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Zwei Tage Amsterdam

picnic

Voll gelogen, der Titel, denn wir hatten diesmal eher nur eineinhalb Tage Zeit im schönen Amsterdam! Gerade mal genug also, sich über die üblichen Klischees zu wundern (wieso fahren die tatsächlich alle auf Hollandrädern?) und zu freuen (die großen Fenster!). Alles beruflich, versteht sich.

wegsleepregeling

Schon vor der Ankunft in der Stadt: Kindliche Freude über die holländische Sprache, diese linguistische Balance zwischen den Nachbarländern, die auf den gemeinen Deppendeutschen (der natürlich kein Wort niederländisch ennt werrie littel Inglisch spricht und den jedes Amsterdamer Kind daher sprachlich in die Schultasche steckt), einfach nett wirken muss. Doch das bedeutet nichts, denn das nachfolgende Tondokument einer Bahnhofsdurchsage an alle ankommenden Deutschen beweist: Hier wird Tacheles geredet, auch wenn’s noch so süß klingt.

Amsterdam-Durchsage

Wer den Ton hochdreht und die kurze Durchsage ein paar Mal gehört hat, der versteht: „So ’ne Story, kommen von ’nem Nazisystem! Wir kämpfen hier gegen Nazis und gegen euren Drecksstaat.“ Kann natürlich auch sein, dass es etwas ganz anderes bedeutet. Aber wir haben sehr gelacht, und darauf kommt es ja an.

Die Ergebnisse meiner Hotelsuche, die ich ganz traditionell mit zu viel wenigen Tagen Vorlauf, aber umso mehr Motivation gestartet hatte, erwiesen sich über die klassischen Quellen übrigens als eher enttäuschend, die über Twitter eingeholten Tipps waren da vielversprechender (Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke!). Doch am Ende konnten auch die netten Tweets nichts daran ändern, dass wir erstaunlicherweise nicht die einzigen Touristen waren, die gerne in Amsterdam übernachten wollten. Und so nahmen wir, was wir kurzfristig bekommen konnten, ein amsterdämlich kleines Zimmer, dafür aber zu überhöhtem Preis. War insgesamt dennoch okay, und wenn man morgens den Vorhang des einzigen kleinen Fensters zur Seite schob, konnte man seinen übernächtigten Körper dem nur 60 Zentimeter entfernten, direkt gegenüber liegenden Frühstücksraum präsentieren. Oder umgekehrt.

yellowbike

Nach der Ankunft dann aber erstmal ab auf die touristischsten Fahrräder, die wir finden konnten und mitten rein ins Geklingel. Die fast beleidigenden Erklärungsversuche des Verleihers, wie man ein Fahrradschloss zu bedienen habe, konnten wir mit dem kurzen Satz „We’re from Berlin!“ abkürzen und Tanjas Behauptung „Du siehst unglaublich lächerlich aus auf diesem Ding“ nahm ich einfach als Kompliment und Beweis dafür, wie gut ich mich in das von Zweirädern bestimmte Stadtbild einfügte.

Denn alles passiert auf dem Fahrrad, sogar die Werbung: Irgendwann hielt uns ein Typ von seinem Rad aus an, der einen mit einem zweiten Teller abgedeckten Porzellanteller in der nicht lenkenden Hand balancierte. Ob wir schon gegessen hätten, wollte er wissen. Großstadterfahren und der unnötigen Verlängerung von erzwungenen Straßengesprächen abgeneigt, wie wir nunmal sind, logen wir natürlich „Ja“. Was ihn enttäuschte, denn gleich um die Ecke gäbe es super organisches Essen, aber nur heute. Und so sähe das dann aus, erklärte er und lüftete den abdeckenden Teller, um ein Servierbeispiel des super organischen Essens zu präsentieren. Sah wirklich gut aus. Aber wir hatten ja schon gegessen.

haus

Eine wunderschöne, schräge Stadt mit wunderschönen, schrägen Häusern. Und damit sind nicht die Coffee-Shops gemeint, die sogar manchmal Kaffee anbieten, in der Regel aber süßlichen Duft der anderen Art verströmen. Die leicht spelunkigen Kifferbuden, in denen sich nicht nur junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes breit machen, mögen Normalität in Amsterdam sein, dennoch scheiden sich an der lockeren Leichtdrogenpolitik noch immer die Geister und längst nicht jeder Einheimische begrüßt die debil grinsenden Backpacker, welche die Stadt im ebenfalls wahrsten Sinne des Wortes durchziehen, mit zustimmender Freude.

Offen für neue Eindrücke, wie wir nunmal sind, haben wir eines Abends den A/B-Test gemacht und einen hübschen Sitzplatz vor einem Café mit Blick auf eine klassische Bier-Kneipe und einen benachbarten Coffe-Shop gewählt. Insgesamt drei Stunden lang haben wir von dort aus die beiden unterschiedlichen Rausch-Höhlen und ihr Publikum beobachtet, die Haltung der kommenden und das Wanken der gehenden Gäste verglichen, ihr mögliches Aggressionspotential abgeschätzt, ihre Mimik studiert, über das Pro und Kontra diverser Betäubungsarten philosophiert und sind dann zu einem Schluss gekommen. Den habe ich aber vergessen, weil wir so breit waren.

Am meisten hat mich während unserer Studien übrigens ein älterer Herr beeindruckt, der mit zwei funkfernsteuerbaren Spielzeugautos unter jeweils einem Arm in den und aus dem Coffee-Shop schlich. Die dazugehörigen Fernbedienungen waren nirgends zu sehen, aber er sah trotzdem zufrieden aus.

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Dieses Foto haben wir nicht wegen der Dukatenactie gemacht, sondern weil wir in der Überwachungskamera zu sehen sind, was ihr jetzt einfach mal glauben müsst.

callme

Natürlich waren wir aber nicht zum Vergnügen in der Stadt, sondern zur Recherche. Die Planungen für die re:publica 2011 beginnen und da es gilt, den Tellerrand täglich zu überwinden, sahen wir uns unsere Partnerkonferenz Picnic aus der Nähe an. Die besten Ideen klauen wir natürlich und präsentieren sie euch im kommenden Frühjahr als innovative Eigenkreation.

In Erinnerung gebliebene Picnic-Vorträge:

Jeff Jarvis mit einem wütenden Aufruf, die Kontrolle über das Netz nicht den Unternehmen zu überlassen (und dabei schloss er Google mit ein, auf die er als großer Fan des Unternehmens wegen des Google-/ Verizon-Proposals einen ziemlichen Hals hat).

Reinier de Graaf (OMA), der einen spannenden, weil auch visuell äußerst gelungenen Überblick über die ethnische und generationsbezogene Entwicklung der urbanen Zentren der Welt brachte (hier, hier und hier gibt es andere Vorträge von ihm zu sehen und hören).

Mitchell Joachim, der bei Terreform hart arbeitet, damit wir endlich unsere Jetpacks und andere Geek-Transporter und -Unterkünfte bekommen (hier ein kurzer TED-Talk von ihm).

Aza Raskin, der als kreativer Leiter von Firefox zwar keinen deutschen Wikipedia-Eintrag hat, unter seiner ihn quasi unerkennbar machenden Schirmmütze aber eine bewegende Rede vortrug, während der er die Beeinflussbarkeit der menschlichen Erinnerung demonstrierte und vor der (nach seiner Aussage bereits geplanten) Werbung mittels Produktplatzierungen in privaten Facebook-Fotos warnte (auf Partyfotos herum stehende Bierflaschen werden durch die werbende Marke ersetzt).

Auf diesem Foto fehlt das „ing?“
picnic

Was aber haben wir sonst gelernt in Amsterdam? „Brand Up“-Bier trägt den Zusatz „Up“ wegen des 5,5%igen und damit 0,5% höheren Alkoholgehalts als „Brand“ ohne „Up“; wenn im Zug von Deutschland nach Holland das Personal wechselt, werden aus Schaffnern plötzlich Menschen; in Amsterdam werden sogar tagsüber die Bürgersteige hochgeklappt und auf einem Tresen stand mein Name.

bruecke

johnny

gracht

Tolle Stadt, schöne Stadt, alles bestens! Gerne jederzeit wieder!

15 Kommentare

  1. 01

    Das Bild mit der Brücke finde ich cool … sieht echt geil aus

  2. 02

    „Den habe ich aber vergessen, weil wir so breit waren“ :))))

  3. 03

    Sag mal, der Fahradverleiher von Yellow Bike (?), wirkte der a?s ob er nen Australischer Jurastudent sei und irgendwann mal in den Semesterferien in Amsterdam hängen geblieben ist? Wenn ja, dann hatte ich diesen Sommer auch die Ehre…

  4. 04

    @Philipp: Hm… Ehrlich gesagt wirkten 37% der männlichen Amsterdamer wie australische Jurastudenten, die irgendwann mal in den Semesterferien in Amsterdam hängen geblieben sind. ;)

  5. 05

    @Johnny Haeusler:

    Das kann eigentlich nicht sein. Die arbeiten naemlich alle in den australischen Pubs in London.

  6. 06

    Geheimtip am Rande: Es macht durchaus Sinn Bekannte zu haben, die bei der deutschen Bahn arbeiten – denn in diesem Unternehmen wird tatsächlich noch „Wir sind eine große Bahnfamilie“ gelebt, sprich: Man kann im Schlepptau desjenigen kostenlos mit dem ICE rumdüsen so öfters mal nen Tag in Amsterdam, Brüssel, usw usf verbringen :)

    Nur eins empfehle ich nicht: Man sollte nciht auf das Angebot eingehen vorne beim Fahrer vorbeizuschauen – denn dann wird man nie wieder ruhig bahn fahren können. Ständig schreit eine weibliche computerstimme Warnung! Dies bremssystem hier und die leitung da ist soeben ausgefallen, auf dem bildschirm erscheinen rote wagons, der fahrer lässt die systeme abkühlen, bootet sie neu und dann laufen sie wieder einige minuten lang bis sie wieder den geist aufgeben. Ist wirklich der oberhammer, im beängstigenden sinne…

    Aber ich schweife ab, wollte nämlich nur kurz mein wissen zu den schiefen Häusern preisgeben: Sie sind nicht aus versehen schief sondern werden extra so gebaut. Weil die Häuser und dadrin entsprehcend die Räume und treppenhäuser so eng sind, werden größere Sachen wie möbel &co. öfters mal aussen am haus per flaschenzug reingehievt – und das geht viel einfacher wenn das haus schräg ist, also zur strasse geneigt ist, weil dann knallt das transportgut beim anheben nicht so leicht gegen die wand.

  7. 07
    Oln

    Wie war das, den Grimme-Preis habt Ihr schon? Was gibts noch für Preise? Ich sage Euch: Das geht weiter! Wer Sätze wie diesen hier

    „Die leicht spelunkigen Kifferbuden, in denen sich nicht nur junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes breit machen, […] die debil grinsenden Backpacker, welche die Stadt im ebenfalls wahrsten Sinne des Wortes durchziehen, […].“

    drechseln kann, der ist zu Höherem berufen. Echt!

  8. 08

    Als niederländisch sprechen könnenden Bewohner des Rheinlandes, der natürlich(!) dauernd in den Niederlanden abhängt, musste ich angesichts deiner kindlichen Freude über diesen exotischen Ort auf Erden herzhaft schmunzeln. Na ja, Berlin liegt ja auch mitten im Land, und das nächstbeste Ausland ist Polen…

  9. 09

    Amsterdam ist so toll, so lustig und das Rad fahren macht dort solchen Spaß. Unglaublich…

    Aber irgendwann ist man froh wieder dort weg zu kommen… denn es kann auch nerven.

  10. 10

    @FK:

    das ist der grund für diese schiefen häuser? genial. danke für die info. :-)

    hachja A-dam… wie lange war ich nicht mehr dort…

  11. 11

    Gibt es zum Vortrag von Aza Raskin ein Video?

  12. 12

    @erlehmann: Ich weiß es leider nicht… mal abwarten, ob die Picnic da was plant.

  13. 13

    die durchsage ist der hammer, wenn man den satz dazu ließt dann vergisst man auch schnell die bedeutung.

    „door een storing kan het informatie systeem geen geloofwardig informatie over vertrektijden van treinen geven.“

  14. 14

    Hm,

    habe bisher, aus rein Touristischen Gründen nur Venlo kennen gelernt.

    Das eigentliche Thema: REISE
    Insbesondere Städtereisen verbuchen einen immensen Zuwachs an
    Interessanten und kurzfristig (Wegstrecke) erreichbaren Zielen:

    Wien
    Istanbul
    Madrid
    Paris
    Moskau
    Oslo
    Amsterdam
    Mailand
    usw.

    Solche Kurztripps sind relativ teuer.
    Somit nur für diejenigen ideal, die
    wenig Zeit zum ausgeben haben.

    Alles Gute
    PiPi

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