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Pepe I

„Naturbekifft“ sagte Zaza immer dazu. Pepe war naturbekifft. Pepe hieß eigentlich Peter, und Peter konnte sich meistens keine Namen merken. Nur die erste Silbe. Das hing überhaupt nicht damit zusammen, wie lange Pepe die betreffende Person schon kannte; sondern, wie sehr Pepe gerade in Gedanken war. Pepe war häufig in Gedanken. Und wenn Pepe in Gedanken war, kam es vor, dass er vor seiner Klassenlehrerin stand und „Guten Tag, Frau Schöl… Frau Schöl…, ähm. Hallo.“ stotterte, während sie ihn ungläubig anstarrte.

Irgendwer war dann mal auf die Idee gekommen, ihn mit „Hallo Pe… Pe…“ zu begrüßen. So hieß er ab sofort. Pepe.

Pepe war eine Seele von Mensch, und als der Herrgott zu Anbeginn aller Zeiten den Humor verteilte, gab er ihm nicht nur seine Portion, sondern gleich noch die von allen Xavier Naidoo-Groupies weltweit. Die haben seither keinen. Pepe vergaß nicht nur Namen, sondern alles, was er bei sich trug. Seine Mutter war berufstätig, es kam häufig vor, dass Pepe vor der eigenen Haustür stand und sich zu erinnern versuchte, wo zur Hölle er bloß seinen Schlüssel gelassen hatte. In der Schule, beim Bäcker, auf dem Getränkeautomaten, im Bus, es gab so viele Möglichkeiten. Und weil er obendrein immer vergaß, wo seine Mutter den Ersatzschlüssel versteckt hatte (unter dem Blumenkübel auf der Terasse), ging er zu den Nachbarn, um zu fragen, wo seine Mutter den Ersatzschlüssel versteckt hatte.

„Wenn Dein Kopf nicht angewachsen wäre“, sagten die dann, weil man das in solchen Momenten immer sagt. Pepe lachte dann. Sie schüttelten die Köpfe und sagten: „Was soll aus Dir bloß werden“, weil man das in solchen Momenten immer sagt.

Wir wurden älter, wir entdeckten unsere Talente. Die einen konnten gut mit Computern, die anderen gut mit Kindern, wieder andere gut mit Tieren. Manche konnten nicht gut mit sich selbst, weswegen sie sich anschickten, Berufe zu ergreifen, in denen sie ganz viel Geld verdienten, um sich davon abzulenken, dass sie nicht gut mit sich selbst konnten. Pepe konnte sich gut verlieben. Zaza meinte, überraschend sei das nicht, da Pepe Zeit seines Lebens immer alles verloren habe, warum nicht auch sein Herz.

Es begann mit Sandra, die hatte blonde Haare und wohnte in der gleichen Straße. Es ist nicht überliefert, welche schicksalhafte Begegnung Pepe dazu brachte, sich Sandra zuzuwenden. Er stand einfach vor dem Kaffeeautomaten, hatte mal wieder kein Geld dabei und sagte mehr für sich als zu uns hin: „Oh Mann. Die Sandra.“

Er gestand ihr nicht seine Gefühle, denn dazu fehlten ihm die passenden Worte. Tagelang stand er am Fenster und schaute die Straße entlang, ob sie nicht des Weges käme. Er malte, dafür hatte er eine gewissen Begabung, Porträts von ihr, lernte Gitarre spielen und legte ihr heimlich hin und wieder eine Rose vor die Haustür. (Jene übrigens nahm in der Regel Frau Wollinger an sich, Sandras Mutter, die darin einen romantischen Akt ihres Gattens zu erkennen glaubte, der sie in helle Freude versetzte. Da es ihrer Überzeugung nach zum Spiel gehörte, diese Liebesbekundungen unter dem Mantel der Verschwiegenheit zu belassen, versteifte sie sich darauf, ihrem Herrn Gemahl, um sich zu revanchieren, nur noch seine Leibspeisen zu kochen. Da jener gern Fleisch aß, gab es seit jenem nur noch dies: Schweinebraten, Gulasch und Lammbries. Herr Wollinger, hoch erfreut über die ihm sehr genehme neue Zusammensetzung des Speiseplans, entwickelte eine außerordentliche Liebenswürdigkeit gegenüber Frau Wollinger, die zwölf Jahre anhielt. Nach Ablauf dieser Zeit starb Herr Wollinger wohlgenährt an einem Herzinfarkt, nachdem seine Blutfette die Herzkranzgefäße blockiert hatten.)

Aber: Pepe. Einen ganzen Sommer blickte er versonnener als jemals zuvor in den blauben Himmel, stolperte über Pflastersteine, zog sich unterschiedliche Schuhe an und wirkte auch sonst ganz so, als hätte er von THC auf Ketamin umgestellt. Zu Sandra sagte er nichts, auch nicht zu uns. Stellten wir ihm eine Frage, zum Beispiel, wie er sich befinde, antwortete er unzusammenhängend. Dann, als er wieder eines schönen Oktobertages versonnen die Straße entlangschaute, sah er, wie Sandra fröhlich die Straße hinunterlief, an der Hand einen jungen Mann, dem sie zum Abschied einen Kuss auf die Lippen hauchte.

Pepe war untröstlich. Er vergrub sich einige Tage in seinem Zimmer, nagelte die Rolläden ans Fensterbrett und hörte traurige Musik. Dabei vergoß er vereinzelt Tränen. Nach Zweiwochenfrist setzte er erstmals wieder einen Fuß vor die Tür und war heiter.

Von da an verliebte er sich zwei bis dreimal im Jahr. Nach und nach lernte er, seine Liebesschwüre nicht nur in irgendein Heft zu schreiben, sondern auch der Betreffenden mitzuteilen. Da er dabei immer sehr zurückhaltend und schüchtern aussah, erhörten ihn nicht wenige. Irgendwann verlor sich sein Gefühl, man trennte sich meist im Guten, und ein anderer Name brannte sich in sein Herz.

Nach sechs Jahren sah es aus wie eine versammelte SVV-Selbsthilfegruppe.

Fortsetzung hier.

27 Kommentare

  1. 01

    „wie seht Pepe gerade in Gedanken war“?

    Meinst du „wie sehr“— ?

  2. 02
    Frédéric Valin

    @Daniel M: Eigentlich „Seat“. Aber sehr passt viel besser, danke!

  3. 03

    Ach so. „Seat“. Ist das Jugendsprache, die ich mit 29 Jahren nicht mehr verstehe?

    Jetzt wo du es sagst, habe ich das glaub ich sogar schon mal irgendwo gehört—

    Wie auch immer. Die Geschichte läuft jedenfalls gut an. Bin gespannt auf den Rest!

  4. 04
    wolle

    Danke, sehr schön.

  5. 05
    rht

    Die Stelle mit dem Humor und den Xavier Naidoo-Groupies macht sich gut – gefällt mir! Aber noch besser wäre sie ohne den erklärenden Satz „Die haben seither keinen“ dahinter – man versteht es und lacht/lächelt/grinst nämlich auch so!

  6. 06
    J.Panse

    Oh cool. Mehr! Schnell! Bis nächste Woche ist zu lang!

  7. 07
    xconroy

    @rht:

    Ich glaube, das war dafür, falls hier Xavier Naidoo oder Xavier-Naidoo-Groupies mitlesen sollten. Daß die das auch verstehen.

  8. 08

    Freue mich auf die Fortsetzung.

  9. 09
    kb

    Hab den erklärenden Xavier-Satz auch gebraucht, obwohl ich kein Fan bin. Wahrscheinlich, weil ich einfach gar nichts über ihn weiß, außer grob, wie er aussieht.

  10. 10

    Tolle Schreibe, echt!

  11. 11
    ben

    Ich hab zwar keine Ahnung wo das hinführt ^^ aber es liest sich wundervoll und ich freue mich auf mehr davon :)

  12. 12

    Herr Valin,

    ist es schlimm für Sie, wenn Ich mich beim Lesen an die eigentümliche Sprechweise Daniel Brühls erinnert fühle und sich diese beobachtende Kurzgeschichte wie eine Abschlussarbeit aus dem Bereich Audiovosuelle Medien liest, als denn als reine Geschichte?

    Ich bin gerade sehr begeistert von dieser Kurzgeschichte, auch und weil ihr das Episodenhafte einen wundervollen Charme verleiht.

    Dankeschön.

  13. 13
    Hatem

    Sehr schön.

    Fortsetzung nächste Woche ist gemein.
    Morgen wär schöner.

  14. 14
    Frédéric Valin

    Och, danke euch!

    @Wedge Faraway: Daniel Brühl? Echt?

    @Daniel M: Es ist kompliziert ;)

  15. 15

    @Frédéric Valin: Ja, wirklich.

    Ich hoffe, dass das Ihnen kein Unbehagen bereitet.

  16. 16
    Frédéric Valin

    @Wedge Faraway: Nein, kein Unbehagen. Ich bin nur ein wenig überrascht. Mit einem Schauspieler verglichen zu werden, ist in meinem Metier eher selten, wissen Sie.

  17. 17

    und noch ein kleiner vertipper: wenn mich nicht alles täuscht muss es im viertletzten absatz „blauen Himmel“ heißen.

    ich bin auch drauf gespannt, wie’s weitergeht.

  18. 18

    Eine ebenso unzureichende Äusserung,
    weil ‚umzusammenhängend‘

    http://www.simonscat.com/snowbusiness.html

    Alles Gute

  19. 19
    Uwe

    Gefällt mir sehr gut. Nur der Herzinfarkt ist zu offensichtlich konstruiert. Der führte bei mir zu Unbehagen, da man bis dahin noch glauben konnte, es wird eine „wahre“ Geschichte erzählt.

  20. 20
  21. 21
    Anselm

    Hach… ich kenne manche Leute mein Leben lang und trotzdem, sie stehen vor mir und ich weiß den Namen nicht mehr. Und Verliebtsein… mit Schwärmereien ganz flott, mit dem Ansprechen inzwischen auch :D, aber so richtig was gewesen isses nur einmal was… Ich bin sehr gespannt auf den Fortgang des Ganzen.

  22. 22
    Anselm

    Hach… ich kenne manche Leute mein Leben lang und trotzdem, sie stehen vor mir und ich weiß den Namen nicht mehr. Und Verliebtsein… mit Schwärmereien ganz flott, mit dem Ansprechen inzwischen auch :D, aber so richtig was gewesen isses nur einmal was… Ich bin sehr gespannt auf den Fortgang des Ganzen.

  23. 23
    bob

    schön schön…

  24. 24

    Ich mag Pepe, aber wäre er echt, wäre er ziemlich stressig. Ich kenne/kannte solche Leute, die alles und jeden vergessen und auch gern mal 5 Stunden später als verabredet erscheinen. :)

    Ich bin gespannt.

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