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Die Kritik der Kritik der Kritik der Technik

Da prallen Welten aufeinander. „Früher war einiges besser“ versus „Früher war einiges schlechter“, das ist immer der Grundtenor von Technikkritik versus Technikkritikkritik. Kathrin Passig hat mit einem technikkritikkritischen Text angefangen, kürzlich hat Ronnie Vuine in gewohnt pessimistisch-nachdenklicher Manier geantwortet, und ich würde gerne mal sehen, wie weit man das Rad der Kritik an der Kritik jener Kritik, die es zu kritisieren kann, weiterdrehen darf, bis irgendwem das Lösungswort einfällt. Ich kaufe ein M.

Grundsätzlich: Technikkritikkritik nimmt den Leser ja immer mit in die Vergangenheit, um zusammen mit ihm über die ganzen Idioten zu lachen, die es schlechter gewusst haben als wir jetzt. Als würde Homer Simpson ins Museum gehen und über den idiotischen Neandertaler lachen, weil der für sein Lagerfeuerchen keine Zündhölzer benutzt. Die Perspektive ist die des erfolgreichen Geschäftsmannes, der auf sein Leben zurückblickt und den vielen Spöttern und Skeptikern hinterherruft, wie sehr sie sich geirrt haben und was für Idioten sie sind. Dass sie Idioten sind, beweist er durch seine schiere Existenz.

Klar, das wird dem Text von Kathrin Passig nicht gerecht. Sie zeichnet eine Landkarte der Technikkritik-Argumente und kommt auf neun:

1. What the hell is it good for?
2. Wer will denn so was?
3. Die Einzigen, die das Neue wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
4. Das Neue ist eine Mode, die vielleicht wieder vorbeigeht.
5. Täuschen Sie sich nicht, durch das Neue wird sich absolut nichts ändern.
6. Das Neue ist nicht gut genug.
7. Schwächere als ich können damit nicht umgehen!
8. Es schickt sich nicht, das Neue (Buch, Mobiltelefon, Notebook etc.) in der Öffentlichkeit zu benutzen.
9. Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren.

Nicht alle Argumente, die Kathrin Passig demaskiert, sind überflüssig. Die Frage, was der neuartige Scheiß eigentlich soll, wird mir persönlich zu selten gestellt. Immerhin hat uns diese Frage den batteriebetriebenen Tortenheber erspart. Dafür gibt es Bieröffner, die bei Kronkorkenkontakt „Jingle Bells“ abspielen.

Und die Frage „Wer will denn sowas?“ ist häufig der Tod einer neuen Erfindung. Dieser Frage meiner Mutter hatte ich beispielsweise nichts entgegenzusetzen, als sie mir sagte, mein Maoambräter sei zwar ein äußerst erstaunliches Ding, aber wozu bräuchte man den Kram? Ich war sechs, das war das Ende meiner Erfinderkarriere. Ähnliches hätten die Mütter der Erfinder des Butterstiftes oder der solarbetriebenen Taschenlampe sagen sollen, aber ach: sie waren zu nachsichtig, diese Mütter.

Es sind also nützliche und bedenkenswerte Fragen bei Passig, auch wenn sie hier häufig in ihrer lächerlichen Form auftreten. Andere Fragestellungen sind komplett überflüssig oder zu narzistisch, als dass man den Kritiker noch ernstnehmen könnte (Punkte 4 bis 8). Aber ich will hier gar keine Detailkritik an Passigs Liste vornehmen.

Tatsächlich schlägt Kathrin Passig zwei Auswege vor, wie man der verkrusteten, altvorderen, hinterwäldlerischen Art der Technikkritik entgehen kann: entweder man umgeht die aufgezeigten Standardkritikpunkte. Oder – man lernt zu verlernen.

Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare.

Und wer will schon mit einer Glatze, die er selbst nicht als Glatze anzuerkennen in der Lage ist, durch die Gegend laufen.

Ich kaufe ein E.

Ronnie Vuine würde jetzt unter Umständen hier schreien. Jedenfalls nervt ihn die Technikkritikkritik, denn sie ist hochnäsig und vergisst bei der Bewertung vergangener Neuerungen, dass sie sie erst im Nachhinein einordnet. Ihre Prophezeiungen für aktuelle oder zukünftige Neuerungen also nichts wert sind. Als würde ein Erfinder, der Kopfbedeckungen aus Weiden vorstellt, sagen: Aber der Korbstuhl hat sich doch auch durchgesetzt!

Man merkt“™s nicht, was die Bildung mit einem macht oder nicht macht. Immer, wenn die Technologiekritikkritik wieder ihre Aber-die-Welt-ist-nicht-untergegangen-Figur macht und so tut, als hätte die Gegenseite behauptet, das würde sie tun, denk“™ ich mir: Ähm. Manche von diesen drolligen Trotteln der Vergangenheit waren schon sehr kluge Leute, und man könnte ihre Argumente gegen manche Innovationen, die uns selbstverständlich geworden sind, durchaus prüfen. Bei uns ist noch nicht heraus, ob wir Deppen sind, fest steht, wir würden“™s nicht merken, wenn es so wäre.

Ich kaufe ein A.

Es geht in der Debatte häufig um gut gegen schlecht, es ist eine moralische, eine ideologische Diskussion. Und eine Diskussion, wo es um den Lifestyle geht. Enzyklopädien gegen Wikipedia, Kunstdrucke gegen Graffiti, Höhlenmalerei gegen kleine Holzskulpturen, Bilder- gegen Keilschrift. Die Diskussion ist so alt wie die Kultur.

Deswegen ist sie noch lange nicht unnötig. Aber ein bisschen mehr Realismus würde der Sache gut tun, ein bisschen mehr Abstand, weniger Spott auf der einen, weniger verletzte Eitelkeit auf der anderen Seite. Eine Kritik an der neuen Technik kann sich daran festklammern, dass Veränderungen eintreten; oder wie sie eintreten. Aber statt die Debatte auf der kulturellen Ebene zu führen, täte sie gut daran, sich nützlich zu machen. Denn was die Technikkulturkritik ja immer vergisst: Es sind immer noch Literaten, die schlechte Literatur produzieren, und nicht Tastaturen.

Diethmar Dath hat in einem De:Bug-Interview gesagt:

Jedes von Menschen erzeugte Instrument dient einem von Menschen gesetzten Zweck, der nicht aus der Beschaffenheit des Instruments, sondern aus dem Willen der betreffenden Menschen folgt. Ich gehe mal davon aus, dass die möglichst wenig stumpfe Arbeit tun wollen und viel spielen, genießen, leben. Soweit Technik dazu hilft, her damit.

Aufgabe der Technikkritik ist oder wäre es, herauszufinden, ob diese eine Technik hilft. Dazu braucht es die Frage nicht, ob es insgesamt Fortschritt gibt, ob alles besser oder schlechter wird. Man muss Probleme isolieren, um sie zu lösen. In einer feinen Welt hilft die Technikkritik beim Isolieren, und die Technik beim Lösen.

Es greift halt doch alles eins ins andere.

Ich kaufe ein T und möchte lösen: Meta.

36 Kommentare

  1. 01

    „ž“¦ der nicht aus der Beschaffenheit des Instruments, sondern aus dem Willen der betreffenden Menschen folgt.“

    Das ist doch genau der Denkfehler: Werkzeuge enstehen durch Willen (ich will damit) und Gebrauch (mal sehen, was ich damit machen kann).

    Mit dem Netz macht man genau das gerade und kommt zu unterschiedlichen Möglichkeiten und Ergebnissen (deshalb die sich scheinbar widersprechenden Texte). Die Form ist wandelbar, deshalb kommt man nie zum Ergebnis (wie bei Silikon).

    In Japan zB beeinhaltet die perfekte Form den Gebrauch (der Griff eines Messers zB ist zylindrisch und keine ergonomische Wurst).

  2. 02

    „Immerhin hat uns diese Frage den batteriebetriebenen Tortenheber erspart.“

    Jein. Denn ich nehme an dass dieser Tortenheber der auf Knopfdruck Musik spielt dafuer Batterien braucht. Womit er in gewissem Sinne batteriebetrieben waere.

    Sorry.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @Armin: Oh. Scheiße. Der Untergang ist nah. ;)

    @Martin: Trotzdem ist der Gebrauch nicht willenlos. Du kannst mit einer Waschmaschinentrommel Fische fangen, auch wenn sie dafür nicht gedacht ist. Der Wille, Fische zu fangen, kommt vom Fischer.

    Oder missverstehe ich Dich?

  4. 04

    „Bieröffner, die bei Kronkorkenkontakt ‚Jingle Bells‘ abspielen“.

    – Mensch, so einen hab ich erst letztens gesucht! Wo gibts die?

  5. 05
    Kinch

    „žDie Frage, was der neuartige Scheiß eigentlich soll, wird mir persönlich zu selten gestellt. Immerhin hat uns diese Frage den batteriebetriebenen Tortenheber erspart. Dafür gibt es Bieröffner, die bei Kronkorkenkontakt „žJingle Bells“ abspielen.“

    Erschöpft sich die Frage an solchen Beispielen?

    Wenn sich jemand findet, der so etwas bauen will und wenn sich jemand findet, der so etwas nutzen will, dann ist die Frage doch für diese beiden geklärt. Welche Zweck soll denn eine Kritik daran haben? Denn schließlich ist es eine freie Entscheidung der Menschen welche Techniken sie verwenden wollen.

    Das Hauptproblem an der Technikkritik, das zumindest mir immer wieder übel aufällt, ist dass sie im Grunde nur ein Klagelied auf den eigenen Fatalismus ist. Man hat offensichtlich selbst nicht den Willen sich der Technik zu verweigern, beklagt dann aber nicht die eigene Charakterschwäche, sondern die Technik, wie ein Alkoholkranker der behauptet willenlos dem Alkohol ausgesetzt zu sein, der quasi von selbst in die Kehle fließt.

    Ronnie Vuine, geht da anscheinend genauso vor:

    „žDazu kriege ich, als zeitgenössische Hervorbringung, jeweils einen Wikipediaartikel von einem Rudel siebzehnjähriger Trolle jedweden Alters, die sich erkennbar mitten im Absatz gegenseitig ins Wort fallen, weil immer jemand zur Stelle ist, der ein noch größeres Maß an kleinkariertem Wichtigtuertum in einen noch alberneren Satz packen kann. Vielleicht kommt ja Passigs Erwachsenenbildung wirklich und erlöst mich von der Erinnerung an Zeiten, in denen man noch Enzyklopädien pflegen konnte, die nicht von Gartenzwergen gemacht wurden.“

    Mein Gott: Soll er halt Wikipedia NICHT benutzen. Ich kann nicht nachvollziehen, was daran aufregungswürdig ist.

  6. 06
    Frédéric Valin

    @Kinch: Das ist zu kurz gedacht. Seit es wikipedia gibt, befriedigt sie das Informationsbedürfnis vieler Leute und also gibt es weniger Bedarf an traditionellen Lexika und also kommen Meyers, Brockhaus und Co in finanzielle Schwierigkeiten und also werden sie entweder sehr sehr teuer oder ganz eingestampft.

  7. 07
  8. 08
    Tharit

    „Aufgabe der Technikkritik ist oder wäre es, herauszufinden, ob diese eine Technik hilft. Dazu braucht es die Frage nicht, ob es insgesamt Fortschritt gibt, ob alles besser oder schlechter wird.“

    Genau diese Frage braucht es. Nicht um beurteilen zu können, ob eine spezifische Technik nützlich und wünschenswert ist, sondern um die Sinnhaftigkeit und moralische Qualität technischer Entwicklung im Allgemeinen zu hinterfragen. Der Blick über den Tellerrand ermöglicht Erkenntnisse, die durch Baden in der Suppe allein nicht erreichbar sind. Würde sich Technikkritik nicht mit dieser Frage beschäftigen, wäre sie nicht Technikkritik sondern Nutzwertanalyse.

    Im Übrigen sprichst du ja selbst das Problem an, dass die Bewertung einer Technik aus zeitgenössischer Perspektive mögliche zukünftige (positive wie negative) Auswirkungen gar nicht ausreichend einbeziehen kann. Isolation macht die Lösung oder Umgehung dieses Problems unmöglich.

    Eins noch: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass du, Frederic, hier eine Meta-Meta-Analyse betreibst und dabei die Technikkritik zur Problemisolation verdammen möchtest. ;)

  9. 09
    Kinch

    Natürlich verdrängt neue Technik manchmal die alte Technik. Es ist doch aber eher selten der Fall, dass die neue Technik alternativlos bleibt. Ronnie und seine Kommentatoren beklagen ja die Menge an Scheiße im Internet. Dabei ist es in den meisten Fällen nun wirklich trivial Seiten die man als beschissen empfindet, einfach nicht aufzusuchen. Analog verhält es sich mit Batterie betriebenen Tortenheber, oder singenden Flaschenöffner.

    Das Problem bei den minderwertigen Angeboten im Internet ist ja wohl eher, dass es schwer ist, zwischen ihnen die höherwertigen Angebote zu finden. Aber niemand ist tatsächlich gezwungen zu „žgoogeln“. Wer seine Zeit trotzdem damit zubringt sich durch den Dschungel an Schmonzens zu kämpfen, sollte mal darüber sinnieren warum, er das tut: Offensichtlich scheint es ihm das wert zu sein.

    Und speziell bei Wikipedia: Vielleicht denke ich da zu ökonomisch, aber ist in meinen Augen nicht Wikipedias Schuld, dass die klassichen Enzyklopädien aussterben. Daran sind die Nutzer schuld, die für sich Wikipedia als ausreichend erachten und kein Geld mehr für klassische Enzyklopädien ausgeben.
    Natürlich kann man sich auf die Position versteifen, dass die Masse der Nutzer zu dumm sind eine für sich intelligente Wahl zu treffen und man sie deshalb zwingen müsste Enzyklopädien zu kaufen, vor allem damit man selbst auch weiterhin billig an Enzyklopädien kommt. Mit „žTechnologiekritik“ hat das in meinen Augen aber nichts mehr zu tun.

  10. 10
    Frédéric Valin

    @Tharit: Das ist in der Tat ironisch.

    Aber zu Deinem Punkt: Damit landet man doch automatisch wieder bei Grabenkämpfen, weil sich verifizierbare oder falsifizierbare Aussagen gar nicht machen lassen. Die Diskussion, was verschwindet und was neu auf der Bildfläche auftaucht, lässt sich auch jenseits von „das ist fortschritt versus das ist Rückschritt“ führen.

  11. 11

    He! Mein Haupthaar ist, soweit ich weiß, vollkommen intakt. Allerdings… in diesem neuen Lichte…. kann das mal jemand bestätigen, kurz? (Verdammt, der Zweifel!)

    Beiseite: Beide Texte taugen wirklich nicht zum Ausgangspunkt einer irgendwie ernsthaften technikkritischen Debatte – dazu sind sie nun echt zu anekdotisch, albern und rhetorisch. Eine Grundlage (nur eine) für eine fruchtbare Auseinandersetzung nennt Frédéric ja schon: Die Frage der Autonomie des Menschen von seinen Umständen (zu denen die Technikgeschichte gehört). Wenn man da mal anfängt, steckt man ruckzuck tief im Weltbildmorast, und dafür wär‘ eine Menge mehr Sorgfalt und Vorsicht gefordert, als wir hier hinkriegen. (Jedenfalls ich.)

  12. 12

    Oben wurde gesagt, es sollte darum gehen ob eine Technik „insgesamt Fortschritt“ bringt. Ich denke, das ist genau die wirklich schwierige und letztlich nur politisch zu regelnde Frage. Leider nie abschließend zu beantworten.
    Ob der Nutzen für den Nutzer da ist, entscheidet der Nutzer, klar. Und wenn der Produzent das für sich falsch eingeschätzt hat, Pech für ihn.
    Aber was, wenn der Einsatz der Technik auch andere betrifft (oder um es noch komplizierter zu machen: könnte, aber keiner weiß das so genau)? Woher sollen dann die Kriterien der Technikkritik kommen? Ich meine in einer weltanschaulich neutralen, pluralen Demokratie. Im Recht zB gibt’s gegenwärtig als Kriterium gültiger Bedenken eigentlich nur Gefahr für Leib und Leben, alles andere bleibt dann Technikkritik im Feuilleton. Und nachweisbar Gefahr für Leib und Leben bringen dann doch verhältnismäßig wenige Techniken mit sich.

  13. 13
    Tharit

    @Frédéric Valin: Auch wenn Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit nicht gegeben sind, stellt sich dennoch die Frage nach der Verteilung der „Beweislast“ im Sinne von „Argumentations-Bringschuld“. Technikkritik der allgemeinen Art nimmt die Entwickler jeglicher Technik von vornherein in die Schuld. Beschränkt sich Technikkritik dagegen auf die Überprüfung spezifischer Techniken, liegt die Last plötzlich auf ihrer Seite.
    Meiner Ansicht nach müssen beide Seiten in einem Gleichgewicht gehalten werden, das potentiell wünschenswerten Fortschritt nicht völlig ausschließt und gleichzeitig nicht-wünschenswerten Entwicklungen Hürden entgegensetzen kann. Der Zweifel gehört zum Wesen der Wissenschaft. Vielleicht auch der am eigenen Haupthaar. ;)

  14. 14
    Frédéric Valin

    @spalanzani: Vor gut anderthalb Jahren, da war Ihr Haupthaar voll und glänzend, das man hätte Lieder drüber schreiben mögen! Ich hatte nicht vor, Sie zu beunruhigen, allein, die Pointe…

  15. 15
    Robert

    Kannst du vielleicht mal den Maoambräter etwas näher erläutern?

  16. 16
    Frédéric Valin

    @Robert: Das war meine erste kleine Schweißarbeit, so eine Art Pfanne. Wenn man da Maoam reingetan hat, die Heizung im Kinderzimmer auf sechs, den Maoambräter draufgestellt und anderhalb Tage gewartet hat, wurde das Maoam ungenießbar.

    Funktionierte übrigens auch mit Gummibärchen.

    @Tharit: Aber, dann ist der Generalvorwurf an den Entwickler doch nichts weiter als eine taktische Maßnahme?

  17. 17
    aint misbehavin

    Kurze Detailanmerkung: Lediglich die Vokale mußte man beim Glücksrad „kaufen“, die Konsonanten erhielt man durch raten.

  18. 18
    Tharit

    @Frédéric Valin: Nein. Der „Generalvorwurf“ ist ja nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern tatsächlich direkter Ausdruck einer skeptischen Grundhaltung. Das schließt ja nicht aus, dass diese Skepsis innerhalb der Diskussion über technischen Fortschritt auch von außen betrachtet eine sinnvolle Funktion erfüllt.

  19. 19
    credo

    Bei der Technologiekritik geht es letztlich um Jung gegen Alt. Wer mit einer neuen Technik aufwächst, hat keine Probleme mit ihr. Wen sie in gereifteren Jahren überfällt- wie mich, bin fast 50- der verzweifelt sehr oft an ihr. Das will man aber ungern zugeben- also daß man selbst zu unflexibel ist zum Erlernen neuer Dinge- und daher kommt das Computerbashing. Ich gebe zu: ohne jüngere Bekannte. die mir bei Virenbefall oder Zerfall des Motherboards das Ding für wenige Euro neu zusammenschreiben, wäre ich schon um einige tausend Euro ärmer und dafür um einige tausend graue Haare reicher.
    Zu der Jung-Alt-Problematik kommt noch die Frage unterschiedlicher Begabungen hinzu. Ich gebe zu, ich habe immer über Schrauber gelacht- früher haben die z.B. an Amateurfunkanlagen gebastelt. Im normalen Leben mußte man kein Technikfetischist sein, um klarzukommen. Heute kommen nur noch Technikfetischisten klar, und als Nichttechniker muß man zumindest solche Leute kennen.

  20. 20
    Gerd

    Der ganze Klimakatastrophenscheiß ist doch Resultat von Technik, und dabei noch nichtmal von einigen speziellen, sondern ganz allgemein Kraft-Wärme-Maschinen, wo ja die ganze Technik dranhängt. Finde Technikkritik in dem Licht ganz verständlich.
    Viele der propagierten technischen Lösungen werden später als unzureichend oder gar selbst klimaschädlich erkannt. Dabei dient die Technik immer als Prothese, um unser Verhalten möglichst nicht ändern zu müßen.
    Dafür ist die Kritik vorallem gut, um zu zeigen, daß Technik allein nicht reichen wird.

  21. 21
    Frédéric Valin

    @Tharit: Ich sehe da bisher noch keine sinnvolle Funktion, sondern genau das: den Ausdruck einer Grundhaltung. Inwiefern ist Grundsatzkritik konstruktiv?

  22. 22
    sn

    @aint misbehavin: So sieht das doch einfach mal aus.

  23. 23
    Tharit

    @Frédéric Valin: Natürlich erfüllt Grunsatzkritik aus dem Inneren des kritisierten Konzepts (hier: technischer Fortschritt) heraus betrachtet nie eine sinnvolle Funktion. Von außen betrachtet aber hilft sie, einen Ausgleich zwischen Bewahren und Weiterentwickeln zu erzielen, gewissermaßen in einem dialektischen Prozess. Und das funktioniert nur dann richtig, wenn sie außerhalb des Fahrwassers des kritisierten technischen Fortschritts Grundpositionen bezieht anstatt sich in den Strom zu stürzen und einzelnen Entwicklungen hinterherzujagen . (Das hängt eben auch mit der „Beweislast-Frage“ zusammen.)

    Meine Güte, ist das alles meta. Aber Frédéric hat angefangen! ;)

  24. 24
    Frédéric Valin

    @Tharit: Und wir haben das Zauberwort: Dialektik!
    :)

  25. 25
    Tharit

    @Frédéric Valin: Bis dahin konnte ich es mir noch verkneifen, aber dann bin ich doch schwach geworden. Aber was wäre eine Meta-Diskussion ohne das Zauberwort? ;)

  26. 26
    Fahabian

    Kein Artikel ohne nervige Verbesserer:
    Fred, „žGrundtenor“ ist ein übler Pleonasmus. Tenor bedeutet so viel wie Grundton.

  27. 27
    pavel

    „Aufgabe der Technikkritik ist oder wäre es, herauszufinden, ob diese eine Technik hilft.“

    ei, ei, die theorielosigkeit hier, endlos, wie die kasachische steppe. ziemlich müßige diskussion, die in der techniksoziologie schon vor 20-30 jahren durchdekliniert wurde – determinismus vs. konstruktivismus. anhand vieler historischer beispiele sieht man – es ist überhaupt nicht abzusehen, welche technik sich wann/wie durchsetzt, wie sie sich entwickelt, welchen gebrauch sie findet. und wenn sie sich durchsetzt, muß es gar nicht unbedingt die „technologisch bessere“ sein. gerade die „technologisch bessere“ neigt öfters dazu, unterzugehen. oder so unpopulär zu sein, wie die dvorak-tastaturbelegung. und wozu die viable technik „gut“ ist, das wird am ende durch den gebraucht bestmmt. technik ist, wie alles in der „gesellschaft“ das produkt aus gewissen vorgegebenen strukturen und dem gebrauch dieser strukturen. und deswegen recht schwierig in ihrer entwicklung vorherzusagen.

    die gründlichste technikkritik ist immer noch der gebrauch der technik.

    ach ja, und kann es sein, dass schirrmacher & co gerade jetzt „idiocracy“ entdeckt haben?

  28. 28
    quasi

    also sozusagen ein meta cogito ergo sum.

  29. 29

    Der Text ist groß, super. Ich ergänze noch: Die Debatten sind oft desktruktiv geführt. Oft würde ich mir wünschen, dass positiv erdacht wird, wozu neue Technik gut sein kann – ej, und auch der Maoambräter mag noch zu etwas gut sein. Wenn wir uns eine ideale Welt bauen, kann sie wahr werden. Nicht, wenn wir über die Schlechtheit der Welt lamentieren.

  30. 30

    Meta-Kalauer zum Start: „Wer braucht denn so eine Liste?“

    1. Kathrin macht den Fehler, sich nur auf letztlich erfolgreiche Ideen zu beziehen. Klar, wer den Sinn des Autos bezweifelt hat, ist heute ein Trottel. Wie Du schon sagtest: Ideen, bei denen schon die Antwort auf die Fragen „Wer braucht denn das?“, tatsächlich „Niemand“ ist, kommen nicht vor. Diese Frage stellt sich aber jeder immer bei Neuerungen. Das ist eine Form des stereotypischen Denkens, das uns davor schützt, jeder Neuerung hinterher zu laufen, bis wird alles ausgelotet haben. ICH jedenfalls haben nicht auf jeder Internetseite einen Account.

    2. Wie @pavel schon andeutete: Technische Neuerungen eröffnen Nutzungsmöglichkeiten. Da gibt es keinen Determinismus: Ich kann mir mit dem Mobiltelefon den Rücken kratzen oder damit telefonieren. SMS sollte nur zum Versand von Wartungsnachrichten genutzt werden, bis man herausfand, dass man damit auch ganz vorzüglich Verabredungen treffen oder Beziehungen beenden kann. Man konstruiert den Sinn. In der frühen Phase stellt sich also tatsächlich die Fragen: „Was machen wir jetzt damit?“ – Anders: „Wer braucht so etwas?“

    3. Ich geben zu bedenken, dass Ideen vielleicht auch mit diesen Phasen wachsen: „Wer braucht das?“ Da drauf muss man eine Antwort finden. Wenn die gefunden ist, geht es weiter mit der nächsten Phase.

    4. Trotzdem ist es vielleicht gut, diese Liste zu kennen, um sich selbst zu fragen, was hinter der eigenen Skepsis steckt.

    Ich bin mir sicher, dass wir beim Internet immer noch ganz am Anfang der Nutzung stehen. In 10 Jahren lachen wir über das, was wir damit heute machen.

  31. 31

    @Pavel (27): Auch ohne techniksoziologischen Background kann ich da nur heftig nicken. Gerade Kommunikationstechnologien zeichnet die Offenheit der Anwendungen aus. Es ist doch bezeichnend, wie die „žSozialisierung“ des Netzes und zunehmende Schwierigkeiten einer langfristigen Technikfolgenabschätzung (Yay! Bürokratendeutsch ftw!) für das Internet Hand in Hand gehen. Je stärker der Fokus weg von der mittlerweile ausgereiften technischen Grundlage und hin zur Anwendung, dem Netz als technologischer Erweiterung und Verstärkung bestehender gesellschaftlicher Strukturen, geht, desto absurder erscheint mir dabei das Selbstverständnis einer „žTechnikkritik“.

    Selbst Verleger wollen das Internet nicht verbieten, sondern seine Anwendung durch allerlei lustige Einfälle wie neuartigen Leistungsschutzrechten nach ihrer Vorstellung beeinflussen und reglementieren.

    Es muss also nicht um eine Technikkritik gehen, sondern um eine Anwendungskritik. Diese Unterscheidung mag haarspalterisch sein bei Technologien wie der Eisenbahn oder genetisch modifizierter Nahrung, in denen Nutzen und Risiken einigermaßen klar (wenn auch mitunter kontrovers) eingrenzbar sind und in einem festen Zusammenhang stehen. Bei einer offenen Technologie, deren Nutzen und Risiken sich erst innerhalb verschiedenster Anwendungen ergeben, markiert diese Unterscheidung meiner Meinung nach die Grenze zwischen einer konstruktiven, gesamtgesellschaftlichen Debatte und einem Aneinander-Vorbeireden mit gedrückter Repeattaste.

    Wer — beispielsweise — der mal mehr, mal weniger reflektierten Meinungsflut im Netz mit Technikkritik statt mit ganzheitlicher Gesellschaftskritik begegnet, hat nicht erkannt, dass das Internet nur unterschiedlichste Arten der menschlichen Kommunikation an einem gemeinsamen Ort sichtbar macht. Wer immer kürzere Nachrichtenzyklen und ständige Erreichbarkeit allein der modernen Kommunikationstechnik anlastet, ignoriert, dass sich Handys und Fernseher ausschalten lassen und das Netz nicht nur einen Wert der Aktualität kennt, sondern auch Inhalten mit Qualität und Tiefe neue Chancen bietet, da es als Trägermedium keine Periodizität kennt und diese Inhalte langfristig in einen relevanten Zusammenhang stellen kann.

  32. 32

    Offene Kritik

    Al l es Sc he iße

    ‚Gutdünken braucht weil‘

    Alles Biologische muss sich
    zunächst mal entwickeln…

    So manche Glaubensbewegungen meinen, Anglikanisch oder so…,
    das alles besser zu wissen.

    Den Frosch muß man nicht küssen, um ihn mit Volt)Ampere zu
    verändern.

    Habe mir nur eine Freiheit genommen

    Alles Gute

  33. 33

    Manuelles Trackback
    [„¦]Wenn neue Technologien in der Gesellschaft erscheinen, kann man in schöner Regelmäßigkeit bestaunen, wie zwei zu den Zähnen bewaffnete Gruppen einander gegenüberstehen: jene, in der alle prinzipiell der Meinung sind, alles, was neu ist, müsse auch gut sein[1], und jene, in der ebenso grundsätzlich die Position vertreten wird, die neue Sache könne nur schlechter sein als das, was sie ersetzt[2].[„¦]

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