweg. Und das ist keine Demokratie mehr.

  27. 27
    heinz

    „Bisher hat mir noch keiner erklären können, wo der prinzipielle Unterschied zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb liegt.“
    Dann wähl Grün :/

  28. 28
    WillAgain

    „[…]mit der Erststimme wähle man die Regierung, mit der Zweitstimme die Opposition.“

    Ach deshalb hat die FDP soviele Wähler. :D

  29. 29
    iknowtheman

    @betonblog: ich denke nicht, dass deine einschätzung auf viele wahlberechtigte zutrifft. vielen is es tatsächlich egal. die haben entweder viel geld, oder wenig bildung genossen. viele denken, der politik so einen denkzettel zu verpassen. schwachsinn! n denkzettel wären (wenn überhaupt) 25% ungültige stimmen bei hoher wahlbeteiligung. und es gibt tatsächlich menschen, die zu „blöd“ sind, um eine so eine partizipationsmöglichkeit als chance oder privileg oder (besser) pflicht anzusehen. bei niedriger wahlbeteiligung hat das bürgerliche lager oft höhere stimmanteile. so what?

  30. 30

    Meine Nachbarin, die ist 80 und unglaublich nett, sagte neulich im Treppenhaus: „žAlso, ich geh ja nicht wählen, ich habs im Kreuz.“

    Meine Nachbarin (so in die 60) fragte mich ob man denn wählen gehen muss als die Wahlbenachrichtigung kam, früher musste man ja. Und dann war sie die erste im Wahllokal und bekam nicht mal einen Blumenstrauß. Früher bekam der erste immer einen Blumenstrauß. VOR ÜBER ZWANZIG JAHREN. Aber, könnte man ja mal drüber nachdenken, fürs nächste Mal. „Ich habe gewählt“-Nelken für jeden! Buttons und Kulis! Dann kommen vielleicht ein paar mehr.

  31. 31
    chibi

    och, meine Frau Mama hat Blumen im Wahllokal bekommen.
    Sie ist … hmm … eine einfach Person. Versteht nichts von Politik, gehört zu den unteren 5% der Bevölkerung und würde auf ewig CDU wählen, weil das ja alle so machen in ihrem Bundesland (das erklärt auch gewisse Wahlergebnisse in anderen Bundesländern ^^) … wenn ihr Sohn ihr nicht erklären würde, dass sie sich damit selbst um Geld beraubt, das ohnehin schon nicht zum Leben reicht.

    Eine Wahlpflicht – für die ich generell bin (allerdings muss man dann auch „keine partei von denen“ ankreuzen können) – würde voraussetzen, dass ALLE Bürger überhaupt genug politische Bildung genossen hätten, um eine FUNDIERTE Entscheidung treffen zu können.

    Wie wahrscheinlich wäre es z.B. heutzutage, dass die CXU-Kultusminister einen Politikunterricht an Schulen einführen würden, der nicht geprägt ist von christlichen, konservativen und liberalen Gedankengut und z.B. linke Ansichten verunglimpfen würde? Eben.
    Und da niemand die Aufgabe übernehmen kann alle Bürger politisch zu schulen, kann man wohl leider auch nicht verlangen, dass alle Bürger einer Wahlpflicht nachkommen müssen.

    Naja, ein Vorschlag wäre wahrscheinlich einen Fragebogen über politisches Grundwissen unserer Demokratie und der antretenden Parteien am Wahllokal auszulegen, den jeder beantworten muss und bei Scheitern keine Stimme abgeben darf ^^ Das gäbe mal ne hübsche Wahlbeteiligung und vermute sowohl das rechte Lager (CDU/CSU) als auch das linke Lager (Die LINKE) kämen erst hinter Grünen, SPD, FDP und Piraten (in der Reihenfolge).

  32. 32
    lork

    parlamentarsiche Demokratie ist eine eingeschränkte Form der Demokratie. Es bildet sich eine Elite (die Parteien), die die alleinige Entscheidungsgewalt hat und die niemand hindern kann, gegen das eigene Volk zu regieren. Mal abgesehen vom Verfassungsgericht. Kein Wunder dass die Leute sich abwenden, wenn sie den Eindruck haben, eh nichts bewirken zu können.

  33. 33
    mark13

    Nichtwählen gilt nicht als „ihr könnt mich alle mal“ sondern als „mir doch egal, macht doch was ihr wollt“. Nicht wählen ist daher direkt eine Stimme für die Wahlgewinner. — Fefe

    Wenn Du nicht weißt, was du wählen sollst, wähl dagegen. — Robert A. Heinlein

  34. 34
    kelo

    Ich verstehe im übrigen auch nicht wie man nach den katastrophalen 11 Jahren SPD Schwarz-Gelb als Worst-Case ansehen kann. Den Worst-Case haben wir gerade hinter uns!
    Die SPD hat sich unter der Führung von Schröder, Münte & Co. von Wirtschaft, CDU und Presse zu Schandtaten verführen lassen, die Helmut Kohl sich nie erlauben konnte. Die SPD war als Regierungspartei einfach Katasprohe, weil es keine Opposition etwa gegen die Agenda 2010, Schily oder Schäuble gab.

  35. 35

    @Frédéric Valin: Atomausstieg oder nicht, Bürgerversicherung oder nicht, Mindestlohn oder nicht, etc.

    Wenn das alles Kleinigkeiten sein sollen, bitte.

  36. 36

    Oh, ich möchte noch eins meiner Lieblingszitate beisteuern:

    „Revolutionär“ nennt sich nun freilich auch die Sozialdemokratie, die Partei, der die Massensugestion, der Wahlakt sei eine heilige Handlung, in erster Linie zu danken ist, und der es […] niemals beizubringen sein wird, daß die Beteiligung an der Wahl ein Bekenntnis zur bestehenden Staatsordnung in sich schließt und eine im Kern antirevolutionäre Demonstration darstellt.

    Erich Mühsam / Die Fackel, IX. Jahr, Nr. 223-224, Wien 12. April 1907 / re:print in konkret 9/2009

    via http://rezitieren.blogspot.com/

  37. 37

    Schlechter Beitrag. Wenn man das ganze wissenschaftlich (objektiv) betrachtet, kann man sagen, dass es im internationalen Vergleich in Deutschland eine sehr hohe Wahlbeteiligung gibt. Zwar sind es dieses Jahr deutlich weniger gewesen als vor vier Jahren, allerdings liegt das u.a. an dem deutlich laschen Wahlkampf und daran dass die SPD kein klares Profil gezeigt hat (die höchste Wahrbeteilung gab es meistens bei SPD-Siegen).
    Untersuchungen zeigen übrigens, dass sich in der Geschichte der Demokratien selten mehr als 15% engagiert haben, selbst in hochpolitischen Zeiten (68, Mauerfall). Die These der zunehmenden Politikverdrossenheit halte ich in ihrer Schärfe für falsch. Menschen binden sich heutzutage (das lässt sich nachprüfen) nur weniger an Organisationen. Es ist eine Zeit, in der Organisationen, Parteien, die Möglichkeit für lockere Mitgliedschaften geben müssen (siehe Obama-Wahl).

  38. 38

    Ich kenne ja auch Menschen die aus Prinzip nicht wählen gehen aus dem Grund, dass sie den besseren Gewinnen lassen wollen oder aus dem einfachen Grund „Die sind doch eh alle Gleich egosistihsc und sind nur auf das eigene Wohl aus!“ Ich geh ja wählen, weil ich was verändern will. Ist mir tzwar nicht ganz gelungen aber es geht in eine andere Richtung und das ist auch gut so ;)

  39. 39
    matti

    @chibi:

    Ein politisches Grundwissen über unsere Demokratie? Ein allgemeines politisches Grundwissen würde wahrscheinlich viele von den Wahlen abhalten, außer sie sind konservative Trottel und/oder mit einer der Parteien und vor allem deren Politik aus irgendeinem Grunde sehr einverstanden.

    @lork:

    Zu 100% agreed. Und genau das ist das Problem, und auch der Grund, warum ich Leuten, die behaupten, dass Nichtwähler entweder faul oder nichtpolitisch sind, gerne auf die Fresse hauen würde.

    @mark13:

    Wie wählt man denn dagegen? Ungültig?

    @kelo:

    Der worst-case waren eher 16 Jahre Kohl, ansonsten stimme ich dir aber zu. Von Rot-Grün hatte man ja auch nichts positives.

    @Häns Dämpf:

    Rein wissentschaftlich betrachtet wird auch gesagt, dass es keine Politikverdrossenheit gibt, sonder eine PolitikERverdrossenheit, und dass ist auch nichts verkehrtes, solange sich diese Verdrossenheit nicht auf Poltiker, sonder das Parteiensystem konzentriert.

    Dass ein Wahlkampf mit Wahlbeteiligung/Polizikinteresse zu tun hat, ist sowieso schade, zeigt aber auch die Perversion der ganzen Sache, man siehe Herrrn Wichmann, der sich im Wahlkampf darum bemüht, große Plakate bezahlen und dieselben 2-3 Sätze herunterleiern zu können.

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