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Hilft Entwicklungshilfe?

Angesichts der Katastrophe in Haiti kocht die Debatte über Entwicklungshilfe wieder auf. Die Zeit schreibt angesichts der Unterernährung von 60 Prozent der Bevölkerung über die vier Milliarden Dollar Entwicklungshilfe der letzten Jahre: „Viel gebracht hat die Hilfe bisher offensichtlich nicht.“ Das ist der Augenschein. Es geht aber auch komplizierter.

Das Beben

Zwischen 50.000 und 200.000 Toten soll das Erdbeben in Haiti gefordert haben; doch genau diese Formulierung, dass es das Erdbeben war, das die Toten „gefordert“ hat, ist verantwortungslos.

Wissenschaftler warnen schon länger vor der Gefahr von Erdbeben in der Region, zuletzt Bill McGuire 2008. McGuires Bericht sagt voraus, dass es nicht das letzte Beben in den nächsten Jahren bleiben wird, sondern noch stärkere folgen werden. Dass dieses Beben so viele Opfer gefordert hat, dafür machen Geologen wie Chuck DeMets drei Faktoren verantwortlich: Erstens war es ein oberflächliches Beben, das weniger Zeit ließ, die Bevölkerung zu warnen. Zweitens ist Port-au-Prince nicht auf solidem Feld gebaut, sondern auf Schollen, die sich bei Beben dieser Stärke verschieben. Und drittens sind die Häuser in Haitis Hauptstadt nicht bebenresistent.

Diese Faktoren und die Tatsache, dass das Beben eine dichtbesiedelte Region traf, erklären zwar die verheerenden Auswirkungen, mit denen Haiti jetzt zu kämpfen hat. Gleichzeitig aber kommt wieder und wieder die Frage auf, warum Haitis Infrastruktur eine effektive Hilfeleistung vor Ort beinahe verhindert – und warum die Häuser in Port-au-Prince derart anfällig waren. Denn seit Jahrzehnten schon fließen große Summen Entwicklungshilfe nach Haiti, aber – wie in vielen anderen Ländern auch, die durch Geld der Industriestaaten alimentiert werden – ohne, dass die Hilfe Ergebnisse zeigt.

Und im Hintergrund steht immer die Frage: Hilft Entwicklungshilfe? Oder nicht?

Kritker

James Shikwati ist ein gern gesehener Interviewpartner zum Thema Entwicklungshilfe. James Shikwati hat die notwendige Glaubwürdigkeit, denn er ist Kenianer. Und er spricht laut aus, was viele in den Industrieländern leise denken: Entwicklungshilfe bringt nichts. Sie schadet dem Unternehmergeist, sie verändert die Mentalität in den Nehmerländern, und das Geld wird so lange der Patronagestruktur entlang verteilt, bis am Ende für die Hilfsbedürftigen nichts mehr übrig bleibt. Unter anderem Der Spiegel führt Shikwati halbjährlich als Kronzeugen dafür ins Feld, dass Entwicklungshilfe mehr Schaden anrichtet, als sie hilft. Aktuell hat das Wall Street Journal seinen Aufruf, den Geldhahn abzudrehen, gedruckt: „For God’s sake, please stop.“

Interessant wäre es zu erfahren, was Shikwati selbst sagen würde, wenn seine Geldgeber ihm den Hahn zudrehen. Seine Organisation „Iren“ wird gesponsort von liberalkonservativen Thinktanks aus den USA, er ist Mitglied in der „International Society for Individual Liberty“, die in der Entwicklungspolitik eine Laisser-faire-Haltung einnehmen: dass also der Markt es schon richten wird, auch in Entwicklungsländern. Es sind sehr banale Ideen, die Shikwatis Erfolg begründen, und Thesen, die seit Jahren widerlegt sind.

Dass er so einen großen Erfolg hat, liegt aber nicht nur daran, dass er sagt, was so viele denken: Entwicklungshilfe bringt nichts. Es liegt auch daran, dass NGOs und Experten sich zurückhalten bei der Kritik der Entwicklungshilfe und tatsächliche Missstände nicht klar benennen.

Schwierigkeiten

Da wären zum einen die mangelnde politische Kohärenz: so unterminiert beispielsweise die EU ihre Unterstützung landwirtschaftlicher Initiativen in der Sahelzone durch den Export ihrer eigenen, subventionierten Agrarprodukte und durch Lebensmittellieferungen. Außerdem arbeiten NGOs und Projekte häufig nicht nachhaltig genug: nicht jede Organisation lässt sich so sehr auf Umweltbedingungen ein wie die Eden Foundation, sondern bekämpft momentan vorhandene Missstände, um bei veränderter politischer Lage wieder die Zelte abzubrechen. Ohne ein schlüssiges Konzept für die Bewohner hinterlassen zu haben.

Einen interessanten und streitbaren Punkt greift Dieter Neubert auf: Anders als Geldof und Bono meint er, momentan fließe nicht zu wenig Geld in die Entwicklungshilfe, sondern eher zu viel.

Ernstzunehmende Kritiker weisen zu recht darauf hin, dass eher zu viel als zu wenig Geld in das System der Entwicklungshilfe fließt. Viele Entwicklungsorganisationen und auch die NGOs klagen immer wieder über ein „Mittelabflussproblem“: Es gibt gemessen an den zur Verfügung stehen Mitteln oft nicht genügend sinnvolle konkrete Vorhaben. Weniger könnte in diesen Fällen mehr sein.

Dazu auch Transparency International: Korruption in der Entwicklungsarbeit

Entscheidend dabei, ob Entwicklungshilfe tatsächlich hilft, sind die Begebenheiten vor Ort. Dazu gehört in erster Linie auch ein politisches System, das stabil ist und sich nicht ausschließlich an den Ressourcen des Landes bereichert, sondern die Bürger bei der Selbsthilfe zumindest nicht hindert. Good enough governance nennt man das.

Perspektiven

In dieser Hinsicht hatte Haiti 2006 einen großen Fortschritt gemacht: Nach der jahrelangen Diktatur unter den Duvaliers übernahm René Préval die Führung des Landes. Er gilt als zuverlässig und integer. Mithilfe der mehrheitlich brasilianischen Blauhelm-Mission konnte wieder etwas Ruhe hergestellt werden in dem von bürgerkriegsähnlichen Zuständen gebeutelten Land.

Vier Jahre sind keine Zeit, um eine Entwicklung aufzuholen; es wird noch lange dauern, bis Haiti sich stabilisiert hat. Und das Erdbeben hat viele Bemühungen zunichte gemacht. Das ist die große Tragödie Haitis: In dem Moment, als es wieder aufwärts zu gehen schien, stürzte der Himmel ein.

Tatsächlich kann man nach vier Jahren noch kaum sagen, auf welchem Weg sich Haiti vor dem Beben befand. Ziel muss es sein, wie bei jedem Entwicklungsland, die ökologischen Schäden durch Abholzung und Raubbau rückgängig zu machen, den Bewohnern vor Ort eine Möglichkeit zu bieten, sich selbst zu versorgen und den braindrain zu unterbinden. Um die bewaffneten Banden in den Slums unter Kontrolle zu halten, wird wohl die Militärpräsenz verstärkt werden müssen.

In der FAZ hat Matthias Rüb die Situation so zusammengefasst:

Das Gelingen dieses historischen Experiments ist nicht sicher, das Scheitern aber auch nicht. Haiti steht vielleicht an einem Neuanfang. Am Ende ist Haiti nicht. Auf Kreolisch: Ayiti pa fini!

Und damit es Hoffnung gibt, braucht Haiti Entwicklungsgelder. All den Unkenrufen zum Trotz.

Christophe Warny: Ein Dollar am Tag und ein Handy. In Haiti ist der Staat eine brökelnde Fassade
SZ-Interview mit Felix Prinz zu Löwenstein

Hier kann man die Spreeblick-Spendenaktion „Rettungsanker“ unterstützen, ein Interview mit Thilo Reichenbach vom Bündnis „žAktion Deutschland Hilft“, an das die Spenden gehen, gibt es hier zu hören.

47 Kommentare

  1. 01

    Bevor mehr und mehr Geld gefordert werden sollte, sollte eher ein sinnvoller Einsatz der vorhandenen Gelder gefordert werden. Aber das erfordert widerum sich intensiv mit den jeweiligen Problemen einer Region auseinanderzusetzen.
    Solange NGOs sich wie verkappte Kolonialherren aufspielen die schon bevor sie am Einsatzort wissen wie man den armen, rückständigen Wilden hilft, kann noch so viel Geld in die Entwicklungshilfe (In welche Richtung sollen sich die anderen eigentlich entwickeln? In unsere?) gepumpt werden – es wird nichts ändern.

  2. 02
    Björn

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang insbesondere auch die Frage nach Transparenz. Viele NGOs arbeiten ähnlich intransparent wie Konzerne oder staatliche Behörden – teils weil ihnen die Zeit und die Ressourcen fehlen, teils weil sie es so wollen. Das Internet gibt eigentlich viele Möglichkeiten hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen – leider ist die Gesetzgebung an dieser Stelle aber – anders als z.B. in den USA – sehr schwach: es gibt kaum Publikationspflichten. Super ist dort z.B. die Site http://www.givewell.net – dort werden NGOs und ihre Arbeit sehr genau unter die Lupe genommen. In Deutschland verfolgt http://www.betterplace.org an manchen Stellen einen ähnlichen Ansatz – mehr Transparenz in die Projekte zu bringen. Aber da ist noch verdammt viel Luft nach oben. Vielleicht sollten wir an vielerlei Stellen bei den NGOs mehr Transparenz in Bezug auf ihre Strategie und Effizienz einfordern. Die furchtbare Katastrophe in haiti hat zumindest das Hinterfragen dieses Ansatzes gefördert – vielleicht geht ja auch noch mehr.

  3. 03

    Der Text verquickt zwei recht unterschiedliche Dinge miteinander. Zum einen Entwicklungshilfe und zum anderen Nothilfe. Auch bei einer, wie auch immer gearteten, gelungenen Entwicklung des Landes bisher wären die Folgen des Erdbebens verheerend gewesen. Was das Land jetzt braucht ist Nothilfe – über desse Nutzen lässt sich allerdings auch streiten. Spannend übrigens ist zu sehen, wer wie viel gibt: http://www.johanneswilm.org/index.php?itemid=203

    Nichtsdestotrotz (was für ein wunderschönes Wort) ist Entwicklungshilfe zumindest problematisch. Ich glaube aber, dass die Frage nach dem Nutzen der Entwicklungshilfe nur geklärt werden kann, wenn zuvor eine andere Frage gestellt wird: Was will Entwicklungshilfe? Eine Antwort im Sinne von „ein Land entwickeln“ greift in jedem Fall zu kurz. Denn was ist „Entwicklung“ überhaupt? (naja, ich schweife ab so dann und wann)

  4. 04

    EH / EZ ist in erster Linie ein Geschäft. Wer das nur aus humanitären Gründen sieht, kann gerne bei den NGOs und IOs spenden. Für eine undifferenzierte Betrachtung des Themas „Entwicklungshilfe“, ist ein bißchen G.Ayittey, D.Moyo & J.Shikwati sicherlich nicht verkehrt da der Kernpunkt „lokale Anreize schaffen“ imho immer genau der Punkt ist wo es dann scheitert.

  5. 05
    Frédéric Valin

    @der alex: So unterschiedlich sind die beiden Dinge nicht, denn die Nothilfe wird direkt in die Entwicklungshilfe übergehen. Die Infrastruktur muss wiederaufgebaut werden, deswegen kursieren die Milliardenmeldungen.

    Für die Definition von Entwicklung siehe hier
    http://www.uni-bonn.de/~uholtz/virt_apparat/probleme_perspektiven.pdf
    unter 2. e) Was heißt Entwicklung?

  6. 06

    Neben mangelnder Transparenz ist häufig auch das Angebot von Hilfe selbst ein Problem, da die Gefahr der Abhängigkeit unheimlich groß ist. Schlimmstenfalls spendet man an die Falschen ohne etwas zu bewirken und/oder richtet Schaden an.
    Gut finde ich da Projekte, die eine Hilfe zur Selbsthilfe darstellen und sich örtlichen kulturellen & wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen, wie etwa Mikrokredite oder Bildungsprojekte.
    Auch gut: Ein Projekt zum Gemüseanbau in Slums
    http://www.tagesschau.de/ausland/entwicklungshilfe102.html

  7. 07
    Katja

    Entwicklungshilfe kann natürlich nur diejenigen Strukturen verbessern, die nicht aus wirtschaftlichen Interessen von den geldgebenden Ländern aufrecht erhalten werden. Solange also großflächig Entwicklung blockiert wird, weil Ölpipelines, Schürfrechte, Abholzung oder Überfischung wichtiger sind als die sozialen und gesundheitlichen Rechte der Menschen vor Ort, ist jede Klage, Entwicklungshilfe brächte nichts, verlogen.

    Prinzipiell sind mir diejenigen Projekte am liebsten, in denen entweder Mikrokredite vergeben werden oder mit Organisationen vor Ort eine Kombination aus Startressourcen (Saatgut, Tiere, ressourcensparende Kochgelegenheiten etc) und Wissen (Landbau, Alphabetisierung etc). Das nannte man früher mal Hilfe zur Selbsthilfe – ich weiß gar nicht, ob der Slogan noch benutzt wird…

  8. 08

    @Frédéric Valin: Das ist natürlich eine gute Definition von Entwicklung.. Das Problem an diesen Definitionen liegt in der Praxis eben darin, dass sie, entsprechendes Argumentationsgeschick vorausgesetzt, alles umfassen kann. Und da kommt man dann zur Frage zurück, was Entwicklungszusammenarbeit (der politisch zumindest korrektere Begriff) will..

  9. 09

    Nothilfe ist notwenig um das Überleben in einer Ausnahmesituation zu sichern oder es zumindest zu versuchen. Die breite Zustimmung zeigt, dass dieser Urinstinkt glücklicherweise noch funktioniert. Entwicklungshilfe muss aber auf ein Ziel fokussiert sein. Wie schafft man es Regionen der Welt zu befrieden, für Bildung und einen gewissen Wohlstand zu sorgen, die Bevölkerungsexplosion und damit die Potenzierung der Probleme zu stoppen, eine gesundheitliche Grundversorgung herzustellen und last but not least dem menschlichen Grundbedürfnis nach einer Lebensperspektive nachzukommen? Ich weiss es nicht und vielleicht ist jedes der Themen für sich schon zu komplex, als das es eine Lösung in absehbarer Zeit geben wird. Leider!

  10. 10

    Ich denke man muss zwei Dinge auseinanderhalten. Die reine Nothilfe, die jetzt in großem Umfang notwendig ist, weil Haiti weder politisch, noch administrativ, noch technisch in der Lage ist das Erforderliche zu leisten. Ja, es ist eher so, dass dieser Staat aus sich heraus momentan gar nichts mehr leisten kann. Insofern sind medizinische, polizeiliche und humanitäre Sofortmassnahmen einfach nötig, es geht um zahllose Menschenleben, da ist dann auch in meinen Augen die Sinndebatte sinnlos. Der zweite Punkt ist das langfristige Ziel, das nach der Beseitigung der akuten und unmittelbaren Folgen in den Fokus gerät. Die Hilfe zur Errichtung eines stabilen und modernen Staates. Da denke ich ziemlich pragmatisch. Gibt es im ganzen Land sauberes Trinkwasser, weitgehend zuverlässig elektrische Energie übers ganze Jahr und darüber hinaus ein bezahlbares, landesweites Kommunikationssystem, dann wird sich politisch, administrativ und wirtschaftlich die Lage „wie von selbst“ verbessern. Voraussetzung ist, dass die Hilfsgelder direkt in die Projekte investiert werden und keine Zahlungen an die lokale Verwaltung oder Regierung erfolgen. Daneben bedarf es bereits in der Bauphase einer intensiven und lukrativen (!) Ausbildung von Technik- UND Verwaltungspersonal als „Keimzellen“ der späteren Selbstverwaltung. Das sind alles Aufgaben, die von einer Gemeinschaft von Hilfsorganisationen geleistet werden könnten. All die anderen Dinge, wie Bildung, Sicherheit, Landwirtschaft, Verwaltungswesen sollte nicht in einer „wilden Mischung“ diverser Entwicklungshilfeetats dutzender Staaten bestehen (und dem politischen Willen wechselnder Regierungen), sondern z.B. von einer koordinierten Einrichtung der UN betreut und gesteuert werden. Der Zeithorizont für all diese Dinge liegt in Haiti mindestens bei 10-15 Jahren. Oder länger…

  11. 11
    Frédéric Valin

    Man kann das nicht auseinanderhalten. Die reine Nothilfe ist in diesem Ausmaß deswegen notwendig geworden, weil die Entwicklungshilfe über Jahre keine funktionierende Infrastruktur und einigermaßen stabile Häuser als Ergebnis gezeitigt hat, ebensowenig wie einen stabilen Staat, der ein effizientes Krisenmanagement durchführen kann. In Folge des Bebens und der zu befürchtenden nächsten Beben wird eine jahrelange Aufbauhilfe notwendig, die sich direkt an die Nothilfe anschließen muss.

    @Michael: „Gibt es im ganzen Land sauberes Trinkwasser, weitgehend zuverlässig elektrische Energie übers ganze Jahr und darüber hinaus ein bezahlbares, landesweites Kommunikationssystem, dann wird sich politisch, administrativ und wirtschaftlich die Lage „wie von selbst“ verbessern.“

    Meinst Du damit: eine Stabilisierung der Lage unter dem Niveau von vor dem Beben gemeint?

  12. 12

    Die Sache mit der „Hilfe zur Selbsthilfe“ hoert sich ja im Prinzip gut und richtig an, nur muss auch dazu das Umfeld da sein. Dazu zaehlen unter anderem gesellschaftliche und rechtliche Strukturen, die leider in vielen Laendern einfach fehlen. Wenn z.B. jemand der versucht eine kleine Firma aufzubauen erst einmal 3 Jahresgehaelter fuer die Registrierung der Firma, Bestechung der Beamten und sonstwas aufwenden muss, wird das ganze schwierig. Ebenso wenn keine bis wenig Polizei und andere Rechtssicherheit vorhanden ist. Oder wenn es Jahre dauert eine Forderung einzutreiben weil das Gerichtssystem nicht funktioniert.

  13. 13
    Frédéric Valin

    @Armin: Das stimmt absolut. Deswegen ist der Vergleich der Zeit, die die Subventionen unter der Duvalier-Diktatur aufrechnet und dann sagt: „Und was hats gebracht? Nüscht.“ falsch.

  14. 14

    Deswegen steht ja im Text „good governance“. Damit sind genau all diese Probleme gemeint, i.e. Bürokratie, Neid, Korruption.

    Aber: reden wir hier über Entwicklungshilfe im Allgemeinen, oder jetzt über die weitere Entwicklung Haitis? (und ja, Nothilfe ist nen Thema für sich..)

  15. 15

    @Frederik Valin
    Ganz im Gegenteil. Schon das war vor dem Beben dürftig und ich meine eine moderne Infrastruktur für diese Bereiche. Modern in unserem modernsten Sinne unter Einbeziehung der lokalen Gegebenheiten. Also z.B. auch regenerative Energien etc. pp. Ein großer Fortschritt in diesen Bereichen ermöglicht auch große Fortschritte in anderen Bereichen. Gilt z.B. auch für den Hafen. Der ist komplett hin. Eine notdürftige Reperatur ist rausgeschmissenes Geld.

  16. 16
    Warab

    (Edit: Hier stand rassistische Scheiße.

    Hauen Sie ab.)

  17. 17

    Besser wäre, wenn man den Entwicklungsländern helfen würde, eine eigene Wirtschaft auf die Beine zu stellen. Lebensmittel- / Investitionsgüter einfliegen ist nur kurzfristig angebracht, aber auf lange Frist muss man den Menschen die Möglichkeit geben, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Das verstehe zumindest ich unter Hilfe.

  18. 18

    na wenn James Shikwati ein Liberaler ist und auch noch fuer individuelle Freiheit eintritt UND von boesen boesen amerkianischen liberalen Heuschrecken unterstuetzt wird, dann muss ja falsch sein, was er so von sich gibt. Und als Beweis nehmen wir dann die ganz unabhaenige, voellig ohne politische Agenda daherkommende Le Monde dipl. Toll!

    Also, die PLO hat in den 90ern 8mal so viel Geld (ENTWICKLUNGSHILFE) bekommen, wie ganz Europa durch den Marschallplan. Und trotzdem sind Palaestinenser noch heute auf UNRWA angewiesen. Nichtmal die Muellabfuhr funktioniert. Von Polzei ganz zu schweigen….

    Wer seine Lage verbessern will, der schafft das aus eigener Kraft (ein bisschen Starthilfe ist angenehm.)

  19. 19

    Prima wenn Ihr spendet.

  20. 20
    vincent

    Erstmal: ich habe den Artikel nicht gelesen (sorry, die Zeit…) aber ich habe erst an einer interessanten Diskussion darüber teilgenommen (es referierte eine Frau, die in Uganda Hilfsarbeit leistet) und ich weiß recht viel von einer nahen verwandten, die im Moment in Uganda ist. Die Berichte decken sich:
    Entwicklungshilfe ist ein Fehlschuss, wenn nicht kontrolliert wird, was mit dem Geld passiert.
    Mehr Geld für die Kontrolle bringt unterm Strich mehr Entwicklungshilfe.

  21. 21
    Johannes Reimann

    Ich kann bei Haiti leider nicht mitreden, aber zum Titel des Posts, der ja im Prinzip eine komplette Forschungsfrage darstellen könnte, fällt mir durchaus etwas ein. Ich studiere Angewandte Geographie, und ein Schwerpunkt meines Studiums war bisher auch Entwicklungspolitik bzw. Entwicklungszusammenarbeit. In diesem Zusammenhang habe ich im März / April 2007 an einer Kenia/Uganda-Exkursion teilgenommen* und konnte mich bei verschiedenen Hilfsprojekten vor Ort selbst umsehen.

    Kurz: Ich kam ziemlich desillusioniert zurück und möchte hier (so knapp es möglich ist — denn eigentlich ist das ein Thema für ein ganzes Symposium) fünf Gründe nennen, warum ich die Frage „Hilft Entwicklungshilfe“ mit einem klaren Nein beantworten muss.

    1. Viele Projekte haben einfach keinen Effekt.

    Dazu zwei Beispiele: In Uganda besuchten wir das First African Bicycle Information Office (FABIO). Dort versucht man zum einen, den auf dem Land lebenden Ugander mit Fahrrädern zu versorgen, weil der durchaus bis zu 20 Kilometer bis zur nächsten Wasserquelle oder 50 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus zurücklegen muss — ohne jegliches Verkehrsmittel. Das Problemm an FABIO war uns schnell klar: Es wurde viel geredet und ziemlich viele Leute aus diversen Dorfgemeinschaften hatten dort irgendeinen wichtig klingenden Posten inne; nur es kam dabei „nix rum“. Uns drängte sich langsam aber sicher der Verdacht auf, dass es den Beteiligten mehr um das Einsammeln und Verteilen von Spenden ging als um wirkliche Projektarbeit. Denn die erste Frage, die man uns stellte war: „Ihr habt uns doch sicher etwas mitgebracht?“

    Das zweite Beispiel: Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) will in Uganda aktive AIDS-Prävention betreiben. Dafür bildet sie in langen und kostspieligen Seminaren Jugendliche aus, die mit Jugendclubs und Theaterstücken ihre Altersgenossen (sowas nennt man Peer Group Activation) für das Thema Sexualität sensibilisieren sollen. Das Problem tritt nach der Ausbildung auf: Denn weder unternimmt die DSW irgendwelche Anstrengungen, ihre Bemühungen mal auf Effektivität hin zu prüfen (Stichwort Evaluation), noch hat sie dazu die Möglichkeit. Denn den Großteil der Jugendlichen sieht man nach den Seminaren nie wieder und hat keine Ahnung, ob sie nun wirklich das tun, wofür sie ausgebildet wurden — oder ob sie nur mal ein paar schöne Tage auf dem schicken und gut ausgestatteten DSW-Campus verbringen wollten. Trotzdem fließt immer weiter reichlich Spendergeld in das Projekt.

    2. Es sind auch und gerade Entwicklungshilfe-Organisationen, die korrupte Strukturen stützen oder zumindest dulden.

    In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, gibt es viele Slums. Der größte, Kibera, beherbergt weit über eine Million Menschen, die dort offiziell gar nicht leben (Stichwort informelle Siedlungen). Dennoch ist die kenianische Regierung auf den Trichter gekommen, die Lebensbedingungen in den Slums verbessern zu wollen. Aber nur, weil es dafür von UN HABITAT Geld gibt. Das „Kenyan Slum Upgrading Programme“ (KENSUP) besteht nun aus zwei Elementen: Zum einen werden in den Slum große Wohnhäuser gestellt, in denen zu wohnen dummerweise sich keiner der Slumbewohner leisten kann. Zum anderen sollen sozioökonomische Daten der Slum-Bewohner erfasst werden, um zu sehen, wo die Not am größten ist. Seit mehr als vier Jahren (das hat uns der Dozent bestätigt, der dort jedes Jahr im Rahmen einer Exkursion hinfährt) sind die beteiligten Personen aus der Community sowie der zuständige Mitarbeiter damit beschäftigt, diese Daten zu erheben. Uns konnten sie nichts weiter präsentieren als eine Karte, die den betreffenden Abschnitt des Slums noch mal in irgend welche Untersektoren aufteilte; keine Ahnung, nach welchen Kriterien das erfolgte. Stattdessen predigen die Leute dort jedem Besucher, wie wichtig es ist, alle Maßnahmen mit der Community gemeinsam zu tun. Der Leader, ein Bischof, sang eine Lobeshymne auf die UN, der UN-Mitarbeiter, der selbst aus dieser Community stammte, sang ein Loblied auf selbige. Sichtbare oder auch nur zu erahnende Effekte: 0. Korruption: 100%. Denn unter den wichtigen Community-Leuten, die einen Posten im Kommitee haben, werden die Spenden verteilt (so geschehen halb offen vor unseren Augen mit einer Direktspende unseres Dozenten).

    3. NGOs haben ein Legitimitätsproblem.

    Das ist, zugegeben, vor allem ein Problem der (politischen) Definition. Aber die Kernfrage dahinter heißt: Wer ermächtigt die Leute in den NGOs, sich um die Entwicklungsprobleme zu kümmern, um die sie sich kümmern? Niemand. Wem müssen sie also Rechenschaft ablegen? Niemandem (außer natürlich ihren Spendern, aber da hatten ja schon die Kommentatoren vor mir und auch der Beitrag die mangelnde Transparenz beklagt). Wer überwacht oder kontrolliert, welche gesellschaftlichen oder religiösen Werte die NGOs zusammen mit ihrer Hilfe verbreiten? Wieder niemand (givwell.net hin oder her, aber die können auch nicht mehr tun als eine kritische Öffentlichkeit herzustellen). Inwiefern kann man NGOs für möglicherweise negative Konsequenzen verantwortlich machen? Gar nicht. Insofern genießen NGOs im Prinzip Narrenfreiheit, was die Auswahl der Themen, der Methoden, der Gebiete usw. angeht. Natürlich gibt es viele große und gute NGOs, die ein hohes Vertrauen genießen; sowohl in Nehmer- als auch in Geberländern. Nur hängt ein guter Kurs einzig und allein vom guten Willen der Personen ab, die dort arbeiten. Und wenn was versaubeutelt wird (siehe DSW-Beispiel), müssen sie es nicht laut sagen.

    4. Es fehlt nach wie vor eine schlüssige Antwort auf die Frage, was Entwicklung ist bzw. welche Ursachen Unterentwicklung hat.

    Das geht schon los mit dem Ausgangsniveau: Heißt entwickelt zu sein, so wohlhabend wie wir zu sein? Oder doch nur wie die osteuropäischen Staaten? Geht es weniger um Wohlstand und mehr um Freiheit? Oder umgekehrt? Wie misst man das? Und Vorsicht: Solche Indizes wie der HDI spielen zwar mit ein paar mathematischen Größen, sagen aber im Prinzip nichts aus. Und wenn man sich durch den manchmal wohlklingenden, manchmal einfach nur schlechten Wust der Definitionen von Entwicklung geackert hat (@Frédéric: auch HOLTZ, NUSCHELER und Co. sind nur welche unter vielen), wartet gleich die nächste Ungewissheit: Warum sind manche Länder unterentwickelt, andere nicht? Dazu überschlagen sich die Wissenschaftler seit den 1940er Jahren in ihren Argumentationen geradezu. Von Rassentheorien (die „faulen Wilden“ — siehe Kommentar von @Warab) über unfaire Terms of Trade zu korrupten Eliten, von Dependenz- („arme Länder sind zu abhängig von den Industriestaaten“) zu Modernisierungstheorien („arme Länder müssen ihre Strukturen erneuern, dan klappt es auch“) ist für jeden Geschmack etwas dabei. Aber es hilft in der Frage nicht weiter. Und wer nicht genau weiß, warum ein Problem auftritt, der will effektiv helfen können? Die aktuellen Hilfskonzepte können da kaum mehr als Schlagworte sein („Hilfe zur Selbsthilfe“, „Good Governance“, „Stärkung der Zivilgesellschaft“ usw.).

    5. In vielen Fällen können / dürfen unterentwickelte Länder nicht in vollem Umfang am Welthandel teilnehmen.

    In diesem Punkt kommt ein bisschen der linke Dependenztheoretiker in mir zum Vorschein. Auf einer Podiumsdiskussion an meiner Uni zum Thema „Braucht Afrika Entwicklungshilfe?“ meinte ein GTZ-Mitarbeiter: „Würde Afrikas Anteil am Welthandel nur um ein einziges Prozent steigen, würde es damit das Dreifache der [damaligen] gesamten Entwicklungshilfe selbst erwirtschaften.“ Dummerweise verhindern solche kleinen Details wie hohe Importzölle im amerikanischen und europäischen Markt und im Gegenzug die Schwemme von billigen Erzeugnissen aus den USA und Europa nach Afrika genau diese Umsatzssteigerung.

    Ich meine, dass Entwicklungshilfe nicht hilft. Ich stelle mir nach meinen bisherigen Erfahrungen sogar — leicht verschwörungstheoretisch angehaucht — die Frage: Soll Entwicklungshilfe überhaupt helfen? Oder ist sie nicht eher ein Sandkasten für hoffnungslose Altruisten oder die Waschmaschine für den, der grad mal eine weiße Weste braucht? Oder ist Entwicklungshilfe sogar ein Alibi dafür, dass im Prinzip wir mit unserem Lebensstil andere Völker regelrecht ausbeuten? Manche europäische Entwicklungshelfer spielen sich in Afrika jedenfalls auf wie die Retter der Welt und dulden in ihrem eigenen Haus gleichzeitig den puren Rassismus. Aber das ist eine andere Geschichte.

    *Sorry, ich weiß, der Aufhänger war Haiti. Aber dort bin ich noch nicht gewesen, deshalb wurde es hier etwas Afrik-lastig.

    P.S.: Im SPIEGEL-Artikel „Warum Afrika dank Entwicklungshilfe im Elend verharrt“ vom 11.06.2007 (der Autor ist ganz klar ein Freund der Modernisierungstheorie) finde ich folgenden Satz bedeutend: „Das ist tragisch für Afrika, aber lohnenswert für die Entwicklungshilfe. Ihre Geschäftsgrundlage bleibt so nämlich erhalten: das Elend in Afrika.“ Denn nichts anderes ist Entwicklungshilfe: ein Geschäft. Und die Entwicklungshelfer werden den Teufel tun, sich selbst überflüssig zu machen.

  22. 22
    Christian

    @Warab: „die genetisch bedingte geringere Intelligenz der Farbigen…“

    Man erkennt den Kern jeder Diskussion eben doch an den Fliegen, die sie umschwirren. Räumt denn hier niemand auf? Trennt niemand die Spreeu vom Weizen? Oder sind Beiträge auf diesem unterirdischen Niveau jetzt klammheimlich salonfähig?

  23. 23

    @Warab: Ich hab den Geschichtskenner gerade zufällig getroffen. Auf meine kritische Nachfrage lachte er nur still in seine linke Gesichtshälfte hinein und meinte wörtlich: „Ja, wird endgeil. Wenn wir dann an der Macht sind, darf man Leute für ihre Dummheit teeren und federn.“

    Ich wusste dem wenig an Fakten entgegenzusetzen.

  24. 24
  25. 25
    Niklas

    Staatliche Entwicklungshilfe ist nicht dazu da, allen Menschen in den unterentwickelten Nationalstaaten ein glückliches Leben zu verschaffen. Sie ist dazu da, die Bedingungen aufrecht zu erhalten, unter denen sich nationales Kapital (das des Geberlandes) in dem beglückten Land vermehren kann.

  26. 26
  27. 27
    quasi

    entwicklungshilfe ist wie hier notwendige hilfe, hat aber sonst stark politisch-wirtschaftlichen charakter. hilfe sollte auch echte hilfe sein.

  28. 28

    @Warab (16)

    Ya want vielleicht lieber a Schlammkeks?

  29. 29
    Frédéric Valin

    @zionist juice: Die liberale Agenda der WTO und der Weltbank sind in Afrika famos gescheitert. Wer sich mit Afrika nicht so gut auskent, dem reicht vielleicht das Beispiel Argentinien. Die Länder, in denen Entwicklungshilfe einherging mit Entwicklungsschüben, befanden sich in SO-Asien und haben allesamt entgegen der Weisungen dieser beiden Organisationen ihre Märkte abgeschottet.

    Es hätte sich gelohnt, die im verlinkten Artikel aufgenommenen Argumente zu lesen, aber es ist natürlich einfacher, von der bösen bösen linken Zeitung Monde diplo zu sprechen und das ironisch zu verkehren.

    @Johannes Reimann: Das allermeiste in Deinem Kommentar würde ich unterschreiben. Ergänzend vielleicht noch zu 4.) Für die EU heißt das ja – darauf zielen die Bemühungen ab – die unkontrollierten Einwanderungen zu unterbinden. Der sogenannte Migrationsbuckel liegt bei ungefähr 4.000 US-Dollar pro Kopf. Ab diesem Durchschnittseinkommen nimmt die Migration wieder ab.

  30. 30

    Es fehlt bei uns eine ernsthafte Diskussion über Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe(Ich meine nicht die Nothilfe bei Katastrohen). Schlüssel zur Entwicklung Afrikas haben nur die Afrikaner. Wir sollten die Eliten nicht weiter aus der Verantwortung entlassen und nur noch eigene Projekte der Afrikaner u n t e r s t ü t z e n. Wir müssen unsere Hilfe darauf konzentrieren, wo individuelle und gesellschaftliche Eigenanstrengungen, besonders durch Bildung und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen gestärkt werden. Wo dies geschieht -wie in Botswana und in letzter Zeit Ruanda- dort geht es aufwärts und die Armut wird wirklich bekämpft.Das alte Schlagwort Hilfe zur Selbsthilfe wird von der deutschen staatlichen Hilfe (immerhin 5,6 Milliarden Euro pro Jahr) wahrlich nicht befolgt.Das habe ich in 17 Jahren Tätigkeit in Afrika immer wieder feststellen müssen.
    W a r u m ist Afrika arm? Das ist doch die Frage. Weil in vielen Ländern südlich der Sahara Die Beteiligung der Bevölkerung(inbesondere der Frauen, die Afrika besonders hart arbeiten) an Entscheidungen der Machteliten ein leeres Wort ist und angebliche Gerechtigkeit ein Instrument im Dienst der Macht ist.
    Bono, Geldof und Co, die unsere Politiker mit ihren immer „mehr Geld Forderungen“ vor sich hertreiben sind doch Helfer der autoritären afrikanischen Politiker und vertreten nicht die Interessen der Bedürftigen.
    Wir sollten nach 50 Jahren Entwicklungshilfe und Zahlungen im Gegenwert von mehreren Marshallplänen- ohne große Wirkung, endlich aufhören immer wieder dieselben Fehler zu machen.
    Vollker Seitz, Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, dtv, 2009, dritte Auflage Siehe auch Hompage a Bonner-Aufruf.eu

  31. 31

    Huh? Wieso wurde mein Kommentar von heute morgen gelöscht :(

  32. 32

    @zionist juice: Wie könnte auch ein Afrikaner besser wissen was für sein Land und den Kontinent gut ist?? Es gibt übrigens nicht nur Shikwati, der die weißen Besserwisser in Europa und den USA kritisiert. Lesen Sie doch mal was Andrew Mwenda, George Ayittey, Dambisa Moyo, Moeletsi Mbeki, Chinua Achebe oder Axelle Kabou schreiben. Das Buch von Axelle Kabou von 1993″Weder arm noch ohnmächtig“ wurde im Februar 2009 neu aufgelegt und ist immer noch lesenswert.
    Die Bürgerrechtlerin Gladwell Otieno aus Kenia sagt: “ To speak clearly is not being colonial“(das sehen deutsche Weltverbesserer meist anders) und der Sudanese Mo Ibrahim“ The only thing that matters is governance,governance, governance.“ Mo Ibrahim ist als Geschäftsmann (IT) reich geworden und hat 2007 einen Preis gestiftet.
    Er betrachtet die Führungskrise Afrikas als Wurzel allen Übels. Das Preisgeld soll einen Anreiz schaffen, dass sich die politische Elite verfassungsgemäß von der Macht verabschiedet. (statt wie in Afrika verbreitet: die Verfassung zu ihren Gunsten zu ändern.)
    2009 hat die Jury niemanden gefunden, der den Preis verdient hätte.

  33. 33

    Haben Sie diese Meinung, lieber Herr Seitz – der ich übrigens nicht erst nach der Lektüre von G.Ayitteys oder D.Moyos Buch absolut zustimme – seinerzeit eigentlich auch gegenüber den DOs und im AA vertreten (können)?

    Welche Position hat die EU gegenüber SSA für die nächsten Jahre geplant? Möchte man das Feld weiterhin den Chinesen überlassen?

  34. 34

    @jke: Ja , vieles von dem was ich meinem Buch schreibe habe ich bis 2008 intern noch deutlicher berichtet. Adressat war aber in erster Linie das BMZ, das aber kritsche Meinungen nicht hören wollte.
    Man hätte mich ja widerlegen können, denn ich muß ja nicht recht haben.
    Aber man wollte sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob vielleicht doch etwas falsch läuft. Das hätte den „Mittelabfluss “ stören können. Wenn die Mittel nicht abfliessen oder gar in den Bundeshaushalt zurückfliessen, hätte man ja nicht ständig mehr Geld fordern können. Das hat sich geändert. Minister Niebel ist nachdenklich und kann zuhören. Ich hoffe, dass er seine Forderung nach unabhängiger Wirkungskontrolle nicht wie die SPD nach der Übernahme des BMZ wieder vergißt.
    Was meinen Sie mit DOs und SSA?

  35. 35

    DO = Durchführungsorganisation
    SSA = Sub-Saharan Africa

    Und wenn wir uns schon so off-topic unterhalten, darf ich vielleicht auf http://www.afrigadget.com verweisen, wo wir genau diesen Ansatz („Die Menschen in den afrik. Ländern brauchen Investoren, Menschen sind innovativ genug“) seit einiger Zeit versuchen darzustellen.

    Ähnliches gilt für http://projectdiaspora.org, wo die afrik. Diaspora Projekte aufgezeigt bekommt, wie eigene Hilfe möglich sein kann (der Punkt ist ja, dass sich viele Exilafrikaner über die Entwicklungshilfe und die Zahlungen aufregen, aber selber nichts anderes machen wenn sie ihren Familien zu Hause Geld schicken oder aber aus kult. Gründen dazu verpflichtet sind).

    „Adressat war aber in erster Linie das BMZ, das aber kritsche Meinungen nicht hören wollte.“ – Daran wird sich aber in absehbarer Zeit auch nicht viel ändern, nicht wahr? Meine Stimme zum Bonner Aufruf haben Sie!

  36. 36

    Danke für die Hinweise.
    Durchführungsorganisationen haben natürlich ein Interesse, dass die Projekte weitergehen. Die Experten selbst haben meist zwei Meinungen: eine sehr offene, die sie mir gegenüber äußerten und eine die für den Arbeitgeber bestimmt war. Denn sie wollten ja ihren Job als lebenslänglicher
    Entwicklungshelfer nicht gefährden. Die Regierungen waren übrigens gegenüber Kritik offen, weil sie merkten, dass ich mich für die Probleme wirklich interessiere. Da sie aber merkten, dass die Gelder trotzdem flossen hat sich auch nichts geändert.
    Die EU Politik in Afrika gegenüber China ist mir jedenfalls nicht klar. Ansonsten glaubt auch die EU alle Probleme in Afrika mit größerem Mittelfluss lösen zu können. Allerdings findes es erfreulich, wenn sich der Entwicklungskommissar de Gucht kritisch zu Mittelverwendung z.B. im Kongo äußert.
    Wir würden uns freuen wenn Sie den Bonner Aufruf oder noch besser die Fortentwicklung „10 Vorschläge“ unterschreiben würden. Je mehr wir sind je weniger kann man unsere Kritik ignorieren.

  37. 37

    @vincent (20)
    Mehr Kontrolle wuerde m.A. nicht notwendigerweise mehr bringen, nur mehr Ausgaben – noch mehr gut bezahlte Expatriats und noch mehr Abstimmungsbedarf, der hier (in Uganda) sowieso schon kaum zu bewaeltigen ist.

    @Johannes Reimann (21)
    Den Gedanke des Legitimitaetsproblems (wer ermaechtigt die NGO’s hier irgendetwas zu tun) finde ich gut; aber noch interessanter ist die Fragestellung, wer kontrolliert, wer ueberwacht, wer ist verantwortlich… Niemand! Ein Kollektiv! Kann eine grosse Gruppe zur Verantwortung gezogen werden? Wer traegt die Verantwortung fuer ineffektive Programme, fuer das (derzeit heiss diskutierte) Scheitern von Entwicklungshilfe (wo es doch alle sooooo gut meinen) in der unueberschaubar grossen Gruppe von internationalen Organisationen?

    Kritik an Entwicklungshilfe ist so alt wie Entwicklungshilfe selbst; ich habe 50 Jahre alte Artikel dazu gefunden. Es wurde viel dazu geschrieben und es kommt sicher noch mehr… aber wann werden diese vielen Worte tatsaechlich eine Aenderung bewirken?

  38. 38

    ‚tschuldigung… muss noch ein zweites Kommentar hinterlassen, um die Option der Email-Benachrichtigung bei neuen Kommentaren anklicken zu koennen

  39. 39

    Zur Kontrolle : Sorry wenn ich nochmals auf mein Buch hinweise. Ich habe dort ausführlich zu einem u n a h ä n g i g en Kontrollorgan Stellung genommen. Die Kritik an der Entwicklungshilfe gibt es schon lange. Da stimme ich zu. Aber warum, weil immer mehr Geld gefordert wird, ohne dass die Wirkung der Hilfe angemahnt oder gemessen wird. Bis dahin gilt, was im Mai 2009 die Süddeutsche über die Entwicklungshilfe des BMZ schrieb:“ Entwicklungshilfe ins Blaue hinein“.

  40. 40
    Hubert Zimmermann

    Dieser Blog ist erfreulich niveauvoll und sachlich.Besonders die Ausführungen von Reimann (21) und Seitz sind klug und zielführend.
    Zu dem, was ich jetzt ausführe, mag man mir grobe Unsachlichkeit vorwerfen. Ich tu es trotzdem:
    Kommentar 22 spricht von der „genetisch bedingten geringeren Intelligenz der Farbigen“. Das erinnert mich an unsere dümmlichen Ärzte, die immer von „genetisch bedingt“ sprechen, wenn sie nicht wissen, woher die Krankheit kommt.
    Jeder weiß, wie fraglich unsere europäische Art von Intelligenzbestimmung ist, obschon die messenden Psychologen von ihrer Wissenschaftlichkeit überzeugt sind. Natürlich geht es in unserem Kulturraum seit der Neuzeit um naturwissenschaftliche Intelligenz. Andere Intelligenzen gibt es für uns nicht oder zählen nichts, daher können sie bei unseren Testverfahren auch nur minder abschneiden.
    Aber wieso sollte der Farbige Afrikas geringere Intelligenz haben? Gerade Afrka, das der Welt den homo sapiens sapientissimus geschenkt hat, wo die Urmutter aller Menschen vor 2 Mill. Jahren gelebt hat, gerade da soll die Entwicklung der menschlichen Intelligenz plötzlich zurückgeblieben sein?
    Welcher Hochmut der weißen Rasse, die glaubt, mit der Eroberung der ganzen Welt in der Kolonialzeit des 19.Jh. die maßgebliche „Herrenrasse“ mit ihrem Denken, ihrer Zivilisation, ihrer Intelligenz zu sein!
    Wir maßen uns an, unsere Welt denen bringen zu müssen, nur nennt man das heute nicht mehr „Zivisilation den Wilden“ bringen, wie in der Kolonialära, sondern „Entwicklungshilfe“.
    Bevor ich etwas zu der großartigen Kultur der dunkelfarbigen Afrikaner sage, stelle ich dar, wie abwegig unsere Schnapsidee ist, dass sich andere Völker zu unserer Zivilisation hin „entwickeln“ sollen.
    Wir, die wir die Welt seit 60 Jahren unter den Schrecken der atomaren Vernichtung gestellt haben, die wir seit neuestem erkennen, dass unsere Art mit Energie umzugehen den Untergang unseres Planeten, so wie wir ihn kennen und lieben, in 80 Jahren bedeuten würde, wir, die wir mit unserer Medizin seit 1860 (und vor allem den Export derselben in die Dritte Welt seit Lambarene) die irrsinnige Bevölkerungsexplosion der ganzen Welt (in meinen Augen d a s Hauptproblem der ganzen Welt nicht nur bei 1,3 Mrd. Chinesen und 1 Mrd. Inder, sondern auch gerade in Arika mit Steigerungen von 2,5 % pro Jahr; am Beispiel des schwarzafrikanischen Haiti: 2,5 Mio in 1954 und 10 Mio in 2010. Also eine Vervierfachung in 56 Jahren mit der Folge, dass jeder Wald, jeder Baum abgeholzt werden muss zum nackten Überleben und jeder Fleck, ob Hurrikan-gefährdete Küste oder fruchtbares Schwemmland besiedelt werden muss, daher all die „Natur“katastrophen! Haben Sie sich mal überlegt, war für ein Mord- und Totschlag in D’land herrschen würde, wenn seit dem Kriege aus den 80 Mio. Deutschen 320 Mio. entstanden wären, wie dann unsere Schulen, Krankenhäuser und Unis der Massen Herr werden sollten, und wie unser Land mit Autobahnen und endlosen Vorstädten zugeflastert sein müßte? Dann hätten wir hier auch Anarchie!)
    verursacht haben (und erst der irrsinige Dualismus von Chemopille zum Überleben des Säuglings und ab 1967 Chemopille zum Verhindern des Säuglings die Bevölkerungsvermehrung gestoppt hat), wir, die wir unsere Kinder in Schulen zwingen, wo 40% der Kinder Kopfschmerzen und Versagensängste hat und Beruhigungstabletten oder grauslige Psychopharmaka lutscht, wir, eine Gesellschaft mit hohen Selbstmordraten, wir mit unseren waffenstarrenden Berufsheeren, wir also haben in meinen Augen nun überhaupt keinen Grund, irgendjemanden mit unserer Entwicklung beglücken zu müssen. Im Gegenteil, ich würde es verstehen, wenn die Afrikaner zu uns kämen als Entwicklungshelfer (denen fehlt aber die Arroganz, um auf solche abwegige Idee zu kommen).
    Durch unsere Entwicklungshilfe (jetzt so genannt, früher Christianisierung, Missionierung oder Kolonialisierung) arbeiten wir eifrig weiterhin daran, deren Kultur zu zerstören, wie wir Europäer es ja seit Kolumbus und Pizarros Zeiten erst in Mittelamerika und dann in der ganzen Welt „erfolgreich“ gemacht haben.
    Deren afrikanische Kultur braucht bis heute keine Buchstaben, keine Schrift, keine Zahlen und schon gar keine Infinitesimalrechnung, vor allem keine Schule (um die Menschen auf diese arbeitsteilige Maloche von früh bis spät, vom 6. bis 66 Lebenjahr an zurechtzubiegen), von den Eltern wird die Sprache, die Mythen, die Geschichte mündlich und vor allem auch durch Musik und Tanz weitergereicht, die Kinder brachen keine Spielkonsolen und ähnlichen Unfug, sondern durch Mitlaufen und Nachahmen lernen sie vom ersten Tag an fürs Leben. Nicht die Sorge, wieviel Sterne hat mein Urlaubshotel und wie ist meine Rente in 30 Jahren, treibt die Menschen um, sondern die Sorge, heute genug zu essen zu haben, wobei selbstverständlich der heutige Vorrat mit allen Bedürftigen geteilt wird, und nicht vor dem Nachbarn zurückgehalten wird mit dem Argument der notwendigen Bevorratung für morgen, nächste Woche, nächstes Jahr und ab meiner Rente ab 67!
    Nein, es ist eine andere Kultur des Denkens, der Kommunikation, der Kooperation als wie es in unser Denkschema und unsere Intelligenz passen würde. Welcher vermaledeite Gedanke also treibt uns Europäer, denen unsere Zivilisation aufzuoktroyieren und deren Kultur dabei zu zerstören?
    Und dann lese ich immer wieder in Reiseberichten: Wie kommt es, dass die Menschen in Afrika , so furchtbar arm sie auch sind (in unseren verqueren Maßstäben! ), so glücklich, heiter und zufrieden scheinen?
    Das fragt sich der ignorantische Tourist oder dünnbrettbohrende Journalist allen Enstes. Dabei hätte er es eigentlich mit einem bischen Nachdenken erwarten müssen!

  41. 41

    Die Wirtschaft und die Lebensbedingungen in Haiti werden sich nur verbessern, wenn den Menschen dort entsprechende Technik zur Verfügung gestellt wird, damit sie Güter herstellen und exportieren können. Allerdings sollten die dabei beteiligten Firmen in den Industrieländern nicht vergessen, die Bedieungsanleitungen ins Französische übersetzen zu lassen. In Afghanistan jedenfalls wurde von einem deutschen Konzern ein Wasserkraftwerk gebaut aber kein Handbuch für die Bedienung mitgeliefert.

  42. 42

    Vor ein paar Tagen ist in Deutschland das Buch „Die Mitleidsindustrie“ von Linda Polman erschienen. Ich empfehle die Lektüre des Buches. Das Buch ist 2008 in den Niederlanden erschienen und ich wünsche dem Buch auch viele deutsche Leser.
    Es klärt auf und ist sehr gut lesbar. Der Campus Verlag hätte es nicht nötig gehabt eine Lobeshyme von Ryszard Kapuscinsky auf den Umschlag zu drucken, zumal Kapuscinsky bereits im Januar 2007 gestorben ist.

    Immer mehr Geber und Hilfsorganisationen treten miteinander in Konkurrenz. Schlecht laufende und sinnlose Projekte werden immer weiter verlängert. Es ist nun einmal Geld vorhanden, und das muß aufgebraucht werden.“Auch wenn Geld übrig bleibt, der Spender will es nicht zurück haben. Der will, dass Du es ausgibst und einen schöneen Bericht schreibst“ hat ihr der Leitung der Abteilung Internationale Hilfe des Niederländischen RotenKreuzes erzählt. (S. 116/117)
    Dieses Verhalten habe ich auch bei der Entwicklungshilfe erlebt und in meinem Buch „Afrika wird armregiert“ beschrieben.
    Volker Seitz

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