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USA – Ghana 1:2 n.V.


Das ausgerechnet die USA, Heimstatt des liberalen Individualismus und der Doktrin der Selbstbestimmung, als astreines Kollektiv auftritt, in dem jeder die Gruppe wichtiger nimmt als sich selbst, ist natürlich ein Treppenwitz dieser WM. Es versprach deswegen ein interessantes Spiel zu werden, weil auch Ghana – als einzige afrikanische Mannschaft – gespielt hat, als wären sie aufeinander eingestimmt wie eine Aussteiger-WG auf einem Bauernhof am Fuße des Alpenkamms.

Aber, auch das wußte man, Ghana kann mehr. Zum Beispiel Kevin Prince Boateng. Fünf Minuten gespielt, Boateng fängt einen Pass ab, die USA ungeordnet wie meine Steuerunterlagen, wo wird der jetzt hinpassen, fragt man sich noch, da zieht er den Ball trocken ins kurze Eck. „Krass, Alter!“, schreit auf der Straße ein Kind, vielleicht zwei Jahre alt, und beginnt, die eigene Schußhaltung an diversen Seitenspiegeln auszuprobieren.

Ghana besser, weil die USA ohne Mittelfeld spielte. Landon Donovan wirkte, als habe er das Spielen mit einer leeren Bigmäc-Schachtel gelernt und sei erst kürzlich zufällig mit einem Ball in Berührung gekommen. Ballkontrolle wie ein Schaufelbagger, der Mann. Dass allerdings die USA den linken Flügel komplett verwaisen ließ, verwunderte weiter nicht: das halten sie gesellschaftlich ja nicht anders.

Deswegen brauchten sie auch einen zuckersüßen Fehlpass von Jonathan, um vors Tor zu kommen. Eins zu eins Kingson gegen Findley, dutzende Ghanaer zerdrückten ihre Bierflaschen mit der bloßen Hand, doch er hielt. Der Mann ist vierte Wahl bei Wigan Athletic, da könnte man eigentlich auch eine Angela Merkel ins Tor stellen: die kann wenigstens in allen erdenklichen Lagen die Klappe halten.

Ghana stellte sich hinten rein und konterte, eine Taktik, mit der schon Südkorea gescheitert ist. Gespannt wie ein Flitzebogen warteten wir auf die Reaktion der USA. Reaktionär, schreit irgendwer an der Theke, das können die doch, verdammt! Aber ach, was sah man: ein Schußversuch von Bornstein aus 40 Metern, der es immerhin bis an den 16er packte.

Offensichtlich hatte Bradley in der Pause Dan le Sac aufgelegt, denn die USA was getting better: Feilhaber stand plötzlich vor Kingson, der aber hat einen schnellen Fuß. Schneller als sein Schatten, da ist er ganz Lucky Luke, mag er auch bei Flanken eher aussehen wie Rantanplan.

Ghana kämpfte, grätschte und biss, und die Amerikaner wälzten sich auf dem Boden: der reinste Catfight. Einmal pfiff der Schiedsrichter dann, als Mensah einen astreinen Facebuster auspackte und Dempsey dreimal auf den Boden schlug. Die ersten Amerikaner verließen schon das Stadion in der Meinung, jetzt habe man eben aufgegeben und das Match habe ein Ende. War aber gar kein Wrestling, war Elfmeter. Landon Donovan haut den Ball an den Innenpfosten, ding dong, Ausgleich.

Offener Schlagabtausch. Die Amerikaner bekamen ihre Löcher besser gestopft, vielleicht sollte man sie ja mal in den Golf von Mexiko abkommandieren. Ghana hingegen immer nervöser: Aktionen, die Anfang des Spiels noch irgendwie als witzig durchgingen, wurden mehr und mehr zur Zumutung, und die genialischen Augenblicke verschwanden nach und nach. Ghana stellte die Talkshow-Karriere von Helmut Berger nach. Ein Mittelfeld fand nicht mehr statt. Abseitsfalle sowieso nicht.

Nach 75 Minuten waren beide Mannschaften so platt, wie ich es bin, wenn ich Claudia Effenberg fünf Minuten in einer Talkshow erleben muss. Sie schoben sich die Bällchen zu, man ahnte schon das Hollywood-Ende, dann grinsen auch bloß Amerikaner, immer. The boys don’t cry. Wärs ne Komödie, hätten sie am Ende alle Sex im Teambus, Abblende.

Doch nicht. Stattdessen gabs extended version, Verlängerung.

Und kaum sagte Klinsmann, „man läuft jetzt erstmal auf Reserve“, lief Bocanegra auf Reserve, aber nicht Gyan: der lief der Innenverteidigung davon und dingste das Ding in das Ding, dass es ein reines Dingens war. Himmelherrgott, Führung Ghana. Ich war nah am Herztod, vor allem angesichts der Tatsache, dass Ghana verteidigt, wie Stoiber spricht. Stockend, bisweilen ohne sichtbares Konzept. Und nicht sonderlich clever.

Glücklicherweise stellten sich die Amerikaner auch nicht sehr klug an. Hoch und weit nach vorne, in der Hoffnung, dass ein Gott hilft. Kopfballspieler hatten sie ja nicht mehr vorne drin, seit Altidore rausgecastet worden war. Wozu der Rest einen Kopf hat, wurde auch nicht recht klar: die sogenannten Luftduelle verloren sie allesamt, waren aber die einzigen, die das gedanklich nicht auf die Kette kriegten.

Ghana wand sich am Boden, so oft es ging, na klar. Und wand sich ins Viertelfinale. Puh.

Unfassbarer Kingson, großartiges Ghana. Viertelfinale. Yeah.

Und nochmal: Puh.

So. Nochmal kurz durchdrehen, dann Aufregung tanken für morgen.

Kleine Praline vorab.

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13 Kommentare

  1. 01
    Lina Wolf, TYPO3 Blog

    Wohoo Ghana hat es geschafft! Ich Guateng kann bis zum Viertelfinale wieder spielen!

  2. 02

    Bin ich der einzige der glaubt, dass der Kommentator sich in Bill Clinton verliebt hatte? Und außerdem ging der mir auch so auf die Nerven.

  3. 03
    dismax

    Gähn…sicher toller Bericht Frédéric, lese ihn aber erst Morgen. Ach ja, ich glaube du hast die roten Striche in deinem US-Fähnchen verkehrt gemahlt.

    Ganz tolles Spiel mit so viel Herz, beide mussten am Ende fast kotzen. Freue mich sehr für Ghana und für die US-Jungs tut es mir mega leid.

  4. 04

    sehr schön der artikel in der sun. die kennen ihre leser. *BEER*!

  5. 05
    Rossini

    @dismax: du bist komisch…

  6. 06
    dismax

    @Rossini:

    …das höre ich täglich.

  7. 07

    Böser Tritt 2.0: Kevin-Prince Boat(p)eng im WM-Viertelfinale, Michael Ballack in Leverkusen.

    Übrigens: Flaggenskandal 2.0 hier – Stars bei Stripes auf verkehrter Seite, aber keine singuläre Flaggenerscheinung. Guckst du hier:

    http://www.cujau.de/index.php?serendipity%5Baction%5D=search&serendipity%5BsearchTerm%5D=flagge

    … deshalb nun Stripes and Stars …?

  8. 08
    kkaddi

    Ghana hat das Achteinhalbfach gewonnen in der Verlängerung. Dann war es bestimmt eine gute Spannendes Spiel gewesen. Ich habe nur die letzten neun Minuten gesehen von der Verlängerung gesehen. USA hat auch eine tolle Vorrunde von sich zeigen können , und waren Gruppen erster vor England gewesen.

    Im Ersten Viertelfinale steht jetzt schon mal fest. Uruguay – Ghana. Da kann man gespannt sein, wie das Viertelfinalspiel zwischen Uruguay – Ghana werden könnte.

  9. 09
    Alex

    jajaja… dieses spiel…
    nun ja, die usa haben gespielt wie immer, nur hat das dieses mal nicht gereicht. die gehen echt zu großzügig mit ihren chancen um und lassen hinten oftmals ziemlich große löcher.
    wie oft die schon wieder den tormann (der aber auch gut war) angeschossen haben…
    und am ende ja wirklich nur noch „in god we trust“/auf gut glück nach vorne gespielt.
    einzig die phase um das 1:1 haben sie echt gut gespielt.

    gyan ist allerdings auch ein top-mann.

    naja, gegen uruguay ist dann eh feierabend, die verschenken nicht so großzügig platz im eigenen strafraum…

  10. 10
    richi

    War es eigentlich nur mir aufgefallen das RTL sehr parteiisch pro USA war?

  11. 11
    Frédéric Valin

    @richi: Ja, stimmt schon. Ich fand das allerdings okay, Klinsmann ist ja Wahlamerikaner und kennt die Mannschaft sehr gut (was er häufiger geschickt zu verbergen wusste). Das war, wie soll ich sagen: authentisch.

  12. 12
    C.

    @richi (10)
    keine ahnung, klinsmann habe ich elektronisch rausgefiltert, was kein problem ist, weil seine stimme auf einer frequenz piepst, auf der es keine wichtigen details zu hören gibt und bei dem anderen kommentator hab ich jedesmal fleißig in meine vuvuzela getrötet.
    aber vorstellbar ist es, die konnte er ja auch besser auseinanderhalten, die meisten von denen sind schließlich weiß…

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