19

Haiti: Die Zukunft der Vergangenheit

Nach und nach wird das Ausmaß der Schäden klar, die das Erdbeben in Haiti angerichtet hat: Die Interamerikanischen Entwicklungsbank bemisst sie auf über 10 Milliarden Euro. Infolge des Bebens sind 212.000 Menschen gestorben, 1,2 Millionen verloren ihr Obdach.

Über einen Monat nach dem Erdbeben hat das öffentliche Interesse an Haiti spürbar nachgelassen. Und damit auch der Geldfluss. Es wird nichts mehr in Ordnung kommen, der Status quo in Haiti nimmt die nähere Zukunft vorweg, eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Raoul Peck zeichnet eine düstere Zukunft seines Landes:

Da wir die Unzulänglichkeiten unseres Landes kennen, erwarten wir weder Beständigkeit noch Kontinuität, was die Pläne der internationalen Gemeinschaft betrifft. (Haiti wäre nicht der erste Fall medizinisch-humanitärer Vernachlässigung.) Dieser Übergangszustand wandelt sich (obwohl es die haitianischen und ausländischen Führungskräfte abstreiten) vor unseren Augen ins Endgültige.

Jean Francois Labadie, der mit seinem Blog Pour ne pas oublier über Haiti kurzzeitig zu einem gefragten Interviewpartner internationaler Medien wurde, ist ähnlich skeptisch:

Die Haitianer verstehen einmal mehr, dass ihre Führung sie nicht ins Zentrum des Interesses hat platzieren können. Fast eine Million Menschen schlafen in improvisierten Flüchtlingscamps. Hunderttausende sind in die Provinzen geflohen. (…) Die Haitianer wissen, dass diese neue Hölle lange anhalten wird. Die internationale Gemeinschaft müht sich zu helfen, weiß aber nicht, wo die Probleme liegen. Was die Probleme sind. Kann keine Lösungen vorschlagen, weiß nicht, wo anzufangen ist. Die alten Gewohnheiten der reichen Länder kommen wieder auf, Versprechungen über Geld und Beton prasseln auf Haiti nieder.

Die Haitianer selbst glauben nicht so recht an ein Fortkommen, an eine Besserung. Die Vergangenheit hat sie gelehrt, dass es Abhilfe nicht gibt. Die jüngere Geschichte Haitis ist eine Geschichte des kläglichen Versagens der internationalen Staatengemeinschaft. Tatsächlich wird Haiti seit 2004 de facto von der UNO regiert, die im Zuge der MINUSTAH mit 11.000 Soldaten, Polizisten und Zivilisten die öffentliche Ordnung garantieren sollten.

Parallel dazu regte die haitianische Regierung an, in Armutsbekämpfung und den Agrarsektor zu investieren, und stieß dabei auf unüberwindbaren Widerstand bei den verantwortlichen Ländern. Peter Hallaward schreibt dazu: „Die gleichen Länder, die sich nun bei der Katastrophenhilfe zu übertreffen scheinen, haben fünf Jahre lang fortwährend gegen eine Ausweitung des UN-Mandats über die unmittelbaren militärischen Ziele hinaus votiert.“

Es ist abzusehen, dass es sich bei dem Beben nicht um die letzte Naturkatastrophe auf Haiti handeln wird. Dass Haiti und seine Bewohner dann besser gewappnet sind, erwartet kaum jemand. Mit an Fatalismus grenzender Machtlosigkeit sieht man die nächste Apokalypse bereits auf die Insel zurollen.

212.000 Tote, 1,2 Millionen Obdachlose.

19 Kommentare

  1. 01

    Was soll man tun? Noch mehr spenden, auf die Straße gehen?

  2. 02
    paul

    @bas89: sich des eigenen luxusleben bewusst sein.

    ps. krasses bild.

  3. 03
    pagid

    @paul: und? mir ist „mein“ luxus bewusst – vor allem weil mir jeden Tag in allen Medien gezeigt wird wie schlecht es anderen geht. Ich fühle mich nicht für die Notlage nach einem Erdbeben schuldig und auch nicht für die Folgen vpn Bürgerkrieg. Mir wird aber von allen Seiten eingeredet dass ich es u.a. wegen der falschen Klimapolitik, falschen Klimabewusstsein und falschen wirtschaftlichen Entscheidungen, bin. Ich bin bereit zu helfen und zwar unabhängig von der aktuellen Berichterstattung. Im gleichen Zusammenhang hört man oft dass man sich mit einer Spende ja nur „frei kauft“.

    Deshalb finde ich die Frage von @bas89 sehr berechtigt – was soll man tun? Anders wählen? (wen? welche Position?) Doch mehr spenden? …

    Alternativ wäre da mein Vorschlag die ARD anrufen und die bitten dass die mindestens einmal die Woche einen Statusbericht aller Notleidenden Länder sendet, inkl. jeweiligem Schuldanteil pro Bundesbürger, damit man sich selbst ein Bild von der Lage machen kann und weiß wie schuldig man ist ..!?

  4. 04
    Thomas Benle

    @bas89 (1): Sinnvolle Maßnahmen anregen.

    Frédéric hat es in seinem Artikel angesprochen: Die Akteure vor Ort sind mit der Situation überfordert. Trotz der reichlichen Spenden! .oO(Die dennoch bei weitem nicht reichen, um die Lage zum Positiven zu wenden)
    Aber so schrecklich das Beben in Haiti auch gewesen sein mag – und das war es ohne Frage! -, das ist nicht das eigentliche Problem! So hart das auch klingen mag: Sowas passiert. Und ist in der Region durchaus nicht weiter ungewöhnlich. Wirklich problematisch ist das korrupte Regime, sind die Kindersklaverei, die Bildungsferne, die Armut und die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit. Hait zählt als einziges Land in seiner Umgebung als LDC (Least Developed Country) – und an diesem Umstand hat bisher noch niemand versucht, nennenswert etwas zu ändern. Auch das spricht Frédéric an. Es ist eben etwas anderes einen Staat in seiner Souveränität zu stärken oder ihn populistisch wirksam im Schnellverfahren unter öffentlicher Aufsicht bloß wieder aufzupäppeln, bis niemand mehr hinsieht und man ihn wieder fallenlassen kann.
    Das Engagement der meisten Länder basiert auf einer populistischen Notwendigkeit und wärt damit natürlicherweise nur sehr kurz, die wenigen Ausnahmen hiervon müssen fürchten, selbst unter den Problem zu leiden (die DomRep als der direkte Nachbar aber auch die USA als Flüchtigsmagnet). Beide Formen des Engagements haben eines gemeinsam: Es besteht und bestand nie ein ernsthaftes Interesse daran, in den Regionen wirklich etwas zu bewegen und ändern. Wem das missfällt, der muss hier ansetzen und neue Notwendigkeiten für Hilfe schaffen.

    Der Fairness halber muss aber angemerkt werden, dass Haiti an seiner eigenen Lage (d.h. nicht der durch das Erdbeben verursachten, sondern der sowieso schon lange vorhandenen) zu großen Teilen selbst schuld ist und man sich nach erfolgsversprechenden Ansätzen (Haiti war immerhin kurze Zeit die wirtschaftlich bedeutsamste Kolonie) in Korruption und Misswirtschaft verloren hat.

  5. 05
    jan

    @pagid: „Alternativ wäre da mein Vorschlag die ARD anrufen und die bitten dass die mindestens einmal die Woche einen Statusbericht aller Notleidenden Länder sendet, inkl. jeweiligem Schuldanteil pro Bundesbürger, damit man sich selbst ein Bild von der Lage machen kann und weiß wie schuldig man ist ..!?“

    Tag gerettet, Danke!

    Schuldige Grüße,
    Jan

  6. 06
    quasi

    naja – also meinst du es sei jetzt sinnvoll mehr zu machen als das wozu man vorher politisch bereit war um sich selber dadurch politisch handlungsunfähig in dieser region zu machen anstatt haiti wieder zu befähigen sich selber aufzurappeln, wobei sicher noch handlungsbedarf besteht…

  7. 07
  8. 08

    Was ist das für nen Foto?
    Das erinnert einen ja fast an Karneval (Kamelle)

  9. 09
    stephan

    das foto war in der letzten zeit. politikteil. rubrik damals und heute“¦ hab sie schon weg geschmissen, aber vielleicht hat herr valin ja noch einen kleinen urheberrechtshinweis ;-D

  10. 10
    Jan(TM)

    @Sukram71: Kind hat Bonbons in den Trümmern gefunden. Foto: Fred Dufour/AFP/Getty Images (Quelle Die Zeit Nr. 7/2010)

    @paul: Guilty of Being White

  11. 11
    Frédéric Valin

    Das Foto ist von hier, wo es unter einer CC-Lizenz veröffentlicht wurde:
    http://www.flickr.com/photos/0742/4328000397/

    Offensichtlich funktioniert das Foto-Plugin gerade nicht, deswegen kommt der Verweis auf die Quelle leider etwas spät.

    @Thomas Benle: „Der Fairness halber muss aber angemerkt werden, dass Haiti an seiner eigenen Lage (d.h. nicht der durch das Erdbeben verursachten, sondern der sowieso schon lange vorhandenen) zu großen Teilen selbst schuld ist und man sich nach erfolgsversprechenden Ansätzen (Haiti war immerhin kurze Zeit die wirtschaftlich bedeutsamste Kolonie) in Korruption und Misswirtschaft verloren hat.“

    Das ist in einer Art und Weise atemberaubend falsch und geschichtsvergessen, da bleibt mir glatt der Atem weg. Dazu will ich auch keinen Link liefern, da hilft vermutlich nur noch ein Buch. Und jedes Buch über die Geschichte Haitis wird diese These des „selber schuld“ auseinanderbrechen lassen, es ist also egal, welches.

  12. 12
  13. 13
    Frédéric Valin

    @Jan(TM): Unter dem Bild auf Flickr steht „with the consent of people who took the images“. Daran halte ich mich.

    Die aktuelle Zeit hatte ich übrigens nicht in der Hand.

  14. 14

    Das Foto ist auf jeden Fall klasse.

    Mich erinnert das trotzdem erstmal an den Rosenmontagszug von dieser Woche, wo die kleinen Kinder genau so die Kamelle aufgesammelt haben, wie auf dem Bild. Und da war auch so ein (Schnee)Matsch und die Hände ähnlich dreckig.

  15. 15
    Thomas Benle

    @Frédéric Valin: Dessalines ruft sich in seinem Wahn zum Kaiser aus und herrscht blutig bis zu seiner Ermordung, welche wiederum Bürgenkriege und Machtkämpfe im Land auslöst. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass es auf Haiti zu starken Unruhen, Aufständen und Bürgerkriegen kommt. Man führt die riesigen Plantagen der einstigen Kolonialherrennicht im Kollektiv und unter staatlicher Aufsicht weiter, sondern parzelliert sie in viel zu kleine, wirtschaftlich nicht lebensfähige Teilstücke. In der Konsequenz kann man die Ablöseforderungen deines ach so geliebten Frankreichs nicht mehr effizient bedienen, Haiti versinkt in Schulden und damit verbunden: Armut, Korruption und Kriminalität. Haitis bis heute dürftige Infrastruktur entstand unter den amerikanischen Besatzern, das Land ist dennoch in weiten Teilen nur schwer zugänglich und gerade in den abgelegenen Bergregionen ist Kindersklaverei immer noch weitverbreitet – mit ein Grund für die hohe Analphabetenrate Haitis trotz de facto vorhandener Schulpflicht über sechs Jahre. Misswirtschaft auf den Feldern führte zu Bodenerosion und Landflucht, der Regenwald ist schon seit Jahrzehnten nahezu vollständig abgeholzt, Maßnahmen dagegen wurden meines Wissens nach noch nicht ergriffen.
    Willst du mir ernsthaft erzählen, dass alles sei unsere Schuld?

    Es fiele mir nicht ein, mich hinzustellen und zu behaupten, der Westen (i.e. insbesondere Europa und später die USA) sei an der desolaten Lage in Haiti frei von jeder Schuld. Das ist er nicht und niemand bei Verstand wird dies leugnen! Die Ausrottung der einheimischen Bevölkerung Haitis, die Ausbeutung der schwarzafrikanischen Sklaven, die angesprochenen Ablösezahlungen der Franzosen für die Anerkennung der Unabhängigkeit des Inselstaats, die bis heute nicht zurückerstattet wurden (die Summe wäre enorm!) und vor allem die fatale Unterstützung der Duvaliers durch die USA, die selbst dann noch nicht in offene Feindseligkeit umschlug, als deren paramilitärischen Schlägertrupps die Menschen in brennende Autoreifen stopften, bis hin zur mehrfachen Unterstützung Aristides (der sich umgekehrt aber auch jetzt noch einer enormen Anhängerschaft in Haiti erfreut, hunderte folgten ihm ins Exil), das alles ist vor allem die Schuld des Westens!
    Ich spreche den Westen von dieser Schuld nicht frei, ich gebe bloß zu bedenken, dass Haiti durchaus auch seinen Teil beigetragen hat. In dieser Hinsicht ist es vielen afrikanischen Ländern nicht unähnlich.

    Das magst du anders sehen mit Verblendung oder Geschichtsvergessenheit hat es allerdings eher nichts zu tun.

  16. 16
    Frédéric Valin

    @Thomas Benle: Monokausale Erklärungen sind prinzipiell schwierig. Haiti litt nach der Unabhängigkeit an den Schwierigkeiten, die viele Ex-Kolonien verbindet; es bildete sich eine Herrscherschicht heraus, die die Position der Kolonialherren einnahm und den Rest unterdrückte.

    Von den großen Plantagen sah Toussaint zunächst ab: die wurden erste eingeführt, als die USA 1915 das Land mehr oder weniger besetzten. Dadurch sicherte er die Subsitenzwirtschaft, die zwar nicht zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung führte, aber immerhin konnten sich die Leute ernähren. NAchdem die USA den Grundstücksmarkt für ausländisches Kapital öffneten, spülte es die Parzellen hinweg: in den 70ern entstanden die Slums, aus denen Duvalier seine Milizen rekrutierte und die jederzeit einen Bürgerkrieg anzetteln können etc pp.

    Ich wollte auch gar nicht so schnippisch sein. Ich traf neulich eine gute Freundin aus Honduras, die ähnliches gesagt hat: dass sie selbst verantwortlich seien und diese Veratwortung auch zu tragen hätten. Sinnvoll für sie, diese Einstellung, aber nicht sehr sinnvoll für Europäer. Von hier aus sollte eher analysiert werden, wie wir dazu beigetragen haben, dass so viele Staaten failen, und vor allem, warum wir offensichtlich überhaupt nicht mit failed states umgehen können.

    Man kann die Ursachen überall suchen:

  17. 17
    Thomas Benle

    @Frédéric Valin: Und diese Analyse führt uns dann wieder zu meinem ersten Kommentar zurück. Denn das Wissen allein löst noch keine Probleme, es muss auch entsprechend umgesetzt werden. ;)
    Letztlich liegen unsere Meinungen zu diesem Thema aber vermutlich gar nicht weit auseinander: Monokausale Erklärungen sind immer schwierig, stimmt. Drum war ich bemüht, das ganze nicht so hinzustellen, als sei man in Haiti seit jeher nur Spielball des ach so bösen Westens. Das mag etwas kurz gekommen sein und merkwürdig geklungen haben, zugegeben. War aber nicht so gemeint. Natürlich trage wir Mitschuld und natürlich sollten wir unser Möglichstes tun, die Lage weltweit aufzubessern. Für eine Lösung der Probleme braucht es aber vor allem einen unverstellten Blick auf die Lage und diesen sehe ich in den Medien oft nicht gegeben.

  18. 18

    Bzgl. geforderten Bildern zur Katastrophe in Haiti

    Die Agentur (s.u.) vermarktet sich
    gekonnt mit dem Leid der anderer.

    http://vimeo.com/leclercbrothers

    Vielleicht bin ich allzu kritisch.

Diesen Artikel kommentieren