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Die Uganda Skateboard Union — Interview mit Yann Gross


Yann Gross‘ Fotos erzählen ungewöhnliche Geschichten.
Eine handelt von Skateboard-Pionieren in Uganda, vom Spaß, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, von Stolz auf Brettern und Glück auf Rollen.
Von Entwicklungshilfe handelt die Geschichte nicht.

SB: Was trieb dich nach Uganda? Kanntest du den Skatepark schon, oder bist du vor Ort drüber gestolpert?

Yann Gross: Meine Freundin ging für ein Jahr nach R.D.C. (Demokratische Republik Kongo) und Uganda, um dort zu arbeiten. Bevor sie fuhr brachte ich ihr Skaten bei, was ihr großen Spaß machte. Sie wollte während ihres Aufenthalts in Afrika weiter üben, also suchten wir nach Plätzen dort. Wir fanden einige Bilder im Netz und forschten nach. Sie entdeckte den Platz in Kitintale und fuhr einige Male dorthin.
Ich besuchte sie für zwei Wochen in Uganda, dann musste sie zurück in die R.D.C., ich entschied mich, zu bleiben. Zwei Monate verbrachte ich 2008 in Kitintale und kehrte im letzten Sommer nochmals dorthin zurück.

SB: Wie entstand der Park?

Yann Gross: Das ist eine lange Geschichte.
Jackson Mubiru, ein junger Mann aus Kitintale traf zufällig Shael Swart, einen südafrikanischen Skateboarder, auf dem Parkplatz des National Stadiums. Shael brachte ihm das Skaten bei und sie wurden Freunde.
Shael schlug vor eine Halfpipe zu bauen und weil Jackson keinen Schimmer hatte, wovon er sprach, schnitt er eine Dose in der Mitte durch und sagte: „Das ist eine Halfpipe!“
Es brauchte einige Monate, um sie tatsächlich zu bauen. Jacksons Mutter stellte ihnen für das Projekt ein Stück Land zur Verfügung und sie fanden Wege, Geld für den Bau zu sammeln.
Zu dem Zeitpunkt skateten grade mal fünf Kids mit Jackson. Shael verliess Uganda einige Wochen nach dem Bau der Halfpipe.
Ein Jahr später traf Jackson Brian Lyle, einen kanadischen Praktikanten, der auf dem Parkplatz skatete. Weil es sonst keine Skater in Uganda gab, stellte er sich vor und erzählte von der Halfpipe.
Brian konnte es nicht glauben und begleitete Jack sofort zum Platz, wo er einen Haufen barfüssiger Kids fand, die auf einem Brett die Rampe rauf und runter rollten. Er war so beeindruckt, dass er die bis in die Nacht mit ihnen skatete und blieb.
Jackson und die Kids waren neugierig zu hören, was Brian über Skateboarding wusste. Er brachte ihnen einige Magazine und Filme übers Skaten mit. Die Kids erkannten, worum es bei diesem Sport ging und planten zusammen mit Brian den Ausbau des Parks.

SB: Findet die Eigeninitiative Unterstützung seitens der Regierung oder anderer offizieller Einrichtungen?

Yann Gross: Es gab weder von der Regierung noch von NGOs Unterstützung. Es ist ein Graswurzelprojekt, realisiert durch den Willen von Jugendlichen. Das Gelände gehörte Jacks Mutter und die Kids bauten den Park allein. Sie haben ihn entrümpelt, gemauert, betoniert usw. Mit Brians Hilfe bekamen sie genug Geld für das Material zusammen und Jacks Bruder arbeitete bei einem Bauunternehmen, was enorm half.

SB: Gab und gibt es internationale Hilfe?

Yann Gross: Nicht viel. Zu Beginn gab es überhaupt keine Unterstützung, inzwischen schicken verschiedene Skateboardfirmen Boards, Schuhe und andere Sachen.
Was finanzielle Hilfe angeht, gibt es eine Handvoll Skater, die Geld für die Reparatur der Rampen spendeten. Aber es ist wichtig, dass das Projekt unabhängig bleibt; die Strukturen sind auch viel zu klein, um schnell zu wachsen. Von einer großen NGO gefördert zu werden, wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Langsam aber sicher lernen die Ugander so, mit den Medien und Sponsoren umzugehen. Wir sind drei „nicht-ugandische“ Mitglieder in der Uganda Skateboard Union und auch wenn wir uns natürlich ebenfalls nach Spendern umschauen, liegt unser eigentlicher Job in der Beratung. Der Ansatz ist ein völlig anderer, als bei Skateistan, obwohl das auch ein großartiges Projekt ist.

SB: Du schreibst, durch das Projekt hätten die Kids ein Bewusstsein für Zusammengehörigkeit entwickelt. Wie sieht das Leben in Uganda üblicherweise aus, was hat sich durch’s Skaten verändert?

Yann Gross: Kitintale ist ein Vorort von Kampala, in dem nur Arbeiter leben. Einige der Kinder besuchen keine Schule, weil ihre Eltern sich das Schulgeld nicht leisten können. Es gibt kaum Freizeitangebote, besonders wenn du kein Geld hast. In den Straßen ist die Langeweile also allgegenwärtig.
Durch das Skateboarden haben sie etwas, das sie zusammen bringt. Das hätte auch Fußball oder Cricket sein können, aber ihre Story ist eine andere, sie sind Pioniere: sie sind die ersten Skateboarder in Uganda! Das macht sie zu etwas Besonderem und sie sind sehr stolz darauf. Sie wollen den Sport im eigenen Land und in Ostafrika bekannt und populär machen. Es ist ein gemeinsames Ziel, das sie sich gesetzt haben und das zeigt, wie viel stärker sie sind, wenn sie zusammen daran arbeiten. Sie entwickelten Regeln, an die sich alle hatten müssen. Jack spielt hierbei eine zentrale Rolle. Wenn sich ein Kind daneben benimmt (sich prügelt, ein Skateboard nicht teilen will, Jüngere verarscht etc.), wird es bestraft. Die Skater treffen sich, diskutieren das Problem und entscheiden über den Fall.
Ein Störenfried kann mehrere Monate Platzverbot bekommen.
Jack sorgt sich sehr um die Jugend seiner Community und nutzt das Skaten, um sie zu beschäftigen und schlechtes Verhalten zu ändern. Er besucht oft die Eltern der Jüngeren, um sich nach ihrem Verhalten zuhause zu erkundigen.

SB: Auf dem Blog der Skateboard Union las ich, die Skater hätten in einem Musikvideo mit gemacht?

Yann Gross: Ja, die Geschichte mit Navio ist lustig! Er ist ein echter Superstar in Uganda. Ein paar der Kids skateten auf der Suche nach neuen Plätzen grade durch die Stadt, als Navio vorbei fuhr. Er war beeindruckt von ihren Fähigkeiten und überrascht, diesem Sport in Uganda zu begegnen, also sprang er aus dem Wagen und fragte sie, ob sie in einem seiner Videos mitmachen würden.

SB: Nimmt die Öffentlichkeit in Uganda den Sport inzwischen wahr?

Yann Gross: Letztes Jahr haben wir einen Wettbewerb organisiert. Ich hatte jede Menge Skateboard-Zubehör von Schweizer Sponsoren gesammelt, wollte es aber nicht einfach verschenken wie der gute Prinz. Die Idee eines Wettbewerbs war spannend, denn wenn die Kids etwas gewinnen wollten, mussten sie etwas dafür tun, es sich verdienen. Wir wollten damit ausserdem die Community anspornen, ihre Eltern und Verwandte zum Wettkampf einzuladen. Die Kids waren stolz, ihnen das Ergebnis ihres harten Trainings zeigen zu können.
Wir präsentierten die Contest-Idee verschiedenen Unternehmen in Uganda, die ihn sponsoren sollten, erklärten Zeitungen und Fernsehanstalten des Landes worum es ging, luden Leute aus dem nationalen Sportrat und Mitglieder des Ministeriums zum Event ein.
Der Wettkampf wurde ein Riesenerfolg und die Medienberichterstattung war enorm. Seither interessieren sich die Menschen für den Sport und einige Unternehmen fragen nach Werbekooperationen mit den Skatern.
Früher kannte niemand die Skater, aber wenn sie jetzt Sonntags durch die leeren Straßen der Stadt fahren, hört man schon mal: „He, das sind doch die Skateboarder aus dem Fernsehen!“

SB: Die Kids eifern den großen Namen in der westlichen Skater-Szene nach (du selbst hast ihnen ein paar Tricks beigebracht). Die westliche Welt hat aber immer auch von den kulturellen Einflüssen Afrikas profitiert.  Glaubst du, wir werden uns in Zukunft durch die Kitintale-Skills inspirieren lassen können?

Yann Gross: Ich hoffe es! Die Kids sind sehr kreativ, aber interessanter finde ich, wie sie ihr Spiel entwickeln. Sie verstehen Skateboarding nicht als eine Untergrund-Bewegung von der Straße, für sie ist es ein ernstzunehmender Wettkampf-Sport. Bei uns ist Skaten ein Individualsport, jeder sucht sich seine eigenen Sponsoren und trainiert für sich. Das Ziel der Union ist es, Skateboarding zu einem Nationalsport zu machen. Das ist ein ganz anderes Konzept, das Teamgeist braucht.
In Zukunft wollen sie Schul-Wettkämpfe organisieren, bei denen verschiedene Schulteams gegeneinander antreten. Die Besten kämen ins Nationalteam, das andere Länder herausfordert, eine Art afrikanischer Skateboard Cup, der von einer Nation statt von einem Einzelnen gewonnen wird.
Momentan bekommt man kaum Skateboard-Equipment in Uganda, es gibt keinen Markt dafür. Wenn du also in Uganda skaten willst und nicht grade ein reiches Söhnchen bist, kommst du an der Uganda Skateboard Union nicht vorbei, weil sie die einzigen sind, die Skate-Ausrüstungen als Spenden bekommen. Du kannst also nicht skaten, ohne die Regeln der Union zu respektieren.

SB: Deine Arbeiten dokumentieren den Zauber des Gegensätzlichen. Sie zeigen Menschen, die nicht homogener Teil ihres Lebensraums sind, sondern teils sehr ungewöhnliche Arrangements für sich finden, ihrer  Umwelt zu trotzen.
Bezeugen deine Bilder die Suche nach Glück?

Yann Gross: Ja, genau. Die meisten meiner Arbeiten drehen sich genau darum. Jeder sucht irgendwie nach Glück und manchmal entstehen daraus außergewöhnliche Situationen. Ein Gefühl für Gemeinschaft ist dabei wichtig, du kannst deine Träume, Projekte und Ideen teilen.

SB: Du reist viel um die Welt. Wo warst du dem Glück am nächsten?

Yann Gross: Es kommt weniger auf den Ort an, als auf die Menschen, mit denen du zusammen bist. Glück ist etwas, das man teilen muss. Ich verbringe meine Zeit z.B. gern in den schweizer Bergen, weil meine Freunde dort sind. Ich habe Brasilien geliebt, weil sich dort enge Beziehungen entwickelt haben.
Genau wie in Uganda: der Skatepark ist eine kleine Insel des Glücks!

Kitintale from Yann Gross on Vimeo.

Die erste Halfpipe wurde beim letzten Regen zerstört, die Uganda Skateboard Union freut sich deshalb über jede Form der Unterstützung. Wem der Weg nach Kitintale zu weit ist, kann per Spende dazu beitragen, dass das Projekt weiter besteht oder gar wächst. Alle Spenden gehen direkt an die Uganda Skateboard Union.
Per Paypal an: skateboarduganda@yahoo.com

Links:
Yann Gross
Uganda Skateboard Union

13 Kommentare

  1. 01
    newroses

    und ab mit dem link in den sudan ! :-)

  2. 02
    pell

    Obwohl ich Skateboards liebe und seit Jahren fasziniert mitmache, weiß ich das Wort „Kreativität“ nicht so ganz damit zu verbinden.

  3. 03

    @pell: Nicht? Sich einfallen zu lassen, was sich mit einem Brett und vier Rollen so alles tricksen lässt (und wo!), finde ich mehr als kreativ!

  4. 04
    Tim

    Dort geht meine Jahresendspende hin. Sk8 till you die!

  5. 05

    eine originelle Art für die Jugend sich da zu beschäftigen, wobei Ich ehe erwartet hätte, dass Sie etwas mit fusball unternehmen.

  6. 06
    pell

    @Tanja Haeusler: Siehst du dann eher das Ergebnis als Kreativität oder allein schon den Prozess, bis dieser Trick gestanden ist oder ob er auch hier und da funktionieren könnte?

  7. 07

    @pell: Kreativität liegt schon in der Idee selbst und beginnt also schon vor ihrer Umsetzung.
    Kreativ ist der Gedanke: „Hey, Bretter schwimmen auf Wasser, vielleicht könnte ich mithilfe eines Brettes auf Wellen stehen!“
    Und dann:
    „Wenn das auf Wasser funktioniert, klappt’s vielleicht auch mit Rollen auf der Strasse.“ usw.

  8. 08

    @pell: Als ich mich noch länger als drei Sekunden auf einem Skateboard halten konnte, war der Ollie noch nicht erfunden, niemand hat das gemacht. Wir waren damit beschäftigt, uns mehrmals um die Hinterachse zu drehen oder einen Kickflip zu üben. Die Entwicklung neuer Tricks hat meiner Meinung nach durchaus mit Kreativität (und Mut „¦) zu tun.

  9. 09
    pell

    @Tanja Haeusler: Ja, aber du erklärst den Ursprung, was auf jeden Fall ein kreativer, ja künstlerischer Akt war. Die Entstehung neuer Tricks unumstritten auch. Aber wenn wir alle die selben Tricks machen, ist das dann Kreativität? Darauf möchte ich hinaus.

    @Johnny Haeusler: Hätte nicht gedacht, dass der Kickflip vor dem Ollie existierte. Aber da widerspreche ich dir auch gar nicht. Die Kreation neuer Tricks würde ich stets als kreativ bezeichnen.

  10. 10

    @pell: Nö. Nachmachen ist völlig unkreativ.
    Die Bedingungen, unter denen die Kids in Uganda skaten, sind völlig andere, als hierzulande. Einfach alles nachmachen geht sicher nicht, weshalb sie sich gezwungener Maßen etwas einfallen lassen müssen.
    Dahin ging meine Frage im Interview und so ist, denke ich, auch die Antwort gemeint.

  11. 11

    yoo… thank you for this style.

  12. 12

    Eigeninitiative und Zusammengehörigkeit verbunden mit ein wenig finanzieller Unterstützung lassen aus dem Nichts etwas sinn- und wertvolles entstehen.

    Das gilt überall auf der Welt und zeigt was Menschen zu schaffen in der Lage sind.

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