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Jan Müller (Tocotronic): „Radiohead-Kunst reizt mich nicht so“ (Teil 1)

Ein Gespräch mit Jan Müller (Tocotronic, Das Bierbeben u.a.) über die Gestaltung von Plattencover.

Ihr seid bei der Gestaltung der Tocotronic Cover-Artworks immer sehr involviert. Zwar arbeitet ihr mit Designern zusammen, aber die Ideen für das Frontcover kommen eigentlich immer von Euch.
Wir wissen am allerbesten, wie wir uns das graphisch vorstellen, aber wir können es nicht selbst umsetzen, deswegen brauchen wir Hilfe. „Mach es nicht selbst“, kann man auch hier sagen (lacht). Aber das ist auch gut so, weil die Diskussionen mit den Leuten, die an der Graphik arbeiten, immer sehr fruchtbar sind. Im Idealfall ist das eine enge Zusammenarbeit, jemand kommt ein stückweit in die Band hinein und bringt seine eigenen Ideen mit. Daraus entsteht eine schöne Schnittmenge, in der unser Charakter noch erhalten ist. Man sieht ja oft, dass Bands das Artwork komplett abgeben und von Graphikdesigner perfekt durchgestalten lassen. Das finde ich persönlich immer schwierig.

Wie und wann entsteht ein Coverkonzept für ein Album?
Die Gedanken über das Cover beginnen eigentlich dann, wenn man sich über den Plattentitel gewahr ist. Wobei… auch nicht immer. Bei „Pure Vernunft…“ gab es die grundsätzliche Überlegung wieder mal ein Bandphoto auf dem Cover zu haben, das stand sogar vor dem Titel fest. Bei der vorletzten Platte, „Kapitulation“, haben wir überlegt, dass Front-Cover ein stückweit aus den Händen zu geben und von einem Künstler gestalten zu lassen. Beim aktuellen Album wiederum war es so, dass wir das Bild mit dem Blumenstrauß von Jeroen de Rijke und Willem De Rooij gesehen haben und da lief die Entscheidung über den Plattentitel und das Covermotiv ineinander über. Die Herangehensweise ist also oft unterschiedlich, es gibt kein fertiges Rezept.

Wie wichtig ist euch das Verhältnis von Musik und Gestaltung?
Im Idealfall kommuniziert das Cover mit der Musik. Deswegen bin ich auch sehr zufrieden mit dem „Schall & Wahn“ Cover, weil ich finde, dass sich die Opulenz der Musik ganz gut in diesem Blumenstrauß widerspiegelt. Es darf im Artwork natürlich Kontrapunkte zur Musik geben, aber es muss schon was miteinander zu tun haben.

Macht ihr euch als Band bei der Entscheidung des Covers auch Gedanken darum, wie es auf Euer Publikum wirkt?
Also es gibt schon oft die Überlegung, wie das im Plattenladen aussieht, wie es in den CD und LP Fächern neben all den anderen Veröffentlichungen wirkt. Leider ist man ja immer sehr darauf festgelegt, ein Cover zu machen, dass auch auf CD funktioniert.
(Holt ein Buch über Art Brut und schlägt ein Kapitel über Adolf Wölfli auf.) So was hier zum Beispiel finde ich toll – das wäre jetzt nichts für Tocotronic – aber solche kleinteilige Sachen kann man leider nicht mehr machen, seitdem die CD das Vinyl weitgehend ersetzt hat.

… und bei Downloads wird das Artwork ja sogar auf ein kleines Bild auf dem MP3-Player reduziert. Ich denke, dass es mittlerweile viele gibt, die gar nicht mehr genau wissen, wie die Cover-Artworks der Musik, die sie ständig hören, aussehen.
Aber das bessert sich ja auch ein wenig. Wir haben ja auch gerade PDF Booklets für fast alle unsere Alben hochgeladen. Und es gibt ja auch dieses neue iTunes Format (iTunes LP, eine Art interaktives Booklet – Anm. d. Red.).

Aber findest Du nicht, dass das Album-Artwork in der digitalen Welt trotzdem an Stellenwert eingebüßt hat?
Das Album an sich, würde ich sagen. Es ist ja schon fast anachronistisch, wie wir als Band arbeiten. Wir sind ganz stark album-orientiert. Wir möchten das aber auch nicht aufgeben und so lange das noch so geht, machen wir damit weiter.
Schon bei unsere ersten 7″ oder sogar noch früher, als ich mit Arne Tapes rausgebracht habe, war uns der Zusammenhang immer sehr wichtig, das hatte alles immer eine sehr große Bedeutung. Die Musik ist natürlich das zentrale Element, aber eben auch nicht das einzige. Das Artwork ist ebenso ein wichtiger Teil. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für uns komplett wegfällt.
Zum Glück sind wir mit Tocotronic in der Situation, das auch gegenüber den Plattenfirmen einfordern zu können. Mit einer Gruppe wie Das Bierbeben ist das schon schwieriger. Da wurde auch diskutiert, ob überhaupt Vinyl gemacht werden soll.
Vielleicht liegt es auch an der Generation, aus der man kommt, aber ich finde es trist, nur online zu veröffentlichen. Ich möchte gerne was in der Hand halten, so altmodisch das klingt. Dennoch sehen wir es auch als Herausforderung, das auch Album auf digitale Art attraktiv zu machen.

Wie würdest Du den visuellen Stil von Tocotronic beschreiben?
Ich glaube, uns war es immer wichtig, gegen den Design-Zeitgeist anzuarbeiten oder überhaupt gegen Gestaltungs-Regeln. Bei vielen Sachen ist uns schon bewusst, dass man das so eigentlich nicht macht.

Und die Designer, mit denen Ihr arbeitet, müssen sich dann überwinden, Dinge „falsch“ zu machen, wie z.B. das Logo um wenige Grad drehen, damit es nicht perfekt sitzt.
Mich faszinieren solche Fehler, das wird vielleicht auch nachher noch an den Platten deutlich, die ich ausgewählt habe. Und wenn Fehler bewusst gemacht werden, ist das für mich die Königsdisziplin. Bei „Das Bierbeben“ machen wir das ganz extrem, da werden immer Fehler eingebaut. Auch Widersprüche finde ich spannend, wie z.B. bei der „Sag alles ab“ Single. Die krakelige Handschrift wurde mit einem schlechten Kopierer vergrößert, dann aber auf hochwertiges Glanz-Papier gedruckt.

Eure Artworks, v.a. die Layouts der Booklets, haben meist was Strenges. Oft wird nur mit Schwarz und Weiß gearbeitet, kaum Ornamente oder verspielte Elemente.
So wichtig uns das Visuelle auch ist, das Design darf sich dann doch nicht vor die Musik drängen. Man kann vielleicht schon sagen, dass es eine gewisse Strenge gibt, aber das ist auch nicht immer so. Bei der K.O.O.K. z.B. haben wir sehr stark mit Graphik gearbeitet. Alleine durch die Bilder von Chris Foss, aber auch durch diverse Logos und Illustrationen, die dafür gemacht wurden.

Bei der K.O.O.K. wurde auch kräftig in die Zitat-Kiste gegriffen. Was reizt euch an solchen visuellen Verweisen?
Ich denke, wir möchten damit unsere Begeisterung ausdrücken. Insbesondere für graphisch unkonventionelle Arbeiten und auch generell für Abseitiges.
Ein Ford Logo zu einem Fuck-Logo zu verballhornen finde ich z.B. sehr uninteressant. Aber um ein anderes Beispiel zu nennen, eine komplett unbekannte und undurchsichtig designte Platte als Grundlage für die Graphik zu benutzen, wie es z.B. die Gruppe Mutter bei ihrem Album „komm“ gemacht hat, finde ich spannend: Zunächst wundert man sich über die Ästhetik und irgendwann fällt einem möglicherweise in einem Kramladen das Original in die Hände und man erhellt und schmunzelt. Ohne Wissen und Wollen wird man zum Forscher. Das finde ich schön.

Wenn man sich Eure Diskographie anschaut, dann kann man eine Entwicklung beobachten: am Anfang waren es eher klassische Album Cover – Bandphoto, Logo oben in der Ecke –, die späteren Artworks wirken auf mich hingegen mutiger. Bis hin zu „Schall & Wahn“, das einfach einen Blumenstrauß zeigt, ganz ohne Bandnamen oder Albumtitel. So etwas hättet Ihr vor 10 Jahren wahrscheinlich gar nicht machen können, oder?
Nicht machen können, aber auch nicht machen wollen. Wir haben damals in den 90ern angefangen, was graphisch eine ziemliche Horror-Zeit war. Jeder hatte Photoshop und meinte plötzlich alles selbst machen zu können, gerade bei kleineren Bands aus dem Indiebereich. Das Klassische war damals schon eine sehr bewusste Entscheidung, denn in der Zeit war so was für eine Indieband wie uns schon wieder untypisch. Dieses boygrouphafte, aber dann eben doch nur unscharfe Polaroids – das war schon der Versuch eine eigene Ästhetik zu entwerfen, die mit Pop spielt.

Bis Ihr Euch auf der „Ist ist Egal, aber“ habt doublen lassen…
(lacht) Ja, das war dann die Zeit, wo wir das Gefühl hatten, was anderes machen zu müssen.

Bei „Pure Vernunft“ gab es aber wieder ein Bandphoto. Wolltet ihr damit zeigen, dass es mit Rick einen Neuen in der Gruppe gibt?
Ganz genau. Wir wollten deutlich machen, dass wir jetzt ein Quartett sind. Und dafür ist ein Albumcover natürlich eine ideale Plattform.
Die Musik dieses Albums wurde live und fast ohne Overdubs eingespielt. Auch dafür steht die Band auf dem Cover. Der Wald wiederum symbolisiert das fantasyhafte der Texte, eine neue lyrische Stufe. Und diese echte Doppelbelichtung – also kein Photoshop-Trick – greift den Dogma-Gedanken der Musikaufnahme wieder auf.

Ein Element, das von Anfang an bei fast jeder Tocotronic-Platte auftaucht, ist euer Logo…
Das hat unser Schlagzeuger Arne, der mal Illustration studiert hat, gemacht. Im Keller der Schule hatten die eine alte Bleisatz-Werkstatt und dort hat er das Logo gedruckt.

Findest Du es wichtig, als Band ein starkes, wiedererkennbares Logo zu haben?
Nicht unbedingt, für uns aber schon. Das war uns fast so wichtig, wie einen Namen zu haben. Aber ich mag auch Logos einfach wahnsinnig gerne. Wir hatten ja auch sehr früh ein Signet für unser eigenes Label, ein Zitat des Rock-O-Rama Logos. Auf unseren Vinyl-Platten gibt es oft überflüssige Stereo oder Direct Metal Mastering Logos. Damit zu spielen hat uns schon immer Spaß gemacht.

Bei den letzten beiden Alben weiß ich, dass euch die Plattenfirma bei der Covergestaltung komplett freie Hand gelassen hat. Aber gab es früher mal eine Einflussnahme des Labels?
Ganz zu Anfang, bei unserer ersten CD „Digital ist besser“, gab es vom Label die Vorgabe, dass überall die Songtitel stehen mussten. Auf dem Backcover, im Booklet, auf der CD selbst – die Tracklist gab es dreimal! Und es gab sehr viele andere Pflichtangaben, die überall drauf mussten. Das hat uns tierisch genervt. Später gab’s dann auch eine überarbeitete Version, auf der das etwas besser war. Aber das sind eben die Regeln. Letzten Endes ist eine CD Massenware, dessen muss man sich schon bewusst sein.

Mit Tocotronic steht ihr in den Charts, von der Stosstrupp Revival Duett CD gibt’s nur ein paar Dutzend Kopien. Muss ein Cover für eine bekannte Band wie Tocotronic anders funktionieren, als eines für deine obskuren Nebenprojekte, bei denen du machen kannst, was du willst?
Nö, das empfinde ich nicht so. Das Cover muss der jeweiligen Sache angemessen sein. Aber es gibt keinen Druck, dass man dieses oder jenes nicht machen kann. Das Cover von „Schall & Wahn“ ist ja schon sehr radikal, dadurch dass kein Bandname und Titel vorne drauf steht.
Eigentlich hat man fast mehr Freiheiten bei einer Gruppe wie Tocotronic. Aufwändige Verpackungen, wie die Limited Edition der neuen CD, könnte man sich bei den anderen Projekten gar nicht leisten.
Ich halte das für einen Mythos, dass man weniger machen kann, wenn man bekannter ist. Ähnlich wie das Gerücht, dass Major-Labels immer Einfluss nehmen wollen. Das trifft bestimmt auf einige jüngere Bands zu, die gerade ihren ersten Künstlervertrag bei einer großen Plattenfirma abgeschlossen haben. Aber wir haben diesbezüglich noch keine negativen Erfahrungen machen müssen.

Johannes Schardt arbeitet als Designer u.a. mit Tocotronic. Im zweiten Teil des Interviews stellt uns Jan einige Platten vor, deren Artwork er besonders interessant findet.

13 Kommentare

  1. 01
    Namen, hui =)

    Wuhu, meine Helden bei Spreeblick! Ganz großes Kino, freu mich schon auf Teil zwei.

  2. 02
    GUMMO

    so ist das langweiliger typ…langweilige musik…langweilige cover…lachleute und nettmenschen….

  3. 03
    timm

    @GUMMO: Glücklicherweise gibt es ja zum Ausgleich so unterhaltsame und kluge Kommentare wie deinen.

    Klasse Interview, danke!

  4. 04
    hpz

    das wort radiohead kommt in diesem interview ja überhaupt nicht vor. es mag ja im zweiten teil zur sprache kommen, aber den ersten teil mit einem teaser überschreiben, den das interview nicht hergibt, das ist schändlich. ts ts ts.

  5. 05

    @hpz: im zweiten teil kommt das wort „radiohead“ einmal vor. bleiben sie dran!

  6. 06
    Thomas Benle

    @hpz: Full Ack. :(

    Ansonsten: Nettes Interview. Mit der Musik kann ich persönlich zwar überhaupt nichts anfangen, die Interviews, die einem ab und an von Tocotronic in die Hände fallen sind aber in der Regel recht solide.
    Sind mir – als Menschen, nicht als Musiker – sehr sympathisch!

  7. 07
    Neele

    Super! Mal was anderes, als immer die gleichen Musiker-Interviews, in denen es nur um das jeweils aktuelle Album geht (welches natürlich immer das bisher beste, persönlichste, wichtigste ist).

    Ich freue mich auf Teil 2.

  8. 08
    Lars Thielen

    Oh bitte Götter des Spreeblicks, erhört meine Worte und macht ein Videointerview daraus! So was wie Christian Ulmen oder so, könnt ihr das nicht noch zusammenbasteln? Oh bitte!

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