31

Südafrika – Mexiko 1:1

Südafrika schickt sich an, erfolglosester Austräger einer Weltmeisterschaft ever zu werden, dachte man. Ich gebe zu, ich auch. Aber offensichtlich hatten die Hummeln im Hintern; die man übrigens auch das ganze Spiel über hören konnte. Zu hören vermeinte. However.

Von Anfang an verloren die Südafrikaner ihre Offensivzweikämpfe: nur dass deren Offensivzweikämpfe ungefähr 30 Meter vor dem eigenen Tor stattfanden. In die Löcher, die anfangs das defensive Mittelfeld der RSA zierten, hätte man Kleinfamilienhäuser bauen können. Das muss man sich mal vorstellen: Die stehen da zu elft in der eigenen Hälfte, und trotzdem konnte Mexiko nahezu ungestört bis 20 Meter vor den gegnerischen Strafraum kombinieren.

Die Berichterstattung einigt sich in solchen Momenten darauf, zu sagen, der jeweilige Protagonist sei eben „nervös“. Tatsache ist, vor lauter Tremor bekamen sie keinen Spielaufbau zusammen. Während die Mexikaner das Fräulein Rottenmeier gab und sauber und ohne großen Sinn für Sperenzken ihre Ordnung runterspielten, war bei Südafrika am Anfang nicht sehr klar: Wollen die jetzt forechecken oder auf Konter spielen? Früh angreifen oder tief stehen? Viervierzwei, Viergewinnt oder Viertelzwölf? Sie wussten es nicht, und vor allem: in jeder Situation entschieden sich die Mannschaftsteile je fürs Gegenteil.

16 Minuten dauerte es, bis Südafrika drei Pässe am Stück im gegnerischen Halbfeld gespielt bekam. Drei Chancen hatte Mexiko bis dahin. Dass sie kein Tor machten, und vor allem: dass sie sich nicht mehr Chancen erspielten, lag daran, dass sie (außer dos Santos) zumeist rumstanden wie auf Ketamin. Nach und nach durften die Südafrikaner auch mal über die Mittellinie rübermachen, ohne Effekt. Außer ein paar Eckbällen. Stattdessen schoß Mexiko ein Abseitstor, das nicht gegeben wurde, wofür alle Zuschauer dankbar waren, weil der Schock die Vuvuzela-Bläser beruhigte.

Südafrika hat in der ersten Halbzeit einen wahnwitzigen Aufwand betrieben für quasi kein Ergebnis, während Mexiko sich einen Schonbezug übergestreift hatte. Einziger Hoffnungsschimmer war der erstaunlich desorientierte mexikanische Torwart. Ach, der mexikanische Torwart!

Perreira muss seine Mannschaft in der Halbzeit hübsch zusammengefaltet haben, denn plötzlich hatte man den Eindruck: Himmel, die wissen ja doch was sie machen! Und kaum hab ich diese Zeilen geschrieben, kontert Südafrika über links, Tshabalala kommt am rechten Strafraum zum Schuss, drischt das Ding in den Winkel und alle Welt sang seinen Namen. Einsnull, es trötete aus dem Fernseher.

Dass sich Mexiko anschließend gegen die drohende Niederlage stemmte, wäre übertrieben: bestenfalls lehnten sie sich an die Gewissheit, die potentiell bessere Mannschaft zu sein. Einzig dos Santos war bereit, auch den Beweis anzutreten: er war der einzige springende Punkt in einer Mannschaft, die aufgereiht stand wie in einer Kickerformation.

Stattdessen konterte Südafrika gefährlich. Sie kombinierten, sie machten kaum Fehler. Sie berauschten sich, sie kämpften. Wenn nochmal ein „Sherlock Holmes“-Film gedreht wird, diese Mannschaft wäre ein passabler Hauptdarsteller. Vor allem auch: weil sehr sympathisch.

Es gehört zur Tragik dieses Spiels, dass eine Aufmerksamkeitsstörung zum Ausscheiden führt: also zum Moment, wenn alles „Scheiße“ schreit. Nach einem Eckball für Mexiko lief Südafrika unkoordiniert wie ein Aldi-Navigationssystem aus dem Strafraum; Marquez kommt frei zum Schuss und haut das Ding links rein. Ausgleich. Wenn es einen Fussballgott gibt, will der nicht gestört werden und mag deswegen keine Vuvuzelas.

Aber als Mpheka nach einem Konter den Pfosten traf, hatte er wieder den Salat. Es war ganz kurz vor Schluss. Südafrika peitschte sich nach vorne, aber es sollte sich kein Lustgewinn mehr einstellen.

Schade um Südafrika. Sie sind Schuld, dass es das beste Eröffnungspiel seit Jahren war. Ich habe jetzt ein noch bisschen mehr Angst um Frankreich.

Alle Spreeblick-WM-Beiträge hier.

31 Kommentare

  1. 01

    Ach Frankreich. Der Keeper von Südafrika, der geht. Denn sollten wir uns vielleicht ausleihen …

  2. 02

    Das „beste Eröffnungsspiel seit Jahren“ liegt vielleicht daran, dass es das erste Eröffnungspiel seit 4 Jahren war. Das vor 4 Jahren war jedenfalls nicht nur unterhaltsamer, sondern auch fußballerischer. Und auch Senegals Sieg war unterhaltsamer als das heute.

    Woran Mexiko sich heute und vor allem nach heute festgehalten hat bzw. wird, ist mir allerdings auch nicht nachvollziehbar.

  3. 03
    JanM

    Ich hab 10 Minuten durchgehalten, dann wollte ich irgendwem das Herz mit einer Plastiktröte rausreißen. Wenn da die FIFA nix macht, war das auch schon das letzte WM-Spiel für mich.

  4. 04
    Mithos

    Wo war die Einblendung
    „Wir bitten die schlechte Tonqualität zu entschuldigen“?

    Ich hab zwischendurch den Ton aus gemacht. Stimmung ist ja toll, aber stupider Lärm ist scheiße.

  5. 05

    Sorry, aber der südafrikanische Torwart wird nicht nach Frankreich wechseln, sondern nach der WM stante pede in die NBA.

  6. 06

    Ich bin für ein Vuvuzela-Verbot. Können die den Ton nicht anders abmischen? Das Geräusch nervt extremst.

  7. 07

    find ich nicht. Totaler Voodoo-Wahnsinn und allemals besser als besoffene Teutsche die irgendwas singen. Bestes Beispiel Bonfire mit der deutschen Nationalhymne. Bonfire (!!) Wo sind die Scorpions, wo ist Nödel-Xavier?

  8. 08
    kkaddi

    Das war ein guter WM Start.Mir haben die Süd Afrikaner gute gefallen, wie sie die Mexikaner aus gekontert haben.

    Es hätte mich gefreut, wenn Süd Afrika das Spiel,zu Ihren Gunsten ausgegangen wäre.

  9. 09
    johannes

    voodoo-wahnsinn? eher zombie-horror. das geräusch ist so maskenhaft gleichmäßig, dass es keinerlei emotionen wiedergibt. weder beim tor der südafrikaner noch beim nicht gegebenen elfer noch bei irgendeiner ecke. ist das publikum sonst wirklich ein mitspieler, ist es hier nur kulisse.

  10. 10
    Frédéric Valin

    @Trainer Baade: Das Spiel mit Senegal sagst Du! Ich hab da nur noch Schweiß und böse, böse Fouls in Erinnerung. Kampfbetont, aber sowas gefällt Trainern ja im Grunde.

    Und dass Deutschland – Costa Rica fussballerisch besser war, ist keine Frage. Nur wusste da schon vorher jeder, wies ausgeht.

  11. 11
    deeceee

    @johannes: Gut auf den Punkt gebracht!

  12. 12

    Lieber Frédéric Valin,

    leider habe ich nicht
    die Zeit alle Spiele zu
    verfolgen. Danke für
    die Kommentation.

    http://mediathek.daserste.de

    Alles Gute

  13. 13
    Martin

    @johannes: Danke, perfekt analysiert! Eine tolle Atmosphäre kommt da für mich nicht rüber, da kann ich auch Golf schauen und mir ’nen Bienenkorb neben den Fernseher stellen.

  14. 14
    kkaddi

    Mal sehen, wie das zweite Spiel Uruguay – Frankreich sein wird.

    Wenn Frankreich einen guten Strat schaffen sollte und gegen Uruguay gewinnen könnte Frankreich zu den Favoriten gehören, die um den WM Titel mit schreiten wird.

  15. 15
    kcbskjfs

    die vuvuzelas im ersten spiel warn echt sehr nervig. aber im spiel uru vs. fra gehts eigentlich.da hörn die wenigstens ab und zu mal auf zu blasen. ich hoffe die südafrikaner haben auch bald die schnauze voll von den dingern.
    verbieten wäre auf ejdenfall n falsche signal,finde ich

  16. 16
    kcbskjfs

    achja: schade dass südafrika das erste spiel nich gewonnen hat. hätte es ihnen echt sehr gegönnt.sie haben gut ins spiel zurück gekämpft und dann guten fusball gspielt, der echt spass gemacht hat

  17. 17
    Micha

    @kcbskjfs: Es hört sich ein wenig so an, als ob RTL die Tröten rausfiltert. Die tröten trotzdem permanent durch.

  18. 18

    Räusper

    Schön wäre es, Fremdsprachliche Sender zu benennen, die per Internet abrufbar sind.

    :_)

  19. 19

    Diese Vuvuzelas sind einfach nur nervig! Das ohrenbetäubende Geräusch macht jedes Stadionfeeling vor den Bildschirmen kaputt, wie es der Fußballfan eigentlich kennt! Es kommt einem vor wie eine Tonstörung und wenn die Sender es nicht langsam in den Griff bekommen, die Vuvuzelas akustisch herauszufiltern, habe ich ehrlich gesagt sicherlich nicht mehr lange Lust auf die WM2010, nervt es jetzt schon tierisch.

  20. 20
    JanM

    Zu „verbieten wäre das falsche Signal“ – auch nicht falscher, als Signalpistolen zu verbieten. Diese Tröten erzeugen offenbar einen Schalldruck, der weit außerhalb der (jaja, europäischen) Normgrenzen liegt, und der mittelfristig permanente Hörschäden verursachen kann. Wenn sich Leute ihr Gehör freiwillig auf Konzerten wegballern, kann ich ja noch damit leben, aber wenn sie anderer Leute Gehör bei Fußballspielen gefährden (und dem Rest der zuschauenden Menschheit nebenbei maximal auf den Sack gehen), würde ich in einem Verbot jetzt keinen Akt der Diskriminierung sehen.

  21. 21

    Sagt auch was über das Spiel aus, wenn sich alle über die Geräuschkulisse unterhalten. Wer bei dem Spiel etwas anderes erwartet, als er gesehen hat, dem ist auch nicht zu helfen.
    Ach so: Und wen das mit den Vuvuzelas stört ist doof :-)

  22. 22
    kcbskjfs

    @Micha:ich glaube sowas rauszufiltern ist echt schwierig.vorallem wenn südafrika spielt ;) das war wirklich heftig.beim spiel auf rtl machen die puster ja wenigstens mal ne pause ..;).beim eröffnungspiel wars aber wirklich hart.
    ich kanns auch vestehen!die fans wollten/wollen ihre mannschaft nach vorne peitschen!
    und ich vermute aber ,spätestens in 4 wochen haben die südafrikaner von der ollen tröte auch die schnauze voll ;)

  23. 23
    kcbskjfs

    fürs nächste guten morgen von spreeblick schlage ich übrigens „http://www.youtube.com/watch?v=CdXD1Pi3GnE – HHP – Mpitse “ vor. dr at auch bei der eröffnungsfeier kurz singen/rappen dürfen… . nich dieses lied,aber ich finde das verlinkte lied toll und ich finde er hat zu wenig klicks ;)

  24. 24
    Mithos

    Könnten die nicht wenigstens die Stadion-Mikrofone etwas runter regeln? Man würde zwar auch die Stadion-Atmosphäre (neben dem stupiden Lärm, der für mich nichts mit Atmo zu tun hat) verlieren und wahrscheinlich die Pfiffe der Schiris nicht mehr so gut hören. Aber das ist immer noch besser, als genervt gleich ganz auf Ton verzichten zu müssen.

    Eine andere Möglichkeit wäre Zweikanal-Ton mit Kommentar und Stadion wie jetzt auf Kanal 1 und nur den Kommentator auf Kanal 2. Die Kanäle wären zwar nur Mono, was aber bei Fußball nicht so schlimm sein dürfte. So könnte dann jeder wählen, was er hören will.

    Der Lärm ist aus meiner Sicht auch nicht mit der „besonderen“ Atmo und „Mentalität“ in den Stadien in Südafrika zu rechtfertigen. Wir bringen ja auch nicht alle unsere Megafone, Trillerpfeiffen oder Rasseln mit ins Stadion. Ich hab zwar mal erlebt, wie bei einem Spiel der NFL Europe mit irgend welchen Klatschen Krach gemacht wurde. Das fand ich aber auch schon unpassend und an der Grenze zur Unsportlichkeit, obwohl es offenbar zu der Sportart gehört, die Konzentration (nur) der gegnerischern Defense mit Lärm zu stören. Mit Anfeuern der eigenen Mannschaft hat das jedenfalls in beiden Fällen nicht zu tun. Eher mit Auspfeifen des Gegners.

  25. 25
    C.

    ist klar, die südafrikaner_innen machen uns unseren schönen europäischen fußball kaputt…
    wenn es nervt, schaltet doch einfach aus! dann braucht ihr euch auch nicht die dämlichen kommentare sogenannter „sportreporter“ anzutun, die einem fußball im fernsehen mehr verleiden, als ein wohnzimmer voller vuvuzelas.
    vorwärts bafana bafana!

  26. 26
    Lines

    Weg mit diesen nervigen VUVUZELA Kram – wenn ich bock auf Bienenschwarm-Sound hab´geh ich zum Imker – aber bitte nicht beim Fußball.

    Bei Vuvuzela.org gibts eine Abstimmung dagegen – hoffentlich klappts!!!

  27. 27
    Martin

    @C.: Das hat mit Europa nix zu tun. Das trifft genauso die Südamerikaner. Keine Stimmung, keine Gesänge, nur ein dumpfes und monotones Getröte. Es wird auch nicht dadurch besser, dass die Fans an den Vuvuzelas nett und begeistert sind. Wär aber mal ne coole Idee für Hoffenheim oder Wolfsburg, kann man bestimmt super über die Beschallungsanlage einspielen und braucht dann auch keine Fankultur mehr ;)

  28. 28

    Dass man vorher immer schon wusste, wie es ausgeht, sagt man immer nur dann hinterher, wenn es so ausgegangen ist.

    Nennt sich auch selektive Wahrnehmung.

  29. 29
    Frédéric Valin

    @Trainer Baade: Oder man befragt die Buchmacher. Die haben für sowas relativ klare Richtlinien.

Diesen Artikel kommentieren