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Hertha BSC Berlin – VfL Wolfsburg 0:0

Ich habe mir Hertha immer als alte Tante unter den Bundesligavereinen vorgestellt, eine graue, zahnlose Maus, die zwischen Spitzendeckchen und steinharten Kekschen zusammengekauert auf dem Sofa sitzt und sich alter Zeiten erinnert („Weißt Du noch, damals, Chelsea?“). Man hatte ein wenig Mitleid, vor allem ob des offensichtlich durchweg alkoholisierten Ehemanns und Mentors Hoeneß. Man saß während der Konferenz auf dem Sofa, hat die steinharten Kekse in sich reingefriemelt, still gelächelt und gewartet, bis es vorbei war.

Das war vor letzter Saison.

Inzwischen schleicht sich bei Hertha-Spielen die Form von Mitleid ein, die mich bei DSDS-Siegern überfällt, die nach der ersten Platte in der Versenkung oder auf Mallorca verschwinden und bestenfalls zum Insektenscheiße-Fressen ins Dschungelcamp verfrachtet werden.

(In Neukölln haben die ersten Kneipen ihre Hertha-Fahnen durch Union-Flaggen ersetzt.)

Die Anzahl der Fehlpässe im Spiel nach vorne, diese ganzen Fehltritte haben was tictactoeskes. Die Inspirationslosigkeit auch. Das Loch im zentraloffensiven Mittelfeld ist fast so groß wie die Leere, die Lee unter ihrem Scheitel trägt. Die Abwehr stand in den vergangenen Spielen so fest wie Ricky nach dem fünften Vodka-Martini. Allerdings war Tic Tac Toe zweikampfsstärker.

Und wie Tic Tac Toe auch, scheint sich Hertha inzwischen mit der eigenen Lage abgefunden zu haben. Wie die meisten Tabellennachbarn fanden sie vor lauter Kampf das Spiel nicht, aber das machte nichts, Wolfsburg hatte auch keinen Bock. Ein abseitstor durch Martins, eine gute Chance von Dejagah, schon war die erste halbe Stunde rum.

In Funkels Stirnfalten sammelte sich der Staub.

Immerhin, Hertha kämpfte. Zwischendurch durfte Raffael im Strafraum aufs Tor schießen, ohne dass er den Anschein erweckte, das tatsächlich ernst zu nehmen; aber ansonsten schenkten sich die beiden Mannschaften nichts, außer viel zu häufig den Ball. Fehlpass hier, Stolperer da, Zweikampf, Fehlpass, Stolperer, Fehlpass, Halbzeit.

Kaum zu glauben, dass das die wohl beste Halbzeit der Herthaner in dieser Saison gewesen ist; aber das sagte der alte Mann am Tresen, nachdem er sich sein drittes Bier bestellt hatte. als er lautstark ausatmete, wußte ich nicht, ob aus Erleichterung. Oder Scham.

Es ging in der zweiten Halbzeit so zu wie in der ersten auch, nur ein wenig schneller. Beide Mannschaften sangen das Lied der Moderne, das da heißt: Lob des Fragments. Es gab wohl ein paar Szenen hier und da, einen Fernschuß, einen Zweikampf, aber keine durchgängige Erzählstruktur. („Der rote Faden fehlt“, hätte Marcel Reif gesagt, und: „Es bleibt vieles Stückwerk.“) Misimovic, Dzeko und Dejagah, Ebert und Raffael hatten durchaus ihre Momente, aber es befand sich nichts im Fluß. („Zerfahren“, sagt Reif, „Du musst zerfahren sagen.“) Wenn dieses Spiel einen Autoren gebraucht hätte, dann Döblin. Oder Koeppen. Obwohl, das wäre viel der Ehre.

[Der Rest des Eintrags entstand in Kooperation mit dem Trikotsponsor der Berliner, der Deutschen Bahn.]

Wolfsburg kam, aber zu spät. Der Zug war abgefahren. Dzeko und Dejagah standen auf dem Abstellgleis. Hertha konterte, so gut es ging (nicht gut genug).

Trotzdem: Wenn Hertha so weiterspielt, lösen sie das Ticket erster Klasse erste Liga. Abpfiff, bitte alle einsteigen.

15 Kommentare

  1. 01

    Ach ja, die arme Hertha … zum Glück gibt es in Berlin noch Türkiyemspor!

  2. 02

    Hertha ist doch keine alte Tante. Hertha ist eine alte Dame. Bitte schön!

  3. 03

    Ich sach nur 4:1. So geht das!

  4. 04
    gverilla

    @Gedankenpflug: Einigen wir uns darauf, dass sie ziemlich alt aussieht! ;)

  5. 05
    jaja

    jaja…jammern auf hohem niveau ;)

    wäre nice,wenn ich da mitmachen könnte,…aber vfb oldenburg spielt nur inner *grübel* 5. liga! ;)

  6. 06
    peter h aus b

    @jaja: Da spielt die Hertha ja auch bald, wenn sie so weiter macht..

  7. 07
    BLOOD

    Oh mann, ist hier Treffen der Sportexperten?
    Wenn ich das schon höre, Türkiemspor…..
    omg

    Klar hat Hertha grad ne scheiss-Phase, aber das passiert ja wohl vielen Clubs. Manche steigen dann auch ab und steigen dann wieder nach oben.
    So ist das Leben..
    Es wäre wichtiger, dass die Fans dabei bleiben und sich nicht nach einem Drittel der Saison nach Union umschauen…

  8. 08
    ...

    „Abseitstor“ schreibt man übrigens groß, Herr „Journalist“…

  9. 09

    @...: An einem Satzende drei Punkte stehen zu haben, ist schlechter Stil, Herr Deutschlehrer.

  10. 10
    Patrick

    Also meine Mitbewohnerin aus Barcelona war gestern im Stadion und vermerkte etwas an sich zweifelnd, dass sich das Publikum entusiatisch und jubelnd gezeigt hätte.
    Sie fragte mich, ob das hier so usus sein.
    Naja, bei der Hertha gelten da wohl andere Maßstäbe und schon ein Minimum an Einsatz reicht aus um für Jubelorgien auf den Rängen zu sorgen. Also verwöhnt sind se nich die Jungs au der Kurve!

  11. 11
    behindthebeat

    hertha? kann ruhig absteigen. wäre eine bereicherung für die bundesliga!

    hertha kann das stadion nur füllen, wenns läuft..letzte saison durfte ich n sieg meiner borussia im ausverkauften olympiastadion miterleben. damals war hertha auf platz 1. zum letzten mal übrigens. ;)

    und heute? uefapokal spiele vor 8.000 zuschauern? das sagt alles über den verein, der ungefähr so interessant ist wie die apotheken-umschau. dann doch lieber union im oberhaus!

  12. 12

    Toll, Borussia… Alles arrogante Idioten, wie du beweist. Zum Glück hat’s euch der VfL gestern gezeigt. Gegen einen Drittligisten rauszufliegen haben wir nicht geschafft.
    Und Barcelona… Wenn die da stünden, wo wir jetzt stehen, wäre doch bei denen keiner mehr im Stadion (FC, nicht Espanyol). Und natürlich waren wir froh über das Spiel der Hertha am Sonntag, denn das war ordentlich, und ein großer Unterschied zu den vorherigen Leistungen.

    Ich gebe BLOOD Recht. Allerdings wird Hertha nicht absteigen. Das wäre auch eine Katastrophe für den Klub und die Stadt. Berlin ist ja nicht mal zufrieden mit einem Verein im Bundesliga-Mittelfeld. Berlin bietet so viel, da zieht es wenige zur Hertha, die regelmäßig um nichts spielt. Das ist leider so. Aber die echten Fans kommen trotzdem und würdigen einen Punkt und die gehaltene Null gegen den Meister(!).

    Mir geht es selbst seit Wochen beschissen, weil das Schicksal meines Vereins gerade so ungewiss ist, aber mir geht das ganze negative Gelaber trotzdem auf die Nerven. 24 Spiele sind es noch.

  13. 13
    DonJay

    Also Leute, macht euch ma nich zu viel Gedanken um Hertha. Keiner von uns wechselt zu Union, weil man sein Fan-Herz nur einmal zu vergeben hat – The first cut is the deepest. Leute, die jetzt zu Union wechseln, waren vorm halben Jahr für Hoffenheim, sind alles mögliche nur nicht Fan eines Vereins. die richtigen Unioner sind das übrigens in JEDER Liga, kürzlich war s noch die 4..

  14. 14
    spreemaradona

    Die Häme der selbsterklärten Fussballexperten der Republik müssen wir wohl ertragen. Die bleibt ja nicht einmal aus, wenn wir um die Meisterschaft spielen. Da war es ja nur Dusel. Aber was sollen wir jetzt tun? Werder-Fans werden, weil die so schönen Fußball spielen? Oder ins Millerntor-Stadion pilgern, weil es so kultig ist? Ich finde die nostalgischen „Fußball-Intellektuellen“ sollten in ihrem – aus dem Elfenbeinturm geführten – Kampf gegen den „modernen Fußball“ froh sein, dass es noch Fans gibt, die unabhängig vom Abschneiden ihrer Mannschaft zu ihrem Heimatverein stehen.
    Und warum sollten wir in einem Europa-League-Spiel gegen Heerenveen mehr Zuschauer anziehen müssen, als der glorreiche FCB im alten Olypiastadion gegen Dynamo Kiew (16.000 waren es damals)? Und über die angeblich so großartige Stimmung im Camp Nou soll mir niemand was erzählen, der nicht selbst dort war und die eisern schweigenden Erfolgsfans zwischen tausenden Party-Urlaubern aus aller Welt erlebt hat.
    Aber ich versinke jetzt nicht im Selbstmitleid noch hege ich Groll gegen euch. Ihr dürft auch weiterhin auf der Suche nach dem ultimativen Electro-Club durch meine Stadt ziehen (möglichst „drüben“) und das alles total aufregend finden.

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