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Ein Weihnachtsmärchen

Weihnachten 2001, es schneite, scheiß Natur. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, und Pitt stand auf einer Holzterasse in der Kälte, um zu rauchen. Drinnen stand Frau Wempe und wünschte ihm einen schnellen, aber schmerzhaften Tod. Wann immer er das Wohnzimmer verließ, um draußen zu rauchen, schloss sie nonchalant die Terassentür hinter ihm ab, um ihn dann hämisch anzugrinsen, wenn er nach vollendeter Zigarette am Knauf rüttelte. Er vermied es, unter der Regenrinne zu stehen, denn Frau Wempe war es durchaus zuzutrauen, dass sie die von dort herunterhängenden Eiszapfen angesägt hatte in der Hoffnung, einer möge sich durch die Erschütterung seiner Schritte von der Rinne lösen und ihm den Schädel spalten.

Sie hatten kein sonderlich gutes Verhältnis. Denn er hatte ihr die Tochter geklaut.

Ihre Tochter hieß Sara und war das lockigste Geschöpf im Erdenrund. Ihre Jugend hatte sie damit verbracht, Tolstoi zu lesen und klassische Musik zu hören, wenn sie nicht ihre Mutter auf Vernissagen begleitete. Die Mutter war Kulturredakteurin und stammte aus der Düsseldorfer Bildungsbourgeoisie. Vermutlich fragte sie sich selbst häufig, was sie in diesem Bergkaff zu schaffen hatte, und warum sie ihre Zeit damit vertat, über Tonfiguren verrenteter Musikschullehrer und Tuschezeichnungen alternativ angehauchter Hausfrauen zu schreiben.

Ihr einziger Lichtblick war Sara, mit der sie alles teilte außer der Zahnbürste. Sie nahm sie mit auf Vernissagen, zu Theaterabenden nach München, am Wochenende gingen sie Essen oder ins Kino und danach auf ein Glas in irgendeine Bar. Hätte der Vater nicht energisch Widerspruch eingelegt, wer weiß, vielleicht hätten sie sich auch das Bett geteilt.

Und dann kam Pitt. Er platzte in die Mutter-Tochter-Idylle wie ein Tanker im Ärmelkanal.

Pitt war nicht das, was man sich unter einem Schwiegersohn einer Tochter aus gutem Haus vorzustellen hat. Dabei mühte er sich, die Klischees, die er aus den Filmen kannte, zu umschiffen. Die zerrissenen Hosen blieben im Schrank, wenn er zu Sara ging. Er hielt die Gabel nicht in der Faust, das Hähnchen aß er mit seinem Besteck, obwohl sein Teller danach aussah wie Stalingrad. Als eines Abends eine Entrecôte Beáner Art serviert wurde, die die Mutter viel Mühe gekostet hatte, verlangte er nicht nach Ketchup; er trank sogar Wein statt Bier, obwohl er davon Durchfall bekam. Manchmal, wenn er übermütig wurde, spreizte er den Finger ab, sobald er das Glas zum Munde führte.

Allein, es half nicht; er war ihr nicht gut genug. Seine Fingernägel waren ihr nicht gut genug geschnitten, und seine politischen Ansichten hielt sie für verderblich. Er las die falschen Zeitungen und mochte die falschen Länder. Da er wegen einer hartnäckigen Sinusitis ununterbrochen eine Mütze trug, nannte sie ihn bald „Häubchen“. Manchmal sagte sie Fuzzi, wenn sie glaubte, er könne es nicht hören. Wenn sie sich zur Begrüßung die Hand gaben, nahm sie ihre Wildlederhandschuhe nicht ab.

Pitt war verzweifelt; denn Sara quälte die Gesamtsituation. Bald war Weihnachten. Pitt war ein Scheidungskind, und weil er nicht zu seiner Mutter in die USA fahren wollte und Sara darauf bestand, ihn über die Feiertage zu sehen, würden sie zwei Abende und einen kompletten Tag im Haus der Eltern verbringen. Es stand zu befürchten, dass ihre Mutter ihm Gift oder wenigstens ein Abführmittel in die Plätzchen injizieren würde, da er ihr geliebtes Familienfest zerstörte.

Wir saßen den gesamten Dezember zusammen, um zu beratschlagen, wie er diese 36 Stunden schadlos überstehen könne. Einen Axtmord hatten wir frühzeitig ausgeschlossen, ebenso einen fingierten Autounfall oder einen Flugzeugabsturz, den wir eventuell islamischen Terroristen hätten unterjubeln können.

Am 16. Dezember erschien die erste Kolumne. Frau Wempe war in den Samstagsbeilagen eine Spalte freigeschaufelt worden, in der sie aus ihrem Leben als berufstätige Mutter erzählte. In der ersten Folge erzählte sie von den Freunden ihrer Tochter, vor allem von Pitt. Dass er einem Zaunpfahl glich nicht nur in seiner Statur, sondern auch in seiner Wortgewalt. Sie nannte ihn ambitioniert und wünschte sich zukünftig einen gutgebauten Medizinstudenten zum Schwiegersohn. Mordlust durchzuckte uns, als wir ihren Text lasen. Wir dachten, Pitt müsste zerschmettert in einer Ecke seines Zimmers liegen.

Weit gefehlt. Pitt hatte den Text durchaus gelesen und hatte einen teuflischen Racheplan ersonnen. Er würde – nett sein. Freundlich, zuvorkommend, und liebenswert. Die folgenden Tage bis Weihnachten verbrachte er in seiner Küche und buk Plätzchen. Er kaufte Marzipan, Nougat und Krokant und zauberte daraus die wohlschmeckendsten Pralinen, die wir je probiert hatten. Er versuchte sich an russischem Zupfkuchen und besorgte sich sogar eines jener Geräte, mit der man Worte aus Sahne schreiben kann. Am Vorabend des 24. hatte er sechs Schuhkartons voller Naschereien und zwei Torten fertiggestellt, die er liebevoll in goldenes Papier einschlug.

Am Weihnachtsabend flackerten die Kerzen, als Familie Wempe leise „Stille Nacht“ sang. Pitt sang leise mit. Frau Wempe, der ein großer Berg Geschenke ins Auge stach, deren Ursprung sie nicht kannte, war nervös. Sie hatte für Pitt ein kleines Büchlein voller Gedichte gekauft, in der sicheren Erwartung, dank ihrer Kolumne von ihm nichts zurückgeschenkt zu bekommen. Tatsächlich hatte sie sich schon ausgemalt, wie sie sich über die Taktlosigkeit Pitts bei ihrer Tochter auslassen würde, und so vielleicht das Fundament dieser Beziehung nachhaltig erschüttern konnte.

Als Pitt ihr seine Leckereien entgegenhielt und Anstalten machte, ihr um den Hals zu fallen, erbleichte sie. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich schämte, denn für ein solches Gefühl war sie zu stolz. Aber sie sah die leuchtenden, stolzen Augen ihrer Tochter, wie sie Pitt entgegenstrahlten, und wusste, dass sie im Begriff war, eine herbe Niederlage einzustecken. Ihr kümmerliches Buch kam ihr lächerlich vor, und den ganzen Abend über knirschte sie mit den Zähnen.

Für Pitt war es ein voller Triumph. An diesem Abend und in den folgenden Wochen verschonte ihn die Mutter mit allen kleinen spitzen Bemerkungen, an die er sich beinah schon gewöhnt hatte, und stellte auch keine despektierlichen Nachfragen über seine beruflichen Aussichten. Sie war still und knirschte bisweilen, sie hatte sich in einen Kirschholzschrank verwandelt.

Die Liebe zwischen Pitt und Sara schlummerte irgendwann ein, fünf Monate nach Weihnachten, glaube ich. Trotzdem bedenkt Pitt Frau Wemke noch immer jedes Weihnachten mit einem kleinen Päckchen selbstgemachter Pralinen. Und freut sich, wenn er in der ersten Januarwoche in der Kolumne erwähnt wird, meistens ironisch, immer despektierlich. Er sammelt die Kolumnen und klebt sie in ein kleines Heft, das er immer dann zur Hand nimmt, wenn es ihm sehr schlecht geht und er nichts zu lachen hat. Nach kurzer Lektüre einiger weniger wemkeschen Zeilen fühlt er sich für gewöhnlich beschwingt und fröhlich. Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass Frau Wemke seine selbstgemachten Pralinen sogar vor ihrem Mann versteckt, um ja nichts davon abgeben zu müssen, weil sie ihr so sehr munden.

Weihnachten, Fest der Versöhnung.

12 Kommentare

  1. 01

    Sehr schöne Geschichte

  2. 02

    Tolle Story. Grausamkeit durch Nettigkeit. Die übelste Art überhaupt, grausam zu sein ;-)

    Der dritte Satz verwirrt mich etwas:
    „Drinnen stand Frau Wempe und wünschte mir einen schnellen, aber schmerzhaften Tod.“
    Meinst du nicht:
    „Drinnen stand Frau Wempe und wünschte IHM einen schnellen, aber schmerzhaften Tod.“ ?
    Oder habe ich das irgendwie falsch gelesen?

  3. 03
    msy

    Meine Schwimu würde keine einzige, von mir hergestellte, Praline zu sich nehmen, schlicht aus Angst vor einem frühen scheiden.
    Weinachtliche Grüße

  4. 04

    das ist eine schöne Geschichte. Einige schöne Bilder sind mit dabei.

  5. 05
    gverilla

    Sehr schön erzählt. Hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
    Danke und ein frohes Fest!

  6. 06

    @Andi: Fred ist unterwegs, ich hab’s einfach mal geändert. Scheint mir so auch stimmiger zu sein. :)

  7. 07

    @Johnny: Danke, ich bin so ungerne der Rechtschreibtroll. Aber hier schien es angebracht. Frohes Fest allesamt!

  8. 08
    the-dude

    Eine sehr schöne Geschichte. Nett zu sein ist eben auch eine Waffe…

    Schade, dass man erst am 2. Feiertag Zeit für diesen Blogeintrag findet.

  9. 09
  10. 10
    Herr Arsch

    schwul!

  11. 11
    christian

    der alte besserwisser wieder: frau wempe heisst zum schluss plötzlich frau wemke. höchstwahrscheinlich ein flüchtigkeitsfehler. ansonsten nette geschichte über die sinnlosigkeit weiblicher manipulationsversucher. löst sich doch schliesslich sowieso alles in wohlgefallen auf.

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