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Sonntagslektüre: zu Guttenberg

Habe die Ehre: Kann ein Mann allein die Politik adeln? Offenbar, wenn auch die Frau mithilft: Schön, gediegen, unabhängig und selbstbewusst: Haben die zu Guttenbergs das, was wir uns eigentlich von allen Politikern wünschen? Kommt jetzt der Adel wieder, weil er einfach das bessere Führungspersonal liefert – oder träumen wir uns gerade ein modernes Sissi-Märchen zusammen?

Gute Frage, Frank Plasberg: träume ich? War das nicht die Woche, die den Mythos des Auswärtigen Amtes sich zerlegen hat sehen, weil es kein Hort des Widerstandes gegen das NS-Regime war, ganz im Gegenteil? Jenes Auswärtigen Amtes, dessen Personal häufig adeliger Abstammung war und ist. Aber zu Guttenberg sieht einfach zu gut aus, als dass das Fernsehen widerstehen könnte. Stefan Sasse hat sich der KT-Hysterie angenommen und kommt auf ein beruhigendes Ergebnis:

Die aktuelle Begeisterung für den Adel liegt wohl hauptsächlich im Fehlen eines entsprechenden Gegenentwurfs begründet und dürfte nicht allzutief reichen, das sei zur Entwarnung gesagt. Unvorstellbar, dass diese Debatte auf diese Art geführt worden wäre, wenn Kaliber eines Schröder oder Fischer an der Regierung gewesen wären, deren Biographien die niedere Herkunft geatmetet haben und die mit der Pflege der entsprechenden Legende ihr Image maßgeblich geprägt haben.

Tatsächlich fragen sich viele, wann zu Guttenberg abstürzen wird: ewig kann dieser Höhenflug nicht anhalten. Obwohl politisch noch nicht allzu auffällig geworden, macht sich der Spiegel zu seinen Ehren zur Gala. Leitartikler beschäftigen sich mit der Frage, ob er Kanzler könne, seine Rede vom 3. Oktober galt vermutlich schon bevor sie geschrieben worden ist als Angriff auf Merkel. Diese Rede hat Hans Hütt sich genauer angesehen und kommt zu dem Ergebnis, dass sie gleichermaßen mutlos und arrogant sei:

Die ersten Sätze prägen das rhetorische Muster. Forme einen Pappkameraden. Schlage ihn nieder. Forme die triviale Aussage als Triumph. Tritt in den Staub die Niedertracht. Auch wenn das keines Mutes bedarf. Zeige den herrischen Gestus – und sie liegen dir zu Füßen,

schreibt er zu Beginn der Analyse. Und zum Schluss:

Der Bundesverteidigungsminister parfümiert und pomadisiert eine Rhetorik der Identifikation mit dem Aggressor, keine guten Voraussetzungen für seinen aktuellen Job, geschweige denn für andere politische Ämter.

Wenn in der Politik viel über Stil diskutiert wird, dann, weil es andere Themen nicht mehr gibt. Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungen der letzten Jahre galten allesamt als „alternativlos“, gerade zur Wirtschaftskrise zeigte sich eine erstaunliche allgemeine Zustimmung durch alle Bänke des Parlaments. Es herrschte Zwang, man konnte gar nicht anders. Wolfgang Lieb hat einige dieser „unumstößlichen Zwänge“ zusammengetragen und konstatiert:

Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch hat den Begriff „Postdemokratie“ geprägt. Er beschreibt damit zwar die formale Fortexistenz demokratischer Institutionen, hinter deren Fassade aber eine weitreichende Selbstaufgabe der Politik stattgefunden hat.

In einer Gesellschaft gibt es aber kein Vakuum der Macht. In dem Maße, in dem die Politik ihre Macht selbst aufgegeben hat, hat es eine Verlagerung der Macht- und Entscheidungszentren auf die ökonomischen Eliten gegeben.

Von demher verwundert es nicht, dass machtbewusste Politiker wie Roland Koch in die Wirtschaft gehen und sich ihre Zeit im Dienst des Volkes im nachhinein versilbern lassen. Daraufhin meinte Edda Müller, Vorsitzende von Transparency International: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass dies eine Belohnung für früheres Wohlverhalten sein könnte.“ Und da stellt sich tatsächlich die Frage:

Heißt das, man sollte solche Vorgänge besser vertuschen? Indem man etwa drei Jahre mit der Belohnung wartet?
Transparenz ist ohnehin nicht das Problem der neuen Art von Korruption. Jeder erkennt sie als solche – außer Gesetz und Justiz. Vielleicht beginnen wir damit, daß sie so genannt werden darf.

Den Anfang macht vorerst die Lobbypedia.

11 Kommentare

  1. 01
    Flötuttu

    Schleimiger Unsympath mit Barbie-Frau. Ich weiß echt nicht warum manche Leute so einen Bohei um diesen Blener machen…

    Menschen sind eben zu einfach gestrickt und oberflächlich. Da kann so einer natürlich bei den geistig Einfachen punkten.

  2. 02

    Bei dem momentanen Angebot an Spitzenpolitikern verwundert es nicht, dass ihm die Sympathien nur so zufliegen. Da wird es ihm zu einfach gemacht – ohne inhaltlich näher auf seine Politik eingehen zu wollen: rein vom Auftreten her macht der Gute nunmal am meisten her.

  3. 03
    flubutjan

    Diese Frau zu Guttenberg hat ein Riesenglück gehabt, dass der mit einer 13-Jährigen zum Appell an die niedersten Zuschauerinstinkte von RTL gefilmte Typ lebendig wieder aufgetaucht ist und sich vom whole-damn-nation-Pranger nicht direkt ins Jenseits befördert hat (wie es eine Zeit lang ja zu befürchten war).

    RTL und Guttenberg, macht doch eine solche Nummer vielleicht auch mal mit mordbereiten Nazischlägern, 3,50-Stundenlohn-bereiten Arbeitgebern oder „Hartz-IV-Abzocke“-Hetze-bereiten Springer-„Journalisten“ bspw.

  4. 04
    The Buzz T.an

    was das auswärtige amt und der guttenberg miteinander zu tun haben verstehe ich nicht so ganz. ich mag den gutti auch nicht so gern aber das ist mir zu einseitig. fakt ist ja, er kommt bei vielen menschen gut an. fakt ist auch, er hat super support von den medien (springer, privatsender). die aussetzung der wehrpflicht war für mich aber seit langem einer der besten innenpolischen nachriten. zumindest subjektiv. seine frau hat übrigens nen schaden. subjektiv.

  5. 05

    Danke, der Artikel macht ja doch wieder Mut. Wollte schon eine Adeligen-Phobie aus dem Nichts entwickeln …

  6. 06
    timo

    @The Buzz T.an: Der Zusammenhang zwischen Sissy und dem AA dürfte sein, dass man Sissy mit einer „Das hat er als adliger doch gar nicht nötig“ Einstellung Unabhängigkeit attestiert. Und das AA beweist ja derzeit das Adel einen eher als Drecksack, denn als edlen auszeichnet.

    Und es ist schon verdächtig wie Sissy von der Presse zum Heiland hochgetippselt wird.

    Dürfte sich empfehlen das Guttenbergdossier zu googlen.

  7. 07

    „War das nicht die Woche, die den Mythos des Auswärtigen Amtes sich zerlegen hat sehen, weil es kein Hort des Widerstandes gegen das NS-Regime war, ganz im Gegenteil?“

    Nicht doch, wer hätte schon gedacht, dass das auswärtige Amt in der Zeit der NS-Herrschaft von dazu passender Politik geprägt war. Tss tss tss, das war natürlich üüüberhaupt nicht und in keinster Weise zu erwarten.

    Mal ehrlich, das einzige, was daran zum Skandal taugt, ist die Vertuschung nach Ende der oben genannten Herrschaft. Wenn man es genau nimmt, aber nicht mal das. Selbst die Vertuschung war wie überall. Warum sollte das, anstelle des Abfeierns des Herrn von und zu G. (was ich genausowenig verstehe, wie alle anderen hier), also Herrn Plasberg ein Thema wert sein?

  8. 08
    Frédéric Valin

    @Auge: Warum sollte es sofort ein Skandal sein? Aufarbeitung funktioniert ja weder durch „aber das haben doch eh alle gewusst“ noch durch „Schlimmschlimmschlimm!“

  9. 09
    rofl

    100% Zustimmung

  10. 10

    @rolf

    Ich befürchte Aufarbeitung funktioniert hier zu lande wenn G. Knopp einen Vierteiler dazu im Fernsehen platziert. Die Menschen gieren nach Sensationen und Skandalen, das ist bitter.

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