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Mediengestaltung im Umbruch

Die Welt der vernetzten elektronischen Geräte und Plattformen befindet sich in einer aufregenden Phase des Umbruchs und der Neu(er)findung. Während wir die letzten Jahre damit verbracht haben, alle möglichen Computertätigkeiten, für die wir vormals individuelle Programme benutzten, in den Browser und immer mehr Daten von der eigenen Festplatte in die Wolke zu verlagern, startete an anderer Stelle, nämlich auf den i- und Android-Phones, der Krieg um den prominentesten Icon-Platz auf dem Tatschbildschirm der Aufmerksamkeitslieferanten. Apps sind die neuen Bookmarks.

Neben den unzähligen anderen Ebenen, die es bei diesen Entwicklungen zu betrachten gilt, bleibt eine bisher so gut wie unbeachtet: Es ist die handwerkliche und kreative Herausforderung, vor der Mediengestalter, Designer, Grafiker, Typographen und Layouter derzeit stehen.

Diejenigen, welche die von uns genutzten und betrachteten Inhalte visuell inszenieren, stehen vor Aufgaben, gegen die der Sprung von Print zum Web rückwirkend lächerlich erscheint. Der in den späteren 90ern gemeinsam mit der CD-ROM zu Grabe getragene Begriff Multimedia (ahem …) erscheint zum ersten Mal angemessen angesichts dessen, was auf die Zunft zukommt, und während ich mir sicher bin, dass es einige Gestalter vor Spannung und Freude kaum auf dem Vitra-Stuhl hält, könnte die Vielzahl von Bildschirmgrößen und -orientierungen, Eingabemethoden und technischen Möglichkeiten andere schnell an die Grenzen ihrer Ausbildung bringen.

Das US-Magazin WIRED, nach wie vor eines der bestgestalteten Magazine und eine der raren Publikationen, die vorbildlich zeigen, wie eine Marke in verschiedenen Medien völlig unterschiedlich präsent sein kann, unterstreicht anhand der folgenden Demonstration, was ich meine. Übliches Amigefasel im Clip bitte ignorieren.

Kluge Mediendesigner tun meiner Meinung nach gut daran, sich schleunigst mit den neuen Plattformen und deren Möglichkeiten und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Doch keine Panik: Alle anderen haben noch drei, vier Jahre Zeit. Dann nämlich werden deutsche Printmedien unter großem Hallo feststellen, dass sie „unbedingt aufs iPad“ müssen.

Falls irgendeine nennenswerte deutschsprachige Publikation schon längst erste Dummies fertig hat, bitte ich hiermit um Verzeihung. Und will die Demo sehen.

36 Kommentare

  1. 01

    Ich denke, diese Publikationen werden diesmal schneller sein. Man kann in diesen neuen Ökosystemen ja auch ganz einfach zur Kasse bitten.

    Ich bin gespannt, was ne Wired fürs iPad kosten wird. Die Zeiten, in denen man 15-30€ ausgab für Magazine von Übersee, werden dann wohl auch vorbei sein — es sei denn man mag sich weiterhin seine Regalbretter krumm sammeln …

  2. 02

    Hm, ich dachte Adobe und Apple (insbesondere was iPhone und iPad angeht) moegen sich nicht so sehr?

  3. 03

    Gute und brandaktuelle Ergänzung übrigens beim Nieman Journalism Lab drüben in Harvard:

    What should news apps on the iPad look like? John-Henry Barac* on space & touch in digital news design

    * Designer, der die „Guardian“ iPhone App gestaltet hat

  4. 04
    ganzunten

    Ich fand diese ganze App-zentrierte „neue Welt“ eigentlich recht altmodisch, von Anfang an. Ein Schritt zurück zum Programm-Manager von Windows 3.x

    Die Microsoft-Propaganda hat gestern dazu in Barcelona ein lustiges kurzes Video gezeigt: http://www.istartedsomething.com/20100216/windows-phone-7-series-promo-video/

    @“Apps sind die neuen Bookmarks.“ Gut, aber nutzen wird denn wirklich noch so viele Bookmarks? Ich selbst nicht so sehr, nur ein paar, die es dann aber in sich haben (wie z.B. der Google Reader oder ähnliches). Ansonsten hat ja Google schon alles für mich sortiert, sogar befor ich überhaupt weiß was ich will. Für mich ist das was Microsoft mit ihrem neuen Windows Mobile/Phone-System tun hochspannend! Sie gehen weiter ihren Weg, weg vom App-orientierten Design von z.B. Apple hin zu einem noch stärker Task-orientierten Ansatz, den sie ja mit Windows 95 begonnen haben.

    Was Wired hier in dem Video zeigt ist das, was es früher auch schon als Flash-Inhalte auf sog. Multimedia-CD-ROMs gab. Eigentlich nichts neues, nur eben digitales Papier. Eine grundsätzliche Frage wäre: warum denn jetzt doch wieder zurück zum eher statischen Magazin? Weil’s jetzt geht (und evtl. auch Käufer gibt)?, was ist falsch am dynamischen live-Web-Magazin?

  5. 05
    quasi

    die neuen systeme sind zwar interessant, sind aber beim release schon veraltet – und davon abgesehen habe ich seit 10 jahren eh nichts echtes neues mehr gesehen – nur gute weiterentwicklungen.

  6. 06

    Aber auch nur drei, vier Jahre. In fünfen kommt ja was neues, wie wir auf der TED lernen durften: http://vimeo.com/2229299?hd=1

  7. 07

    Es ging mir nicht um diese ganzen anderen, auch wichtigen Aspekte, sondern hier mal allein um die Design-Abteilung, die den Auftrag bekommt, Inhalte für diverse Plattformen und Formate zu erstellen.

    @ganzunten: Das Web ist gestalterisch sehr viel eingeschränkter als Print. Ein Magazindesigner liefert im besten Fall die Stimmung für den Text und setzt ihn in einen Kontext, das passiert auf Websites eher selten, siehe hierzu auch The Death Of The Blog Post.

  8. 08

    @Johnny Haeusler:

    Dann hast Du Dir aber wahrscheinlich das falsche Beispiel ausgesucht. Fuer mich sieht das naemlich danach aus Inhalte fuer genau eine Plattform und ein Format zu erstellen.

    Flash (oder ein Derivat davon).

  9. 09

    Das Problem von iPhone & Co. ist aber doch, dass diese alle proprietäre Formate verwenden. Auf dauer wird sich nur durchsetzen, was universell verwendbar bzw. einsetzbar ist. Siehe twitter, facebook und Internet.

    Grüße aus Rosenheim

  10. 10
    micha

    @Michael: Du glaubst Twitter wird sich auf Dauer durchsetzen? Vielleicht so wie MySpace? ;)

  11. 11
    Jan(TM)

    „Mediengestaltung im Umbruch“ sagts und baut blaue Legosteine in die Seite.

  12. 12
    .jan

    @Michael: Nur mal so zum Nachdenken:
    Flash = Proprietär -> Not on the iPhone
    AAC, HTML5, .H264 = spezifizierte Standards -> alle auf dem iPhone

  13. 13

    @.jan:

    Na ja, ob H264 so frei ist ist ja auch fraglich. Nur mal so zum nachdenken.

  14. 14
    Markus

    Sieht gut aus! Bin gespannt. Das hat Zukunft!

  15. 15

    Das ist eigentlich die erste „Präsentation“, die mir den Nutzen eines Touchscreen-Readers/Rechners wirklich nahebringt. Consumption at its preliminary best. Nur mit der Kreation scheint’s mir auf dem TS etwas zu hapern. Obwohl…

  16. 16

    @Armin: Es gibt WIRED in Print, als Site, mobile Versionen, bisher eine App, bald auch die in der Demo gezeigte Version. Das sind ziemlich viele Formate und Plattformen.

  17. 17

    @micha: Ich meinte, dass z.B. Twitter in extrem vielen Anwendungen und Websites integriert wird, da es eine Api „nach außen“ führt und somit dem Netz genügend Freiheiten für eigene Ideen lässt.
    Aber mit MySpace hast Du Recht ;-)

  18. 18

    @.jan: Mit proprietär meinte ich vorallem die Tatsache, dass die Apps nur über den iTunes store gekauft werden können und diese dann in der gekauften Form auch nur auf den Apple Produkten lauffähig sind. Ausserdem ist .H264 mal ein anderes sehr riskantes Thema – auch für Apple… (2015)

  19. 19

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Art „Media Player“ für solche Zeitungsformate geben wird. Ähnlich den verschiedenen PDF Readern auf dem Markt. Letztlich funktioniert dieses Modell nur, wenn es nicht auf ein Gerät begrenzt ist. Wer sich allein auf das iPad verlässt, sieht das in meinen Augen viel zu beschränkt. Für mich klingt es sehr viel logischer, dass solche Formate dann eher eine Frage der Software sind, die sie anzeigen kann und damit allen Slates die Türen öffnet.

  20. 20
    ganzunten

    @Johnny Haeusler: Aber können die sich das langfristig leisten?. Kleinere Publikationen erst recht nicht.

    Meiner Ansicht nach wird sich alles im Web abspielen, denn dort können die Verlage unterschiedliche Inhalte (Blog, Magazin usw.) mit unterschiedlichen Technologien (HTML5, Flash, Silverlight) und verschiedenen Finanzierungssystemen (Werbung, Abo, Kleinstbeträge) nach ihren Vorstellungen kombinieren. Auf Dauer will sich sicherlich kein Verlag der Kontrolle von einem App-Marktplatz-Betreiber unterwerfen.

    Es fehlt nur ein einheitliches und sicheres Bezahlsystem. Daran sollten die Verlage mal arbeiten!

    Vielleicht sehe ich das Thema digitales Magazin insgesamt viel zu skeptisch, aber aus meiner Sicht ist das eine Kombination aus den Nachteilen beider Welten. Wenn ich ein Magazin am Kiosk kaufe, dann wegen des Papiers! Also der Qualität der „Benutzer-Erfahrung“ wie es so schön heißt.

  21. 21

    @Johnny Haeusler:

    Das in dem Video scheint mir aber die in Air (ja, habe inzwischen gegoogelt) gegossene Version einer fixen Platform zu sein, die dann vermutlich ueber kurz oder lang so ziemlich alles andere abloesen soll.

    Darum geht es doch im Endeffekt wirklich: Das ganze so standardisiert wie moeglich zu machen um das ganze billiger, einheitlich und vor allem kontrollierbar zu machen. Da wird die digitale Version des Heftes (mit zusaetzlichem Schnickschnack) in Air erstellt, was dann auf allen moeglichen Plattformen praktisch identisch laeuft. Fuer iPhone/iPad wird das dann noch in eine Apple App exportiert (da Air meines Wissens nicht unterstuetzt wird) und Thema durch.

    Und mir macht das Sorgen, dass es eine Rueckentwicklung des offenen Webs ist.

    Man moege mich korrigieren wenn ich da falsch liege, aber soweit ich es verstanden habe kann man im iPhone/iPad nicht den Browser und eine App gleichzeitig laufen haben und locker switchen (von Ausnahmen wie dem Music player abgesehen). Wenn man also Wired in der „Wired Magazine App“ liest muesste man um einem externen Link zu folgen diesen klicken, der Browser oeffnet sich und die Wired App schliesst sich? Wo ist dann das Incentive fuer Wired (und die ganzen anderen Publikationen die dem Modell folgen werden/moechten/sollen) noch externe Links anzubieten oder „interaktive“ mit anderen Sachen auf dem Web zusammenzuarbeiten?

    Es geht also zurueck in abgeschlossene Welten, etwas von dem die „alten Mainstream Media“ immer getraeumt haben.

    Und das soll gut sein?

    PS: bin ich der einzige bei dem die Kommentarnummern beim zitieren ziemlich aus der Reihe sind?

  22. 22
    ganzunten

    @Armin: Hoffentlich geht es nicht dorthin zurück! Der App-Wahn wird bald vorbei sein, denke ich. So langsam erkennen ja alle anderen, wo man wie Geld verdienen kann und Apple bekommt Konkurrenz von allen Seiten. Sehr lange wird sich Apple nicht auf ihrer Flash-Blockade ausruhen können.

    (Bei mir sind die Nummern auch um 2 verschoben)

  23. 23
    Markus

    Apps sind die Zukunft. Jedenfalls für die Masse.

    Exoten und andere Linux-Liebhaber können sich ihre Alternativen immer noch selbst zusammenbasteln. Und auch Mainstream-Content stehen die doch sowieso nicht?

    Ich bin jedenfalls bereit für Qualität zu BEZAHLEN. Ja, richteg gelesen. BEZAHLEN.

  24. 24
    Miriam

    @Armin: Kann eine iPhone-App externen Webcontent anzeigen, ohne sich zu beenden?

    Doch, das geht, wenn man (die Entwickler/Produzenten der App) es will. Es ist möglich (und vergleichsweise einfach), eine Webseite mit weiterführender Navigation in der eigenen Applikation anzuzeigen.

  25. 25
    Robert

    Ein sehr interessantes Konzept dazu hat die Bonnier Verlagsgruppe
    mit den schwedischen Designen von BERG vorgestellt.

    http://www.youtube.com/watch?v=iAZCr6canvw

    @ Markus, sehe ich genauso

  26. 26

    @Miriam:

    Nachdem ich mich jetzt mal ein bisschen umgesehen habe bezweifle ich dass das da passieren wird. Das ganze ist eine Entwicklung von Adobe, eine Art „Digital Magazine“. Basiert auf Adobe AIR (damit es „cross platform“ ist) und fuer das iPad soll es wohl einen „exporter“ geben weil das ja ansonsten auf iPhone/iPad nicht unterstuetzt wird. Klar, vielleicht wird das in diesen „exporter/packager“ mit eingebaut, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen dass da so viele Publisher das mitmachen. Die werden das vermutlich eher abstellen und externe Links weglassen.

  27. 27
    Daniel

    Ich kann das Video nicht sehen. Doofer iPod :/

  28. 28
  29. 29

    Noch eine andere Stimme warum das mit den Apps kurzlebig sein koennte (oder wird ;-)): App is Crap.

    Auch als Antwort auf diesen Satz zu sehen: „Dann nämlich werden deutsche Printmedien unter großem Hallo feststellen, dass sie „žunbedingt aufs iPad“ müssen.“

    Sind sie doch schon: Im Browser. Sofern sie ihre Website nicht vernachlaessigt haben sondern dort etwas tolles geschaffen haben.

  30. 30
    Markus

    @Armin:

    Nur, dass die Apps besser auf das iPhone oder iPad angepasst sind und dass die Autoren, Verleger, etc damit auch eher Geld verdienen können wie mit ner gratis Webseite …

  31. 31

    @Markus:

    Rupert sagt die Gratiskultur ist vorbei und in Zukunft wird man fuer die Nutzung seiner diversen Websites zahlen muessen. Beim WSJ geht’s ja angeblich jetzt schon ziemlich gut. Kann ja also nicht so schwer sein.

    Mal davon abgesehen dass es ein Vermoegen kosten duerfte die ganzen Apps fuer die 37 verschiedenen Platformen anzupassen die es da draussen gibt. Da duerfte es mit dem Geld verdienen (von den ganzen „Consultants“ mal abgesehen die mit „create the most fantabulous App ever“ Seminaren ein Vermoegen verdienen werden) recht schnell vorbei sein. Es gibt nicht nur iPad/iPhone da draussen….

  32. 32
    Markus

    @Armin:

    Du willst doch nicht etwa behaupten, dass Android- und andere Linux-Benutzer bereit sind für etwas zu bezahlen?? Wäre ja mal was Neues ;)

    Ausserdem gibt’s auch keine 37 verschiedenen Platformen.

    Mit der Freeloader-Mentalität hat Qualität auch insgesamt keine Chancen zu überleben …

  33. 33

    @Markus:

    Wusste gar nicht dass Symbian und Blackberry OS mit Linux verwandt ist. Ebenso dass die Benutzer davon nicht bereit sind fuer etwas zu bezahlen. Von den Linux Benutzern mal ganz abgesehen, kommt da der ganze Service und was sich da sonst alles drumherum entwickelt hat fuer umsonst?

    Ich glaube wenn Du auf dem Level diskutieren willst koennen wir das hier vergessen. Die „Freeloader-Mentalitaet“ hat nichts mit Betriebssystemen zu tun.

    Dass die 37 Platformen eine rhetorische Uebertreibung war wirst Du wohl noch gemerkt haben, obwohl, so furchtbar weit ist das auch nicht weg…

    1) iPhone
    2) iPad (wegen unterschiedlicher Bildschirmgroesse)
    3) Android
    4) Palm
    5) RIM/Blackberry
    6) Microsoft (Win CE bzw jetzt Win 7 Mobile)
    7) Symbian/OVI Store
    8) Browser basiert (keine App an sich, aber das muss ja auch gemacht werden)

    Na, dann viel Spass das alles zu koordinieren (und zu bezahlen).

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