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Maxim Biller: Der gebrauchte Jude

Maxim Biller geht bei mir so: Zehn Seiten machen mich wütend, dreißig melancholisch und am Ende möchte ich ihn, die Welt und sich selbst in den Arm nehmen und sagen: Nimms nicht so wichtig.

Das ist schwierig bei Biller, denn Biller nimmt einiges wichtig, vor allem sich selbst. Deswegen ist sein Selbstbildnis auch nicht das deutsche Pendant von Portnoys Beschwerden gewoden, wie er es sich vielleicht gewünscht haben mag. Sondern ein jüdisches Faserland.

Worum geht’s? Maxim Biller zeichnet seinen Lebensweg oder vielmehr das, was er literarisch davon übrig lässt. Er nennt es ein Selbstporträt, in losen, schnellen Strichen. Es geht um das Jüdischsein im allgemeinen, um das Billersein im speziellen, es geht um den deutschen Kulturbetrieb, und um zarte Mädchenhaut. Ich habe noch keinen Biller-Text gelesen, wo es nicht um zarte Mädchenhaut geht.

Ursprünglich wollte ich einen Verriss schreiben, denn kaum etwas geht mir mehr auf die Nerven als die Selbstverliebtheit, das Selbstmitleid der deutschen Popliteratur und ihre ständiger Hang zu Referenzen aller Art, dropping names, die beiläufige Erwähnung berühmt gewordener Lokale, die Markennamen, weil sie sich selbst nicht genügt. In den meisten Rezensionen zu Biller steht immer, dass er sich in einer Ahnengalerie mit Mann und Roth sieht, dass er es tatsächlich für angebracht hielte, man überreiche ihm den Nobelpreis. Blödsinn. Wenn sich Biller in der Kategorie Mann und Roth sehen würde, würde er nicht über Mann und Roth schreiben. Er weiß sehr wohl, dass das nicht seine Kragenweite ist. Müßig zu spekulieren, ob er ein deutscher Roth sein könnte, wenn er ein bisschen mehr Abstand zu seinen Themen nähme.

„Nimms nicht so wichtig“, das passt nicht zu Biller. Er nimmt sein Deutschsein wichtig, er will besser Deutsch sprechen (und schreiben) als alle anderen Deutschen, um nicht an seinem Minderwertigkeitskomplex zugrundezugehen. Er nimmt seine Jugendträume wichtig, seine Wut, seine Angst, seinen Hass, seine Liebe, seine Anzüge, sein Barthaar, seine Rauchgewohnheiten und seine jüdische Identität. Das ist bisweilen anstrengend, aber es lohnt sich, wenn man darüber hinwegsieht. Und Biller ist ein hervorragender Stilist, was es dem Leser leichter macht, die paar prätentiösen, allzu selbstverliebten Stellen zu überlesen.

Ob Deutschland „Der gebrauchte Jude“ gebraucht hat, ob es ihn nötig hatte, weiß ich nicht. Dass Maxim Biller ihn braucht, um über sich erzählen zu können, darüber hat Henryk Broder in einer viel besseren Rezension, als meine es ist, geschrieben. Und damit völlig Recht gehabt.

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16 Kommentare

  1. 01
    Lutz

    „Faserland“ war gar nicht so schlecht!

  2. 02
    Claus Thaler

    Zu Biller hat doch Richard Kähler schon vor Jahren alles gesagt:

    „Und Ulla (und Gott) sei Dank hatte ich auch das Vergnügen, bei jenem denkwürdigen Auftritt circa 1980 live im Hamburger Zweitausendeins-Laden dabei sein zu dürfen, als ein gerade neu ins Team gekommenes Süßherz, ein mürrischer junger Bursche namens Maxim Biller, sich demonstrativ in der Ladenmitte aufbaute und die versteinerte Mauer der anderen Mitarbeiter (inkl. Ulla) klagend anschrie: »Ihr hasst mich! Ihr alle hier hasst mich! Weil ich ein Jude bin!« — Ach du Elend. Und wir Dummies hatten bisher weder von unserem Hass noch seiner Stammeszugehörigkeit auch nur die geringste Ahnung gehabt!“

  3. 03
    andre

    @Lutz:
    war das nicht kracht?

  4. 04
    martin

    irgendwie nervt biller nur noch…

    …wenn ich es mir recht überlege: irgendwie hat er noch nie etwas anderes getan.

  5. 05
    Phrasenlurch

    Wohl eher Faselland. Hatte den Guten schon Mitte der 80er über, als er in Tempo rüssierte.

  6. 06
    Phrasenlurch

    …“rüssierte“… – ts ts ts.

    Meinte „reüssierte“. Natürlich.

  7. 07
    ole

    … stimmt Broder trifft es besser; lesen werde ich das Buch nicht und mal ehrlich, das Cover ist gräuselich und rückwärtsgewand …

  8. 08
    quasi

    Er faselt anstatt wie die gelehrten Juden es machen jedes Wort abzuwägen nachdem sein Sinn erkannt wurde – diese Mühe macht Biller sich nicht, spielt aber sehr wohl darauf an um als Demokrat und Gewissenswächter nebulöse Geltung zu erlangen.
    Also ich mag ihn und mag ihn auch nicht – er ist zu nachlässig..

  9. 09
    ste

    faseln, nachlässig, sinn … ? was ist denn hier bitte los? was für eine veraltete textmoral herrscht hier? welches bild von einem künstler wird hier entworfen? statt ÜBER etwas zu schreiben (wie es der nervige broder immer tut), traut sich biller von sich zu sprechen.

    deleuze:
    Das „heißt selbstverständlich nicht, für jeden schlägt einmal die Stunde seiner Wahrheit, seiner Memoiren oder seiner Psychoanalyse, es heißt nicht: in der ersten Person sprechen. Sondern es bedeutet, die unpersönlichen physischen oder geistigen Mächte zu benennen, denen man sich gegenübersieht und gegen die man kämpft, sobald man ein Ziel zu erreichen versucht, und dass man das Bewusstsein für dieses Ziel nur in diesem Kampf gewinnt. So gesehen ist das Sein selbst politisch.“ (Deleuze 1993: 128)

    sonstiges: barthes „die lust am text“; foucault „mut und wahrheit“ in: LETTRE INTERN. Nr. 84; goetz „loslabern“

  10. 10
    Pavel

    oh, ich glaube, ste studiert geisteswissenschaften. schon im hauptstudium!!!

  11. 11
    Frédéric Valin

    Biller ist kein Rabbi, und obwohl mir „Faselland“ ziemlich gut gefällt, trifft das für meinen Geschmack nicht den Kern der Sache. Biller ist kein Gelehrter, sondern koketiiert mit seinem Halbwissen. Das darf er auch, das muss er sogar: sonst müsste er Dissertationen schreiben, keine Prosa. Ich bin da ganz bei @ste

  12. 12
    heidrun

    ich fand billers befindlichkeiten schon immer prätentiös und überflüssig. rein technisch gesehen schreiben kann er, klar ist sein stil ganz gut, aber der inhalt? gähn. warum sollte mich das interessieren? gegen was kämpft er denn? gegen antisemitismus? gegen das „deutsche“? ha ha.

  13. 13
    Frédéric Valin

    Er kämpft, denke ich, gegen sich selbst. Er hat sich aufgespalten in „das Fremdartige“ (was bei ihm häufig die jüdisch chiffriert ist) und das Konventionelle, das Deutsche.

    Es stimmt schon, Biller lesen führt zu nichts, wenn man Biller nicht ernstnehmen kann. Denn Biller zu lesen ohne die Medienerscheinung Biller im Kopf zu haben, das macht er einem eigentlich unmöglich.

  14. 14

    Oh, fast sieht es so aus, als ob Broder mit seinem Verriss Text über Biller ein Bewerbungsschreiben verfasst hätte, über seine Eignung als Vorsitzender des Zentralrats.

    Wie auch immer, es ist einer der besseren Broder-Texte, obwohl man sich anschließend kaum sicher sein kann, ob man dem Urteil von Broder folgen mag. Aber bei dieser Rezension ging der Beobachter Broder nicht unter, weil der beißenden Satiriker Broder sich mit irrwitzigen Kapriolen schäumend überschlägt. Es ist eine Rezension mit Zwischentönen, ja, sogar feines Abwägen findet sich – und sie lässt auch eine Ahnung darüber zu, worin der eigentliche Dissenz zwischen Broder und Biller besteht.

    Zu Biller: Er möchte unterhalten. Er möchte amüsieren. Er tut es. Ich mag seinen schriftstellerischen Stil, auch, und vielleicht gerade dort, wo er übergeigt oder die Wirklichkeit im Sinne einer guten Erzählung zurecht biegt Über sein gelegentlich präpotentes Gehabe sehe ich dann gerne hinweg. Sonderlich selbstmitleidig fand ich ihn nie – aber vielleicht muss man für diesen Eindruck auch zunächst den „Gebrauchten Juden“ lesen. Die Besprechungen lesen sich für ich so, als ob wir es mit einem Mann in der Midlife-Crisis zu tun hätten – aber normalerweise ist das, nach allem was man weiß, eine gute Zutat für ein gutes Buch.

    Im Übrigen hatte ich bei Biller immer den Eindruck: Der ist einer von uns. Ich jedenfalls mag ihn – und Broder, so sehr ich seine politischen Ansichten für verkehrt halte, ebenfalls.

  15. 15
    heidrun

    @ frederic: HÄUFIG jüdisch chiffriert? häufig würde ich das nicht nennen, eher pathologisch. und das konventionelle = das deutsche? genau, dass er das immerzu gleichsetzt, nervt so. ich habe echt das gefühl, bei biller handelt es sich um einen betonkopf.
    was ist denn „das jüdische“? und „das deutsche“?

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