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So gesehen

Ausgerüstet wie dunkelgrünschwarze Robocops stampfen sie in Gruppen durch die Berliner Straßen, erst da lang, dann wieder zurück, dann nochmal hier lang, dann doch wieder zurück, dann holen sie ihren Stadtplan raus und geben sich bewusst, da hilflos, der Lächerlichkeit preis, während der Plan gewendet und mit den Straßenschildern verglichen wird. Aber wie sollen sie sich auch anders orientieren, solange kein GPS in den Vollvisierhelm eingebaut ist?

Mannschaftswagen an Mannschaftswagen an Mannschaftswagen an Mannschaftswagen, so schleichen die gepanzerten Fahrzeuge durch die engen Kreuzberger Nebenstraßen, bleiben stehen, fahren weiter. Die Männer und Frauen in den Wagen blicken teils freundlich und anscheinend entspannt, teils ängstlich und aggressiv auf die Passanten, manche von ihnen sehen aus, als könnten sie Freunde sein, andere hält man für Arschlöcher. Diejenigen, denen man in die Augen schauen kann, machen den Job, den sie irgendwann aus welchen Gründen auch immer gewählt haben, und nicht wenige davon fragen sich, warum. Einige haben Angst.

Jemandem in die Augen zu sehen, der Angst hat, lässt für einen Moment alles andere unwichtig erscheinen.

Angst ist nicht zu erkennen bei den Fußgängern, die den stampfenden Robocops folgen und über sie lästern, eher kindliche Freude. Sie sind augenscheinlich nicht gepanzert, sie tragen schwarze Hosen, schwarze Springerstiefel, schwarze Kapuzen-Sweater, und vermutlich lehnen sie Uniformen ab. Sie sind lt. mitgeführtem Transparent gegen Krise, gegen Krieg, gegen Kapitalismus, vor allem aber sind sie besoffen.

Jemandem in die Augen zu sehen, der besoffen ist, lässt für einen Moment alles wichtige anders erscheinen.

Beim Myfest feiern einige Zehntausende und die Großdemos ziehen ihren Weg.

Am Abend kommt die Meldung per Twitter, ein Polizist sei hinterrücks angestochen worden, er sei schwer verletzt, die Meldung wird von der Polizei bestätigt, es gibt also keinen Grund, sie nicht weiter zu verbreiten. Dann wird die Meldung zurückgezogen und die Timeline schlendert einige Stunden lang je nach Kenntnisstand zwischen der Bestätigung und dem Widerruf hin und her. Dazwischen zwei, die sich hämisch über den verletzten „Bullen“ äußern, sie sind beide seit ca. zwei Wochen bei Twitter, folgen ein bis acht anderen und der Rest ihrer Tweets besteht aus Werbung für einen Online-Store und wahllosen Links zu irgendwelchen Bildchen. Vielleicht gibt es provozierende Zivis auf Twitter, vielleicht gibt es auch tatsächlich Menschen, die um jeden Preis auf ihren Spam aufmerksam machen wollen, es ist mir egal, denn ich glaube alles und nichts.

Am nächsten Tag ist egal, welche Polizeistelle den Messerstich in den Rücken fälschlicherweise bestätigt hatte. Jemand schreibt mir per Twitter-Direktnachricht, dass er die Attacke aus wenigen Metern Entfernung gesehen habe, es wäre ein klarer Angriff einer Gruppe gegen den Polizisten gewesen, der zusammengebrochen wäre, Blut sei zu sehen gewesen. Er entschuldigt sich später unnötigerweise bei mir, da die Meldung ja zurückgezogen wurde. Die Meldung war nicht wahr. Oder wurde widerrufen.

Ein Video des Polizisten, der einen am Boden liegenden Demonstranten ins Gesicht tritt, macht die Runde. (UPDATE Der betreffende Beamte hat sich inzwischen gestellt. UPDATE 2 Auch der Geschädigte hat sich offenbar gemeldet.)

Insgesamt, so heißt es, sei der 1. Mai 2010 in Berlin verhältnismäßig ruhig gewesen.

27 Kommentare

  1. 01
    fredge

    Es packt mich die Wut bei diesem Video!

    Aber auf wen?

  2. 02
    fredge

    Kleine Ergänzung: Robocop war einer von den Guten. Als Menschmaschine differenzierter als das gesamte grüne Schweinepack zusammen.

  3. 03

    @fredge: Könntest du verallgemeinernde Beleidigungen bitte in dein eigenes Blog packen? Danke.

  4. 04
    Nico

    Ich bin für eine deutliche Kennzeichnung der Polizisten generell. Die Uniformen und Visierhelme ermöglichen, dass unter den Staatsdienern eine Minderheit an dummen Straßenschlägern unerkannt Straftaten begehen können. Das schadet nicht nur den direkten Gewaltopfern, sondern auch dem Ruf der Polizei und trägt insgesamt einen großen Teil dazu bei, dass Teile des schwarzen Blocks so etwas schwammiges wie den Staat überhaupt als Feind ansehen.

    Große Buchstabenzahlenkombinationen auf Helmen, Brust- und Rückenteil der Uniform würden dieser Anonymisierung von Straßenschlägern ein Ende setzen.

  5. 05
    fredge

    @Johnny Haeusler: Entschuldige bitte meinen verbalen Ausrutscher. Der erste Mai und die damit einhergehende angestaute Wut aufgrund des Verhaltens der Polizei sind z.B. bei der Antinazidemo sind noch zu präsent.

    Ich habe keinen eigenen Blog.

  6. 06

    @fredge: Danke für die Entschuldigung, fairer Zug!

    Mich macht das ebenso fassungslos und wütend, ist ja auch nicht das erste Mal, dass man sowas sehen muss. Ich habe aber in den letzten Jahren auch so viel unglaubliches von „anderer Seite“ gesehen, dass ich Brutalität nicht mehr auf Gruppen übertragen mag, sondern sie bei den Einzelnen belasse, die sie ausüben, egal mit welchem Argument oder unter welchem Schutz.

    (Der Beamte hat sich wohl gestellt.)

  7. 07

    Ich kann das youtubevideo nicht sehen.

  8. 08
    apfelcitroneananasbanane

    „Der Polizeiobermeister ist Angehöriger einer Berliner Einsatzhundertschaft. Er wird zunächst bis zum Abschluss der Ermittlungen nicht in der Einheit verwendet.“
    Garantiert wieder mal 22. oder 23. EH.

  9. 09
    xconroy

    @Wolle:

    das geht nur eingeloggt. „Die youtube-Community“ (wer auch immer das ist, ich jedenfalls nicht) hat das „gemeldet“. (kann man Videos dort eigentlich auch wieder „ent-melden“?).

    @Nico

    …seh ich auch so, und in anderen Ländern (den vielgeschimpften USA zb) sind solche oder ähnliche Vorgaben längst Normalität. Kennt jemand die Begründungen, warum das hier anscheinend nicht möglich sein soll? (weil, entsprechende Vorschläge wurden ja bestimmt schon gemacht und scheinbar abgeschmettert).

  10. 10
    Marc

    Ich musste schmunzeln:

    „Sie sind augenscheinlich nicht gepanzert, sie tragen schwarze Hosen, schwarze Springerstiefel, schwarze Kapuzen-Sweater, und vermutlich lehnen sie Uniformen ab“

  11. 11
    Lars

    Und warum hat sich der (geschädigte) Typ noch nicht bei der Polizei gemeldet?

    @Nico (4): Sehe ich genauso, viele dieser Kollegen fühlen sich als Teil des Ganzen und dass das schlecht für die Menschlichkeit ist, kann man in den Geschichtsbüchern lesen.

  12. 12
    Meep

    @Lars: Von wem erwartest du jetzt ne Antwort auf deine Frage? Der Anteil von Hellsehern an der Spreeblick-Leserschaft ist erfahrungsgemäß eher gering. ;)

  13. 13
    Volker

    Die „Diskussion“ um Polizei, Demonstraten und Krawalltouristen ist eigentlich kein Themenfeld, in das ich mich einmischen möchte. Mich erinnert das stark an Asterix und Obelix, nur dass ich mir über die Rollenzuteilung und Sympathieverteilung nicht im Klaren bin.
    Dennoch stellen sich mir zwei Fragen:
    Wäre es für alle Beteiligten nicht ratsam, einen Workshop „Protestintelligenz“ zu besuchen?
    Und wäre es zweitens nicht an der Zeit, einen „Internetführerschein“ zu fordern? Wann twittert denn jemand: Polizist erst durch 140 Zeichen schwer verletzt, dann doch nicht #1Mai?
    Allerdings ist es schon sehr ironisch, dass auf spreeblick erst eine Twitterwall eingerichtet und jetzt wegen ungefiltert verbreiteter Tweets der Kopf geschüttelt wird.

  14. 14

    @Volker: Man liest, was man lesen will, hm? Ich habe nicht den Kopf geschüttelt, sondern berichtet, was passiert ist. Die Nachrichten wurden keineswegs allein über Twitter verbreitet, sondern in beinahe jeder Online-Version der Tageszeitungen.

  15. 15

    @Volker: Achja: Den Vergleich mit Asterix und Obelix fand ich aber ganz witzig. :)

  16. 16

    Ein starker Text. Am Ende dachte ich: Vorgelesen würde er sicher noch mehr wirken.

  17. 17
    quasi

    traurig

  18. 18
    Volker

    @Johnny Haeusler: Dann habe ich deine letzten Absätze zu dem Thema falsch interpretiert. Ich bekam den Eindruck, dass dir die Twitter-Ente auf die Nerven ging. Das fand ich dann im Zusammenhang mit der Wall durchaus ironisch, mehr aber auch nicht.
    In diesem Zusammenhang eine kleine Spielerei: Es wäre doch cool, einen allgemein gültigen „Internet Code Of Conduct“ zu haben, der dann in die AGBs eines jeden Providers und Herstellers von Internet-Kommunikationstools integriert wird.
    Die liest zwar keiner, aber immerhin kann man dann später sagen: „Sie, mein Herr, Sie meine Dame, sind noch nicht reif für das Internet. Gehen Sie zurück auf Start. Hier, bitte nehmen Sie diesen Stapel Briefmarken als Ausgleich und ein Telefon mit Wählscheibe.“.

    Ps.: Mein Titelvorschlag wäre: „Asterix und Obelix erobern die Skalitzer“

  19. 19

    @Lars: @Meep: Ich nehme an, die Frage war eher so in den Raum gestellt und sie ist ja berechtigt. Wieso gibt es bisher keine Anzeige vom Opfer?

    Der Wahnsinn ist doch: Wir wissen wenig. Wir sehen ein fieses Video, es gibt aber – völlig hypothetisch – unendlich viele Möglichkeiten des Geschehens vorher, die unsere bisherige klare Meinung zumindest relativieren könnten. Es gibt keine Entschuldigung für einen Fußtritt in das Gesicht eines am Boden liegenden Menschen und der Beamte hat die Konsequenzen zu tragen – und glücklich ist er ganz sicher nicht über das, was er getan hat. Es gibt aber – vielleicht – einen Grund für diesen Gewaltausbruch (der ihn, nochmal, trotzdem nicht rechtfertigen kann). Die Frage, warum sich der Beamte stellt, jedoch bisher keine Meldung oder Anzeige vom Opfer kam, ist daher wichtig, finde ich. Alles scheint klar, ist es aber vielleicht doch nicht.

    @erlehmann: Dankeschön.

  20. 20

    @Volker: Kann man ja auch mal anders verstehen, so einen Text, kein Problem. Ich war an dem Abend drauf und dran, den Messerstich hier auf Spreeblick zu thematisieren und habe nur deshalb gezögert, weil ich wusste, dass ich die Kommentare über Nacht nicht im Auge behalten könnte. Ich kann verstehen, dass man das sofort weitergibt, wie gesagt haben das die „klassischen“ Medien auch getan (und dann korrigiert, sogar die Springer-Presse war damit sehr fix).

    So eine TwitterWall ist vielleicht ein kleines „Risiko“ und kann schnell eine eigene Ironie oder gar Tragik entwickeln, das stimmt, aber da Twitter öffentlich zugänglich ist, passiert dort eben das, was passiert, es liegt außerhalb unseres Einflusses. Eine Einbindung hier fand ich sinnvoll, da wir keine eigenen Reporter auf den Straßen hatten (obwohl einige unserer Autoren und ich auch teilweise vor Ort waren).

    Kein Code Of Conduct hätte die Falschmeldung des Messerstichs verhindern können, glaube ich, denn soweit ich es verfolgen konnte, wurde die Meldung erst nach der Bestätigung durch die Polizei weiter verbreitet. Und von den meisten dann auch revidiert (nur hatten das eben nicht alle mitbekommen – Zeitverschiebung …).

  21. 21
    Martin Frieselmann

    Ein kurzer Gedanke zu dem Tritt ins Gesicht – unentschuldbar klar – aber solange man nicht das „davor“ kennt sollte man sich da keine all zu feste Meinung bilden.

    Ich stelle mir grade vor just dieser Polizist vielleicht von mehreren Demonstranten mit Bierflaschen attackiert wurde und unter Stress darauf reagieren musste. Da hilft dann irgendwann auch nicht mehr der eingetricherte Drill oder Professionalität – dann macht es Klick und man ist wieder ein Urmensch. Jeder der behauptet das würde ihm selber nie passieren halte ich persönlich für einen Lügner.

    Die Kennzeichnung der Beamten wurde wegen Sorge um die Familien der selben und aus Angst vor Racheattacken abgelehnt. Völliger Unsinn in meinen Augen wenn es eine anonymisierte Dienstnummer an der Uniform ist. Die Amis haben bei den meisten Dingen ein Rad ab, aber was solche Dinge angeht sind sie uns ein Stück weit voraus…

  22. 22
  23. 23

    @just4info: Danke dir, ist oben ebenfalls ergänzt.

  24. 24
    Meep

    @Johnny Haeusler: OK, da sind wir wohl unterschiedlicher Ansicht: Ich finde die Frage, warum sich der Getretene nicht innerhalb der nächsten zwei Tage bei der Polizei gemeldet hat, nicht besonders wichtig. Dafür gibt es wohl unendlich viele mögliche gute und schlechte Gründe. Spekulationen jeder Art halte ich hier für gefährlich. Denn ich stimme dir zu: Wir sehen auf solchen Videos immer nur einen winzigen Ausschnitt des Geschehens, und das kann leicht zu Fehleinschätzungen führen.

    Ich lese zwischen den Zeilen deines Kommentars die vage Andeutung, das Opfer habe sich möglicherweise deshalb nicht gemeldet, weil es vielleicht selbst „Dreck am Stecken“ hat. Der Grat zwischen Frage und Anklage ist gelegentlich recht schmal. Gut möglich, dass ich das falsch interpretiert habe.

    Wie auch immer, es scheint ja jetzt ein Kontakt zur Polizei zu bestehen und ich hoffe der Vorfall wird vollständig aufgeklärt.

  25. 25

    @Meep: Das wäre möglich gewesen, ist es aber nicht und ich stimme dir zu: Vermutungen sind fehl am Platz, weshalb ich versucht habe, mich sehr vage auszudrücken. ich konnte aber die Frage nachvollziehen.

    Aber wie du auch sagst: Hoffen wir, dass sich alles aufklärt.

  26. 26
    mole

    @ johnny hausler (25)
    früher ohne „videobeweis“ hätte dem demonstrant bei anzeige gegen die polizei ein verfahren wg wiederstand gegen die staatsgewalt gedroht. kam/kommt häufig vor. sind auch schon leute aus dem zeugenstand angeklagt worden die selbiges nur bezeugen wollten.
    da wär ich an seiner stelle auch vorsichtig.

    @Martin Frieselmann
    bei aller vorsicht vor vorverurteilungen. bei einem schlag ins gesicht mit einem polizeistiefel aus dem lauf ins gesicht auf einem am boden liegenden, ist mir die vorgeschichte egal und ich hab da durchaus eine sehr feste meinung zu.

  27. 27

    Ich bin für Gleichbehandlung und gegenseitigem Respekt.

    Was mich aber immer stört sind Leute die andere kritisieren und sogar als schlecht abstempelt über Dinge die sie nie selber gemacht und auch machen werden.

    Stellt euch einfach mal vor, ihr wärt in der Situation eines solchen Polizisten der die Aufgabe hat auf der einen Seite rechtsgesinnte zu beschützen ( den jeder hat das gleiche Rechte in Deutschland ) und auf der anderen Seite als Ventil und Buhmann zu gelten.

    Ich sage nicht, dass die schlimme Tat ( sinnlose Gewaltanwendung ) dadurch gerechtfertig ist. Nein auf keine Fall.
    Aber es wäre sinnvoller sich dafür einzusetzten, dass solche Demos gewaltfreier ablaufen.
    Und dies kann nur durch gewaltprevention auf BEIDEN Seiten gelöst werden und nicht durch das anprangern einzelner Taten.

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