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An weniger Urheberrecht verdient die US-Wirtschaft jedes Jahr Billionen

Immer wieder ist von den Schäden die Rede, die durch Urheberrechtsverletzungen verursacht werden. So auch bei der ver.di-Veranstaltung, von der ich am Montag berichtet habe. Warum reden wir nicht einmal über die guten Seiten eines schwachen Urheberrechts? Eine neue Studie liefert die Zahlen dafür.

Wir beginnen im 21. Jahrhundert gerade erst zu verstehen dass das, was das Copyright unreguliert lässt – die ‚Fair-Use-Wirtschaft‘ – genauso wirtschaftlich bedeutend ist wie das, was es reguliert.

Das schreiben die Autoren der Studie „Economic Contribution of Industries Relying on Fair Use“. Das von der Computer & Communications Industry Association in Auftrag gegebene Papier hat die Beiträge der auf „Fair Use“ basierenden Wirtschaftszweige zur US-Wirtschaft untersucht. „Fair Use“ beschreibt die Ausnahmen vom Copyright, die eine Nutzung geschützter Inhalte unter bestimmten Umständen erlauben, ähnlich den Schrankenregelungen in Europa.

Dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt ein kurzer Blick auf des Verbandes, der sie veranlasst hat. Unter anderem sind Microsoft, Google, eBay, AMD, Yahoo und Oracle in der CCIA organisiert, die in unterschiedlichem Maße von der „Fair Use“-Doktrin im amerikanischen Recht profitieren. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse als Kontrapunkt zu den Darstellungen der Kreativindustrie wegweisend und in dem ein oder anderen Fall vielleicht auch augenöffnend.

Die Fair-Use-Wirtschaft war 2007 verantwortlich für Einnahmen von 4,7 Billionen Dollar und einer Wertschöpfung von 2,2 Billionen Dollar, ungefähr 16,2 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. Sie beschäftigte mehr als 17 Millionen Menschen und zahlte Gehälter von 1,2 Billionen Dollar. Sie generierte 281 Milliarden Dollar an Exporten und rapides Produktivitätswachstum.

Die Zahlen zeigen die „Fair-Use-Wirtschaft“ als einen bedeutenden Wirtschaftszweig, der zudem in den letzten Jahren überdurchschnittlich gewachsen ist. Allerdings ist ihre Definition zumindestens fraglich. Einerseits werden nicht nur direkt von Fair Use profitierende Wirtschaftszweige mit einbezogen, sondern auch solche, die lediglich indirekt betroffen ist. Das folgt den Vorgaben der WIPO, die sich auf die Copyright-basierte Industrie beziehen.

Andererseits finden sich auch im „Kern“ viele Geschäftsfelder wieder, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt unter den Profiteuren von Fair Use einordnen würde, etwas Computer- und Kamerahersteller. Hier darf man sich fragen, welche Auswirkungen ein weitgreifenderes Urheberrecht aus ökonomischer Sicht tatsächlich hätte.

Es bleibt aber das eindeutige Bild, dass die letzten noch bestehenden Freiräume beim „Schutz des Geistigen Eigentums“ einen massiven Wirtschaftsfaktor darstellen, der in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen hat. Der Grund dafür ist laut den Autoren das Entstehen neuer Geschäftsmodelle im Internet, die auf „Fair Use“ aufbauen.

Ein Beispiel dafür ist Google, dass für das Anzeigen von „Snippets“ und „Thumbnails“ – Textstücken und Bildern – weder eine Autorisierung einholen noch Lizenzgebühren abführen muss. Eine Suchmaschine wäre bei einem weitgreifenderen Schutzrecht, das auch die Verwendung kürzester Textfragmente untersagt, nicht betriebsfähig.

Gerade das fordern derzeit die Presseverlage in Deutschland mit ihrer Kampagne für ein eigenes Leistungsschutzrecht für ihre Branche. Ein solches Recht würde schon für kleinste Fragmente aus einem Werk greifen, wird mit Hinweis auf das „Metall auf Metall“-Urteil des BGH in Sachen Tonträger-Sampling vorausgesagt.

Die katastrophalen Auswirkungen, die das auf diverse Wirtschaftszweige haben könnte, werden in der Politik offenbar kaum wahrgenommen. „Ein weitreichendes Leistungsschutzrecht könnte die Informationsgesellschaft praktisch zum Erliegen kommen lassen“, warnt der Rechtsanwalt Dr. Dieter Frey. Trotzdem ist seine Einführung im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

Diese düsteren Visionen sind allerdings nur eine Seite der Medaille. Die Studie zeigt auch, dass urheberrechtsfreie Räume als Chance begriffen werden müssen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der „Schutz des Geistigen Eigentums“ immer weiter ausgedehnt. Das richtet nicht nur einen kulturellen Schaden an, sondern vernichtet auch in der Wirtschaft Geschäftsfelder. Ein schwächeres Urheberrecht – mit kürzeren Laufzeiten und weitreichenderen Schrankenregelungen – wäre nicht nur kulturell bereichernd. Es würde auch Freiräume für wirtschaftliche Innovation eröffnen.

[via]

19 Kommentare

  1. 01
    RC

    Ist das nicht sowieso immer unerheblich? Geld wird doch schließlich immer verdient. Um Gewinn zu erwirtschaften braucht es kein bestimmtes Unternehmen und keinen konkreten Unternehmer. Ja, entbehrlich zu sein, fühlt sich nicht gut an.
    Hier zeigt sich doch auch worum es wirklich geht. Hier wird die falsche Frage gestellt. Das Thema ist nicht, ob dann kein Geld verdient wird, sondern das kein neuer Weg dafür entstehen soll. Es geht ausschließlich darum von WEM Geld verdient wird. Im Moment fließt eben alles Geld auf diesem Sektor fast komplett an die Rechte-Lobby – das ist es was so bleiben soll, das ist der Hintergrund bei diesen zahllosen Äußerungen. So offenbart sich auch, wie falsch die ganze Berieselung der Öffentlichkeit und der Politik abläuft, da offensichtlich alle Nachrichten nur aus Sicht der Rechte-Lobby erstellt und verbreitet werden. Man muss sich nur mal bewusst machen, wie umfassend diese Maschinerie arbeitet, wenn offiziell nur von Alternativlosigkeit (hierzu) die Rede ist. Was ist schon wirklich alternativlos?
    Es ist an der Zeit, Urheberrechte endlich als das zu erkennen, was sie wirklich sind: Die bisher sehr erfolgreiche Methode, die Ablösung des eigenen Geschäftsmodells (etwa durch neue Technologie) durch parteiische Gesetzgebung illegal zu machen. Sie sind somit nichts anderes, als wenn man bis heute Autos verboten hätte, um das Geschäft von Kutschern nicht zu gefährden/weiterhin zu garantieren.

    In other news:

    Leer-Cassetten sind der Tod der Schallplatte

    http://cliphead.wordpress.com/2010/04/12/sind-leer-cassetten-der-tod-der-schallplatte/

    und

    Erstmals werden mehr Tonband-Kassetten als Schallplatten verkauft

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40915958.html

  2. 02
    Namen, hui =)

    Man könnte hierbei auch mal die Leute aufgreifen, die Dank des Internets und Urheberrechtsansprüchen mehr verdienen, als durch ihre eigentliche Arbeit. Beispiel Fotoagenturen/Fotografen, die gegen Leute (mit gutem Recht!) klagen, die ihre Fotos/Bilder privat, oder auch gewerblich ohne Zustimmung nutzen (kommt häufiger vor, als man denkt). Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, daß manche mehr Geld mittlerweile über diese Urheberrechtsklagen für ihre Werke verdienen, als über den eigentlichen Verkauf selbiger. Kann man jetzt sehen, wie man will. Wollte das nur mal mit ein bringen : )

  3. 03
    RC

    Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, daß manche mehr Geld mittlerweile über diese Urheberrechtsklagen für ihre Werke verdienen, als über den eigentlichen Verkauf selbiger.

    Ja, allein dadurch ist dieses ewige Geheule von irgendwelchen Kopien doch längst von der Realität überholt worden. Rational betrachtet sollten sie sich eigentlich darüber freuen, dass die Tauschbörsen noch nicht trocken sind. Sie können ja die Abmahner verklagen, falls ihr Stück vom Kuchen nicht groß genug ist. :P

  4. 04
    baukle

    Dass an „schwachem Urheberrecht“ viel Geld verdient wird, soll jetzt als Argument für ebensolches „schwaches Urheberrecht“ herhalten? Das ist ja absurd! Wenn sich gewisse Unternehmen am geringen Schutz der Rechte Anderer auch noch bereichern, ist das doch umso schlimmer.

    Ich bin wirklich kein Verfechter eines strengen Urheberrechts, aber diese Argumentation ist wirklich abenteuerlich.

    Am Rande: Im ersten Zitat fehlt ein „dass“ (und ein Komma): „[…] verstehen, dass das, was das Copyright unreguliert lässt […]“

  5. 05
    Jens2

    Also, mal nachdenken… Google verdient Geld mit meinen Bildern, die als Thumbnails bei der Bildersuche bereit gestellt werden (ohne, dass ich Google das erlaubt hätte), damit andere sie bequem nutzen können, die ich nicht abmahnen darf, weil das ja pfui ist. Google profitiert, die Kopierer profitieren, der Urheber geht leer aus.

    Schöne neue Welt. Und so fair….

  6. 06
    Jens

    Diese Studie war eine Parodie: „Copyright Defenders Don’t Realize That New ‚Fair Use‘ Report Mocks Their Own Study“: http://techdirt.com/articles/20100427/1646069201.shtml

  7. 07
    Timo

    Ist das mit den Billionen nicht ein kleiner aber feiner Übersetzungsfehler und sollte Milliarden heißen?
    Wenn nicht wäre es Bürgerpflicht jeden der auch nur pro copyright guckt zu erschiessen, bei so einem unermesslichen Volkswirtschaftlichen schaden.

  8. 08
    baukle

    @Timo: Nein, das ist kein Übersetzungsfehler. Es sind tatsächlich Billionen (10^12) gemeint. Schau mal in die Studie rein.

  9. 09
    Timo

    Ui, da ist ja echt von trillions die rede.
    Wenn man sich so überlegt, das so ne BRD auf ca 2,5 kommt im Jahr als BIP dann hege ich da irgendwie Zweifel an der Studie.

  10. 10
    Jens2

    Ah, okay, verstanden, Cookies gelöscht, Kommentare futsch. Sorry, will hier nicht spammen, aber ich fänd’s schön, wenn meine Kommentare auch von anderen gelesen werden könnten und ich gewähre Spreeblick ausdrücklich das Nutzungsrecht dazu. ;)

  11. 11
    peter H aus B

    Das Urteil zu „Metall auf Metall“ bis zum Ende gelesen?

    „Die Sache ist zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuverweisen.“

    DAs BGH ist ja nicht vollkommen verblödet…

  12. 12

    @Jens2: Manchmal landen Kommentare unbeabsichtigt im Spam. Dann braucht es nicht noch mehr Kommentare, sondern Geduld, bis wir den Irrtum entdeckt und den Kommentar freigeschaltet haben. :)

  13. 13
    Marat Pak

    Treffen sich ein Urheber und ein Uhrmacher. Da faellt dem Uhrmacher auf einmal eine Uhr hin. Der Urheber seufzt, blickt vorwurfsvoll und hebt sie auf. (*tusch*)

    Wir heben mittels Hebelkraft, begeben uns in Knebelhaft.

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