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Das Handy als digitale Schatztruhe

In unserer Familie hat ein einschneidendes Ereignis stattgefunden. Der ältere Sohn, beharrlich auf dem Weg in Richtung Teenager-Dasein, hat sich ein Handy gekauft.

Das eigene Ersparte zu investieren, das war die elterliche Bedingung für die Kapitulation beim Streit ums mobile Kommunikationsmittel, einen Streit, den es natürlich nur gab, weil schließlich „die anderen ALLE schon ein Handy haben!“. Obwohl der ältere Sohn laut eigenem Bekunden nicht aus dem Fenster springen würde, wenn die anderen ab hier bitte das Geräusch vorstellen, das bei den Lehrern in den alten Peanuts-Folgen Erwachsenensprache simuliert, kann man solchen Gruppendruck ja durchaus nachvollziehen. Von den Gesprächsthemen der anderen – nennen wir sie „The Others“ – ausgeschlossen zu sein, kann ziemlich anstrengend für einen Heranwachsenden sein. Andererseits mag man auch keine Mitläufer heranziehen und so stehen die Eltern immer wieder mal vor schwierigen Entscheidungen, die meistens mit Geld zu tun haben, weshalb die seufzend vorgetragene Lösung oft lautet: „Na gut. Dann musste das aber selbst zahlen.“

Ich war sehr lange davon überzeugt, dass ein Mensch unter 12 Jahren kein Handy benötigt (man kann sich natürlich grundsätzlich darüber streiten, ob ein Mensch über 12 Jahren eines braucht, aber das ist nicht die Aufgabe dieses Textes), denn ich befürchtete Dauerkontrolle durch die Eltern, Ärger in der Schule wegen Handynutzung im Unterricht und die bekannten Kostenfallen.

Nur hatte ich – ICH! – keinen Schimmer, worum es in Wirklichkeit geht. Telefoniert wird nämlich mit dem neuen Handy selten, und auch das SMS-Aufkommen hält sich in Grenzen. Der Knabe kommt mit seinem 15-Euro-Etat zwei bis drei Monate lang aus. Denn das Handy des Ältesten ist derzeit weniger verbales oder schriftliches Kommunikationswerkzeug, sondern in erster Linie Schatztruhe, es ist eine Sammelbox für alles, was sich digitalisieren lässt und damit für angehende Jugendliche das, was Steve Jobs einmal als „Digital Hub“ bezeichnete: Der „digitale Mittelpunkt“. Und dabei ist das Gerät gar nicht von Apple.

Schon die Auswahl des Investments war für mich spannend, denn am allerwichtigsten war, ob das Gerät über Bluetooth verfügt. Fotos mussten sein, ja, Video, okay, aber ganz vorne: Bluetooth, Bluetooth, Bluetooth. Denn nur wer Bluetooth hat, kann mit seinen Kumpels Fotos, Videos und vor allem: Songs austauschen.

Und so verging in der ersten „Ich bin jetzt vollwertiger Teil der Gesellschaft“-Euphorie kein Tag ohne neue Trophäe. Guck mal hier, guck mal da, haste das schon gesehen, kennste den Klingelton hier (aktueller Hit: Das Geräusch einer Sprühdose, dessen Ertönen jede Erwachsenenrunde in leichte Panik versetzt)? Ich bin sehr froh über das noch bestehende Mitteilungsbedürfnis meines Sohnes, was seine Handy-Inhalte angeht, nur so ergeben sich Gespräche über Fragen der Legalität, darüber, was „krass“ und okay ist und was eben nicht. Dass dieses Mitteilungsbedürfnis irgendwann abnehmen wird, ist mir bewusst, bis dahin hoffe ich, dass der Filius genügend eigene Sensibilität entwickelt haben wird.

Nun ist das mit der Legalität aber auch nicht immer leicht. Verbiete ich meinem Sohn, Songs mit seinem Handy auf dem Schulhof zu tauschen? Natürlich nicht. Wir haben Kassetten getauscht, die tauschen MP3s. Nicht, um jemanden zu bescheißen, sondern weil es geht und daher Teil ihrer Kultur ist. Und eat this, entertainment industry: Nachdem er begeistert mit Axel F ankam (richtig gelesen, nicht Lady Gaga, sondern Harold Faltermeyer … wobei Lady Gaga auch läuft, keine Sorge …) und davon gehört hatte, dass die Musik aus einem Film stammt, musste natürlich der Film gesehen werden. Der in der legalen Online-Videothek geladen wurde. Ein uralter Song sorgte so für Umsätze mit einem uralten Film. Und natürlich müssen bestimmte Konzerte gesehen werden, die Shirts der beliebtesten Bands getragen und am Ende eben doch Songs auch gekauft werden.

Ich habe daraufhin versucht mich zu erinnern, wieviel Geld meine Eltern für mein Musik-Entertainment ausgegeben hatten, als ich zehn Jahre alt war und habe dies mit dem aktuellen Stand meines Sohnes verglichen.

Das Ergebnis findet ihr hinter diesem Link und es spricht Bände.

25 Kommentare

  1. 01
    Sven F.

    Schöner Artikel :) Ich habe mir – bevor ich diesen Text gelesen habe – den Vergleich angeschaut, und wenn ich mich nicht täusche steht da nicht das du die Ausgaben mit deinem Sohn vergleichst… In den Kommentaren kommt schon ein wenig Verwirrung auf, dementsprechend auch bei dem Vergleich einen kleinen Hinweis darauf^^

  2. 02

    Man merkt – unsere Jungs sind gleich alt.
    Hier genau die gleiche Geschichte: Mp3 und Bluetooth sind wichtig, Kamera auch noch – das wars.
    Axel F ist auf dem iPod – in Ermangelung einer Speicherkarte noch nicht auf dem Handy.
    Und auch das tägliche, stolze Präsentieren der neusten Klingeltöne ist hier gang und gebe.

    Telefoniert wird damit quasi nur nach Hause, aus dem immer gleichen Grund: „kann ich noch ’ne viertelstunde länger bleiben?“

  3. 03

    Einfach wunderbar :))) Danke für den äußerst unterhaltsamen Artikel der einen interessanten Einblick in das heutige Teenager-Dasein gewährt. Klingt nach einer wunderbaren Familie bei Euch!! :)

  4. 04

    @Sven F.: Ja, stimmt, das verwirrt, ich habe das in dem anderen Posting ergänzt.

  5. 05

    In meinem Job komme ich immer wieder mit 10-12 Jährigen in Kontakt, die als Schulklasse meinen Arbeitgeber besuchen. Wir haben festgestellt, dass die Kids (egal aus welchem sozialen Umfeld sie kommen) zu 90% über ein Handy verfügen. Inzwischen tauchen auch vermehrt Touchscreen-Geräte auf. In aktuellen Untersuchungen geht man davon aus, dass bereits 80% der Zehnjährigen über ein Handy verfügt.

    Warum dieser Kommentar? Weil ich dich (Johnny) nur berühigen wollte: Dein Großer ist nicht besonders früh dran ;-)

    Gruß aus dem Fhain

  6. 06

    @JST: Wir haben’s ja auch lange hinausgezögert. ;)

  7. 07

    Toller Artikel. Vor einer halben Stunde kam K2 (11) mit ihrem Handy an und fragte nach einer Speicherkarte, weil sie keine Fotos mehr machen konnte. Ich war ganz überrascht, weil Sie so gut wie nie telefoniert oder SMSt, die Prepaid-Karte lade ich alle paar Monate mal auf. Dafür werden Fotos, Klingeltöne, etc. über Bluetooth getauscht. Beim Lesen des Artikels hatte ich praktisch ein DejaVu.

  8. 08

    Mich beschleicht das dumme Gefühl, hätten sie die Peanuts bei uns damals in Englisch ausgestrahlt, wäre meines heute – jenseits der Englisch-Bildung aller Abba-Platten – heute deutlich besser.

    Mich beschleicht das gute Gefühl, Ihr seid ganz okaye Eltern.

  9. 09
    fredge

    Mal so am Rand eine Frage: Wie gehen eigentlich Deine Kinder damit um, wenn Du über sie schreibst? Fragst Du sie vorher und / oder finden die das gut oder schlecht?

    Ich meine das nur als Frage. Ich versuche mir vorzustellen, wie es für mich gewesen wäre, wenn mein Vater über meine Wünsche einem potentiellen Publikum von Tausenden erzählt hätte. Ich glaube, dass ich wütend gewesen wäre, wenn er mich zumindest nicht gefragt hätte.

    Zum Handy: Das gab’s damals bei mir noch nicht. Aber dafür gab es den Game Boy. Das haben meine Eltern genauso gehandhabt, wie ihr mit dem Handy. Sie haben es besprochen und ich durfte mir das Ding dann irgendwann von meinem Ersparten kaufen. – Das hatte dann den zweifelhaften Gewinn für mich, Super Mario Land so lange immer wieder am Stück durchzuspielen, bis die Batterien alle waren. Ich glaube, man konnte es fünfmal pro Batteriesatz durchzocken. Jedenfalls war es okay für mich und ich habe mein Abi trotzdem geschafft. ;-)

  10. 10

    @fredge: Die Kinder halten wir hier ja im Großen und Ganzen sehr gut raus, weil ich das auch kritisch finde, wenn die Jungs später mal lesen würden, das wir ihr Leben dokumentiert haben. Aber das tun wir ja nicht. Ganz „früher“ gab es mal kleinere Anekdoten, das habe ich mir aber abgewöhnt.

    In manchen Fällen, wie in diesem, in denen es eher um eine Gesamtebene, die auf persönlichen Erfahrungen basiert, geht, finde ich das okay und habe kein Problem damit, wenn mein Sohn das liest, hätte er auch nicht, glaube ich, er weiß ja, womit wir uns u.a. beschäftigen und über das Handy-Thema reden wir auch viel. Ich würde hier nichts über ihn schreiben, das er nicht lesen sollte. Es wird ja auch nicht mehr lange dauern, bis er mir das heimzahlen würde. ;)

    Ich glaube/hoffe, dass es da oben viel mehr um Eltern geht als um Kinder.

  11. 11

    Hm, das Argument „Die anderen haben auch alle ein Handy“ kann ich gut nachvollziehen, das war auch eines von meinen, auch der beliebt-dämliche Konterversuch fand statt,
    Zuerst war es ein Siemens S55, das sollte ich ursprünglich zu meinem 12 Geburtstag bekommen. Doch daraus wurde ersteinmal nichts, meine Schwester benutzte es, da ihres kaputt gegangen war. Ein halbes Jahr später war ich dann doch mobil erreichbar.
    Ich habe mir sicherlich etwas mehr Funktionen (Okay, _viel_ mehr Funktionen) gewünscht, doch meine Eltern sahen nicht mal die „von deinem eigenen Geld“-Option, worüber ich jetzt wohl glücklich sein kann.
    Zum Mitläufer wurde ich nicht, das Handy konnte man wirklich nur zum Telefonieren und Schreiben von SMS verwenden, irgendwie eher zum Außenseiter, aber da war wohl auch mein Wesen die Ursache.
    15€ für 2-3 Monate? Ich hätte gerne das Geld zusätzlich zu meinem Taschengeld gehabt, denn normal bin ich mit 10€ ein knappes Jahr ausgekommen.
    Vor etwa einem halben Jahr, ein paar Monate nach meinem 15. Geburtstag, wolllte ich jedoch ein neues Handy. Der Akku des S55 hat mit Glück den Schultag gehalten und langsam wollte ich auch was moderneres. Geworden ist es ein Sony Ericson C902, vom Design war es ansprechend, die Funktionen waren ausreichend (Damals war ich noch der „Aber ich hab doch ein MP§-Player und eine Kamera, wozu brauche ich das dann noch im Handy?“ Argumentationslinie verfallen). Nach dem halben Jahr kann ich nur sagen, dass das extrem praktisch ist, mein MP3-Player braucht geladene Akkus und bevor ich mir den Krampf antu, benutze ich halt den im Handy.
    4GB sind auch wenig, allerdings habe ich da eher Podcasts drauf (CR(E)-Ecke) als Musik, und wenn, dann eher nur Soundtracks, „normale“ Musik ist nicht so mein Fall. Mit dem getausche auf dem Schulhof hab ich nicht wirklich was zu tun, die Interesse für irgendwelche mir unbekannten Stars ist doch höher, als interssantes Technikfoo von CRE.
    Guthabentechnisch komme ich auch wohl über 15€ pro Jahr, RSS-Feeds sind manchmal zu praktisch.

    Das war jetzt ein zusammenhangsloser Text von einem (quasi) 16-Jährigen, der das mal aus seiner Situation darstellt…

  12. 12
    lastminute

    Das kommt mir irgendwie bekannt vor …………..

  13. 13

    Zu DDR-Zeiten, als eine gute Chromdioxidkassette um die 20 Mark kostete und ein Tonträgertausch aus rein monetären Gründen nicht drin war, haben wir uns gegenseitig mit Rekordern besucht und Diodenkabel zwischen die Geräte gestöpselt. So sind die Kopien zwar von Tausch zu Tausch mumpfiger geworden – aber besser als nüscht.

  14. 14
    ralf

    Die Anderen? Die Eltern, oder? Wenn Papachen alle 5 Minuten aufs seinen Blog per Phone checkt, um zu sehen, ob wieder ein neuer Kommentar angekommen ist, das färbt schon ab.
    Die Benutzung als digitale Schatztruhe/Poesiealbum finde ich dann allerdings wieder so sweet, dass ich meiner Kleinen das wohl auch nicht abschlagen werde, wenn es so weit ist.

  15. 15
    Mike Müller

    Auf die Frage meiner Eltern ob ich auch aus dem Fenster springen würde wenn alle meine Freunde springen würde, gab es nur eine Antwort:

    Wenn ALLE meine Freunde aus dem Fenster springen, möchte ich lieber auch springen… ;o)

    Gruss Mike

  16. 16
    cervo

    Interessant. Das bestätigt eine Entwicklung die ich schon länger beobachte. Der Tausch von Content erfolgt verstärkt direkt und nicht mehr im Web. Ein Freund von mir hat erzählt er kenne Leute, die sich regelmäßig mit externen Festplatten zu Filmtauschpartys treffen. Wenn es stimmt, dass jeder Mensch über sieben Ecken jeden kennt, dann braucht man das Internet gar nicht ;-)
    Eine Sache wird bestätigt. Der Kampf der Content-Industrie ist ein Kampf gegen Windmühlen. Er ist nicht, oder nur mit nicht hinnehmbaren Einschränkungen der Bürgerrechte zu gewinnen. Die Tatsache, dass Content direkt ausgetauscht wird ist ein Argument gegen jede durch das Urheberrecht bedingte Einschränkung des Internets. Gerade um der kleinen Urheber willen wird es Zeit für einen Neuorganisation der Rechtslage.

  17. 17
    peter H aus B

    Apple weiss schon, warum es die Bluetoothfunktion am iPhone „verkrüppelt“. Die sind wenigstens konsequent..

    BTT: Klasse, ein echter Johnny Artikel, der Spass macht, ihn zu lesen – auch wenn ich nicht mit allem konform gehe.

  18. 18

    Ich war vor einigen Monaten in einer Hauptschule und habe mich mit den Schülern einer Klasse über Handys unterhalten. Zusammenfassung: Manche Jungs hatten gar kein Handy und sagten, sie bräuchten keins. Die Mädchen hatten alle ein Handy und nutzten es einerseits als Accessoire („Es wäre toll, wenn sich seine Farbe an die Farbe meiner Klamotten anpassen würde“), andererseits als Kommunikationsmittel. Eine Wissenschaftlerin berichtete mir, dass sie mit Teenie-Mädchen eine Handy-Diät-Experiment gemacht habe. Nur einen Tag lang. Ein Mädchen sei den ganzen Tag im Bett geblieben, weil es sich nicht mehr verabreden konnte.

    Dass sie ihre Prepaid-Karten leertelefonieren und -simsen, das kommt schon noch. Bei den Jungs vielleicht nicht so extrem wie und etwas später als bei den Mädchen. Lasst eure Kinder mal zwei Jahre älter werden. :-)

  19. 19

    Ich finde, dass du dich mit deinem Sohn darüber unterhältst ist genau das richtige. Es gibt jede Menge Eltern, die ihren Kinder Medien, oder in diesem Fall: ein Handy, beschaffen und sich damit nie wieder auseinander setzen. Wenn das Kind dann jahrelang Unfug anstellt, ohne, dass sie es merken wird sich plötzlich gewundert.

  20. 20

    Kinder u. Handy)Internet/Computerspiele

    Abgesehen von den Wissenschaftlichen Erhebungen, sind noch keine Ergebnisse
    erfolgt, woran sich Eltern stringent zu halten haben.
    Die einzig gültige Massgabe ist die mit den Taschengeld zu vergleichende ‚Elterliche Aufgabe‘ zu entscheiden, wie mit wieviel umgegangen werden soll.

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