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Delayed departure

Polizeiliche Ansagen in Flüstertütenform dringen durch das Gemurmel der Menge, ein klitzekleiner Mensch klettert auf die Bühne, schnappt sich das Mikrofon und erzählt mit einigermaßen zitternder Stimme, dass er uns an diesem Punkt „leider in das Berliner Nachtleben entlassen“ muss.

Und dann ist das Berlin Festival für diesen Tag abgebrochen. Einfach so. Aus Sicherheitsgründen. Hm.

Ich gebe zu, wenn man da so sitzt und sich eben noch stolz auf die Schulter klopfte, weil man es nun ohne schlimmere Müdigkeitserscheinungen bis zu den Highlights der Nacht, 2manydjs und Fat Boy Slim, geschafft hat, dann kommen einem diese Sicherheitsgründe mindestens so vor wie die magische Absageformel „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“. Bierbecher muss man da vielleicht nicht sofort durch die Gegend werfen, wie es einige der wartenden Zuschauer im Hangar 4 taten, aber diverse Flüche rutschen doch auf jeden Fall raus, empörte Rufe nach Norman Cook sowieso. Kein Wunder, wenn Erklärungen fehlen und jene die man erhält, kaum plausibel erscheinen. Oder was ist mit den Erfahrungswerten aus dem vergangenen Jahr?

Das aktuelle Statement der Veranstalter geht darauf jedenfalls nicht ein, sondern zeigt, wie sensibilisiert man (immerhin) nach den Ereignissen in Duisburg ist:

Zu unserem Bedauern änderte sich die Situation um circa 2.30 Uhr, nach über 12-stündigem Programm, vor den Einlassschleusen der Hangar-4-Stage, als sich dort eine größere Anzahl von Besuchern staute.

Das Festival wurde vorzeitig abgebrochen, vor den Auftritten von zwei der Main-DJ-Acts, Fatboy Slim und 2manydjs, mussten wir durch eine im Einvernehmen mit der Polizei getroffene Entscheidung die Fans in die Berliner Nacht entlassen. Das auftretende Problem hierbei war nicht die Kapazität des Hangar 4, der mit der zulässigen und genehmigten Zuschauerzahl gefüllt war, sondern die sich davor befindliche Schleuse bzw. die Besucherdynamik auf dem Gelände.

[…]

Der Abbruch war eine überaus harte Entscheidung, die manche für übervorsichtig halten mögen. Im Kontext aktueller Sicherheitsdebatten wurde sie jedoch bewusst und im Sinne größtmöglicher Sicherheit für unsere Festivalbesucher getroffen. Das war und ist für uns die absolute Priorität. Wir sind froh, dass nach jetzigem Kenntnisstand auf Grund der getroffenen Maßnahmen niemand zu Schaden gekommen ist.

Nach reiflicher Überlegung und in Absprache mit der Polizei sind wir deshalb zu dem Entschluss gekommen, das Programm am Samstag um 23:00 Uhr auf allen Bühnen zu beenden. Doch das bedeutet keinesfalls, dass ihr auf Acts, die nach 23:00 Uhr hätten spielen sollen, komplett verzichten müsst. In einem echten Kraftakt bemühen wir uns, die meisten Highlights präsentieren zu können.

Wie dieser neue vorgezogene Zeitplan aussieht, sieht man hier und während sich anderswo nun der Frust Bahn bricht, kommt unsereins nicht umhin, über schlechte Planung zu grübeln.

22 Kommentare

  1. 01
    LaHaine

    Armer Hedonist. Setz dich und nimm dir einen Keks.

    Ich war etwas traurig, dass ich keine Karte hatte und Atari Teenage Riot verpassen musste, aber jetzt bin ich doch froh drüber.

  2. 02
    Jeriko

    Ich versuche dabei immer mir vorzustellen, wie die Reaktionen wären, wenn etwas passiert wäre, die Polizei aber vorher nicht eingegriffen hätte. Sicher hängt Duisburg uns allen noch in den Köpfen.

    Dennoch, die Planung war entsetzlich. Da ist ein riesiges Flughafengelände, eine im Vorfeld bekannte, und im Vergleich zur Fläche eher geringe Anzahl von Menschen, und trotzdem musste gestern abgebrochen und heute frühzeitig beendet werden. Das kanns nicht sein, wirklich nicht.

  3. 03

    Das riesige Flughafengelände als solches wurde doch garnicht genutzt – zumindest im letzten Jahr wars so, daß nur der Bereich unter dem grossen Freidach und die angrenzenden Hallen in Betrieb waren und der Rest abgesperrt. Gestern im Fernsehen sahs zumindest wieder so aus, als ich mal reinzappte. Wenn ich jetzt gestern doch noch Samstags-Tickets für 40 Euro gekauft hätte, wär ich auf jeden richtig gut drauf ;)

    Frage an Anne : wie war denn der Sound gestern unterm Blechdach?

  4. 04
    HerrFausB

    Vielleicht übersehe ich irgendetwas ganz Offensichtliches, aber wie ist ein früheres Ende um 23 Uhr für das Festival von Vorteil?

  5. 05

    Die Mainacts spielen auf der Hauptbühne, optisch grob geschätzt finden dort 10-12.000 Leutchen platz. Wenn dann die Mainacts durch sind, strömt natürlich alles in die Hangars zu Tricky, Norman Cook, 2Many DJs etc. Problem ist, dass die Hangars all diese Leute garnicht aufnehmen können und dadurch leicht chaotische Zustände eintreten nach 23 Uhr.-

    Jetzt sind alle Bühnen bis 23 Uhr gleichzeitig in Betrieb, wovon die Veranstalter sich wohl Entzerrung für die vakanten Bereiche versprechen. Dem heutigen Programm tut diese Änderung eigentlich gut – könnte man jetzt doch in einer Reihe zum Beispiel Superpunk, Lali Puna, Soulwax und Tricky sehen und dann schnell nach Hause gehen bevor wieder Flaschen fliegen.

  6. 06
    Jeriko

    @mö: Eben! Dabei steht denen mittlerweile das gesamte Gelände zur Verfügung, es muss doch möglich sein, das irgendwie zu nutzen. Und Gott bewahre, aber sollte es wirklich zu einer Panik kommen gibt es in fast jede Himmelsrichtung Fluchtmöglichkeiten – der große Unterschied zu Duisburg.

    Sound, ich hab die letzten Minuten von Fever Ray mitbekommen, das war entsetzlich. Atari Teenage Riot dagegen sehr sehr gut!

  7. 07

    ATR is immer gut weil lauter als die anderen Kinder!

  8. 08

    Fatboy Slim hat nun auch nen kurzen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht: http://fatboyslim.net/wordpress/2010/09/message-to-berlin-fans/

  9. 09
    Tim

    Da gibt es nach Duisburg sicher eine Übersensibilisierung. Ohne das jetzt zu bewerten. Ich sehe ein grundsätzliches Problem. Mit den gestiegenen und weiter steigenden Sicherheitsanforderungen werden Veranstaltungen in Locations, die nicht primär für Besuchermassen gedacht sind, anders wie etwa Stadien oder Veranstaltungshallen, immer schwerer durchführbar. Selbst die Größe, wie z.B. Tempelhof, ist unrelevant, wenn sich die Besucher an Hotspots ballen.

    Um mal weiterzudenken. Das wird auch ein großes Problem bei der Nachnutzung von Tempelhof. Vielfältige Freizeitangebote, die feste Wege, Wegführung und Einbauten verlangen, sind mit der Nutzung als Eventgelände nicht vereinbar, weil z.B. Fluchtwege verbaut werden oder bei eienr Panik sich Fallen ergeben.

  10. 10

    Was die Größe des Geländes angeht: Ja, die ist da. Die wird allerdings nach genutztem Quadratmeter vermietet. Und das wohl auch mit nicht zu knapper Miete…

  11. 11

    Das Schlimme waren leider die Security-Kollegen an den Schleusen, die trotz entspannter Stimmung auf Fragen nach dem „Warum?“ bei geschlossener Schleuse und halbvollem Hangar patzig wurden. Habe persönlich mitbekommen, wie Mädels als „Schlampen“ und ein dunkelhäutiger Engländer(?) als „Scheiss Neger“ tituliert wurden, die „gefälligst ihre Fresse halten-, resp. ihren Arsch bewegen sollen“ (alles natürlich schön auf deutsch – als Antworten auf englische Fragen)

    Der Genosse Bereichsleiter am Hangar 4, der ein hübsches Gürteltäschchen mit einem Aufnäher mit Faust im Schlagring und dem Titel „Gewalt!“ trug, ist da nur das i-Tüpfelchen. Der war bestimmt total auf Deeskalation aus.

    Und sonst? Tja, ich kann nicht einschätzen, ob es Fehlplanung war oder nicht. Dazu steck ich nicht wirklich in der Materie. Obwohl ich es schon seltsam finde, dass augenscheinlich nach dem Ende des Hauptbühnenprogramms für ca. 6000 Leute nur die Fressstände als Aufenthaltsort geplant war.

    Wenigstens war der Sound um einiges besser als beim letzten Mal.

  12. 12
    bEn

    Ich versteh das mit den Schleusen ja garnicht. Letztes Jahr gabs keine Schleusen und keine Probleme. Zudem haben die Hangars auf der Seite riesige Tore die man in einem Notfall doch sicher schnell öffnen könnte. Und was wird denn dann in Zukunft mit Läden wie dem SO oder dem Columbia? Gibts da überhauht Notausgänge?
    Ich verstehe ja eine gewisse Nervosität nach Duisburg. Aber des Berlinfestival ist dann doch mehrere Nummern kleiner und findet auf einem Gelände statt das riesige Freiflächen hat.

  13. 13
    Fette Kette

    Und ich wollt Freitag fast spontan noch nach Berlin düsen.

  14. 14
    Jolly

    @mö: Der Sound unterm Blechdach schockierte mich als Ersti besonders. Warum baut man da ’ne Bühne auf?!

    Zum Abbruch: Fehlplanung. Wie immer, wenn die Chaoten der Melt-Organisation etwas anpacken.

  15. 15

    3000° Festival, Weser Beatz, Grüne Sonne Festival Seefest Senden und viele weitere wegen der Loveparade abgesagt!
    Mach mit: Rettet die Festivalkultur!

  16. 16
    Marcus

    Hab mir das ganze dieses mal erspart, da ich mich letztes mal schon über den miesen Sound und über die unmöglichen Getränkepreise geärgert habe. Mal abgesehen davon, daß man teilweise eine Stunde an den zugesponsorten Theken darauf warten musste bedient zu werden. Und das auch nur bei entsprechend großer Fresse. Wem das nicht lag bekam halt nichts. Bin grad etwas schadenfroh…sorry.

  17. 17
    tyler

    „Im Kontext aktueller Sicherheitsdebatten wurde sie jedoch bewusst und im Sinne größtmöglicher Sicherheit für unsere Festivalbesucher getroffen. “

    Kontext aktueller Sicherheitsdebatten?
    Was haben irgendwelche allgemeinen Debatten mit der konkreten Sicherheit bei einer Veranstaltung zu tun?
    Entweder sie ist sicher oder nicht
    Aber da hat sich doch jemand von allgemeinem Gequatsche beeinflussen lassen
    Weil: Die objektive Gefahr steigt wenn man sie nur häufig genug erwähnt

    größtmögliche Sicherheit?

    Man kann entweder öffentliche Veranstaltungen haben oder größtmögliche Sicherheit.
    Beides geht nicht.

    =>Das ist eine sehr fadenscheinige Ausrede nur weil jemand Schiss bekommen hat

  18. 18

    Da taucht bei mir auch die Frage auf, ob nun „Duisburg“ ein einzigartiges Unglück war, das man, um Wiederholungen solcher Tragödien zu vermeiden, besonders genau unter die Lupe nehmen muss, oder ob „sowas einfach mal passieren musste“, weil die Sicherheit der Besucher bei solchen Großveranstaltungen generell am seidenen Faden hängt.

  19. 19
    Tim

    @Rettet die Festivals
    Seidener Faden. Wenn Großveranstaltungen in dafür umgenutzen Locations gemacht werden, ist alles ein Provisorium. Ob Sicherheiteinrichtungen doer Mitarbeiter. In Stadien oder Veranstaltungshallen gibt es über Jahre immer weiter optimierte Siecherheitskonzepte, Leute, die damit und dem Ort vertraut sind, usw. Es föngt bei ganz einfache Dinge an. Die Leitstelle weiß im Schlaf, wo sie im Olympiastadion die Rettungswagen hindirigeren muss. Wenn nicht gibt es Pläne. Dagegen ist „Hangar XY“ oft vollkommen neu und ob da eine Modeschau oder ein Rockfestival drin stattfindet und drumherum auf dem Ausßengelände schafft jeweils eine komplett neue Situation. Wenn wir beim Olympiastadion bleiben: Dort sind die Nahverkehrshaltestellen und Bahnhöfe auf die Abfertigung von Massen einmgerichtet. Der U-Bahnhof Platz der Luftbrücke ist mit dem relativ engen Bahnsteig und den hohen Treppen nicht gerade günstig wenn man an viele und durch Alkohol und andere Dinge gehandicapte Menschen denkt.

    Dazu noch die Interessen der Veranstalter. Die wollen möglichst elegant und finanziell günstig die Sicherheitsauflagen erfüllen und möglichst viele Besucher haben.

  20. 20

    @Tim: Klar sind ehemalige Flughäfen und ähnliche Locations Provisorien. ABER : in dieser Grössenordnung muss dieser Fakt einfach durch Professionalität abgestellt werden – entweder man hat die Eier so eine Nummer durchzuziehen, oder eben nicht. Bei mehr als 10.000 erwarteten Besuchern muss einfach jede Eventualität vorher durchgespielt werden, zumal die Situation in selbiger Location im vergangenen Jahr schon mal „getestet“ werden konnte. Ich möchte den Veranstaltern nicht die Fähigkeit absprechen, in dieser Grössenordnung professionell zu arbeiten (siehe Melt Festival) aber irgendwie hab ich mich 2009 schon am Kopf gekratzt wegen der komischen Platzierung der Bühne draussen und so mancher anderer Sachen. Und das dann noch neuerdings mit Schleusen dazwischen…(?)

  21. 21

    Sound war ok bis gut (Hangar 4), Getränke und Essenspreise festivaltypisch.
    Was auffiel war, dass dank der Sicherheitsschleusen und des großen Areals man niemals in enge Situationen kam, selbst bei dem gut gefüllten Fever Ray-Auftritt konnte man noch entspannt stehen. Da hab ich auf anderen Festivals schon ganz andere Dinge erlebt. Auch waren die Eingangsschleusen gut durchlässig, bevor die Hallen halt voll waren.
    Der Abbruch selbst erscheint mir überflüssig und der Duisburg-Panik geschuldet.

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