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“I know you from Twitter, how are you doing?” – Interview mit Artwork von Magnetic Man

Benga (links), Skream (Mitte) und Artwork (rechts) – als einzelne Künstler sind sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich Dubstep mit Beginn des neuen Millenniums in den Londoner Clubs etablierte und seine charakteristischen Bässe seitdem in die ganze Welt hinausschickt. Man denke da zum Beispiel nur an unbestrittene Hymnen wie „Night“, die es mühelos auch auf unsere Tanzflächen schafften. In diesem Jahr haben sich Benga, Skream und Artwork nun unter dem Namen Magnetic Man als erste Supergroup des Genres zusammengetan und bei einem Major Label unterschrieben. Kaum verwunderlich also, dass mancherorts ob dieses geballten Hit-Potentials gleich reflexartig der Ausverkauf der Szene ausgerufen wird, die sich um Big Apple Records in Croydon, die stilprägende FWD>>-Partyreihe und den mittlerweile ehemaligen Piratensender Rinse FM gebildet hat.

Magnetic Man sind seit der Veröffentlichung ihres gleichnamigen Albums jedenfalls im oberen Bereich der UK Charts gelandet, erfolgreich durch Großbritannien getourt und schauten vor kurzem auf dem Weg zum I Love Techno Festival auch bei der Berliner Maria vorbei. Vor dem Konzert der drei Freunde sprach ich mit Arthur Smith aka Artwork über ihre Live-Auftritte, Inspirationsquellen, musikalische Kollaborationen und Twitter.

Spreeblick: Hallo Arthur. Ich glaube, dass ich dir zuerst einmal zum Erfolg von Magnetic Man gratulieren sollte.

Artwork: Dankeschön!

Immerhin kam erst im Juli die erste Single „I need air“ heraus, das Album wurde im Oktober veröffentlicht [Anm.: Platz 5 in den UK Charts] und schon jetzt streiten Kritiker darüber, ob ihr Dubstep zu einer neuen Qualität verholfen habt

Ui, na ja wir hoffen natürlich, dass wir etwas Gutes hinbekommen haben. Es sind auf jeden Fall gerade sehr spannende Zeiten angebrochen.

Stimmst du denn mit der Meinung überein oder ist es ohnehin noch zu früh, um das zu beurteilen?

Dafür ist es noch zu früh, denke ich. Wir geben jetzt einfach unser Bestes in Sachen Musik, performen so gut es geht und was auch immer sich dadurch ergibt, passiert eben. Wir können das ohnehin nicht in eine bestimmte Richtung lenken.

Also würdest du auch nicht sagen, dass der kommerzielle Erfolg eures Albums einen Wendepunkt für das Genre Dubstep bedeutet?

Nein, im Grunde geht es doch nur darum, dass mehr Menschen unsere Musik hören. Das fing ja schon damals vor 10 Jahren bei FWD>> an. Da spielten wir vor 100 Leuten und alles was wir wollten, war vor 300 Leuten aufzutreten und wenn du dann 300 Leute im Publikum hast, möchtest du auch vor 1.000 Leuten spielen. Es geht einfach immer den nächsten Schritt weiter.

Na das habt ihr ja bisher ganz gut geschafft. Wieviele Leute kommen denn gerade so zu euren Konzerten?

Auf der Tour, die jetzt hinter uns liegt, waren das ca. 1.500 pro Show. Aber bei den Festivals, die wir gespielt haben, kamen wir sogar auf 10.000 bis 15.000 Leute. Das ist echt Wahnsinn.

Bei drei Leuten, die alle auch ihre eigenen Produktionen verfolgen, habe ich mich ja gefragt, wie man sich so die Aufnahmen zum Album vorstellen muss?

Der Aufnahmeprozess ist tatsächlich interessant. Entweder fängt jemand mit einer Idee an, leitet sie weiter und diese wird dann übers Internet zwischen uns allen weiterentwickelt. Oder wir treffen uns alle und denken uns gemeinsam etwas aus. Das basiert allerdings immer auf einer umgekehrten Demokratie: falls auch nur einer von uns etwas nicht mag, fliegt es raus. Das geht so lange, bis wir schließlich etwas haben, das uns allen gefällt. Es wird also nie der Fall sein, dass zwei von uns eine Idee mögen und man sie deswegen beibehält. Sobald einer dagegen ist, hat sie verloren.

Auf diese Weise erreicht ihr also das optimale Ergebnis?

Genau. Das braucht allerdings seine Zeit. Deswegen kam das Album auch erst so spät (lacht).

Nachdem ich einige eurer Videos auf der Webseite gesehen habe, die allesamt Aufnahmen von Konzerten sind, hatte ich den Eindruck, dass der Live-Auftritt ebenfalls eine große Rolle beim Konzept Magnetic Man spielt. Was erwartet einen denn da?

Die Konzerte sind uns auf jeden Fall sehr wichtig. Momentan haben wir drei miteinander verknüpfte Laptops, die live laufen und alle verschiedene Elemente bedienen. Auf dem einen sind also die Drums, auf dem anderen ist der Bass und dann haben wir noch die Hooklines. Darüber werden dann zusätzlich Keyboards sowie allerlei Mix-Effekte gelegt. Außerdem haben wir den großartigen Sgt Pokes dabei, der uns bei all dem unterstützt. Und darüber hinaus gibt es noch jemanden, der sich live um die Lichtshow kümmert.

Mich hat ja die Lichtshow in euren Videos auch sehr an Richie Hawtins Käfig erinnert, wenn er als Plastikman performt

Unsere Show ist dagegen allerdings wirklich live.

Ich dachte, das wäre seine auch?

Ja nee, ist klar! (lacht) Ach, ich mache ja nur Spaß. Richie ist ein guter Freund von uns.

Ihr habt ja verhältnismäßig viel Gesang auf der Platte. Nach welchen Kriterien sucht ihr euch denn eigentlich die Künstler aus, mit denen ihr zusammenarbeitet? Sind das größtenteils Leute, mit denen ihr vorher schon etwas zusammen gemacht habt?

Ja, mit Katy B und Ms. Dynamite haben wir davor bereits zusammengearbeitet. Bei John Legend war es aber zum Beispiel so, dass wir den Track [Anm.: „Getting nowhere“] fertig und dem Label gegeben hatten. Unser Verleger meinte dann, dass solch ein gefühlvoller Song auch eine entsprechende Stimme für den Gesang bräuchte. Als er sagte, er würde deswegen mal bei John Legend anfragen, dachten wir bloß “netter Versuch”. Doch dann kam er eine Woche später an und gab uns die Aufnahme von John Legend. Ganz schön abgefahren.

Und das Ergebnis ist wirklich toll. Dann sind es in erster Linie also schon Leute, mit denen ihr vorher gearbeitet habt, aber ihr schaut auch nach neuen? Gibt es da eine engere Auswahl?

Die gibt’s natürlich immer. Als wir das Album gemacht haben, kannte uns ja keiner. Wenn man da bei manchen Leuten anfragt, wundern die sich halt bloß, wer man überhaupt ist. Hoffentlich kriegen wir bei der nächsten Platte aber alle, die wir haben wollen. Vielleicht kennt dann ja jemand Rihanna? (lacht)

Fühlen sich eure Auftritte denn jetzt eigentlich anders an, da euch mehr Leute kennen?

Absolut! Wenn wir Songs wie “I need air” spielen, singen die Leute das auf einmal mit. Als das zum ersten Mal passierte, meinte Skream zu mir “Hey, die singen den Song mit!” und ich wollte es nicht glauben. Er bestand aber darauf, drehte die Musik runter und dann hörte man sie plötzlich alle. Das war schon schräg.

Bei so vielen Veröffentlichungen, Subgenres und gleichzeitig einer geringen Wertschätzung von Medienträgern wie Platten und CDs, welche elektronische Musik wird da deiner Meinung nach auch noch in 10 Jahren gehört werden?

Unser Album natürlich! (lacht)

Dachte ich’s mir doch…

Na ich sage mal so, in England gibt es diesen einen Radiosender, Radio 4, der spielt ausschließlich klassische Musik wie zum Beispiel Bach und Strauss. Als ich den letztens eingeschaltet habe, kam da aber auch Duke Ellington. Den zählen sie also mittlerweile ebenso zur klassischen Musik. In 40 Jahren werden die da dann vielleicht Coki Alben spielen und erzählen, was für ein genialer Typ das ist. Für mich zählen die Sachen von Coki jedenfalls zu jenen, von denen man auch in der Zukunft sagen wird, wie wegweisend sie waren [Anm.: Cokis Soloalbum „Urban Ethics“ erscheint übrigens schon in naher Zukunft, am 13. Dezember].

Meine nächste Frage geht in eine ähnliche Richtung: Was hörst du denn momentan am liebsten rauf und runter?

Skreams Album „Outside the Box“ höre ich sehr oft, ich mag’s wirklich sehr und es ist einfach eine fantastische Platte. Außerdem höre ich viel James Blake, Jazz und überhaupt eine Menge verschiedener Sachen. Ich finde, man sollte immer alle möglichen Musikrichtungen hören. Am Ende gibt es nämlich eh nur zwei Sorten davon: gut oder schlecht. Und das war’s.

Sehr wahr. Findet sich denn in deiner jetzigen Arbeit etwas wieder, das dich schon beeinflusst hat, als du mit dem Musikmachen angefangen hast?

Ich habe eine Menge Techno gehört, insbesondere einen DJ namens Steve Bicknell. Ihm gehört das Label Lost Recordings und er hat immer recht abgefahrene Sounds miteinander kombiniert und somit dafür gesorgt, dass jede seiner Platten vollkommen anders klang. Seine Sachen höre ich immer noch und übernehme manchmal auch die ein oder andere Idee von ihm. Ich hoffe, dass ihm das nichts ausmacht (lacht).

Ach, ich denke mal, dass das für ihn okay ist. Eine Frage habe ich noch an dich, weil ich es nämlich ganz wunderbar finde, dass so viele DJs mittlerweile auf Twitter vertreten sind. Hast du denn das Gefühl, dass sich das Unterwegssein durch solche Sachen wie Social Media bereits verändert hat?

Ja, doch. Jetzt kommen plötzlich Leute auf einen zu, die einem auf Twitter folgen, immer Replies schicken und so. Erst neulich standen wir draußen vorm Club herum und da kamen welche an und meinten “Hey, wie geht’s? Ihr seid klasse…”

“Wir kennen uns von Twitter…”

Ja, genau! “Ey, ich kenne dich von Twitter, wie geht’s denn so?” Ich finde das super. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte damals so mit Jeff Mills quatschen können, das wäre schon sehr cool gewesen. Dieses ganze Getue um Prominenz ist doch totaler Scheiß. Menschen sind einfach nur Menschen und wenn man sich auf diese Weise miteinander unterhalten kann, dann ist das fantastisch. Ich wünschte echt, ich hätte zu meiner Zeit die Möglichkeit dazu gehabt. Dann hätte ich den Künstlern, deren Musik ich toll fand, das sagen und gleichzeitig fragen können, was sie zum Beispiel an Instrumenten benutzen. Das hätte ich großartig gefunden.

Würdest du denn auch Kritik annehmen, wenn sie via Twitter käme?

Klar, wieso nicht? Die Meinungsäußerungen anderer Leute sind immer berechtigt. Bei einigen denkt man natürlich trotzdem “Leck mich”, aber bei anderen halt “Okay, da ist was Wahres dran”. Ich finde das generell schon eine gute Sache.

Ich auch. Mir scheint nur, dass einige Künstler davon oft überfordert sind. Sie wollen einerseits bei Dingen wie Twitter mitmachen, wissen es andererseits aber auch nicht wirklich zu nutzen.

Nee, man ist da entweder richtig dabei oder lässt es bleiben. Mit einer bloßen Anmeldung ist es halt nicht getan. Wenn du dort etwas gefragt wirst, kannst du denjenigen ja zum Beispiel nicht einfach ignorieren, sondern solltest schon eine Antwort geben. So sehe ich das jedenfalls. Wenn du dich ohnehin nicht wirklich beteiligst, dann lass es besser gleich bleiben.

Ganz genau! Deswegen erst recht vielen Dank fürs Mitmachen bei diesem Interview und noch viel Spaß auf eurer Tour.

Dubstep ist mit Supergroups wie Magnetic Man also endgültig im Mainstream angekommen. Anhänger der ersten Stunde wird dies mit Sicherheit noch in so manche Sinnkrise stürzen, aber als überraschende Entwicklung ließe sich das wohl kaum bezeichnen. Um ehrlich zu sein, war es doch bloß eine Frage der Zeit, wenn zum Beispiel solch stilprägende BBC DJs wie Mary Anne Hobbes dem Genre über Jahre hinweg immerhin ganze Sendungen und Compilations widmen. Eine eindrucksvolle Live-Show und großartige durchgemachte Clubnacht mit den duften Jungs von Magnetic Man später, gönne ich ihnen jedenfalls von Herzen alle mitsingenden Fans dieser Welt. Denn Ausverkauf oder nicht, Künstler wie sie oder auch die momentan ebenso erfolgreich unterwegs befindliche Katy B, liefern meiner Meinung nach den perfekten Soundtrack für eine Generation, die noch nicht erwachsen ist und jene, die es weiterhin durch exzessives Feiern zu verzögern sucht. Im Fall von Magnetic Man halte ich es zumindest ganz mit Arthur/Artwork: am Ende gibt es nur gute Musik oder schlechte. Das Team Magnetic Man gehört für mich auf jeden Fall zu den Guten.

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7 Kommentare

  1. 01

    Die Entwicklung von Dubstep ist wirklich interessant. In Deutschland kennen das viele noch gar nicht, aber es ist definitiv im Kommen. In UK ist man ja eh oft etwas schneller was die Akzeptanz neuer Stile angeht.

    Man merkt auch aktuell sehr stark, dass sich eine reifere Version von Dubstep bildet, die sich nicht nur auf wobbelnde Basslines stützt, sondern viel melodischer und dynamischer ist – und trotzdem ihren Biss behält.

    Ich habe auf meinem Blog auch schon öfter diesen etwas reiferen Dubstep vorgestellt, aber bisher sind die Reaktionen da noch eher verhalten. Das ist zwar schon ein Blog über elektronische Musik, aber die großen Genres kommen momentan noch besser an. Aber vielleicht ändert sich auch da mal was?

  2. 02

    Danke für den Bericht. Lustig das diese sich von Twitter kennen :)

  3. 03

    …das ist doch erst drei/vier jahre her, da durfte skream nur auf den kleinen floors spielen. Ich hab ihn eher so voll sympatisch und bescheiden und uk proll mäßig in erinnerung…die aufmachung auf dem obigen bild..oh mann…sieht so aus als hätte ihm jemand nen „hippen“ style verpasst.
    @marvis:
    is nich böse gemeint aber ich finde das is eher umgekehrt. Wenn man mal so „frühere“ hüpfeklassiker vergleicht, jetzt so skream „midnight request line“ und digital mystiks „anti-war dub“, dann sind die einfach sowas von verschieden, da is auch überhaupt kein gewobbel und das muss auch nicht alles langsam/halftime mäßig sein. ja oder so jemand wie geiom. ja klar, low frequency und so aber total offen alles.
    Dieser masse an massenhaften, leicht uninspirierten wobbel-wobbel, bumm-tchak tracks bin ich erst viel später begegnet. und diesem herumgeernste :D

  4. 04
    Anne Wizorek

    @Flo: Glaub mir, so ist Oliver/Skream auch immer noch drauf. :) Die Fotos sind halt offizielle Pressebilder und damit auch eine Erscheinung dessen, wenn man bei einem Major unterschreibt, tja.

    Ansonsten hat marvis aber nicht ganz unrecht, denn die Tracks, die es bis zu uns in die Clubs schafften, waren größtenteils schon eher die dicken Wobbel-Sachen (tolles Wort, übrigens :)). Also, ich kann das zumindest für Berlin so feststellen. Mir gefällt die verstärkte Entwicklung ins Melodiöse daher extrem gut, davon war ich auch schon immer angetaner, als 2step & Co. zu uns kamen. Welche ja übrigens mit Acts wie Artful Dodger ebenfalls erfolgreiche Ausflüge in die Charts machten. Ich bin echt gespannt, wie nachhaltig das im Fall von Acts wie Magnetic Man etc. sein wird.

  5. 05
    dubtron

    höre Dubstep seit knapp 7 Jahren ziemlich intensiv und bin etwas gespalten bei der ganzen Sache. Magnetic Man ist meiner Meinung nach (vor allem durch die verwendeten Vocals) klar an den Mainstream angelehnt – zu mindestens ein Großteil der Tunes auf dem Album. Aber das war auch schon der La Roux tune von Skream. Gib aber auch noch jede Menge anderer Artist in dem Genre (gab mal bei den Blogrebellen einen schönen/amüsanten Artikel über Dubstep der im falschen Bett geschlafen hat ), die da noch weiter den sound Richtung Pop ziehen.
    Ich gönne ihnen den Erfolg, denke aber nicht dass es jetzt zu einem Ausverkauf der Szene kommen wird. Dafür ist der Sound zu speziell -Techno/ House ist ja auch nie Mainstream geworden. Zu mindestens die Musik die ich darunter verstehe – genau so wirds mit dem Dubstep bleiben.
    Magnetic Man – auch wenn ich nicht alles gut finde ist auf jeden Fall tausend Mal besser als 80% der ganzen unkreativen Filthy wobble Brostep-Szene die in den letzten 3-4 Jahren aus allen Ecken Tunes rausschiessen.

    Danke für das Interview – hab ich gerne gelsesn :)

  6. 06
    Anne Wizorek

    @dubtron: Ja, es wird wie gesagt, interessant zu sehen, ob das bei Dubstep nun eine langfristige Entwicklung nimmt oder die Industrie halt mal wieder für ein Weilchen auf der Hype-Welle reitet. Ansonsten glaube ich aber schon, dass die Zunahme an Vocals Bestand haben wird, was mich ja nicht stören würde.

    Danke fürs Feedback! Freut mich sehr, dass dir das Interview gefallen hat. :)

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