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re:publica Tagebuchbloggen, 3. Tag


Rezeption. Faszinierend ist, wie gut Götz Werner spricht. Ein großer Meister der Redundanz; er sagt, was er sagt, nicht einmal; nicht zweimal; nicht dreimal. Am liebsten sagt er es fünf bis sieben Mal, und doch tut er es auf eine Weise, die mich nicht einschlafen lässt. Sondern zuhören. Aufhorchen manchmal, mindestens aber hinsehen. Die Aufmerksamkeit fordert. Einen mitnimmt. Er spricht über bedingungsloses Grundeinkommen. Am Ende habe ich keine Ahnung, ob ich mit ihm übereinstimme. Einverstanden bin. Seine These teile. Affirmiere. Aber sein Gedanke hat sich nach einer Stunde so sehr in mein Hirn gebrannt, dass ich ihn bestimmt nie wieder rauskriege.

(Zusammengefasst sagt Werner, man brauche keine Arbeit, um Einkommen zu generieren. Sondern man brauche Einkommen, um Arbeit zu generieren. Einkommen sei die Voraussetzung für Arbeit, nicht andersrum.)

In den kommenden Tagen wird ein Interview mit Götz Werner folgen, in dem er nochmal inhaltlich Stellung nimmt.

Aktivität. Günter Metzges spricht im kleinen Saal darüber, wie man bei politischen Aktionen on- und offline verbindet. Es ist so voll, das könnte ein Flashmob gegen Massentierhaltung sein. Es geht um Campact, ein Kampagnenportal, das in der letzten Zeit unter anderem gegen Gen-Mais, für die Veröffentlichung von Nebeneinkünften von Bundestagsabgeordneten und – aktuell gegen Atomkraft gestritten hat.

Es geht um Strategien, die „Think global, act local“ in eine politische Realität übersetzen. Wie man sich im Netz organisiert, um dann auf der Straße Wirkung zu erzielen. Wie das konkret funktionieren kann, steht unter anderem in diesem Zeit-Artikel:

Konkrete Themen, sichtbarer Einfluss, zeitlich begrenzt: Junge Menschen sind bereit, sich über Online-Plattformen politisch und sozial zu engagieren. Aber nur, wenn die Bedingungen stimmen.

Rezeption. Ich habe ungefähr 700 Druckseiten von der re:publica mitgenommen, davon 550 interessante. Vier mal drei Tageszeitungen und eine Zeit hab ich mir auch noch gekauft. Außerdem hab ich mir bei meinem Lieblingsbuchladen von mindestens fünf Vortragenden Bücher bestellt.

Wenn Print stirbt, dann liegts nicht an mir.

Aktivität Leute, die Spaß auf einer Bühne haben. Leute, die Spaß an dem haben, was sie machen. Leute, die ihre Sache ernst nehmen, sich selbst aber im Hintergrund halten. Das beste Panel auf der re:publica war (für mich) Medien hacken. Im Herz der Bestie. Victor Dornberger und Helmut Grokenfeld über Medienguerilla. Theoretisch nicht anspruchslos, mit vielen Beispielen, witzig und enthusiastisch. Sobald der Mitschnitt fertig ist, stell ich ihn hier rein.

Kleiner Ausschnitt:

Rezeption. Dass es so etwas in Mitte noch gibt: nette und interessierte Security. Nette und völlig unprätentiöse Bardamen. Mein Mitte-Vorurteil geht so: die Türsteher halten sich für Ralph Möller, die Bardamen für Angelina Jolie. Alles falsch. Komplett falsch. Zumindest in der Kalkscheune. Veranstalter dieser Welt, holt euch keinen Cerberus an die Tür, holt euch solche Menschen!

Schön wars. Dankesehr.

12 Kommentare

  1. 01
    Henrik

    Das mit Götz Werner lesen wir aber nochmal nach, oder? Beim bedingungslosen Grundeinkommen gehts höchstens mittelbar um Mindestlohn.

  2. 02

    @Henrik: Wenn jeder, gleichgültig ob er arbeitet oder nicht, ein bestimmtes Einkommen erhält, dann ist das doch kein Mindestlohn? (Lohn = Entgelt für geleistete Arbeit)

    Ich würde mir wünschen, dass mehr Unternehmer in Deutschland so denken, wie Herr Werner, nämlich den Menschen im Mittelpunkt sehen, anstatt irgendwelcher Kostenstellen.

  3. 03

    Ungeachtet aller vorgefassten Meinungen im einzelnen und besonderen,
    kann ich als aussenstehender nur meinen Respekt gegenüber den Orga-
    nisatoren zum Ausdruck bringen. Die vielfach zitierten Aussagen der
    Gastrednerinnen zeugt von hoher Relevanz.
    Hoffe darauf dass sich die Verantwortlichen darauf einigen eine Art von
    Resümee zu erstellen welches auch die sog. Asocial-Netzbenutzer inter-
    essieren könnte.

    Mein ja nur ;-)

  4. 04

    Uups

    Nahezu unmöglich alles zu lesen.

    http://blog.zdf.de/3sat.neues/

    Eine Zusammenfassung der Veranstaltung /oder besser gesagt
    einen Bericht kann man am So. den 18.04. um 16:30h auf 3Sat
    sehen.
    Alternativ: Mediathek

  5. 05
    Frédéric Valin

    @Henrik: Ja, ja, da bin ich schon wieder abgeschweift.

  6. 06
    Gnu

    @Frédéric Valin: Um es mit Craig Ferguson zu sagen: War wohl ein Freudscher Penis, was? ;)

  7. 07
    fredge

    Frédéric, wie kommt’s; dass, Deine Sätze. Grammatisch – so; merkwürdig. Sind.

    Ich bin kein Fanatiker und mache selber viele Fehler, aber es gibt mittlerweile eine Art, im Netz zu schreiben, die sinnentstellend ist. Es werden keine Sätze mehr geschrieben, sondern Gedankenschnipsel hingeklatscht; teilweise sind diese dann sinnfremd.

    Beispiel: „[…] doch tut er es auf eine Weise, die mich nicht einschlafen lässt. Sondern zuhören. Aufhorchen manchmal, mindestens aber hinsehen. Die Aufmerksamkeit fordert.“

    Ist es Absicht, anstelle von Kommas nur noch Punkte zu setzen?
    Ist es gewollt, keine vollständigen Sätze mehr zu schreiben, sondern Verben als überflüssig zu deklarieren?

    Die Aufmerksamkeit fordert. – Tatsächlich, den Verstand nämlich. Wenn man aber schnell lesen möchte, ist das sehr anstrengend.

    Entschuldigung für Off Topic.

  8. 08

    Öhm, ich glaube, Herr Valin benutzt da ein Stilmittel, für das ich leider keinen Namen weiß, so’ne Art Verschränkung von Form und Inhalt. Er stellt fest, daß Götz Werner Dinge mehrfach sagt, seine Redeweise also redundant sei. Redundanz gilt ja eigentlich in der sprachlichen Kommunikation, zumal in der öffentlichen Rede, als schlecht, da man sich in erster Linie kurz fassen soll. Frédéric bewertet den festgestellen Sachverhalt aber anders: Er sagt, es sei gut. Im dritten Schritt versucht er dann selber, positiv besetzte Redundanz zu verwenden, indem er seine eigene Reaktion auf Götz Werners Vortrag mit mehreren, semantisch überlappenden Begriffen quasi einkreist. Zur Verdeutlichung dieser Argumentationsfigur unterstreicht er sie formal, indem er die einzelnen Aussagen mit Punkten voneinander trennt.

    Ich denke mal, das ist der tiefere Sinn. Die zugrundeliegende Überlegung. Der sprachschöpferische Impuls. Des Pudels Kern. Muß man natürlich nicht gut finden. Wertschätzen. Honorieren.

    „Victor Dornberger“ ist übrigens ein supertolles Pseudonym.

  9. 09
    fredge

    @Dietrich: Kann sein. Ist möglich. Scheint plausibel.

    Ich glaube das aber nicht. Diese Schreibe ist mir in den letzten Jahren häufiger aufgefallen, nicht nur hier und nicht nur von Frédéric.

    Ich empfinde das als allgemeine Entwicklung in der Sprache. Es scheint mir z.B. damit zusammenzuhängen, dass sich unsere Kommunikation in bestimmten Bereichen / Belangen stärker auf das Schriftliche verlagert – zumindest bei gesellschaftlichen Diskursen, die über Blogs geführt werden – ginge ja gar nicht anders. Hier versucht man vielleicht, der eigenen Meinung Gewicht zu verleihen, indem man mit Stilmitteln arbeitet, die das Gesagte „richtiger wirken“ lassen sollen.

    Ich glaube, dass dies oft (meistens) unbewusst geschieht.

    PS: „Ich empfinde“, „Es scheint mir“, „Ich glaube“ sind mit Absicht gewählt. Ich weiß nämlich nix. ;-)

  10. 10
    Frédéric Valin

    @fredge: Dass ich zu kurze Sätze schreibe, hab ich bisher noch nie gehört. In dem Fall ist es ein Stilmittel, um Werners Vortragsweise zu karrikieren. @Dietrich hat das ja viel besser zusammengefasst, als ich das gerade könnte.

    Was Redundanz und Wiederholung (ha!) anbelangt, gibts zweierlei: erstens ist das ein Stilmittel, das eher aus dem Gesprochenen kommt (oder sogar Gesungenem, Refrains zum Beispiel); durch diese Redundanz kann man gesprochene Sprache simulieren. Thomas Bernhard macht das gerne, nur so als Beispiel.

    Zweitens, das hat aber recht wenig mit dem Stilmittel, wies hier verwendet wurde, zu tun: Am Bildschirm liest man 20 % schneller. Wer am Bildschrim liest, kriegt viel nicht mit. Dadurch werden Wiederholungen notwendig, weil man nur so sicher geht, dass der Leser zentrale Momente mitbekommt. Und kurze Sätze sind auch leichter zu merken. Memorieren. Zu behalten.

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