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I can has sømmercamp, plz!

grandpa, mom, son

Es ist Sonnabend abend. Die Sonne kitzelt an den Baumwipfeln. Jedes Fleckchen Wiese ist mit Menschen belegt. Manche genießen alleine Musik und Sonne. Viele sitzen, liegen und stehen in Gruppen beieinander. Und hier ist er, der Moment, der unweigerlich bei jedem Festival kommt: Geil! Festivalatmosphäre! Und in Roskilde ist die einfach mal richtig großartig.

Ich wusste nicht viel über Roskilde. Eins der größten Festivals in Europa. Legendär. Dennoch viele kleine Bands. Da hörte es dann auch schon auf mit den Bildern in meinem Kopf.

Nach unbändiger, hibbeliger Vorfreude, mit der ich jedes Kleinkind unterm Christbaum in helles Erstaunen hätte versetzen können, schaffte es irgendwann das Wissen um die 100.00 Anwesenden in mein Bewusstsein. Fuck! 100.000 – in Worten: einhunderttausend – Menschen. Nach dem Hurricane 2005 mit damals schon inoffiziellen >60.000 Besuchern schwor ich mir: Nie wieder ein Festival in dieser Größenordnung! Die werden doch alle bekloppt, wenn mehr als drei Freundeskreise mal aus ihrem (geistigen) Dorf rauskommen und sich an einem Ort treffen. Das gilt genauso auch für Großstädter. Da mach ich keinen Unterschied. Ein langes Wochenende raus aus allem. Irgendwas hakt da immer aus.

Umso überraschter war ich vom Roskilde. Gut, der Lagerkoller ließ dennoch nicht lange auf sich warten. Und in dem Moment mochte ich unseren elitären „restricted access“-Campingflecken sehr gerne. Nachts um zwei mit Whiskey und Zigarette vorm Zelt sitzen. Hinter der Autobahn ein paar vom Winde verwehte Gitarrenklänge. Ansonsten Ruhe und Mondschein. Der Rest des Zeltplatzes war schon am Pennen oder noch bei der Arbeit. Absurd irgendwie.

Aber ich war bei der Roskilde-Atmosphäre stehengeblieben. Wie die Fusion, nur in groß und ohne Feuerkünstler. Das ist so mein Label für dit janze. Hirnbefreite Bierproleten gab’s natürlich auch. Aber die gibt’s auch auf der Fusion und hier wie dort blieben sie in der Minderheit. Zumindest auf dem Festivalgelände. Wie das auf den Campingplätzen ablief, kann ich nur vermuten. roskilde camping Aber wenn ich mir überlege, dass auch an Tag 4 bei größter Hitze eine unglaublich entspannte Stimmung vorherrschte, dürfte das zwischen den Zelten nicht groß anders gewesen sein.

Am Sonntag stand ich mit Martin da und wir überlegten, wie man das Roskilde in Worte fassen kann, was wohl der gemeinsame Nenner ist. Meine Antwort, sie lautet: „Roskilde“. Es gibt keinen Nenner. Prince findet genauso seine Anhänger wie Canteca de Macao oder die Japandroids – so unverständlich das im ersteren Fall auch sein mag. Sämtliche Musikstile. Sämtliche Bekanntheitsgrade. Musik aus aller Herren Länder. Selbst für ein Orchester mit Harfe und Kesselpauke ist hier Platz. Bei den Besuchern geht es weiter. Ich habe noch nie so viele Besucher über 35 auf einem Festival gesehen, auch anteilig gerechnet. Also, bei 100.00 Menschen gibt es natürlich viel mehr ältere Menschen, weil es ja insgesamt viel mehr Menschen hier gibt. Aber so relativ gesehen… ach ihr wisst, was ich meine. Bezeichnend dafür: die Dame mit dem „Roskilde ’81“-Shirt. Am Sonntag hatten Menschen bis 10 und ab 60 freien Eintritt. Über die unglaublich vielen handicapped people gab es an anderer Stelle schon zu lesen. Familien mit Kindern in allen Altersstufen. Das Campinggelände wird schon ein Wochenende vorher aufgemacht. Es gibt ein Kino, Bade- und Angelsee. Zwei City Centres mit Shops, Internetplätzen, Gepäckaufbewahrung, Bankautomaten verbaut in Baucontainern und Apotheken. Außer im Supermarkt kann man überall neben Dänischen Kronen und Kreditkarte mit Euro, Pfund, US Dollar, Schwedischen und Norwegischen Kronen bezahlen, zu einem sehr okayen Umrechnungswert übrigens.

Die Festivalordner und -helfer verdienen gar ein eigenes Dankeschön. Egal wo, egal wann. Immer höflich. Immer eine Erklärung bereit. Bei den meisten begleitet von einem Lächeln. Der Orga merkt man die Erfahrung an. Da laufen Helfer an den ersten Tagen durch die Campingareale und übers Festivalgelände und sind für Fragen da. Als ich mich einmal an einen Bühnenrand stellte, um ein bekanntes Gesicht zu suchen, war sofort ein „Crowd Safety“-Mensch zur Stelle, weil er dachte, ich bräuchte Hilfe. Die Wellenbrecher-Areale bei den beiden großen Bühnen haben ein tolles Prinzip. Man stellt sich vorher beim Künstler der Wahl an, dann werden so viele reingelassen wie geht und nach dem Konzert werden ausnahmslos alle wieder rausgeschickt. roskilde - waiting for the music
Kann natürlich von Nachteil sein, wenn man 2 Bands nacheinander auf der großen Bühne ganz vorne erleben will. Aber der Vorteil, sich nicht 3 Bands vorher nach vorne kämpfen zu müssen und derweil den Rest des Festivals zu verpassen oder sich gar grauselige Musik anhören zu müssen, überwiegt um Längen. Für die vorne Stehenden wird dann auch immer kräftig Wasser ausgeteilt und bei der großen Bühne gibt es sogar extra Dixie-Klos für die Leute, die schon drin sind.

Das Merchandisezeug warb mit „Join the Roskilde Feeling“. Wenn das hier jedes Jahr so abläuft, wundert mich gar nichts mehr. Tschüss Roskilde, es war toll mit dir.
fähre

10 Kommentare

  1. 01

    Klingt so als könnten sich die Southside-Orgas mal eine prächtige Scheibe abschneiden.

  2. 02
    Tobi

    @Gregor: wie recht du hast….

  3. 03
    peter H aus B

    @Gregor: Und nicht nur die..

  4. 04
    Frosch

    Sommer, Sonne, Sonnenschein!

    Dunkle Wolken ziehen währenddessen allerdings von Berlin auf, und das noch vor dem Spiel um Platz Drei: „WM-Analyse: Politik nutzt Fußballwahn“

    Eigentlich schon fast schon wieder lustig wie verlässlich Politik manchmal sein kann ;-)

  5. 05
    Steffen

    Das liest sich ja alles ganz nett, aber so viel Unterschied zu anderen Festivals kann ich jetzt auch nicht entdecken.
    Nächstes Jahr bitte vom Glastonbury oder Sziget!

  6. 06
    Sebastian

    @Frosch: was hat das den bitte mit dem Artikel zu tun? Echt schäbig, so die Leute auf Deinen Blog zu holen…

  7. 07
    Mister T

    Großartiges Bild.

  8. 08
    Carol

    Echt schöner Artikel, da freu ich mich auch schon auf’s nächste Festival, Saison hat ja quasi grad erst angefangen :)
    Aber ich habe eine Frage: Gibt’s einen Grund warum du hier „handicapped people“ statt behinderte Leute geschrieben hast? Ich fand in deinem anderen Artikel bist du herrlich mit den Benennungen umgegangen, darum wundert es mich, dass du hier „ins Englische geflüchtet“ bist. Soll nicht angreifend wirken, im Gegenteil. Ich kämpfe gerade in meiner Magisterarbeit mit diesem Problem…

  9. 09
    miss sophie

    @Carol: Den Artikel selbst hatte die andere Kathrin geschrieben. Wo ich auch ganz froh drum bin, denn ich selbst bin auch in so ’ner Phase von „Behinderte“ oder „behinderte Menschen“ klingt irgendwie scheiße. Ich kann das nicht so richtig fassen, aber ich glaube, es liegt daran, dass „behindert“ im Deutschen auch noch als Beleidigung benutzt wird, so wie auch „schwul“. Da ist das englische „handicapped people“ in meiner eigenen, kleinen Sprachwelt einfach unbelasteter.

    an alle: vielen dank für die blumen! :)

  10. 10

    So muss es sein. Ein Traum :)
    Das geht in die Band Memoiren.
    Außerdem lässiger Spruch auf dem Band Merchandise.

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