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1899 Hoffenheim – Bayer Leverkusen 0:3

Ich hatte kurzzeitig die Hoffnung, es könne ein interessantes, spannendes, kurzweiliges Spiel werden angesichts der Tatsache, dass Leverkusen auswärts sich vornehm zurückzuhalten zur Aufgabe gemacht hat und in Hoffenheim plötzlich mehr als zwei Männeken eine Anspruchshaltung ntwickeln, wie man sie von normalen Fans erwartet. Die Hoffnung hielt ganze drei Minuten.

Es ging von Anfang an zu wie in einem Kindergarten einer von Altruismus durchdrungenen Hippiekommune. Nach jeder Ballberührung durfte der vermeintliche Gegner wieder, keine der Mannschaften wollte das Spielgerät länger als einige Sekunden für sich beanspruchen, statt planvoller Pässe wurde es einfach dem nächststehenden Kontrahenten überreicht, der sich dann seinerseits sofort verstolperte.

Bis zur elften Minute. Freistoß Kroos, der den Ball in Zeitlupe vors Tor schlenzt; da setzt sich Hyypiä auf den Hosenboden und den Ball ins Tor, weil sein Konterpart Ibisevic, wie von bekifften Sozialpädagogen gelernt, seinem zugewiesenen Partner den zur Selbstentfaltung notwendigen Freiraum ließ. „Im Stile einer Klassemannschaft“, schnarchte Marcus Lindemann aus der Kommentatorenkabine, obwohl man solche Tore auf Kreisligaplätzen zu Dutzenden sieht.

Hoffenheim begann dann, Fussball zu spielen, verhaspelte sich aber gerne hin und wieder, zumal Ibisevic im Stürmchen den Bewegungsradius einer Weinbergschnecke an den Tag legte. Nach der Zubereitung duch den Sternekoch. Wenn sie doch zu Chancen kamen, dann, weil Bayers Abwehr fahrlässig, nachlässig, lässig und was man da sonst noch so für Adjektive zaubern kann hinten den Ball, statt ihn rauszuhauen, umhertändelte. Aber Ibisevic scheiterte allen Piraten zur Mahnung an seiner Lechts-Rinks-Entscheidungsschwäche, und Vukcevic einmal am spitzen Winkel, einmal vor dem verwaisten Tore stehend an… tja. Vermutlich sich selbst.

Und während Hoffenheim sich mehr und mehr dazu durchrang, tatsächlich Fussball zu spielen, begnügte sich Leverkusen mit der schieren eigenen Existenz. Im Zweifelsfall gewannen sie ihre Zweikämpfe, aber sonst taten sie es der Kundenbetreuung ihres Trikotsponsors Teldafax gleich: Eigene Initiative wird nur im äußersten Notfall gezeigt. Halbzeit.

Kaum war aber die Pause vorüber, ergab sich Hoffenheim in die Unwägbarkeiten des eigenen Passspiels. Anders Leverkusen: Nach einem schnellen und sauberen Konter über rechts kommt Kroos im 16er frei zum Schuß und verwandelt links unten mit der Gemütsruhe eines Komapatienten. 51. Minute, Nullzwei.

Jetzt, da das Spiel gelaufen war, entdeckte Bayer die Lust am eigenen Spiel. Die Pässe kamen an, das Mittelfeld bewegte sich, Derdiyok und Kießling waren vom Trab in den Galopp gewechselt; bloß das Tor von Hildebrand fanden sie vorläufig nicht. Man hatte einige Zeit, darüber zu spekulieren, was es mit dieser bescheuerten Redewendung „das Heft in die Hand nehmen“ auf sich hat, und welchen Inhalts dieses Heft wohl sein möge. Aber kaum hatte ich mit Grausen den Gedanken verscheucht, welche Sorte Papier in der Sockenschublade von Beckenbauer zwischenlagert, schrien die Tischnachbarn und Barnetta riss die Arme vom Torso.

70. Minute, Leverkusen kombinierte sich durch die Hoffenheimer Reihen, die ein Abwehrverhalten wie bei „Spitz pass auf“ an den Tag legten, Kroos kriegt den Ball an der Grundlinie, schaut, legt zurück, da steht Barnetta. Tor. Eine Woge Mitgefühl für Hildebrand.

Der Bayernfan neben mir brüllte in sein Telefon, Toni Kroos sei der beste Offensivspieler der Bundesliga, und demnächst noch nicht einmal mehr in Gold aufzuwiegen, genial sei er, genial. Und im Fernsehen sagte Lindemann, Kroos sei „aus dieser Mannschaft nicht herauszudenken und selbstverständlich ein Kandidat für die großen Adressen.“ Außer von meiner Seite fand niemand im Saal diese beeindruckende kognitive Fehlleistung bemerkenswert, und selbst als ich versuchte zu erklären, was an Lindemanns Aussage so ungewollt komisch sei, und warum das Phrasengedresche in der Fussballberichterstattung so albern und… Aber gut.

Die letzten zehn Minuten nutzten die Leverkusener als Rehamaßnahme für Helmes und Rolfes, um sie daran zu gewöhnen, wie es ist, ein Leibchen durch die Gegend zu tragen. Hoffenheim wehrte sich nicht mehr, sondern sparte seine Kräfte für die absehbare Trainerdiskussion in der folgenden Woche, und Leverkusen darf sich noch ein bisschen länger als „Meisterschaftsaspirant“ gerieren. Nächste Woche kommt Freiburg in die BayArena, das schau ich mir bestimmt nicht an. Schalke gegen Hoffenheim allerdings auch nicht.

14 Kommentare

  1. 01

    Ja, das Spiel hat wirklich ein hohes Niveau an den Tag gelegt, aber wieso nach diesem Spiel wieder alle auf Kroos abgehen, muss mir einer erklären. Klar, zwei Vorlagen und ein Tor. Das hört sich nicht schlecht an. Sein Freistoß als Vorlage für Hyypiä war auch nicht schlecht. Aber hat man jemand bemerkt, dass er defensiv einfach nur schlecht ist? Kadlec musste da hinten ganz allein aufräumen, und das gelang ihm gottseidank sehr gut, 90% gewonnene Zweikämpfe.
    Das jeder zweite Angriff von Bayer 04 über die rechte Seite läuft, also über Barnettas Seite. Weit weg von Kroos, merkt das noch jemand? Kroos‘ Tor ging nämlich einer vorzügliches Kombinationsspiel zwischen Barnetta und Schwaab voraus. Den Ball dann noch über die Linie zu befördern… das schafft sogar der Euro-Harry Charisteas noch. Und seine zweite Vorlage… ach ja, die wurde sogar von Barnetta persönlich ins Tor befördert.

  2. 02

    @Stefan: Das ist, damit ordentlich Druck auf den Kroos aufgebaut wird, der soll ja nächste Saison zu Bayern und dort dann psychisch an den Anforderungen zerbrechen, auf Grund diverser Verletzungen dann zeitig ausgebuht werden, von den Verantwortlichen im Stich gelassen und dann irgendwann sich selbst einweisen, um später ein Buch über Depressionen… ach nee, das war ja Deisler.

  3. 03

    Hier mein Klugschiss am frühen Montagmorgen, weil es im Text drei Mal vorkommt und es also wohl gruseligerweis kein Versehen ist: Es heißt Fußball, nicht Fussball.

  4. 04
    Frédéric Valin

    @latze: Guten Morgen!

    Und: nicht mehr lange.In vier Jahren spätestens schreibt das jeder mit ss.

  5. 05

    Fußballcontent ist ja sooooo langweilig…

  6. 06
    Frédéric Valin

    … und kein Fussballartikel vollständig, wenn nicht mindestens ein Kommentator darauf hinweist, dass Fussball scheiße ist, darüber zu schreiben unangemessen und ihn das überhaupt nicht die Bohne interessiert.

    Das scheint ein NAturgesetz zu sein.

  7. 07
    Voyages Ukraine

    es ist immer so Schade wenn 1899- Jungs verlieren :(

  8. 08
    Jamea Tea Kirk

    Und Bayern wird wieder nicht Tabellenfüher. YESSS.

  9. 09

    @Torsten: intelligenter Fußballcontent ist aber rar
    @Jamea Tea Kirk: Noch nicht, aber bald. Wenn Robbéry und Olic fit bleiben, wird der FCB zum gefühlten 831. Mal Meister

  10. 10

    Bayern holt sich noch die ein oder andere Niederlage beim Abstiegskandidaten!

  11. 11
    Volker

    Will denn niemand die sehr unbescheuerte Redewendung „das Heft in die Hand nehmen“ erklären?

  12. 12
    Frédéric Valin

    @Volker: Das fänd ich auch gut!

  13. 13
    Mia

    http://www.wispor.de/wp-red-h.htm#heft
    „Gemeint ist damit: Die Initiative ergreifen, sich wehren …

    Die Redewendung stammt noch aus der Zeit des Schwertkampfes. Das Heft des Schwertes ist nämlich der Schwertgriff.“

    Google – Dein Freund und Helfer

  14. 14
    Frédéric Valin

    @Mia: Und ich hatte schon auf so viele schöne abwegige Theorien gehofft ;)

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