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Waltraud Posch: Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt

Schönheit, persönliche Schönheit ist kein Wert an sich, sagt Posch. Schönheit ist kein festgefügter Begriff, mit „Schönheit“ lässt sich nichts konkretes verbinden. Schönheit ist der Antagonist zu Hässlichkeit, und beide Begriffe unterliegen dem sozialen Wandel. Rubens Modelle wären heute ein Fall für den Ernährungsberater, und während man heute Cindy Crawfords Schönheitsfleck rühmt, glaubte man in früherer Zeit, ein Leberfleck entstünde durch unerfüllte sexuelle Gelüste der Mutter während der Schwangerschaft.

Schönheit also ist nichts definiertes. Sie ist vielmehr eine „Leerformel für das Begehrte“. Schön ist das, wonach man sich sehnt und was man sich wünscht. Dabei wird um so schöner, was schwerer zu erreichen ist: das Seltene, Exquisite, Besondere.

Auch wenn es nicht das eine Schönheitsideal, das eine Sinnbild für vollkommene Schönheit gibt, so existieren doch bestimmte Leitmotive, bestimmte Tags. Jugendlichkeit gilt als schön, Schlankheit, Fitness und Authentizität. Alles Bereiche, an denen körperbewußte Menschen zu arbeiten aufgefordert werden.

Das ist eine weitere Kernthese des Buches: Der Körper ist, wie der Titel sagt, ein Projekt, an dem gearbeitet wird. Im Grunde geht es bei dieser Arbeit nicht um Schönheit, sondern um Verschönerung des eigenen Körpers. Und diese Verschönerung „ist in Wahrheit kein Kult um die Schönheit“, schreibt Posch, „sondern ein Ringen um die persönliche und soziale Positionierung in einer unsicher erscheinenden Welt.“

Es geht also darum, sich auszudrücken, anhand des eigenen Körpers mit der Umwelt zu kommunizieren. Deswegen drücken sich in den Verschönerungen gesellschaftliche Werte aus; denn die Differenzen zwischen den Darstellungen körperlicher Attraktivität sind gering. Und das, obwohl gerade die Sorge um den eigenen Körper „als Ausdruck von Individualität und Authentizität gilt“.

Aber genau weil Verschönerungen (auch) diesen Eindruck hinterlassen, sind sie eine Form der Kommunikation und Interaktion mit der Aussenwelt. Wer seinen Körper im Griff hat, der hat auch sein Leben im Griff, lautet eine der möglichen Botschaft.

Wir leben heute, in der Moderne, in einer Multioptionengesellschaft: einer Gesellschaft, die suggeriert, dass wenn auch nicht alles, so doch vieles möglich ist. Die sozialen Grenzen sind durchlässiger geworden, Festanstellung von der Ausbildung bis zum Ende des Arbeitslebens wird immer ungewöhnlicher, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit werden wichtiger. Dafür erweitern sich die Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung. Da aber jedem alle Türen offenzustehen scheinen, wird es wichtiger, sich von der Masse abzusetzen, sich ein persönliches Profil zu erarbeiten. Da aber nicht abzuschätzen ist, welche Eigenschaften und Merkmale später einmal von Nutzen sein werden, „erfolgt Identitätsbildung möglichst umfassend“.

Das erfordert Selbstmanagement, das sogenannte „unternehmerische Selbst“ bedeutet: Moderne Menschen werden zu Verwaltern ihrer eigenen Möglichkeiten. Und damit ihres eigenen Glücks. Sie sind verantwortlich für ihr Wohlbefinden und ihre Selbstverwirklichung.

Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen „sich schön machen“ und „sich wohlfühlen“. Posch zitiert Umfragen, in denen die Probanden angeben, sie rasierten sich die Beine, um sich besser zu fühlen, nur für sich, oder aber sie ließen sich die Nase begradigen, die Ohren anlegen, weil sie so an ihrem seelischen Wohl arbeiten könnten. Nina Degele wird mit den Worten zitiert, dass Wohlfühlen „zu einem Persönlichkeitsmerkmal geworden“ sei. Einem Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist, wird „innere Schönheit“ zugeschrieben. Es geht nicht mehr darum, eine Rolle zu spielen: es geht darum, sie zu verkörpern.

Das Selbstmanagement des Körpers erstreckt sich auch auf die Gesundheit, auf die Vorsorge zumal. Krebsvorsorge, Zahnkontrollen, Ganzkörpercheck, all das sind Phänomene der letzten Jahre. Auch diese Bereiche werden mehr und mehr privatisiert in dem Sinne, als dass sie der Verantwortung des Einzelnen übertragen werden.

Posch fasst das so zusammen: „Der neoliberale Idealkörper ist demnach ein selbst verantworteter Körper mit selbst verantworteter Gesundheit und selbst verantwortetem Aussehen.“

Das ist nur eine Idee, die Posch in ihrem Buch herausarbeitet; ein Buch, das verständlich geschrieben ist und ohne große wissenschaftliche Pirouetten auskommt. Es ist geschrieben für den interessierten Laien und eignet sich auch als erster Kontakt mit dem Thema. Trotzdem ist es voller Material, beispielsweise zum sogenannten Schlankheitswahn, und arbeitet Phänomene wie Schönheitsoperationen detailliert aus.

Die Frage, ob diese unsere Zeit einem Schönheitswahn erlegen ist, verneint Posch übrigens: Empirisch ist der nicht zu belegen, und tatsächlich lässt sich die letzten Jahre eher eine Auflockerung von Schönheitsidealen beobachten.

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3 Kommentare

  1. 01

    Irgendwie kann ich der Argumentation zumindest was die Gesundheitsvorsorge angeht nur sehr sehr bedingt folgen. Wer soll denn (sofern man gesund bleiben moechte) anderes hauptverantwortlich sein als man selber? Ob man raucht oder nicht ist doch eine persoenliche Entscheidung, ebenso in grossen Teilen ob man sich die Leber kaputttrinkt oder nicht? Ebenso ob man zum Arzt geht oder nicht, oder waere es Dir lieber man wuerde dafuer zwangseingewiesen?

    Das Krebsvorsorge eine Entwicklung der letzten Jahre ist die mit irgendwelcher „Privatisierung der Gesundheitsvorsorge in den letzten Jahren“ in Verbindung zu bringen sei erschliesst sich mir auch nicht. Ein grosser Teil davon liegt daran dass die Erkennung (und auch Behandlung) ueberhaupt erst in den letzten Jahren moeglich geworden ist.

  2. 02
    James

    Lieber Frédéric,

    jetzt eine vielleicht völlig dämliche Frage:

    Mir ist aufgefallen, dass Du hier größtenteils auf das Mittel der direkten oder indirekten Rede verzichtest wenn Du Fremdmaterial wiedergibst. Ist das Absicht? Und wenn ja, warum dieser Verzicht? Und warum nur teilweise? Macht man das so, wenn man inhaltliche Übereinstimmung mit Teilen eines Textes signalisieren will? Oder aus ästhetischen/stilistischen Gründen? Oder „macht man das heute einfach so“? Und anders sowieso nicht?

    Keine Kritik, wunder mich nur.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @Armin: In ideologisch anders geprägten Gesellschaften wird die Frage, wer für Gesundheit mitverantwortlich ist. Im Sozialismus und im Nationalsozialismus zum Beispiel übernimmt der Staat viel von der Sorge um den Körper. durch Betriebssportgruppen zum Beispiel oder durch Vorsorgeuntersuchungen am Arbeitsplatz. In religiös konnotierten Gruppen wird man Dir auf die Frage, wer für Gesundheit verantwortlich ist, antworte: Gott hats gegeben, Gott hats genommen, oder vielleicht sogar auf Dämonen verweisen.

    Die entscheidende Frage ist: wozu. Wozu soll man gesund sein? Im Sozialismus würde man antworten, um gemeinsam mit der Gemeinschaft etwas aufzubauen, eine neue Welt zu konstruieren. Im Neoliberalismus antwortet man: um ein glückliches und erfülltes Leben zu haben.

    @James: Ich finde die Frage nicht dämlich. Drei Punkte sinds, die mich auf indirekte Rede verzichten lassen: Zum ersten wäre da die bessere Lesbarkeit, in der direkten Wiedergabe ist der Stil flüssiger. Zweitens ist das bei Buchbesprechungen tatsächlich Standard, weil ja in der Überschrift und in der Aufmachung des Artikels klar wird, dass man wiedergibt. Und drittens macht das für den Leser (fast) keinen Unterschied, wie ich bei der Diskussion um das Buch „Religion und Bürgergesellschaft“ herausgefunden habe, wo durchgängig die MEinung Noltes mit meiner gleichgesetzt wurde, obwohl ich viel direkte und indirekte Rede verwendet habe.

    Bei Posch kommt tatsächlich hinzu, dass ich mit ihr in großen Teilen übereinstimme, aber das ist bloß ein weiches Kriterium.

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