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Sonntagslektüre

Eine Ära der Unzufriedenheit scheint angebrochen: der Bürger fühlt sich gegängelt von der Parteiendemokratie, er will in entscheidenden, ihn betreffenden Fragen zu Wort kommen. Das ist momentan das Credo vieler Kommentatoren: Der Spiegel sinniert über die Barrikadenrepublik Deutschland, die Zeit analysiert die neue Protestkultur und kommt auf folgende Beispiele:

Die Waldschlösschenbrücke in Dresden, die Bologna-Reform an den Universitäten, der Atomkompromiss der Regierung, die Schulreform in Hamburg und der Monsterbahnhof in Stuttgart – kaum eine Entscheidung amtierender Volksvertreter lässt sich noch gegen das Volk durchsetzen.

Es ist hier bereits eingewandt worden, dass es sich zum einen um lokale politische Entscheidungen in Dresden, Hamburg und Stuttgart handelt, keineswegs um bundesdeutsche Anliegen; dass der Protest gegen Bologna bereits seit Jahren kaum Ergebnisse zeitigt und auch nicht von einer breiten Bewegung getragen wird; und dass, drittens, zwar ein allgemeines Unbehagen angesichts des Atomkompromiss vorherrscht, das sich aber kaum in Revolten und Demonstrationen niederschlägt.

Beeindruckt von den Bildern aus Stuttgart und der unverhältnismäßigen Poilzeigewalt dort, wurde diese Wahrnehmung eines Krawall-Deutschlands bisher kaum in Frage gestellt. Sind einige hundert oder tausend Demonstranten repräsentativ für eine Stimmung im Land? Auch darüber ist nur wenig nachgedacht worden. Es blieb Ivo Bozic vorbehalten, einem Hinweis nachzugehen, der im Gegenteil auf eine Sehnsucht nach Konsens hinweist: die Umfrageergebnisse der Grünen.

Denn tatsächlich stehen die Grünen aktuell für nichts. Zwar stehen sie den diversen Protestbewegungen sehr nahe, ohne aber deren politischer Arm zu sein: zwar sind sie gegen S21, versprechen aber nicht, den Umbau verhindern zu können. Zwar sind sie gegen Müll im allgemeinen und Atommüll im besonderen, aber sie verlieren in den Debatten nicht ihre Besonnenheit. Und so schließt Ivo Bozic seinen Artikel mit einem versöhnlichen Fazit:

Wo andere mit sarazzinischem, lafontainischem oder seehoferschem Furor herumpoltern und damit vor allem Unseriosität ausstrahlen, spielen die Grünen geschickt die ruhige Stimme der Vernunft und des post­ideologischen Pragmatismus. (…) In Zeiten allgemeiner politischer Orientierungslosigkeit und Politikerverdrossenheit wählen die Deutschen – zurzeit – lieber den Allgemeinplatz als den Stammtisch, lieber das vermeintlich harmlos Uneindeutige, das sonnenblumig Gutmenschelnde als einen neuen starken Mann mit Aggro-Todesstrafe-für-Kinderschänder-Programm.

Weit weniger versöhnlich verläuft die Schlammschlacht um Konstantin Neven DuMont, die bei Stefan Niggemeier ihren Anfang nahm. Vom Computer Neven DuMonts seien „unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren“ abgegeben worden.

Zwei Gründe führt Stefan Niggemeier an, diese Vorfälle öffentlich zu machen: Erstens sei es bemerkenswert, dass „einer der wichtigsten Medienleute im Land unter dem Deckmantel der Anonymität nicht nur mich angreift, sondern auch die Konkurrenz“. Und zweitens handle es sich um einen Missbrauch der Kommentarfunktion, weil „eine Vielzahl nicht existierender Kritiker simuliert wird“.

Den ersten Grund halte ich für vernachlässigenswert, denn obwohl ich mir vorstellen kann, dass dieser Einblick in Neven DuMonts Rechner für Medienleute ‚interessant‘ sein könnte, erschließt sich mir nicht, was genau daran interessant ist. Es bleibt nur der Eindruck, Neven DuMont könnte wunderlich sein und Stefan Niggemeier sei wichtig genug, als dass Neven DuMont seine Wunderlichkeit ausgerechnet bei ihm offenlegt. Insofern handelt es sich nur um Branchenklatsch.

Interessant ist der zweite Punkt. Frank Lübberding hat Stefan Niggemeier hier vehement widersprochen. Zwischen ziemlich viel anstrengender Polemik versteckt sich hin und wieder sogar ein Argument:

Was aber durchaus interessiert, ist die Frage warum sich Stefan Niggemeier eigentlich für Heinz Müller und dessen Vollzeitbeschäftigung als Blog-Kommentator interessiert? (…) Warum mißbraucht er seine Funktion als Herausgeber eines Blogs, um Daten zu veröffentlichen, die nur ihm bekannt sein können und die offenkundig nicht veröffentlicht werden sollten?

Die erste Frage ist recht einfach zu beantworten: weil er dafür verantwortlich ist. Das Landgericht Hamburg hat damals sehr klar gesagt, dass Kommentare durch den Betreiber zu prüfen seien.

Die andere Frage ist schwieriger zu beantworten: Welches Recht wiegt schwerer, das eines Kommentatoren auf Anonymität? Oder das der mitlesenden Öffentlichkeit auf Transparenz? Anders gesagt: darf ein Kommentator ein Blogpublikum in die Irre führen?

Es ist schade, dass diese Frage jetzt ausgerechnet an Neven DuMont diskutiert wird. Denn der Trash- und Boulevardeinschlag, den die Debatte dadurch bekommt, ist leider wenig hilfreich. Interessant wäre es, den kürzlichen Disput zwischen mspro und Felix Neumann auf den konkreten Fall zu übertragen. Stattdessen werden wir uns wohl damit aufhalten, die Reaktionen von DuMont Schauberg mit Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen.

An Volker Strübing mag ich besonders, dass er den Mut hat, vertrauensvoll auf die Welt zuzugehen. Dass er sich über Dinge wundert, die andere mit einem Schulterzucken hinnehmen, und dass er sich nie dazu verführen lässt, desillusioniert zu tun oder seinen Humor zu verlieren. Ich jedenfalls habe ich mehr sehr gefreut, dass Volker Strübing sich über den FAZ-Artikel von Georg Meck, „Ein Hoch auf das Wachstum“, aufgeregt hat, und dass er seine Aufregung aufgeschrieben hat, ohne aufgeregt zu klingen, sondern „einige beliebte Techniken der politischen Agitation“ offenlegte.

Lesen Sie Wolfgang Herrndorfs Tagebuch.

14.3. 11:00

Arzttermin bei Gott, er versteckt sich hinter dem nom de plume Prof. Drei. Kurz vor der Rente oder drüber, Jahrzehnte Erfahrung, arbeitet zwölf Stunden am Tag, jeden Tag, schiebt mich am Sonntag in der Sprechstunde dazwischen. Wartezimmer voll mit Hirntumoren, die sein Loblied singen. Inoperable Gliome, die er operiert hat, vor neun Jahren. Der erste Arzt, der redet, wie mir das gefällt: In Zahlen, in Prozenten, in Wahrscheinlichkeit und Wirkungsgrad. Auch in Graden der Wirkungslosigkeit (80% der Bestrahlten zeigten überhaupt keine Wirkung, null, lediglich Spätfolgen in zwei bis vier Jahren). Daß er überhaupt mit Spätfolgen rechnet: Bis heute morgen war ich nicht sicher, ob ich im Sommer noch da bin. Weitere Zahlen, die ich nicht kannte: Tumor war acht Zentimeter groß, gewachsen in ca. sechs Monaten. Prof. Drei empfiehlt Angiogenesehemmer (Hypericin = Johanniskraut), Apoptoseauslöser (Resochin), EGFR-Blocker, spricht von einer Studie in Denver und einem Mann, der mit Hypericin geheilt wurde. Geheilt? Widerspricht das nicht der Wissenschaft? Er nimmt sich Zeit, erklärt alles, gibt mir zum Abschied die Hand und zieht mich gleichzeitig mit dem Händedruck aus dem Sprechzimmer: Nächster Patient.

7 Kommentare

  1. 01

    „keineswegs um bundesdeutsche Anliegen“ liegt meiner Einschätzung daran das man sich leichter gegen etwas ausspricht das „vor der eigenen Haustür“ geschieht, das es um Sachen geht gegen die es sich leicht demonstrieren lässt und bei denen ein erfolgloser Protest nicht „so schlimm“ ist, sich gegen die Atompolitik aufzulehnen bedeutet in meinen Augen Alternativen bereitzuhalten und sich in der Konsequenz auch für sie einzusetzen – aber wer hat schon die Kraft sich gegen Staat und Industrie aufzulehnen und nebenbei noch alternative und regenerative Energien voranzutreiben, wer möchte sich schon in einem Protest mit relativ geringen Erfolgschancen engagieren dessen Erfolg mit massiven Einschnitten in unseren Alltag einhergeht und wirkliche Anstrengungen nachsichzieht?
    Leider scheint es „nur“ die Ära der Unzufriedenheit zu sein, bleibt zu hoffen das sie in die Ära der Veränderungen und Anstrengungen führt.

  2. 02
    ca-fi

    nur der korrektheit halber:
    wenn man, wie die zeit es macht, die waldschlösschenbrücke in einer reihe von projekten aufzählt, die sich „kaum gegen das volk durchsetzen“ lassen, sollte man sich schon daran erinnern, dass es bei der wsb ja durchaus einen volksentscheid gab und gerade mit dessen bindender wirkung das kompromisslose festhalten am projekt trotz drohendem (und mittlerweile auch erfolgtem) welterbe-entzug begründet wurde.

  3. 03
    Flötuttu

    Der Bürger hat Angst das wenige an Besitz dass er hat zu verlieren, deswegen wählt er immer wieder CDU, weil er glaubt dass sie ihm seine kümmerlichen Privilegien sichert.

    Reden wir wieder nach der nächsteN Wahl über die Ära der Unzufriedenheit. Ändern wird sich nichts.

  4. 04

    DAGEGEN!

    Wie Un-Wichtig müssen Kommentare sein um rezitiert zu werden?

    Anhand des – wie ich es empfinde – Artikels von Fred kann man sich
    einlesen oder überlesen. Den sog. Realname zu verwenden ist eine
    Entscheidung, die man bitte dem User überlassen sollte, der u.U. aus
    Beruflicher Sicht seine Pers. verschleiert. Die Gründe sind vielfältig.
    Es liegt an den Forenbetreibern Missbrauch vorzubeugen. Individuen,
    welche ihre Interessen in perfider weise verbreiten wird man nicht Herr.

    By the Way
    Muss zum Abendgeläut

    Danke Fred ;-))

  5. 05
    fred

    @ca-fi: Danke für den Hinweis. Das war mir gar nicht bewusst. Allerdings habe ich mich über die Erwähnung des Waldschlösschens durchaus gewundert, weil das (gefühlt) überhaupt nicht da rein passte. Jetzt weiß ich auch, woher dieses Gefühl kam.

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