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Auch nach vier Jahren Haft keine Freiheit für Blogger Kareem Amer (Update)

Auch nach Ablauf seiner Haftstrafe halten die ägyptischen Sicherheitsbehörden den Blogger Kareem Amer weiter fest. Vor vier Jahren war er einer der ersten Blogger, die für ihre Texte verurteilt wurden. Die Unterstützer des jungen Studenten wollen weiterkämpfen – obwohl sie nicht wissen, warum das Regime ihren Freund nicht loslassen will.

1460 Tage. Seit dem 6. November 2006 sitzt Kareem Amer, geboren Abdel Kareem Nabil Suleiman, im Gefängnis; am 22. Februar 2007 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt. Sein Verbrechen: Beleidigung des Islam und des ägyptischen Diktators Hosni Mubarak. Sein Tatwerkzeug: Ein Blog. 1461 Tage, 1462, 1463… auch mehr als eine Woche nach Ablauf seiner Haftzeit ist Kareem nicht auf freiem Fuß. Er ist aus dem Gefängnis Borj El Arab entlassen worden, aber die Sicherheitsbehörden halten ihn weiter fest.

Esra’a Al Shafei weiß nicht, wie es Kareem ergehen wird. „Das Regime scheint den Verstand verloren zu haben“, sagt sie. „Im Moment ist wirklich absolut alles möglich.“ Die bahrainische Netzaktivistin und Gründerin von Mideast Youth hat vor vier Jahren die Kampagne Free Kareem! is Leben gerufen. Sie hat Aktionen und Demonstrationen organisiert, Journalisten und Parlamentarier auf das Schicksal ihres Freundes aufmerksam gemacht – erfolglos. Hunderte Fälle inhaftierter Netzaktivisten hat das Portal Threatened Voices dokumentiert. Aber kein Blogger sitzt länger im Gefängnis als Kareem.

Der Sohn tief religiöser Eltern studierte an der prestigeträchtigen Kairoer Universität Al Azhar islamisches Recht, ein Wunsch seines Vater. Doch anstatt sich in den Glauben zu vertiefen, entwickelte er Abscheu gegenüber dem orthodoxen Islam, den er dort erlebte. Er schrieb in seinem Blog darüber; die Wortwahl ist so heftig, dass sich selbst seine heutigen Unterstützer davon distanzieren. Kareems Alma Mater exmatrikuliert den Studenten.

Die Blogeinträge des junges Mannes zeigen einen Freigeist, der wütend ist über die religiöse Unterdrückung, die er in seine Umfeld erlebt. Kareem schrieb über Ausschreitungen gegen koptische Christen in Alexandria, die er miterlebte, und wurde dafür das erste Mal verhaftet. Noch als Student der islamischen Universität schrieb er für das christliche Portal Copts United – und verließ es im Streit, weil er das Gefühl hatte, dort nur Muslime und nicht auch Kopten kritisieren zu dürfen.

Die zweite Verhaftung kam Monate, nachdem Kareem von Al Azhar rausgeschmissen worden war. Die Universität hatte ihn für seine anti-islamischen Artikel bei den Sicherheitsbehörden angeschwärzt. Ein halbes Jahr verstrich. Warteten die Sicherheitsbehörden auf einen geeigneten Moment? Im November klopften sie schließlich an Kareems Tür. Der Blogger leugnete nicht: „Ja, ich habe diese Texte geschrieben.“

Seine Unterstützer wissen nicht genau, warum es ausgerechnet Kareem getroffen hat, schließlich gibt es tausende Blogger in Ägypten. Darunter sind Berühmtheiten wie Wael Abbas, dessen Folter-Enthüllungen Polizisten hinter Gitter gebracht haben. Abbas wird seitdem kontinuierlich schikaniert, aber er kommt immer wieder frei. Kareem sitzt weiterhin ein. Warum? „Er war ein leichtes Opfer“, sagt Al Shafei, „Er hat nicht nur die Regierung angegriffen, sondern auch den Islam.“

Die ägyptische Blogosphäre ist so divers wie die oppositionelle Landschaft in der Mubarak-Diktatur. Liberale und Sozialisten nutzen neue Medien genauso wie die moderat islamistische Muslimbruderschaft. War die Verhaftung Kareems ein Versuch, diese Gruppen gegeneinander aufzubringen? Für seinen Atheismus wurde der Student nicht nur von der Regierung angegriffen, sagt Al Shafei. „Nicht jeder muslimische Menschenrechtsaktivist fühlte sich gut dabei, sich für ihn einzusetzen.“ Die Regierung konnte ein Exempel statuieren, um ihre Macht zu beweisen – und Kritiker einzuschüchtern.

Es scheint nicht, als wolle das Regime sein Opfer loslassen. Eine Woche nach Ablauf der Haftzeit ist Kareem immer noch in Haft, und das Arab Network for Human Rights Information berichtet von Schlägen durch Sicherheitsbeamte. Kareems Unterstützerin Al Shafei sagt, sie habe nichts anderes erwartet. „Seit 2006 hat das Regime Kareems Situation auschließlich als Machtspiel behandelt, in dem es seine Stärke demonstrieren kann.“ Wie es weiter geht, weiß sie nicht. Aber sie wird nicht aufhören, für ihren Freund zu kämpfen.

Update Nov 16 20:19: Kareem ist frei. Wie seine Unterstützer auf Free Kareem! berichten, wurde er bereits Montag Nacht aus der Haft entlassen. Genaueres zu den Umständen ist noch nicht bekannt.

4 Kommentare

  1. 01

    Vielen Dank für solche Artikel! Es ist so befremdend, zu sehen was in anderen Ländern passiert, in denen junge und engagierte Menschen, mit den gleichen Bedürfnissen nach Freiheit und Gerechtigkeit, leben, wie in Deutschland. Es macht mir deutlich, dass wir unsere Freiheit mehr achten und sie hegen und nutzen müssen! Es ist (leider) etwas ganz besonderes…

  2. 02

    Lieber Simon,

    glaubst auch Du ernsthaft an die Macht der Verbreitung von Informationen?

    Zumindest kann eine These erstellt werden…

    Hoffentlich geht es dem Bürgerrechtler wenigstens Körperlich gut.
    Die Narben an der Seele sieht und begreift man als Aussenstehender nicht.

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