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Christoph Schlingensief ist tot

„Scheiße.“

Es ist in diesem Fall in Ordnung, dass der gefühlt häufigste Kommentar auf Twitter und Facebook zum Tod von Christoph Schlingensief aus einem kurzen Fluch bestand. Es ist in Ordnung, weil die Tatsache, dass einer der wichtigsten Künstler Deutschlands am vergangenen Samstag im Alter von 49 Jahren gestorben ist, genau das ist: Scheiße.

Es ist viele Jahre her, als ich in der Volksbühne zu weit vorne saß, auf der Bühne ein inbrünstiger Schlingensief, der sein nicht minder engagiertes Ensemble mit Worten und Taten antrieb, ihnen während der Vorstellung Anweisungen zurief, sie anschrie und kommandierte. Ein Stück als lebender Organismus, bei dem ich mich plötzlich auf der Bühne wiederfand, macht ja nichts, ist ja nur Theater.

Die Schauspieler banden mir die Hände auf dem Rücken zusammen, fesselten meine Füße und stellten mich an den Bühnenrand. „Mal sehen, wer dir jetzt hilft!“, brüllte Schlingensief. Das Publikum kicherte und ich bemühte mich in meiner bloßgestellten Hilflosigkeit, dicht an der Lächerlichkeit, um ein Lächeln, wog die Höhe der Bühne ab und entschied mich gegen den Sprung, um Verletzungen zu vermeiden. Ist ja nur Theater.

Ich sah die Schauspieler an, die mir plötzlich irre vorkamen, blickte ins immer noch gelähmt kichernde Publikum, das die gemütliche Position der Passivität jeder Hilfestellung vorzog. Ist ja nur Theater.

„Niemand hilft dir!“

Meine Frau erklomm die Bühne. Die Frage, ob sie mich zunächst entfesseln oder mir von der hohen Bühne helfen sollte, stand im Raum und konnte nicht final beantwortet werden, denn die Schauspieler ließen mich nicht gehen, stießen sie zur Seite, schubsten mich. Ich fiel. Aggression machte sich breit. Scheiß auf Theater, wer meine Frau oder mich angreift, muss mit Gegenwehr rechnen, gefesselt hin oder her, Theater my ass. Das Publikum hörte auf zu kichern, das Handgemenge auf der Bühne war weit entfernt von jeder Lächerlichkeit.

Irgendwann hatten wir es zurück in den Zuschauerraum geschafft, ein oder zwei Sitznachbarn rührten sich nun doch ein wenig, meine Hände waren befreit, Schauspieler, die ebenfalls von der Bühne gestiegen waren, zerrten an mir, ich stürzte erneut, diesmal über die Sitzreihen. Ich spürte Schmerz und holte aus. Traf jemanden mit meiner Faust, wurde getroffen, kam nicht zu Ruhe, um meine Füße zu befreien, neben mir prügelten sich andere Menschen, zunächst zurückhaltend, ist ja nur Theater, dann zunehmend aggressiver. Zwischenrufe wurden lauter, forderten den Abbruch dieses Theaters.

„Wieso helft ihr ihm nicht? Niemand hilft ihm!“

Kurz vor einer tatsächlichen Eskalation – oder auch kurz danach – zogen sich die Schauspieler auf die Bühne zurück. Ich zitterte, meine Aggression klang nur langsam ab. Ich war wütend. Nicht auf die Schauspieler. Nicht auf Schlingensief. Sondern darauf, dass er Recht hatte.

Zum ersten Mal in meinem Leben war Theater zu mehr als einem Schauspiel geworden, war mehr als Fassade, mehr als Kultur. Mehr als nur Theater. Zum ersten Mal hatte mich ein Theaterstück im wahrsten Sinne des Wortes berührt. Ich war begeistert.

Christoph Schlingensief war Humanist, Moralist und ein Punk im konstruktiv zer- und verstörendem Sinne. Nicht jede seiner Arbeit konnte mich begeistern, nicht alles habe ich verstanden, doch ich konnte seiner Güte vertrauen, seiner Menschlichkeit. Und ich war froh, dass es ihn gab, dass er es in die Reihen der Hochnasenkultur und Politik geschafft hatte , die sich deshalb noch lange nicht in Sicherheit wiegen konnte.

Wer Schlingensief in Talkshows sah, musste zusehen, wie er immer wieder ausgebremst wurde, wie man ihm oft gerne den Anschein des unterhaltsamen Spinners geben wollte. Was deshalb so erschütternd war, weil Schlingensief nicht selten der Einzige in der Gesprächsrunde war, der wahre Sätze sprach.

„Der Unersetzliche“ nennt ihn Rüdiger Schaper in der ZEIT, und so sehr man auch hofft, dass der Autor mit diesem prophetischen Titel Unrecht haben möge, so sehr ahnt und befürchtet man, dass er stimmt.

Scheiße.

54 Kommentare

  1. 01
    Baxmann

    Danke für diese Worte!

  2. 02

    Gänsehaut beim Lesen dieses Nachrufes. Danke.

  3. 03
    Wibke

    Danke. Es ist zum Kotzen. Er war einer von den Guten. Er fehlt. Schon jetzt.

  4. 04

    Danke. Und scheiße!

    Schlingensief hatte mich gezwungen an ihm zu wachsen, weil ich ihn anfangs nicht verstand. Er verstand es aber, den Wunsch zu wecken, ihn verstehen zu wollen. Ich werde seine so wachen Augen und Wote vermissen.

  5. 05

    Erinnerung: Das Helge Schneider 0-Budget Frühwerk: „Johnny Flash“ hat Christof Schlingensief in den 80s als Kameramann genial in Szene gesetzt. Mein Lieblingsfilm.

    Nicht nur dafür Hochachtung und tiefe Verbeugung vor einem der wichtigsten deutschen Künstlern. (hat noch nicht mal geraucht, soweit ich informiert bin!)

  6. 06
    Daniel

    das ist ein ganz tolles good bye.
    und ja: scheiße.

  7. 07
    Guen

    Sehr schöner Nachruf! Es sterben zu oft die ”Guten” zu früh und die ”Schlechten” zu spät…

  8. 08
  9. 09
  10. 10

    Sehr bewegend geschrieben, Johnny. Vielen Dank dafür. Ein würdiger Nachruf.

  11. 11
    Sprayblyck

    Ich mag weder die ewigen Provokateure die immer und überall den Spießer provozieren wollen. Und ich mag nicht die allseits und überall beliebten Leute die sich überall anbiedern.

    Schlingensief war weder noch. Und trotzdem hat er provoziert und war nahe zu jedem sympatisch.

    Zudem ein brillianter Medientheoretiker und Interview-Gast.

    Die deutsche Kultur hat eine ganz große Persönlichkeit verloren. Wenn nicht gar die größte.

  12. 12

    Danke. Verdammte Scheiße.

    Sein Tod war wie ein Tritt in die Magengrube. Wieder einer von denen, die so wichtig sind, weil sie uns permanent vor Augen halten, dass so viele in der Hochkultur, zumal in der deutschen, vor allem das Problem kultivieren, Kunst als Teil des Sozialen zu begreifen. Und endlich wieder einer wie Beuys, dem man nicht nur das Humanistische abnahm, sondern seine tiefe Gläubigkeit und seine Ehrlichkeit, wenn er Begriffe wie Würde verwendete, ehrlicher und sehr viel einfacher als in dem politischen und philosophischen Theoretisieren um uns herum. Vielleicht wird man ihn erst später begreifen, so wie wir auch erst heute anfangen, Beuys zu verstehen.

  13. 13

    Danke, das ist wirklich bewegend.

  14. 14
    Herr_M

    Danke. Ein toller Text.

  15. 15
  16. 16

    Bin eher einfach gestrickt.
    Andere würden behaupten Unbelesen.
    Für alle die nichts wissen hat das ÖR
    ZDF einen Bericht online gestellt:
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1120062/nachtstudio-vom-22-August-2010

  17. 17

    Vielen Dank für diesen wundervollen Nachruf.

  18. 18
    DerBenni

    Toller Text. Toller Mann. Scheiße. Danke.

  19. 19

    Tut mir einen Gefallen wählt bitte nicht diese FDP…

  20. 20
  21. 21

    Ja, SCHEIßE.
    Das haben Sie alles sehr treffend beobachtet. Schlingensief live war was ganz Besonderes. ALTE AFFENSCHEIßE.
    http://nelesbilder.wordpress.com/2010/08/22/tschuss-schlingi/

  22. 22

    Ich kannte ihn vorher nicht, aber der Artikel hat es mir gegeben, und nun versteh ich auch warum er solch „verrückte“ Sachen machte, das Publikum im wahrsten Sinne des wortes aufwecken, und ich denke es ist ihm auch oft gelungen.

    Grandioser Künstler, wortwörtlich Scheiße das er gestorben ist.

  23. 23
    johannes

    scheint hier ja ein allgemeiner konsens zu sein, aber mich widert es an, wenn leute ihre gefühle nur noch ein fäkalausdrücken beschreiben können.
    schlingensief tot – scheiße.
    duisburg loveparade – kacke.
    pakistan überschwemmungen – pisse.

    kannte wenig von schlingensief und hielt ihn eher für einen klassenclown. trotzdem hat er solch armselige nachrufe nicht verdient.

    (bin noch nicht im rentenalter.)

  24. 24
    Martin

    Ruhe er in Frieden. Als Künstler war er m.E. eher Durchschnitt. Unvergessen bleibt aber die Talkreihe Talk 2000, das hat Maßstäbe bis heute gesetzt.

  25. 25
    JustusWertmüllerJugend

    Die gesellschaftliche Moral ist auf den Stand nekrophilen Voyeurismus regrediert und will ‚ganzheitlich‘, ‚überzeugend authentisch‘ teilhaben nicht am Glück, sondern am Tod der anderen.

  26. 26

    Ich finds scheiße, Schlingensiefs Tod für Google-Hits zu missbrauchen.

  27. 27

    Das er sterben würde war stand ja fest, leider. Das es einen, mich dann doch so trifft zeigt mir nochmal am besten was er für ein großartiger Mensch war. RIP!

  28. 28

    @johannes (23)
    isses nicht manchmal besser, einfach den Gacker zu halten?
    RIP Schlinge!

  29. 29
    MiaZuhl

    Plötzlich mögen alle Schlingensief! Und alle sind auch noch Revoluzzer!
    Was seid ihr alle für Blödmänner!!!!

  30. 30
    Stefan

    Ja, Scheiße.

    Und Danke für den Text.

  31. 31
  32. 32
    dot tilde dot

    keiner hat mich so genervt wie er.

     

     

     

    vielen dank fürs aufschreiben, herr haeusler. hilft.

    .~.

  33. 33

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    Sonst fänd‘ ich’s Scheiße.
    Nachrufe in Blogs – auch eine Art Geschäftemacherei.

  34. 34
    marcel

    es gilt jetzt mehr denn jeh:

    „SEID DER ROSAROTE PANTHER“

  35. 35

    Ein bewegender Text – danke für diesen Nachruf.

    Ich dachte, als ich es erfuhr, als erstes

    „Nein!“

    Ich hoffte, jemand irrt sich mit der Nachricht!

  36. 36
    Eva

    Ein sehr rührender Nachruf, danke.
    Die hellsten Flammen verlöschen zuerst.

  37. 37

    @Matthias Schumacher: Ich finde, man sollte nicht mehr über Kriege und Hungersnöte berichten. Dadurch verdient man ja am Leid der Menschen. @julia seeliger: Und man macht sogar Klicks damit!

  38. 38
    michael jackson

    Fehlt eigentlich nur noch die ZDF-Gedenkfeier mit Kohl als Ehrenredner – bevor die nächste Pop-Promi-Kollektiv-FB-Twitter-Trauer einsetzt. Scheiße.

  39. 39
    Chris

    @johannes: Ich find die Fäkal-Sprache nicht so sehr aus Stilfragen schlimm, sondern weil es – genauso wie weite Teile des restlichen Textes – so eine kollegiale Anbiederung darstellt; „der Christoph und ich, wir reden so…“. Aber jetzt, wo er nicht mehr da ist, muss eben Nähe demonstriert werden. Mich ekelt das, aber das tun fast alle öffentlichen Nachrufe; ich weiß nicht, wofür das da ist, ausser zur Befriedigung des eigenen Narzismus‘.

  40. 40
    johannes

    @chris
    ja, das ist eine brauchbare erklärung. mir ging es auch nicht um eine stilfrage, sondern um die gefühlosigkeit, die eigentlich hinter solchem wort steckt.

    vielleicht ist es so ein wir-sagen-alle-scheiße-weil-wir-schlinge-jut-finden-club.

  41. 41

    Johnny macht in seinem Text ausreichend klar, wie sein persönlicher Bezug zur Arbeit Schlingensiefs entstanden ist. Kollegiale Anbiederung kann ich da nicht erkennen. Was die kommerzielle Komponente angeht: Sind nur Blogs glaubwürdig und credibel, deren Autoren tagsüber als Straßenkehrer oder Wurstfachverkäufer arbeiten und abends ihrem Hobby frönen?

  42. 42

    Ich glaube er hat bei vielen etwas hinterlassen, positiv wie negativ…
    Christoph Schlingensief R.I.P.

  43. 43

    egal ob er in bayreuth wachte
    egal, ob er in bingen schlief
    er produzierte kunst, die krachte:
    sir hansdampf christoph schlingensief

    ein moralist mit ärmel oben
    die haussegen, sie hingen schief
    er ließ die visionen toben
    kein fangnetz: so war schlingensief

    jetzt ist er tot und alles trauer
    selbst sopranisten singen tief
    kein künstler war je bauernschlauer
    er fehlt schon jetzt, der schlingensief

  44. 44
    Andreas Herrmann

    Ein ganz großartiger Mensch ist von uns gegangen. Viel zu früh.

    Leider. Mein Respekt gehört Christof Schlingensief. Mein Anteilnahme gehört seiner Familie, von ganzem Herzen.

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