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People are people

Es war ein aufgeregtes Wochenende in Internetland. Die Nachrichten von den tragischen Todesfällen und den zahlreichen Verletzten während der Duisburger Loveparade und der Umstände, die zu dem schrecklichen Ereignis geführt haben könnten, verbreiteten sich schneller, als man lesen konnte, und die meist einfach hilfslosen Reaktionen, die bis zur Forderung der Todesstrafe für die Veranstalter gingen, waren nicht immer gut verträglich. An einem bestimmten Punkt habe ich abgeschaltet, um dem Sog zu entgehen. Erst Sonntag Abend habe ich mir die ersten TV-Berichte angesehen.

Im Großen und Ganzen jedoch sollte man niemandem, der sich via Twitter oder Facebook oder in seinem Blog in irgendeiner Form zu der Katastrophe äußerte, einen Vorwurf machen (außer der unsäglichen Eva Herman natürlich).

Reden hilft, gerade in Ausnahmesituationen, und besonders dann, wenn man nicht helfen kann. Schweigeminuten auf Twitter bleiben eine organisatorische Herausforderung, und es wäre eine Anmaßung, zwischen „echter“ und „geheuchelter“ Anteilnahme unterscheiden und Einzelnen ihr Recht auf Mitteilung nehmen zu wollen.

„Internet-Nutzer“, wie die klassischen Medien so gerne diejenigen bezeichnen, deren Äußerungen sie nicht sofort vor die laufende Kamera bekommen, sind keine Aliens, keine besseren oder auch nur anderen Menschen als die, die man täglich auf der Straße sieht, und diese Menschen drücken ihre Gefühle, ihre Ohnmacht und ihre Fassungslosigkeit unterschiedlich aus. Die einen suchen mit vielen Worten Schuldige, die anderen schweigen und wieder andere schweigen mit vielen Worten.

(…) Wer geschockt und sauer ist, der schreit das in die Welt hinaus. Das IST emotional, undistanziert, unreflektiert und schuldzuweisend. Twitter ist ein spontanes, herausschreiendes Medium. Dort wird nicht nur Poesie und reflektiertes Gedankengut nach einem Verdauungsprozess gepostet. Twitter IST die Verdauung. (…)

Zitat: Yetused

Obwohl jeder von uns auch Verkehrsteilnehmer ist, gehen uns Todesfälle bei einer Massenveranstaltung näher als die Statistik der Autounfallopfer, und so wird das Verfolgen von Nachrichten, das Betrachten von Fotos und auch das Mitteilen der eigenen Gefühls- oder Meinungslage zur kurzzeitigen Therapie. Wir versuchen etwas zu begreifen, das man nicht begreifen kann.

Sich miteinander aufzuregen, sein Mitgefühl auszudrücken, zu brüllen oder zu heulen bringt keines der Opfer wieder ins Leben zurück. Doch es ist zutiefst menschlich und damit ist es mir immer noch lieber als die anscheinend emotionsfreie Wiederholung der eiligst zurechtgelegten offiziellen Sprachregelung derjenigen, die – so sieht es derzeit mit ziemlicher Sicherheit aus – zumindest eine Mitverantwortung an dem Unglück tragen.

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