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Tageshochsatz

Es ist eine sterbenslangweilige Welt, in der wir leben!

Was uns als der letzte Schrei angeboten wird, ist zu oft nur die Neuauflage alter Klischees. Was als „neu“ gebrandmarkt wird, ist nur der aufgewärmte kalte Kaffee, der vorgestern schon getrunken war.

Es ist unendlich schwer geworden, zu leben.

Was heißt es, zu leben? – Als ich (ich!) zum ersten Mal einen von mir geschriebenen Text hier auf Spreeblick veröffentlichten durfte, war ich aufgeregt, wie nur ein Kind aufgeregt sein kann, das auf Weihnachten wartet. Selber etwas anzubieten und anderen Menschen etwas mitzuteilen, macht mir (mir!) großen Spaß. Ich bin nicht sehr schnell und brauche manchmal viele Tage Zeit, bis ich wieder Lust habe, etwas aufzuschreiben, von dem ich denke, dass es etwas ist, das es lohnt, gelesen zu werden.

Die Welt, um auf die Einleitung zurückzukommen, kann überhaupt nicht langweilig sein. Die Welt ist einfach nur da. Langweilt man sich in der Welt, dann hat das eher wenig zu tun mit dem, was da draußen so los ist. Das Kind, das auf Weihnachten wartet, fragt seine Mama an anderen Tagen, was es denn machen soll, es laaaaangweilt sich ja so. Jeder, der seine Kindheit nicht gänzlich vergessen hat, wird sich an solche Tage scheinbar endloser Leere zurückerinnern können. Tage, an denen man graues Gekräusel um sich sah, das Gekräusel der Sinnlosigkeit, dass sich durch wildes Schlagen nur in Schlieren stets neu formierte und doch Dasselbe blieb. Mit dem Älterwerden wird das Gefühl der Langeweile meist ziemlich selten, bis es – ohne dass man es merkt – eines Tages ganz verschwunden ist.

Oder?

Heute, im 21. Jahrhundert, im Internetzeitalter, im Zeitalter der Globalisierung, der totalen Vernetzung, der Smartphones, Social Networks und der pseudounendlichen Auswahl an Heißgetränken; im Zeitalter der Billigflüge, der HDTV-Geräte und eBooks, Ikea und Flatrate-Saufen, der Zeit von Fertigteig für Pfannkuchen (nein, keine Krapfen), geht nur eins verloren: das Ich. Was nützt es, das Internet zu haben, wenn es doch häufig benutzt wird, um das, von dem man nur glaubt, dass man es selber sei, zu reproduzieren? Was nützt es, in Foren zu stänkern und Vorurteile und Stereotype zu wiederholen, die kein einziges Mal selbst je durch- und zu Ende gedacht worden sind? Was nützt es, mit dem Smartphone per Facebook-App zu posten, dass man gerade seine Blumen gegossen hat; wenn man also gerade feststellt, dass das eigene Leben noch genauso langweilig ist, wie vor fünf Minuten? Was nützt es, den Chai-Latte-Quadripple-Steroid-Chocolate-Coconut-Coffee zu schlabbern und sich kosmopolitisch zu fühlen, wenn man doch eigentlich ein ganz „normales“ Leben führt, das man, wenn kurze Momente der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst aufblitzen, so gerne ändern würde? Was nützt es, fürs Wochenende mal eben nach London zu jetten, wenn einem dort nichts Besseres einfällt als sich bei H&M ein paar neue Hosen zu kaufen? Was nützt es, das ewig sich wiederholende Fernsehprogramm endlich in High-Def zu sehen?

„Neu“ ist heute das traurigste Synonym für Selbstablenkung, das ich kenne.

Es ist unglaublich schwer geworden, zu leben. Wenn ich mit Freunden diskutiere und ich die Antwort nicht kenne, ziehe ich nicht mein Smartphone aus der Tasche, obwohl es mich ungeheuer juckt. Ich zwinge mich zu warten, bis ich alleine bin und schaue erst dann nach. Es bereitet mir Freude, mit meinen Freunden keine Antwort zu finden und nach Lust und Laune in alle Richtungen zu überlegen, wie die Antwort aussehen könnte.

Wenn ich einen Kuchen backen will, dann gucke ich zuerst im völlig ausgefransten, zerrissen und zerschlissenen „Backen macht Freude“ von Dr. Oetker, dass ich meinen Eltern heimlich abgeluchst habe, als ich zuhause ausgezogen bin. Ja, Chefkoch hat tolle Rezepte. Aber Chefkoch hat keine Ahnung, wie der Fleck auf Seite 132 zustande gekommen ist, als der Teig am Tag des Geburtstags meiner Schwester umfiel und sich über die Hälfte des Buchs ergoß. Chefkoch kennt auch nicht die Geschichte von der Oma meines Freundes, die seit anno dazumal die Krapfen, die in meiner Heimat „Kräppel“ heißen, nach demselben Rezept buk, das sie selbst schon von ihrer Mutter kannte und die vielleicht genau deswegen so gut schmecken.

Wenn ich nachts nach Hause fahren muss und keine Ahnung habe, wie die Öffentlichen fahren, dann kann ich den Weg schnell mit dem Smartphone checken und fluchen, dass ich noch dreiundsiebzig Minuten unterwegs sein werde oder ich kann lächeln, die Füchse beobachten, die umherschleichen, hinter der Katze herstromern, die anscheinend abends mal raus darf, eine unbekannte Straße mit vielleicht einem netten kleinen Restaurant entdecken, vielleicht auch nur die tolle Fassade des Gründerzeitbaus, die mit wildem Wein bedeckt ist, und feststellen, dass mein Smartphone mir diese Bereicherung meines Lebens nicht downloaden konnte.

„Diese Bereicherung meines Lebens“? Stromernde Katzen und schöne Häuser, interessante Straßenzüge und angenehme Restaurants, alte Bücher mit Erinnerung, verpasste Bahnen und Selbstgebackenes, das IST das Leben. Dafür gibt es keine App.

Es ist unendlich schwer geworden zu leben, weil man an jeder Ecke verführt werden soll, es aufzugeben.

Es ist viel einfacher, den Film zu schauen anstatt das Buch zu lesen und – keine Frage – das Lesen ist viel anstrengender, ermüdender und bisweilen sehr frustrierend. Ich teile auch nicht die Ansicht, dass Bücher per se besser seien als die filmischen Pendants der Geschichte. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass die Intensität des Austauschs zwischen dem Buch und mir als Leser viel stärker ist als es die meisten Filme je vermochten. Das liegt einerseits an der zeitlichen Quantität der Rezeption, zwei Stunden versus fünf Tage, beispielsweise. Es liegt aber auch am Setting. Im Kino oder vor dem Fernseher passiert ein Film irrsinnig schnell. Bewusst wähle ich diesen Ausdruck, denn der Film „passiert einen und einem“ tatsächlich: Er rennt förmlich am Betrachter vorüber und eh man sich versieht, ist er schon vorbeigerauscht. Wenn ich aus dem Kino kullere, dann frage ich mich oft, was mir denn da gerade passiert ist, ich wurde etwas ausgesetzt, dem ich gedanklich überhaupt nicht hinterherkam. Das Buch indes lässt sich jederzeit beiseite legen, man kann zurück- und vorblättern, man erlebt es sogar oft als Bindeglied zwischen sich und der Welt: Manche Situationen im Alltag erkennt man plötzlich als die Ableitung einer Episode des Buches wieder, man sieht andere Menschen und sich selbst, und fühlt sich an das Buch erinnert.

Es geht auch schneller, die Fertigpizza aufzubacken als frische Zutaten zu besorgen, den Teig zu kneten, die Pizza zu belegen usw. und möglicherweise schmeckte das Resultat sogar schlechter. Vor einigen Tagen habe ich mit Freunden Piroggi zubereitet. Das war eine Aktion! Mit sieben Personen haben wir Teig gerollt, ausgestochen und gefüllt. Das hat Stunden gedauert. Nicht zu vergessen den Planungsaufwand. Zutaten für die Füllungen mussten besorgt werden, alle mussten am selben Abend Zeit haben und auch der Abwasch war nicht von schlechten Eltern. Dafür weiß ich jetzt aber nicht nur, dass es die polnische und die irische Piroggibindung gibt (und wahrscheinlich noch zig weitere), ich hatte überhaupt einen ganzen Abend lang wunderbar viel Spaß bei lustigen Situationen und witzigen Gesprächen und schließlich ein erhebendes Gefühl, selbstgemachte Piroggi zu mampfen.

Es ist durchaus sicherer, anzurufen als einfach vorbeizuschlendern, gar Umwege zu machen, und zu riskieren, dass der Freund nicht zuhause ist, dass man unversehener Dinge wieder umkehren muss. Aber was macht man, wenn man nur noch „Appointments“ im Kalender stehen hat? Wo bleibt dann dieses undefnierbare Moment der Willkür des Lebens, das einem in unvorhersehbaren Situationen etwas völlig Skurriles, Schönes, Gutes, Schlechtes oder Böses widerfahren lässt, das als Situation wiederum ein Teil von unendlich vielen ist, die ein Menschenleben füllen und bunt werden lassen? Vielleicht begegnet man auf der Straße ungeplanterweise einem alten Bekannten, vielleicht wird man Zeuge eines Verbrechens, vielleicht sieht man einen rosa- oder magentafarbenen Himmel, vielleicht riecht man frisches Brot aus der Bäckerei, vielleicht sieht man ein Päarchen sich küssen oder streiten. Immer aber erlebt man etwas Unbekanntes, etwas, das einem hilft, neue Gedanken zu fassen, das einem Denkanstöße gibt und den Beginn einer Geschichte anbietet.

Mir kommt es heute immer häufiger so vor als liefe unsere Kultur darauf hinaus, dass wir uns unseres eigenen Daseins entledigen wollten. Warten wir nur auf den Tag, dass Roboter für uns aufstehen und unser Leben für uns leben? Das, was hier aussieht, wie die Plattitüde eines Feinds des Fortschritts, ist gar nicht so weit hergeholt. Man ersetze nur den Gang zur Bibliothek mit Google Books, den Einkauf mit dem Internet-Bestellservice, das Erinnern an alte Bauernregeln mit der Weather-App, die Kochüberlegung mit der vorschlagsgenerierenden Site — die Roboter sind schon überall!

Die Welt, so, wie sie von uns aufgenommen wird, wenn wir nicht aufpassen, dass wir kontinuierlich überlegen, wie wir sie aufnehmen, korrumpiert die Vielfalt des Lebens. Es ist unmöglich, Spaß einzukaufen. Wir kommen von uns selbst niemals weg. Durch Einkäufe gegen die Eindimensionalität des Alltags wird die Reichhaltigkeit eines Lebens gemindert, nicht vermehrt. Ich, Du, Er, Sie, Es brauchen „neu“ nie. Das ist eine Vermarktungsstrategie! Sie ist gelogen! Was ist an Facebook denn wirklich neu? Die Möglichkeit, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben und von überall auf der Welt auf sein Profil zugreifen zu können, ist großartig und ich finde, dass Facebook deswegen auch ziemlich nützlich ist. Aber virtuelle Kühe füttern? Statusmeldungen? Auch ich kenne Leute, die in jedem dritten Satz von Facebook sprechen und alle zwei Minuten ihren Status ändern. Das ist einfach langweilig. „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ will ich sie fragen, aber es bleibt mir im Hals stecken, weil es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt: Nein, sie haben tatsächlich nichts Besseres zu tun! Das ist nicht mehr einfach nur langweilig, das ist wirklich traurig.

Auch bei Billigflügen wundere ich mich immer wieder, dass offensichtlich viele Menschen nicht fliegen, weil es die einzige zeitlich vernünftige Möglichkeit ist, ein fernes Ziel zu bereisen, das man ansonsten vielleicht niemals erleben könnte, sondern dass der Flug selbst bereits als das eigentliche Ziel der Reise angesehen wird. Allerdings ganz anders als das sprichwörtliche „der Weg ist das Ziel“ ist die Billigfliegerei zu einer völlig pervertierten Form des Urlaubmachens geworden. Viele fliegen, einfach, weil man fliegen kann. Dass man Urlaub machen muss, weil die Zeit des Nicht-Urlaubs so anstrengend ist, ist überhaupt schon eine unangenehme Entwicklung der Gesellschaft. Mittlerweile ist der Gedanke des Urlaubs aber schon fast synonym mit Wegfliegen. Braucht man eine große Distanz, um sich erholen zu können? Ich behaupte, dass das Fliegen die logische Konsequenz einer Erlebniskultur ist, die den Gedanken des Erlebens als etwas von Außen Kommendes versteht und verlernt hat, das eigene Erleben, das von innen kommt, als Erlebnis zu begreifen.

Es ist kein Zufall, dass sich unsere Welt und wir, die wir in dieser Welt leben, so entwickeln. Wer könnte denn überhaupt ein Interesse daran haben, dass wir Urlaub mit Wegfliegen gleichsetzen, dass wir es als Spaß empfinden, nichtexistente Kühe zu füttern, dass wir immer mehr und immer ausgefallenere Sorten Kaffee und Tee trinken wollen und jedes Jahr einen neuen Fernseher haben möchten? – Naja, konsequenterweise diejenigen, die damit Geld verdienen. Das sind wir aber direkt oder indirekt alle.

Es geht mir nicht um eine Kritik am Markt, das ist ja wirklich alles schon tausendmal gesagt worden. Ich glaube nicht an eine große Verschwörung aller Wirtschaftsbosse, die sich in ihrem Kämmerlein ins Fäustchen lachen, weil sie die blöden Konsumenten so gut veräppeln können.

Es geht mir darum, dass – und tatsächlich lässt sich das auf unser Wirtschaftssystem zurückführen – als Voraussetzung dafür, dass der Laden läuft, wir Verbraucher verlernen müssen, uns mit uns selbst beschäftigen zu können. Wenn wir immun wären gegen all die äußeren Reize, weil wir uns selbst schon Reiz genug sind, ja, wem könnte man dann noch etwas verkaufen?

Das Schöne ist – und deswegen ist dieser Text ein Plädoyer – dass wir jederzeit aussteigen können. Wir können uns immer für oder gegen etwas entscheiden. Wir müssen uns nicht als dumm verkaufen lassen. Wir müssen uns nicht Häppchenweise mit scheinbaren Innovationen versorgen lassen, die in vielen Fällen (nein, nicht in allen) eigentlich immer schon da waren, nämlich als Paarung aus unserer Phantasie und unserem eigenen Willen zur Handlung. Wir dürfen das Leben in vollen Zügen genießen und müssen nicht darauf warten, dass uns unser Kontostand erlaubt, ein Stück Leben zu erwerben, das wir längst besitzen.

Das klingt vielleicht wie ein altväterlicher Ratschlag und tatsächlich ist er das auch. Die Umsetzung selbst aber bleibt schwer und es sind immer die selbstverständlichsten Dinge, die wir gerne vergessen.

38 Kommentare

  1. 01
    ElWiegaldo

    Sehr schöner Text!

    Ausser das ich gar kein Smartphone habe.

    ElWiegaldo

  2. 02

    In der Tat ein sehr schöner, und richtiger, Text. Wenn auch für einen ADSler etwas lang ;)

  3. 03
    xconroy

    Das ist zwar alles sehr schön und richtig, aber es wird ein Gegensatz konstruiert, der zumindest für mich einfach nicht da ist.

    Für mich gibt es keine zwei Welten, kein „hier ist die fragwürdige Instant/Smartphone/Facebook-Welt und da drüben die ja eigentlich viel bessere wirkliche Welt“. Man kann das so wahrnehmen, keine Frage, und viele scheinen es vordergründig auch tatsächlich zu tun – aber in meinen Augen ist diese Trennung selber etwas „Unechtes“, Unauthentisches. Wenn man es drauf anlegt, die Bereiche seines Lebens auf Teufel komm raus in zwei Hälften/Fronten aufzuteilen (warum man sowas auch immer wollen sollte), dann gibt es dafür endlos viele Möglichkeiten.

    Dieser Text, mein Freund, ist – so ungerne ich das auch sage, denn du hast da erkennbar viel Herzblut reingesteckt – selber ebenfalls schon tausendmal geschrieben worden, oft origineller. Frank Schirrmacher anyone?

    Ich möchte da auch gerne ein Plädoyer anbringen: meiner Meinung nach würde es uns/die Menschheit/das Universum deutlich voranbringen, wenn wir uns abgewöhnen könnten, andauernd und überall derartige willkürlich-binäre Trennungen anzuwenden.

    Ich brauch sowas nicht. Ein Beispiel: ich liebe es, an Sommermorgenden in aller Frühe rauszugehen und durch die Natur zu joggen, und zwar nicht aus Trainingsgründen (dazu laufe ich in diesen Fällen zu gemächlich), sondern aus Spaß an der Sache. Daß ich viel zu selten dazu komme und, da mitten in der Stadt wohnend, erstmal ne halbe Stunde mit dem Rad unterwegs bin – egal. Es *gibt* bessere Sachen, als an einem Sommermorgen um halb sieben durch den letzten Frühnebel zu laufen, aber nicht viele ;-).
    Aber woher weiß ich zumindest ungefähr, wo ich da überhaupt rumlaufe? Richtig, dank Google Maps. Damit ich überhaupt einschätzen kann, wie lange ich brauche und ob ich damit rechnen muß, daß mir bärbeißige Rentner mit kleinen lärmigen Hunden über den Weg laufen, trage ich mir da vorher eine Strecke ein. Ob ich mich dann daran halte ist ne andere Sache (meistens nämlich nicht), aber es ist ein gewisser Ansatzpunkt vorhanden.

    Ähnliche Beispiele gäbe es noch genug, aber ich denke, der Punkt ist klar: ich finde, wir schaden und behindern uns selbst, wenn wir zwanghaft (oder auch aus einem als authentisch empfundenen Drang, der aber mmn trotzdem eher kulturell als persönlich getrieben ist und den wir lediglich übernehmen und als eigenen empfinden) Sachen auseinanderdividieren, bei denen das gar nicht nötig wäre.

    Und darum widerspreche ich auch dem letzten Satz: die Umsetzung ist nicht schwer. Sie fällt ganz ganz leicht, wenn man sich die Trennung einfach wegdenkt, die du postulierst. Sie existiert nur in unserem Kopf, und wenn wir sie wegdenken, ist sie wirklich weg. Und schon sieht das Leben viel entspannter aus. Finde ich.

  4. 04
    thinktank

    das liebe ich sehr!

  5. 05
    Luce

    du sprichst mir aus der seele!

  6. 06
    fck

    kann xconnroy nur zustimmen.

    als ob auch das geregelte leben so geregelt wäre. in zeiten von massen-freelancern und bastelbiografien. also in meinem erwerbs- und studienleben war immer viel platz für zufälle. hätte ich nicht zu dem zeitpunkt dieses eine gespräch mit dieser zufälligen begegnung geführt, hätte meine letzte hausarbeit ganz ander ausgesehen. ich denke an stundenlanges einrichten von netzwerken, um endlich zu zocken. bis wir soweit waren hatten wir zwei runden counter-strike gespielt und dann war die nacht rum, die eltern kamen und haben einen abgeholt- gut wars trotzdem.

    und überhaupt das wirtschaftssystem. das ist doch das witzige am kapitalismus: er kann gar nicht stabil. die ordnung ist auf sand gebaut und schon morgen sagt die revolution wieder: ich war, ich bin, ich werde sein. auf welche art sie das wozu sagt, entscheidet sie aber immer noch selbst. weder ihre freunde, wie die eben fast zitierte, noch der seelenloseste diktatorische ceo eines großkonzerns haben das in der hand.

    also nee, irgendwie erinnert mich das an die sarrazin-debatte: trennlinien welcher art auch immer zwischen gruppen (von menschen oder sachen oder was auch immer) aufbauen, wo man sie halt scheinbar am einfachsten unterscheiden kann. praktischer nutzen: nichts als verwirrung. dabei könnte alles so einfach sein…

  7. 07

    Versteh‘ ich nicht so ganz, auch wenn ich zum grossen Teil zustimme. Einige dieser Dinge kann man doch wundervoll vereinbaren?

    Wenn ich weiss dass ich noch 73 Minuten brauchen werde um nach Hause zu kommen (dank meines Smartphones), dann kann ich mich doch wundervoll darueber erfreuen dass ich eben noch 73 Minuten Zeit haben werde die Welt zu beobachten?

    Ist die Frage nicht das ob, sondern das wie?

    Es ist nicht die Technologie (und die anderen Sachen) als solches, sondern das fuer was sie (und vieles anderes an Konsum) verkauft wird. Weil durch die Werbung und den ganzen Hype viele Menschen halt glauben dass dies erstrebenswert ist. Weil sie glauben dass Erfolg ein groesseres Auto, eine teurere Uhr, ein neues Smartphone und was es sonst noch so gibt ist. Wofuer sie dann halt immer mehr arbeiten und networken und appointments haben muessen um eben dies zu finanzieren. Das dies Leben eben „das Leben“ ist, wobei sie auch noch von der Politik unterstuetzt werden, die Fortschritt nur in GDP misst.

    Der Text wird wahrscheinlich fuer viele nicht ganz verstaendlich sein (wenn man Loch Lomond Shores nicht kennt), aber das Video drueckt das gleiche aus: Aspirational TV.

  8. 08
    yeda

    Ich behaupte auch, daß die ubiquitäre Fotografie (zumal jetzt so schön günstig, einfach, komfortabel digital, überall wird alles fotografiert) die logische Konsequenz einer Erlebniskultur ist, die aus dem Erlebnis selbst eine Art Statussymbol gemacht hat. Denn in einer Welt, in der man seinen Status nicht nur aus Dinglichem, sondern vor allem auch aus dem schwer Greifbaren einer Erlebniskultur definiert, muß es die Möglichkeit geben, den Anspruch, den man auf einen Status erhebt, auch zu untermauern. Und so wird eine nur im Gedächtnis konservierte Erinnerung eine Erinnerung zweiter Klasse. Alles muß dokumentierbar sein. Finde ich manchmal sehr traurig.

  9. 09

    @#770220:

    Kommt es nicht auch da wieder darauf an wie das ganze genutzt wird? Wann man die Grenze zieht und wofuer man es macht?

    Ich fotografiere sehr viel und auch von unterwegs von meinen Reisen lade ich sehr oft Bilder und Eindruecke hoch. Jetzt kannst Du mir unterstellen ich wuerde das nur machen um anzugeben oder aehnliches. Dann werde ich Dir antworten dass ich mich am meisten ueber ein paar Kommentare und e-mails gefreut habe (wirklich nur eine Handvoll ueber ein paar Jahre). Diese Kommentare und e-mails waren von Leuten die aus verschiedenen Gruenden (koerperliche Behinderung, Alter, Finanzen) es sich nicht leisten konnten oder es ihnen nicht (mehr) moeglich war die Orte die ich besuchte zu besuchen. Sie konnten „virtuell mit mir reisen“, an die Orte ihrer Kindheit oder an Orte die sie gerne sehen wollten. Es hat ihnen sehr viel Freude gemacht die Bilder zu sehen. Das ist mir mehr als genug Motivation dieses weiterzumachen. Mehr als genug.

    PS: Fuer mich auch einer der wichtigsten Gruende fuer Google Streetview, aber das ist ein anderes Thema.

  10. 10
    Simon Pfirsich

    Das ist jetzt der erste Kommentar, den ich seit sehr langer Zeit wieder hier schreibe. Wohl weil ich immer wieder dachte, ich hätte doch „besseres zu tun“ als ständig zu kommentieren – ich glaub mir war das Internet etwas langweilig geworden…

    Warum ich jetzt doch kommentiere? Ich wurde eben total von diesem Artikel überrascht und konnte irgendwie nicht anders. Schön zu sehen, dass auch ein Plädoyer „gegen“ das allgegenwärtige Internet hier seinen Platz findet.

    …spruchs, schaltete den Rechner aus und setzte einen Schritt vor die Tür:)

  11. 11
    yeda

    @#770224:
    Ich hab ja nicht behauptet, das hätte was mit Angeberei zu tun. Ein Statussymbol ist zuvorderst eben nur das: Ein Zeugnis über den Status einer Person. Daß Du Dir mehr Erlebnis leisten kannst als Behinderte, Gebrechliche, Arme schreibst Du ja selbst und das ist eben Dein Status in dieser Erlebniskultur-Welt. Ich unterstelle dabei zunächst mal kein Angeberei. Soll aber auch vorkommen.

    Ich bin aber traurig, daß man überall von Fotografierenden zugeballert wird. Man selbst will eine schöne Erinnerung in sich tragen und dort konservieren und alle anderen um einen rum, stehen da und halten mit Handys und Kameras drauf, nach dem Motto: „Pics or it didn’t happen.“ Und zerstören den Moment.

  12. 12
    Petu

    Danke!!!!
    Immer wieder schön zu sehen das man mit seinen Gedanken nicht alleine auf der Welt ist.

  13. 13
    Marcel

    Der ganze Artikel ist ausgemachter Humbug.

  14. 14
    oehi

    @marcel (13):
    Weil ohne Argument ist Dein Posting ein ausgemachter Humbug.

  15. 15

    Dass Teig umstürzt bzw. umfällt ist sicherlich eine wichtige Erfahrung im Leben.

    Danke ;-)

  16. 16

    so. ich habe die kommentare jetzt nicht gelesen. aber, das ist so ziemlich der geilste artikel auf spreeblick für mich gewesen. hier hat noch keiner so treffend, so detailliert, mir aus der seele gesprochen. da waren passagen drin, die ich genau so, wort wörtlich, auch sehr oft ausspreche. klasse mann. eine echte bereicherung für spreeblick! noch eine. gut, gut. :D

    danke dafür.

  17. 17

    @#770247:

    das man twitter nicht essen kann auch.

  18. 18
    B

    Wunderbarer Text. Wir hatten selbstgemachte Zwetschgenknoedel heute und es war fantastisch. Gestern Abend saß ich an der Bushaltestelle und habe mit meiner 6 Monate alten Tochter auf die Oma gewartet und wir hatten einen gemeinsamen Kicheranfall. Es war das erste Mal das Gefuehl mit einer richtigen kleinen Persoenlichkeit dort zu warten. Einfach schoen kann das Leben sein. ABSCHALTEN.

  19. 19
    Martin

    Ich sag mal so: Ein innere Leere läßt sich so ziemlich auf alles projezieren. Wärst Du jetzt jahrelang Mitarbeiter beim Zirkus, könnte es Dir ähnlich gehen. Eintönigkeit und Entfremdung des Lebens hat es auch schon vor 100 Jahren gegeben. Insofern ist der Artikel zeitlos ;-)

  20. 20
    Mempse

    Depressive Sinnkrise?

  21. 21
    Felix Moniac

    @#770264: Das Gegenteil. „Depressive Sinnkrise“, was ich schon ziemlich drastisch finde, wäre es meines Empfindens wohl eher dann, wenn ich keine Antwort geben könnte.

  22. 22
    Felix Moniac

    @#770220: Guter Punkt, das sehe ich genauso. Klar, dass heute quasi jeder Fotos machen kann, ist eine tolle Sache – die Du ja überhaupt nicht infrage stellst – aber dieses „Beweisfoto für das Spektakel“ als Trophäe habe ich auch schon oft beobachtet.
    Erstaunlich ebenfalls, wenn Menschen auf z.B. Konzerten gar manchmal fast die ganze Zeit über durch ihre Videokamera gucken und alles aufnehmen.

    Das hat so einen „Mein Haus, mein Auto, meine Frau“-Charakter, der doch die Freude am Moment verdirbt?

  23. 23

    @#770256:
    Du wünscht dir mehr Buchstaben sinnergebend aneinander gereiht?
    Schwierig.

  24. 24

    Sehr schöner Text. Ich gehöre einer Generation an, die ohne Technik aufgewachsen ist und mir hat es an nichts gemangelt. Wenn ich heute nochmals jung wäre, sähe es wahrscheinlich aber anders aus, eben alles eine Frage der Perspektive. Hier ein Link (nichtkommerziell) , der erzählt, was auch wichtig sein kann : http://bit.ly/aAj07F

  25. 25

    Irgendwie scheinen mir hier zwei Welten aufeinander zu prallen. In der einen gibt es anscheinend nur ein entweder-oder, in der anderen ein sowohl-als-auch.

    Ich sehe mich in der zweiten Welt. Ich sehe nicht wieso die Technologie Erlebnisse wie sie z.B. Raoul beschreibt nicht heutzutage auch in unserer modernen Welt moeglich sein sollen.

    Das ist doch nur eine Frage des fuer so etwas offen zu sein. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Sich an kleinen Dingen zu freuen. Einfach mal freundlich zu sein und etwas gutes zu tun.

    Ebenso eine Frage der Balance, alles dokumentieren kann man naemlich so oder so nicht wirklich. Wirklich private Momente gehoeren sowieso nur einem selber, die koennen nur in einem Bild im eigenen Gehirn existieren.

    Trotz der vielen Fotos die ich veroeffentliche und der Eindruecke die ich beschreibe, sie sind immer nur ein Teil meiner riesigen Erlebniswelt. Und viele dieser Erlebnisse, Erinnerungen und Eindruecke sind nur in meinem Kopf, in kleinen „mentalen Filmen“ von denen ich entweder keinem oder nur ganz wenigen mir sehr sehr nahen Menschen je erzaehlt habe oder erzaehlen werde.

  26. 26

    – Ich glaube nicht an eine große Verschwörung aller Wirtschaftsbosse, die sich in ihrem Kämmerlein ins Fäustchen lachen, weil sie die blöden Konsumenten so gut veräppeln können. –

    der gedanke ist leider moeglicherweise zu optimistisch felix

    http://www.medienbordell.de/dokumentationen/the-century-of-the-self/

    schoener text

    danke

  27. 27
    Jens Best

    Du hast echt ein Problem. Du solltest mal mit deinem Roboter reden.

    Nein, ernsthaft. Verstehe alles was du schreibst. Das ist bestimmt alles schlimm, wenn Menschen dermaßen uninspiriert durch die Landschaft laufen. Den Zufall und das Spontane nicht nur nicht mehr schätzen, sondern gar überhaupt durchführen können. Das ist alles voll schlimm.

    Aber das hat alles nichts mit Smartphones, dem Web oder Robotern zu tun. Was du kritisierst, ist das Leben in einem kapitalistischen System, in dem das Individuum sich durch Konsum sein Pseudo-Glücksempfinden weggefressen hat und jetzt halt einigermaßen robot-like funktioniert.

    Du schüttest das Kind mit dem Bade aus, um mal das Artikel-Foto aufzunehmen. Das Web fällt, dummerweise könnte man sagen, zeitgleich aus seiner Jugendphase heraus, während der Kapitalismus und Neoliberalismus in seinem Crescendo über den Menschen zusammenbricht.

    Das eine birgt die Möglichkeit die Infrastruktur für eine empathischere Welt der Menschen zu werden, das andere ist ein System, was vielen hier das geraubt hat, was du am Ende wunderbar auf den Punkt bringst:
    Das Stück Leben, das wir längst besitzen.
    Die 24h, die wir jeden Tag haben.
    Das Lächeln, das sich vervielfältigt, wenn man es verschenkt.
    Den Gedanken, der, wenn geteilt, zu einem Grundton werden kann, der mehr Gemeinsames als Trennendes aufzeigt.

  28. 28
    sf

    ..etliche kommentare auf den text bestätigen diesen vollinhaltlich obwohl sie zu widersprechen versuchen :)

    super geschrieben und wenn auch nicht „neu“ (was ist schon ’neu‘ ?!…) so eben genau deshalb sehr gut !

  29. 29
    xconroy

    @#770258:
    …das perfekte Beispiel dafür, daß es sich eben nicht um zwei gegensätzliche getrennte und tendenziell einander „feindlich“ gegenüberstehende Welten handelt: du erlebtst etwas Schönes – und dann schreibst du im Internet darüber, nämlich hier.

    Keine Trennung – kein Problem.

    Ich sehe es eher wie @Martin (19) und @Armin (25)… und frage mich auch, wie es kommt, daß hier scheinbar zwei reichlich verschiedene Perspektiven aufeinanderprallen (eine sowohl-als-auch und eine entweder-oder). Eigentlich eine spannende Frage, nech?

  30. 30
    Jens Best

    @27 Begründungen machen interessante Behauptungen noch charmanter

    @28 Definitiv die spannendste Frage. Dahin geworfen könnte man sagen:

    Die „sowohl-als-auch Menschen haben ihre Balance gefunden bzw. akzeptieren für den Moment das eine Balance (individuell und gesellschaftlich) gerade schwierig, aber nicht unmöglich ist.

    Die „entweder-oder“ Fraktion will partout einen Schuldigen finden für eine unbefriedigende (Gesamt-)situation und da ist es natürlich einfacher und mehr en vogue die Technik anzudissen als diejenigen, die sie benutzen oder am ende sogar das ganze verlogene System.

    DAS wäre jetzt so ein schneller und deswegen auch eindimensionaler Erklärungsansatz. Aber du hast recht, das ist wirklich eine spannende Frage. In welchem Rahmen könnte man diese bloß am sinnvolsten Stellen, um Antwort(en) zu finden?

  31. 31

    @Armin

    Es ist auch heute möglich und auch in der Zukunft. Es ist meiner meinugn nach eine Frage der eigenen Prespektive und des Erfahrungshintergrundes. Gefühle sind sozusagen systemimmanent und das ist auch gut so, Technik hin oder her.

  32. 32
    Steffen

    Ja, ein paar der „Widersprüche“ im Text wirken ziemlich konstruiert, aber das spielt überhaupt keine Rolle, weil die eigentliche Aussage des Texts trotzdem zu 100% richtig ist.

    Großartiger Text. Auf jeden Fall der beste, den ich hier in den letzten paar Monaten gelesen habe!

  33. 33
    Martin

    @#770303: Danke für die Zustimmung. Ich weiss jetzt es auch nicht genau. In der Essenz geht um die Entfremdung des „Ichs“ durch den technischen Fortschritt, bzw. durch die Zwänge einer Konsumgesellschaft. Und die Frage ist doch, wo beginnt da ein kritischer Punkt. Man könnte seine Freunde anblaffen „Warum benutzt ihr einen Staubsauger, warum schwingt ihr nicht mal wieder den Besen. Der Dreck ist wesentlicher Besteandteil eures Daseins. Das kann mich nicht einfach so wegsaugen“. Ich denke in diesem Punkt wären wir uns alle einig, dass ein Staubsauger schon eine feine Sache ist, und es Unsinn wäre da eine Kritik zu äußern. (möglicherweise gibt es aber auch da schon andere Meinungen)
    Andererseits: Wenn in 10 Jahren ein Kumpel auf mich zukommt und sagt: „Ich habe jetzt für eine Woche mir das Gina-Wild-hologramm ins Bett geholt, war ein super-Angebot is dit nicht geil?“, dann würde ich auch sagen warum flirtest Du nicht mal mit der Bäckerin.
    Es ist die simple Frage, ob unser Leben vereinfacht wird oder ob es ersetzt wird durch Technik.

    Ich persönlich glaube nicht, dass eine Entfremdung durch Billigflüge, Smartphones, facebook usw. stattfindet. Ich denke, dass es uns eher neue Freiheiten und Möglichkeiten beschert.

    Aber manchmal träume ich wirklich davon mit der Kutsche von Berlin nach München zu fahren, das wäre einfach toll. Und dann denke ich,

    WENN jetzt Spreeblick so ne Geschichte machen würde, Kutschfahrt von Berlin nach München, so mit Twitter, Blog und youtube, das würde ankommen. Ich würde auch den Kutscher machen, gibts ja sicher ne app für. Nee ganz ehrlich mit der Kutsche durch Deutschland, das wäre wirklich ein Traum für mich. Die taz wäre sofort dabei, und dann springen auch die anderen auf.

  34. 34
    V. Ohneland

    Mir hat der Text auch sehr gut gefallen. Das ‚Entweder-Oder‘, das manche herauslesen, sehe ich in dieser Form nicht. Und ich lese den Text auch überhaupt nicht als generelle Kritik an neuen Medien, sondern als Anreiz, sich nicht so leicht blenden zu lassen und dem allgegenwärtigen Streben nach Effizienz, Exzellenz und Perfektion auch mal zu entwischen. Meinetwegen mit einer Kutschfahrt, dann aber bitte ohne dokumentierende Begleitung >;)

  35. 35
    Felix Moniac

    @#770332: Danke!

    Ich dachte mittlerweile schon, es sei mir geschuldet, dass man den Text als absolute Polarisierung verstehen muss.

    Es geht also doch auch anders. Das hatte ich gehofft.

  36. 36
    OWeh

    Ich lese in dem Beitrag leider nur eine – hoffentlich nicht chronische – Spätform von »Kleiner Prinz«-artiger Lebenslamoyanz heraus. Es könnte soo kuschelig sein, wenn da der böse Technik/Konsum-Fuchs nicht wäre. Ich kenne den Autor nicht, würde aber sagen, dass man mit Anfang 20 schon noch Sätze wie »Es ist unendlich schwer geworden, zu leben.« schreiben darf. Danach wird es —Entschuldigung — problematisch.

    Bester Felix, das Leben ist schon immer eine Sache gewesen, die man erlernen musste. Du musst heute nicht mehr als Jäger / Bauer Dein Essen selbst heranschaffen, dafür brauchst Du Kompetenz in Medien und Marktwirtschaft. Und nein, naives sich drüber Wundern (und böses vermuten) ist noch keine Kompetenz. »Aussteigen« zeugt nicht vom Willen, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen. Damit verkaufst Du Dich höchstens selbst für dumm.

    Ich finde die Klagen von Menschen, die sich diese elektronischen Gadget-Teile kaufen und danach damit ein Problem haben, nicht mehr besonders originell. Immer kommt die Beschwerde, dass das Leben damit nicht nur unintensiv, sondern auch noch schnell geworden (Hallo Onkel Schirrmacher) ist.

    1840 protestierten Menschen in Paris gegen das Tempo der Moderne, in dem sie Schildkröten an der Leine spazieren führten.

    Und Werner Sombart (auch so ein Berliner) schrieb über das Tempo des Lebens in der Weimarer Republik:

    »Man hält es für wichtig, wertvoll, notwendig – und richtet danach sein Handeln ein: rasch zu gehen und zu reisen, am liebsten zu fliegen; rasch zu produzieren, zu transportieren, zu konsumieren; rasch zu sprechen (Telegrammstil!), rasch zu schreiben (Kurzschrift!). Mit Vorliebe setzt man das Wort »Schnell« vor alle möglichen Vorgänge und Vornamen: Schnellzug, Schnelldampfer, Schnellpresse, Schnellbleiche, Schnellfotografie.«

    Es hat sich nichts geändert.

  37. 37
    Kleiner Prinz

    Danke

  38. 38

    @#770332:
    Zuerst mal Danke für deine Meinung.

    „Es geht mir darum, dass – und tatsächlich lässt sich das auf unser Wirtschaftssystem zurückführen – als Voraussetzung dafür, dass der Laden läuft, wir Verbraucher verlernen müssen, uns mit uns selbst beschäftigen zu können. Wenn wir immun wären gegen all die äußeren Reize, weil wir uns selbst schon Reiz genug sind, ja, wem könnte man dann noch etwas verkaufen?“ Felix Moniac

    Will da so gar nicht viel zu der obigen Aussage hinzufügen.