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Georg Kreisler: Zufällig in San Francisco

„Unbeabsichtigte Gedichte“ habe er geschrieben, sagt Kreisler, und dieses Understatement zieht sich durch Vor-, Zwischen- und Nachwort. Dichten ist Scheitern, Scheitern an der Welt, Scheitern am Reim, Scheitern am eigenen Talent, Scheitern an der Wahrheit, Scheitern an der Logik.

Georg Kreisler ist ein Heimatloser: „Meine Welt ist überall“, sagt er. Geboren 1922 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes in Wien, emigiriert er in die USA; später wird er als GI gegen die Nazis kämpfen, und als ihm in Hollywood und New York der Erfolg verwehrt bleibt, kehrt er 1955 nach Europa zurück. Beaknnt wird er mit seinen sarkastischen, unnachgiebigen Chansons; Tauben vergiften im Park etwa oder Schützen wir die Polizei.

Aber nur als Kleinkünstler will er heute nicht mehr wahrgenommen werden, lieber als Dichter, mindestens aber als Dramatiker. Was ihn aber in seinen Chansons besonders gemacht hat – der schwarze Humor und die Leichtigkeit, mit der er vorgetragen wird – das findet sich auch in seinen Gedichten wieder. Immer geht es um schwere Themen, um Tod, Vergeblichkeit, Kunst und Einsamkeit – und immer
schreibt Kreisler beinah beiläufig darüber, als wäre nichts weiter dabei.

Es ist diese bedingungslose Beiläufigkeit, diese leichte Nonchalance, die Kreisler unverwechselbar macht. Und doch ist er kein Opportunist. „Meide jede Konzilianz, / denn sie nagt an der Substanz“, schreibt er dem Leser. Leichtigkeit ohne Leichtfertigkeit, eine freundliche Unversöhnlichkeit und ein düsterer, morbider Charme: das zeichnet Kreisler aus.

„Neulich in San Francisco“, sagt Kreisler, sind „einfach Gedichte, die ich geschrieben habe, um zu wissen, was ich denke“. Das ist natürlich eine Schutzbehauptung, aber selbt wenn es so wäre: Es lohnt sich schon zu wissen, was Kreisler denkt.

Georg Kreisler: Neulich in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte. 119 Seiten, 19 Euro. (amazon-Partnerlink)

14 Kommentare

  1. 01

    Vielen Dank – Georg Kreisler kann man gar nicht oft genug empfehlen – einfach großartig!

  2. 02

    Hervorragender Hinweis! Kaufbefehl!

    Meine Lieblingssongs:

    „Wir sind all Terroristen“ http://www.youtube.com/watch?v=FprnQnz8WOA und „Schlagt sie tot“ http://www.youtube.com/watch?v=fFnpbJWXpKs

    Beide zusammen inkl. „Nachruf“ bereits im Februar ‚o9 bei mir: http://dieerklaerung.wordpress.com/2009/02/20/nicht-totzukriegen-georg-kreisler-ein-nachruf/

    Mehr Kreisler braucht der Mensch!

  3. 03

    Schon wieder ein Buch, das ich nach einer Spreeblick-Empfehlung vielleicht kaufen werde. Keine schlechte Quote bisher!

  4. 04
    lecontre

    Auch die großartigen Cover-Versionen der erstaunlichen Band „Die Kassierer“ sollten wir an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen. Tipp: Morgens um 8 auf dem Festivalzeltplatz anspielen. Macht Laune!

    http://www.youtube.com/watch?v=tCFZekIZyXk

  5. 05

    Ich frage mich manchmal, woher Kreisler all diese Ideen nimmt.
    Immerhin ist Tom Lehrer seit vielen Jahren nicht mehr aktiv.

  6. 06
    mike

    @Matthias Schumacher
    ein nachruf kommt erst wenn jemand gestorben ist nicht vorher Oo

    und @Nathanael Liest sich so als hätte Kreisler Tom Lehrer kopiert oder wie hast du das gemeint?

  7. 07
    mike

    @Matthias Schumacher
    ein nachruf kommt erst wenn jemand gestorben ist nicht vorher Oo
    Erst recht wenn er sich so liest wie dieser.

    und @Nathanael Vielen dank für den Tippp. Interessant, der Stil der beiden kam mich auch schon ähnlich vor.

  8. 08
  9. 09
    Cervo

    Die Diskussion Kreisler-Lehrer (wer von wem, wenn überhaupt) ist altbekannt und spielt überhaupt keine Rolle. Georg Kreisler gehört zu den Großen. Wenige höre ich so regelmäßig wie ihn. Gerade für Deutschmuttersprachler (oder so) Quelle für extreme Katharsis. (Und manchmal, wenn ich gute Laune habe, höre ich danach noch Tom Lehrer).

  10. 10
    Thomas Benle

    So großartig ich Georg Kreisler (und auch seine Tochter!) finde: 19 Euro für 119 Seiten!? Bin ich der einzige, dem das schlicht zu viel ist?

  11. 11
    Frédéric Valin

    @Thomas Benle: Stimmt. Aber: Hardcover, kleiner Verlag. Anders geht das leider überhaupt nicht zu finanzieren. Scheiß Marktwirtschaft.

  12. 12
    Stefan

    Das Buch heisst doch „Zufällig in San Francisco“ und nicht „Neulich…“ oder hat das zwei Titel?

  13. 13

    Nicht billig aber doch bequem:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Kreisler

    Zumal man ja nicht die ‚Katze im Sack‘ kaufen will.

    Kreislers Sarkasmus prägt einen bis heute.

  14. 14

    Wir dürfen nicht vergessen: ohne die kleinen Verlage gäbe es nur Massenware. Gerade wenn man einen autarken Künstler vor sich hat, der soviel Lesenswertes bietet, gerade dann lohnt sich eine solche faire Ausgabe von 19 Euro. Es ist höchst erfreulich, dass Georg Kreisler derzeit derart aufdreht und seine eigentliche Kernqualität als Lyriker blitzen lässt. Mehr über das Buch (und nebenbei über die Lehrer- Kreisler- Kontroverse) findet Ihr in unserem Forum.

    Herzliche Grüße aus dem Rheinland
    DerKopp

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