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Sebastian Deisler im „Zeit“-Interview

Es geschieht selten, dass ich bei der Lektüre eines Interviews eine Gänsehaut bekomme. Bei diesem Interview mit Sebastian Deisler in der Zeit allerdings hat die Gänsehaut überhaupt nicht mehr aufgehört. Deisler spricht über Fußball, über die Erwartungen, über das Ausbeutungssystem Fußball, über den Druck der Öffentlichkeit.

Ich war ein normaler Fall. Jeder andere wäre auch an den Erwartungen zerbrochen. Vielleicht bin ich sogar zu normal. Vielleicht war das mein Problem.

31 Kommentare

  1. 01
    elwiegaldo

    hab das Interview gestern auch gelesen!
    Echt der Hammer!

  2. 02
    Schtuef

    Ich wusste nicht wer Sebastian Deisler ist.

    Habe den Artikel überflogen und das gelesen:

    „Es geschieht selten, dass ich bei der Lektüre eines Interviews eine Gänsehaut bekomme.“

    Dann das Zitat unten.
    „Ich war ein normaler Fall. Jeder andere wäre auch an den Erwartungen zerbrochen. Vielleicht bin ich sogar zu normal. Vielleicht war das mein Problem.“

    Ich dachte die ham den letzten „Amokläufer“ interviewt, klicke den link, und dann kommt so Fußballkacke :(

  3. 03
    Haha

    @Schtuef: Lies das Interview einfach nochmal. Ohne den Hintergrund isses vielleicht nicht ganz so verständlich, was SD da völlig zurecht kritisiert (ohne dass er wirklich die Zustände an sich kritisiert, sondern nur seine Behandlung / Situation. Aber gültig ist das Ganze sicher für noch so einige andere… Kroos anyone?)

  4. 04
    bagwell

    Nur weil es etwas zu dem Thema passt: Heute wäre auch Guido Erhard 40 Jahre alt geworden:

    http://www.welt.de/print-welt/article378301/Nichts_hat_mehr_gestimmt.html

  5. 05

    Bewegendes Interview – danke für den Hinweis! Ziemlich hart, dass das was SD so geliebt hat ihn fast kaputt gemacht hätte. Da kann man nur hoffen, dass er in 20 Jahren zurückblickt und erkennt, dass ihm dieser Neuanfang ein glücklicheres Leben beschert hat.

  6. 06
  7. 07
    Christian

    Das Interview ist Klasse – vor allem wegen Deisler, aber nicht wegen der Fragen. In den Zwischenpassagen entlarvt sich der Autor dann doch als Herr der Metaebene, als allwissender Erzähler, als gefühlskalter Richter des Zeitgeists.

    Der Abschnitt, in dem es heißt, Deislers Ansichten seien einem „normalen“, „gesunden“ Menschen nicht begreifbar zu machen, trieft vor arroganter Abgehobenheit; man spürt quasi die Angst der Vernunft vor dem Gefühl. Und eine gute Portion Häme dazu: „Wieso, der Deisler hats doch groß gewollt, und jetzt beschwert sich die Mimose. Naja, der war krank, das müsst ihr verstehen, deshalb jammert er so.“ Da ist er wieder, der Grundgedanke der neidgetriebenen Leistungselite. Sowas passiert, wenn einer, der das Leben nur beschreibt, auf jemanden trifft, der das Leben gelebt hat.

    Meinen Respekt für Deisler. Ich hätte ihm einen Interviewpartner mit mehr Lebenserfahrung und weniger Angst vor Gefühlen gewünscht. Das Interview ist nicht wegen der Fragen berührend, sondern durch die Antworten.

    Danke für den Tipp.

  8. 08
    murdock

    In dem Artikel steht, dass jeder 8. Mensch in Deutschland einmal eine Depression durchmacht. Warum genau sollte mich das bei Deisler besonders berühren?
    Klar, harte Geschichte. Aber dieser Kerl hat wirklich ausreichend Schmerzensgeld erhalten. So viel zum Thema „Ausbeutungssystem Fußball“.

  9. 09
    carsten

    Hi,

    @murdock:
    Es geht ja nicht unbedingt nur darum, Mitleid mit Herrn Deisler haben zu müssen, sondern auch um seine Offenheit, die vielleicht dem ein oder anderen Betroffenen Mut machen kann. Und um Respekt, eben so die Hosen runterzulassen, denn mal ehrlich: Heutzutage ist das Zeigen von Schwäche eher verpönt.

  10. 10
    Frédéric Valin

    @murdock: Ich verstehe die Kritik nicht. Weil jeder achte depressiv ist, ist es bei Deisler egal, bei anderen, von denen man nichts hört, ist es aber schlimm? Wer viel Geld kriegt, muss damit klarkommen?

  11. 11
    Christian

    @murdock: Ja achso. Wenn er genug Geld erhalten hat, ist natürlich alles gut. Eine Frage noch: Wieviel Geld genau ist „ausreichend“? Ich würde diese Logik gerne verstehen, in der offensichtlich jedes Gefühl einen klaren Preis hat, den es wert ist.

    Ab wieviel Geld darf ich keinen Liebeskummer mehr haben? Und ab wieviel Euro sollen sich verprügelte Opfer nicht mehr beschweren?

    Ach so. So war es nicht gemeint. Ja, verstehe. Es ging also nur um blanken Neid, getarnt in moderner Gefühlskälte: Die Sau hat Millionen gekriegt, da soll se sich nicht so anstellen.

  12. 12
    murdock

    @Frédéric Valin: Bei Deisler ist es nicht egal. Nur ist eben auch nicht schlimmer als bei anderen. Was ich mit dem Geld meinte ist, dass er natürlich ganz andere Möglichkeiten hat damit umzugehen. Wie er selber auch sagte, war er dann erstmal eine Zeitand und Nepal. Kann sich natürlich die besten Ärzte leisten. Das macht es mE leichter damit umzugehen, als wenn ich alleinerziehend bin und meinen Lebensunterhalt an der Kasse bei Lidl verdienen muss.

    Deshalb habe ich nicht mehr Mitleid mit ihm als mit irgend einem anderen.

  13. 13
    Christian

    Abgesehen davon, dass es nicht um Mitleid geht:

    Der Seelenzustand der Kassiererin an der Kasse steht aber auch nicht auf der Titelseite von 20 Boulevard-Blättern. Und sie wird auch nicht von ein paar 100.000 Menschen per se mal als top und mal als flop bewertet.

    Wenn schon gegeneinander aufrechnen, dann bitte mit allen Parametern.

  14. 14
    Frédéric Valin

    @murdock: Es gibt immer noch ein Erdgeschoss, und meinetwegen bei Deisler auch einen ersten Stock dazwischen. Aber das Schicksal eines Depressiven, der bei Lidl an der Kasse steht, wird doch nicht weniger schlimm oder schlimmer durch das Schicksal Deislers.

  15. 15
    behindthebeat

    Das Interview hat Deisler eigentlich dem Tagesspiegel gegeben, die Zeit hat es nur übernommen.

    Ich persönlich finde seine Schilderungen bezogen auf die psychische Belastung eines jungen Fußballprofis ziemlich interessant, weil ich vorher noch nie darüber gelesen oder nachgedacht habe. Mir ist es gar nicht in den Sinn gekommen, dass so ein „Junge“ bei der ganzen Kohle, dem Ruhm, den schnellen Autos überhaupt auf schlechte Gedanken kommt. In meinen Augen war Deisler immer ein herrausragender Fußballspieler, aber nach diesem Interview ist er für mich eine Art Künstler. Ein Ballkünstler, Spielkünstler, was auch immer. Respekt!

  16. 16
    Martin

    Das Interview ist recht ähnlich wie das im Tagesspiegel vor ca. 2 Jahren. Ich teile Deislers Fußballphilosophie. Mir geht es auch in erster Linie um Eleganz und Inspiration, wenn ich selbst Fußball spiele.
    Schade, wie es für ihn gelaufen ist. Ich finde aber auch, dass er noch nicht wirklich daraus gelernt hat. Er macht es sich etwas zu leicht mit den Schuldzuweisungen, finde ich.

  17. 17
    pat

    @murdock:
    ich bitte dich diesen kommentar zu löschen. mh, doch nich löschen. lass in ruhig stehen. du bist der mensch für den menschen wie deisler kaputt gemacht werden. nur für ein bißchen unterhaltung beim bier-trinken. jetzt wirst du mich fragen „guckst du denn nich gerne fußball? – doch, tue ich! jeder guckt gerne fußball! was daraus folgt darfst du nun gerne selbst überdenken..
    übrigens:
    deine gebrüdnung mit dem geld ist der letzte schwachsinn. ist geld das höchste gut im leben, was soziale kontakte etc. ersetzen kann? ganz klar NEIN, auch das wirst du noch erleben.
    und ja:
    man kann von einem „ausbeutungssystem“ sprechen. das was deisler hier im bezug auf seine eigene person beschreibt lässt sich numal auf das ganze system übertragen. alles nur für ein bißchen entertainment. naja, brot und spiele! das wussten schon die römer.

  18. 18
    Frédéric Valin

    @pat: Nanana. Jemand, der sich am Stammtisch oder in kleiner Runde das Maul über Stars zerreißt, ist nicht verantwortlich für deren Seelenleben. Mach nicht aus der Mücke Godzilla.

  19. 19

    Jo, ging sogar mir als vollkommen Fussballuninterissierten sehr nah…

  20. 20
    murdock

    @pat: „du bist der mensch für den menschen wie deisler kaputt gemacht werden“

    Was bist du denn für einer?

    Dass Deisler in der Öffentlichkeit stehen würde, das muss ihm vor seiner Karriere schon klar gewesen sein, auch wenn es bei ihm natürlich extrem der Fall war. Dafür bekommt ein Fußballer auch sehr sehr viel Geld. Ich nenne das eben Schmerzensgeld.
    Das macht die Krankheit an sich nicht besser, aber auch nicht schlimmer.

    Ist ja auch egal jetzt. Ich such mir jetzt ne andere Beschäftigung zum Bier-Trinken.. ;)

    ach ja, @pat. hab dich auch lieb.

  21. 21
    ber

    Schade – das Interview liest sich leider sehr vorbereitet oder nachbearbeitet. Deislers Metaphern und Ausdrucksweise klingen etwas zu auswendig gelernt und unnatürlich. Ich glaube der Kommunikationscoach (oder wer auch immer für die Endfassung des Interviews verantwortlich ist) hat da etwas übertrieben.

  22. 22
    Tom

    Schwer zu sagen ob mir das Interview trotz oder gerade wegen meiner Abneigung gegenüber Fußball so gut gefiel. Und mit der Abneigung meine ich nicht gegen das Spiel selbst, denn wie allgemein bekannt und im Interview nochmal betont, geht es beim Fußball nicht um das Spiel, sondern vor allem um alles andere drumherum. Danke für den Link.

  23. 23
    Alberto Green

    Zitronenbäume!

  24. 24
    Hendrik

    Auch wenn das hier sicherlich nicht populär ist:

    Gänsehaut hatte ich bei der Lektüre des Interviews nicht. Und mein Mitleid hält sich auch in Grenzen – nicht, weil Deisler fürstlich entlohnt wurde, sondern weil er sich bewusst für eine Karriere als Leistungssportler entschieden hat. Dass man da – zumal im Fußball – nicht mit Samthandschuhen angefasst wird, hätte selbst einem Jungen aus der schwäbischen Provinz klar gewesen sein müssen. Ich finde, er macht es sich ein bißchen einfach, wenn er jetzt auch im Nachhinein noch allein „die Anderen“ bzw. „das System“ für sein Scheitern verantwortlich macht.

  25. 25
    karmacoma

    Danke für den Hinweis, hätte das Interview sonst sicher verpasst. Manchmal geht es mir heute noch so, wenn Deutschland spielt und ich die Aufstellung lese, dass ich denke, da müsste doch irgendwo auch Deisler auftauchen. Immer in der Hoffnung, er möge nochmal spielen. Während seiner Zeit in Berlin war das das großartigste was ich je von einem Fußballspieler gesehen hab.

    Ich hoffe er macht seinen Weg irgendwie.

  26. 26
    909

    fußballer die gefühle außerhalb des platz zeigen? ich glaub es hackt! momentan würde ihn die hertha aber bestimmt wieder nehmen, er müsste auch nicht trainieren und nur samstags zum spiel erscheinen.

  27. 27
    Jan(TM)

    Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm ich in Verlegenheit … scccrrrttt … dann wünschte ich mir eine Kampange gegen die Verteufelung von Antidepressiva. Bei keiner anderen Krankheit wird man entsetzt angesehen wenn man sagt man nimmt Medis dagegen.

    Als Zeit Leser kannte ich den Artikel schon, hab ihn aber nur angefangen zu lesen. Ich fand die Zitat aus seinem Umfeld am eindrucksvollsten(mir fallen gerade keine passenden Worte ein) und als Krönung dann:

    »Eines der größten Verlustgeschäfte des FC Bayern«
    Edmund Stoiber, Bayern-Verwaltungsbeirat, 2003, als Deislers Depression bekannt wurde

    macht sprachlos, bringt es aber auf den Punkt. So wird man gesehen wenn man nicht funktioniert.

  28. 28
    Nico

    Ich denke, der Mann hat sicher viel einstecken müssen. Er war sehr verletzungsanfällig und vielleicht auch ein bisschen zu klug.

    Im Interview steht nicht, wann er sich psychologische/ psychiatrische Hilfe geholt hat. Das hätte er vielleicht früher tun sollen.

    In jedem Fall: Er verdient Respekt, weil das Buch ein paar Leuten zum Thema Depression die Augen öffnen wird.

    Zu diesem Kassiererinnenvergleich. Wäre da ein DAX-Manager, dessen Gehalt SD zu besten Zeiten mehrmals kassierte, mit einem ähnlichen Problem- keine Sau würde heulen oder auch nur eine Gänsehaut bekommen. Warum? „Dasn Profi, der muss das abkönnen.“ Oder was?

  29. 29
    Andreas

    @Christian: Man muss dem Journalist zu gute halten das er immer wieder impulsiv die Gefühle von Sebastian Deisler zu Papier trägt und daher nicht ganz unbeteiligt an dem Gänsehautfaktor ist. Er überträgt das Interview nicht in eine Metaebene, er richtet einen plastischen Raum ein, in dem beim Lesen das Gefühl für Deislers Worte unterstrichen werden.

    Für mich ein großartiges Interview auf das ich seit Jahren warte und ich bin froh, das diesem Thema viel Raum gegeben wurde.

  30. 30
    schall und rauch

    Ein Fußballprofi, der darüber staunen kann, dass erwachsenen Menschen ein Trikot mit seinem Namen tragen, ist ein wundervoller Mensch. Als Lohn dafür hält die Gesellschaft das Schimpfwort naiv bereit. Hoffentlich hilft dieses Interview dabei, zu verstehen, wie unterschiedlich Menschen die Welt wahrnehmen, und dass man ihr Recht darauf beschützen muss.

  31. 31

    Der Gesamteindruck von Sebastian Deisler bei Günther Jauch stimmt mit dem Titel des Buches keinesfalls überein. Er machte auf mich den Eindruck, daß er noch einen langen Weg bis zu seiner Genesung vor sich hat. In Interviews bestätigt er dies aber auch. Seine Zukunft steht in den Sternen, aber ich empfinde es als sehr traurig, daß solch ein begabter Mensch mit 29 Jahren seinen Traum nicht leben konnte — nämlich Fussball auf höchstem Niveau spielen zu können, nur weil er nicht hart genug für das Geschäft ist. Zuerst wird er von allen als der große Retter für den deutschen Fussball gefeiert und dann genauso schnell wieder fallengelassen und ein sensibler Mensch — wie jeder andere vermutlich aber auch — kann damit nicht gut umgehen. Er war unglücklich und hatte kein Netz, daß ihn aufgefangen hat. Seine Rettung war die Depression, besser als Selbstmord oder andere Krankheiten. Jetzt hat er die Möglichkeit, für sich herauszufinden, was er aus seinem Leben machen möchte. Ich wünsche ihm viel Erfolg dabei.

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