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„Temporarily permanent“ – Interview mit Brett Anderson von Suede

Nach ganzen 7 Jahren sind Suede wieder zurück. Ja, genau diese Suede, von denen man bei ihrer Trennung dachte, dass sie sie sich auf ewig in Wohlgefallen und Soloprojekte auflösen würden. Wie es zur erneuten Zusammenkunft der Britpop-Helden kam, was er überhaupt heutzutage davon hält, wenn man das B-Wort mit Suede in Verbindung bringt, ob er sich als Pop-Ikone sieht, was Käsewürfel mit dem Rockstarleben zu tun haben und wie es sich anfühlt, wieder mit seiner alten Band auf der Bühne zu stehen, hat mir Brett Anderson in einem Interview verraten:

Spreeblick: Ich fürchte, jetzt muss ich dich erst mal mit der Frage nerven, die dir vermutlich gerade jeder stellt, deswegen tu einfach so, als hättest du die noch nie gehört…

Brett Anderson: Okay, ich versuche mein Bestes!

Wie ist es denn, wieder mit Suede auf der Bühne zu stehen? Fühlt es sich an, als wärt ihr nie getrennt gewesen oder müsst ihr euch in gewissem Maße auch erst mal wieder aneinander gewöhnen?

Nun ja, wenn man jemanden wirklich gut kennt, sich nahe stand, aber länger nicht gesehen hat, dann fühlt es sich ja lustigerweise nie so an, als wäre tatsächlich viel Zeit vergangen. Es ist dann eigentlich schon wieder seltsam, wie normal es sich anfühlt. Wir haben alle weitaus mehr Respekt für den jeweils anderen entwickelt, nachdem wir nicht mehr ständig aufeinander hockten und Abstand gewinnen konnten – zusammen touren, sich immer sehen, das kann schon sehr ermüdend sein. Das gesamte Bandgefüge führt außerdem dazu, dass man ziemlich unselbstständig ist. Wenn man permanent verhätschelt, alles für einen erledigt wird, dann kann man sich emotional halt auch nicht wirklich weiterentwickeln. Insofern haben die 7 Jahre Trennung sehr viele positive Veränderungen gebracht, wir sind erwachsen geworden.

Also nehmt ihr die Erfahrungen der letzten Jahre und knüpft wiederum an die Vergangenheit an?

Wir haben jetzt alle viel mehr Spaß, wir verstehen uns gut. Nicht, dass dies vorher überhaupt nicht der Fall gewesen wäre, aber mittlerweile scheint es irgendwie einfacher geworden. Das Wichtigste bleibt allerdings die Erfahrung, wieder zusammen auf der Bühne zu stehen und die ist einfach unglaublich aufregend. Wenn dem nicht so wäre, würden wir das alles gar nicht erst tun. Bisher gab es ja nur 4 Auftritte [Anm.: Mittlerweile sind es ein paar mehr geworden]. Aber das Konzert in der Royal Albert Hall, weswegen wir uns ursprünglich wieder zusammengetan hatten, war vermutlich unser bestes bislang. Es war etwas ganz Besonderes und die Erinnerung daran ist so nah, das ist großartig. Ich wäre schon traurig, wenn ich sagen müsste, dass meine schönste Erinnerung an uns aus dem Jahr 1993 stammt.

Kurz zusammengefasst: ihr wolltet anfangs nur eine Show zusammen machen, das war im März für den Teenager Cancer Trust in der Royal Albert Hall. Doch dann hattet ihr plötzlich so viel Spaß daran, dass ihr weitermachen wolltet?

Ja, im Prinzip war’s das schon. Wir fühlten uns alle fantastisch dabei. Das war keine bloße Nostalgie, sondern es passierte hier und jetzt. Die Songs sind wundervoll, wir treten so gerne mit ihnen auf, warum also nicht ein paar mehr Konzerte geben und schauen, wie’s uns damit ergeht? Unser Manager schlug gleich die riesige O2 Arena in London vor und in Verbindung mit ein paar weiteren Europa-Terminen haben wir uns einfach mal darauf eingelassen.

Was jedoch passiert, wenn der Dezember vorbei ist: keine Ahnung! Es gibt keinen geheimen großen Plan dahinter oder so. Für uns ist es in erster Linie wichtig, dass sich alles weiterhin so besonders anfühlt. Sollte das nicht mehr der Fall sein, werden wir auch ziemlich schnell wieder damit aufhören. Wenn ich so auf die Geschichte der Band zurückblicke, dann bereue ich, sie nicht früher verlassen zu haben. Unsere letzte Platte entsprach nicht unserem Können und als wir uns zurückzogen, hat das leider einen üblen Nachgeschmack bei einigen Leuten hinterlassen, obwohl wir in der Vergangenheit tolle Arbeit geleistet hatten. Wenn ich also eins gelernt habe, dann dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist.

Spaß als Motivationsgrund ist ja sowieso nicht zu überbieten…

Genau. Das muss einfach der Motor für alles sein. Es würde natürlich niemand widersprechen und sagen, dass Geld bei derlei Dingen gar keine Rolle spielt, aber wenn das tatsächlich der einzige Grund ist, durchschauen einen die Leute schnell. Du musst auf der Bühne schließlich an das glauben, was du machst.

Und welche Art von Konzerten magst du lieber? Die intimen Gigs in kleinem Rahmen oder die Riesenshow im Stadium?

Mir ist eigentlich egal, ob sie größer oder kleiner sind, aber ich mag vor allem Konzerte, bei denen ich mit dem Publikum kommunizieren kann. Für mich geht’s darum, diesen Kontakt herzustellen und damit quasi eine weitere Verknüpfung innerhalb einer ganzen Kette. Wenn die Band gut ist, reagieren die Leute entsprechend darauf, was die Musiker wiederum dazu antreibt, noch besser zu werden. Das ist es jedenfalls, was in meinen Augen einen guten Gig ausmacht, dieser Austausch von Energien. Es hat schon etwas sehr Körperliches, wenn das Publikum und ich auf diese Weise miteinander kommunizieren. Ich hasse Konzerte, bei denen man so weit entfernt von den Leuten ist, dass man sie nicht einmal sehen kann. Mir fehlt dann ein entscheidendes Element.

Eine Freundin von mir ist Fan der ersten Stunde und ebenso eine große Bewunderin deiner Mikrofontanzkünste. Sie wollte daher wissen, ob das alles eher instinktive Bewegungen sind oder du vielleicht auch schon mal vor dem Spiegel geübt hast?

(Lacht) Das ist keine Choreographie. Es ist halt meine Art, auf die Musik einzugehen. Ich lasse einfach los und mache, wonach mir gerade ist. Es ist also eine äußerst instinktive Angelegenheit. Ich fühle mich dadurch in der Lage, alles Mögliche zu tun.

Du sagtest ja bereits, dass Suede zur Zeit eher als etwas Temporäres anzusehen ist. Könntest du dir denn vorstellen, irgendwann auch mal wieder Teil einer anderen Band zu sein oder würdest du stattdessen lieber mit deinen Solosachen weitermachen?

Suede kann man momentan wohl als „temporarily permanent“ bezeichnen. Ansonsten habe ich tatsächlich gerade mein neues Soloalbum fertig abgemischt. Dieses Jahr hatte es so schon ziemlich in sich, doch gerade die letzten Monate waren purer Wahnsinn. Das einzige Zeitfenster, was sich fürs Mischen des Albums ergab, war vor ein paar Wochen und selbst dann war ich immer noch inmitten der ganzen Promotion für Suede.

Aber so ist dieser Job eben: mal hat man unglaublich intensive Arbeitsphasen und zu anderen Zeiten wiederum kaum etwas zu tun. Das ist halt kein „9 to 5“ Job. Am liebsten habe ich im Winter ganz viel zu tun und lenke mich so vom deprimierenden Wetter ab. Im Sommer dagegen mache ich lieber nichts und liege dafür faul in der Sonne.

Als Teil der einflussreichsten Band dieser Ära: Was denkst du heute, wenn du den Begriff Britpop hörst?

Unsere Beziehung zum Britpop ist eine sehr merkwürdige, weil wir das Ganze gewissermaßen initiiert haben. Suede war im Grunde die erste Band, die dieser Musikrichtung zugeordnet wurde. Als wir unser erstes Album rausbrachten, existierte diese Bezeichnung noch nicht einmal. Andere Bands haben das, wofür wir standen und diesen neuen Begriff hingegen förmlich an sich gerissen und ihn damit abgewertet, möchte ich meinen.

Der Tenor unserer ersten Platte ist von einer traurigen Eleganz geprägt. Das wurde jedoch von anderen Bands geradezu banalisiert und gewissermaßen in eine bierselige, alberne Version davon umgewandelt. Ich schrieb von Dingen wie Entfremdung und Armut, insbesondere im britischen Kontext. Mir ging es nie darum, den Union Jack hin und her zu wedeln und Quatsch zu machen. Insofern fühle ich mich auch nicht besonders wohl damit, wenn man Suede als Britpop bezeichnet, da es uns nicht gerecht wird. Ich verstehe allerdings, dass Menschen diese Schubladen irgendwie brauchen.

Mir ist klar, dass das nun eine schwierige Frage ist, aber siehst du dich eigentlich in der Rolle der Pop-Ikone?

Keine Ahnung. Das müssen Andere entscheiden. Ich bin aber auch nicht so sehr auf mich fixiert, als das mich das überhaupt interessieren würde. Es gibt ja im Prinzip immer zwei Persönlichkeiten von dir: dein wahres Ich und dann die Rolle, die du nach Außen trägst. Nur wenige Leute kennen ja dein wahres Ich, selbst unter deinen engsten Freunden. In meinem Fall erleben so viele Menschen meine äußere Rolle und glauben mich zu kennen, sodass ich natürlich auch schneller Opfer von Fehlinterpretationen werde. Der Begriff der Ikone ist allerdings sehr stark. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich andere Menschen zu ihrem Schaffen inspiriert habe. Ob mich das jedoch gleich zur Ikone macht, müssen die dann entscheiden.

Hast du eine Muse, bist du ein Schichtarbeiter, entfliehst du der Routine – In welchen Momenten bist du überhaupt am kreativsten?

Das ist nicht so leicht. Meiner Meinung nach muss man daran arbeiten. Ich sitze nicht einfach nur rum und warte, bis es mich überkommt. Ich versuche auch immer, diese inspirierenden Augenblicke selbst herbeizuführen. Das bedarf großer Ausdauer und Dispziplin, man muss kulturellen Einflüssen gegenüber offen sein. Ich versuche da vom Gemälde bis zur Lyrik alles aufzunehmen. Mich erreicht die Inspiration nicht, wenn ich alleine auf dem Hotelzimmer sitze.

Außerdem nehme ich mir die Zeit zum Schreiben: ca. 5 Monate im Jahr sind direkt dafür vorgesehen und ich konzentriere mich nur darauf, den Rest der Zeit schreibe ich dagegen nichts mehr. Etwas wie das hier [Anm.: die Interviewsituation] macht zwar Spaß und ist Teil des großen Ganzen, aber es inspiriert mich nicht. Mit der Kreativität ist es wie bei jeder Form von Beziehung: wenn man nichts investiert, wird auch nichts dabei herauskommen. Deswegen muss man sie füttern oder auch gießen, wie eine Pflanze.

In einem Kurzportrait über dich, das dieses Jahr vom Guardian veröffentlicht wurde lautete eine Frage: „Was gilt als größter Mythos der Rockwelt?“ Deine Antwort darauf war: „Dass es sich hierbei um die Verkörperung von Glamour handelt. Tatsächlich geht es nämlich die meiste Zeit darum, hinter der Bühne auf schmuddeligen Sofas zu sitzen, während man an Käsewürfeln rumfummelt.“

(Lacht) Also, wir haben hier zwar gerade keinen Käse (guckt sich noch mal um), aber die meisten Menschen sehen halt nicht, dass man sich die Hälfte seiner Zeit mit extrem langweiligen Dingen herumschlägt. Das wollte ich damit ausdrücken.

Und mir wäre es wohl kaum besser gelungen. Hast du denn selbst an diesen Mythos geglaubt, bevor du Musik zu deinem Beruf gemacht hast?

Das tut wohl jeder. In einer Band zu sein, verbinden die meisten sofort mit Supermodels und Kokain – oder mit Supermodels, die Kokain nehmen. Das ist halt das Klischee. Doch deswegen fängt man ja nicht an, Musik zu machen. Die anderen Sachen bilden lediglich das Drumherum und für ein paar Jahre macht es vielleicht sogar auch Spaß, sich dem hinzugeben. Doch dann stellt man ziemlich schnell fest, dass sie keinen Sinn haben und wird schlicht erwachsen. Je älter ich werde, desto mehr geht es wirklich um die reine Musik. Wenn du nach 20 Jahren in diesem Geschäft immer noch dem so genannten Glamour hinterherrennst, dann solltest du besser einen Psychiater aufsuchen.

Findest du denn, dass die Industrie, welche hinter professioneller Musik steht, in gewissem Maße auch ungesund für das ist, was ein Musiker eigentlich machen möchte?

Natürlich ist sie das. Menschlich als auch beruflich gesehen. Wenn man anfängt, Musik zu machen, sind die Beweggründe vollkommen unverfälscht. Ich kann selbstverständlich nur für mich selbst sprechen, aber als wir begonnen haben, wollten wir einfach abgefahrene, kompromisslose Lieder machen, die andere Menschen zu Neuem anregen sollte. Aber wenn man erst einmal Erfolg hatte, neigt man leider dazu, diesem hinterher zu hecheln, anstatt sich den eigentlichen Inspirationsquellen zu widmen. Zum Beispiel, sobald man einen Hit im Radio hatte und der nächste Song einfach genauso klingen soll.
Wenn man sich dieser ungesunden Seite der Maschinerie nicht bewusst ist, frisst sie einen auf. Wahrscheinlich passiert das sogar jedem an dem ein oder anderen Punkt seiner Karriere. Man kann dieses komplette „Ökosystem“ allerdings auch nicht mehr rückgängig machen. Wenn du Musiker bist und deine Arbeit bekannt machen möchtest, musst du dich dort einfügen, brauchst die Radiosender und die Presse. Mit der entsprechenden Erfahrung schafft man es aber auch, sich dadurch nicht verbiegen zu lassen.

Tot oder lebendig, wenn du es dir aussuchen könntest, von welchen Künstlern würdest du dir denn wünschen, dass sie wieder sich wieder zusammentun?

(Überlegt etwas länger) Ich glaube, da gibt es niemanden, denn Wiedervereinigungen von Bands sind in der Regel selten eine gute Idee. Das klingt nun selbstverständlich etwas widersprüchlich, wenn man bedenkt, dass ich Suede gerade erst wieder versammelt habe. Das Risiko der Enttäuschung ist jedoch einfach zu groß und es gab schließlich immer einen Grund für die Trennung.

Es wäre natürlich fantastisch, zum Beispiel die Beatles wieder auftreten zu sehen! Das aber vermutlich auch nur einen Song lang und dann würde man sich zu seiner Konzertbegleitung umdrehen und sagen: „Hm, das habe ich mir irgendwie toller vorgestellt.“ Ich glaube ehrlich gesagt, dass es oft viel aufregender wäre, bei einem Waswärewenn zu verbleiben. Die beste Live Band, die ich je gesehen habe, war The Cult bei ihrem Konzert 1983 in Brighton. Es war einfach absolut umwerfend, Ian Astbury ist wirklich ein grandioser Künstler. Als The Cult sich im letzten Jahr wiedervereinten, bin ich natürlich in die Royal Albert Hall gegangen und habe sie mir angeschaut. Es war gut, aber halt auch nicht dasselbe. Ich will das trotzdem nicht grundsätzlich abwerten und zynisch klingen – Bandwiedervereinigungen befinden sich halt in einer gewissen Grauzone. Ich glaube ehrlich an das, was wir tun, wenn ich nun wieder mit Suede auf der Bühne stehe und die bisherigen Konzerte bestätigen das.

Am 7. Dezember haben Suede nun das letzte Konzert ihrer kleinen Reunion-Tour gegeben und dafür besagte O2 Arena in London ausverkauft. Am Ende sagte Brett Anderson etwas wie „Hopefully we’ll see you again“. Na dann schauen wir doch mal, was 2011 den Fans von Suede bringen wird.

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5 Kommentare

  1. 01
    Dirk von Lowtzow

    ey, das bin ja ich!

  2. 02
    Brian Ferry

    ach, du auch?

  3. 03
    Anne Wizorek

    @Dirk von Lowtzow: Es ist egal, aber: Nee, biste nicht!

    @Brian Ferry: Seit wann schreibst du dich eigentlich mit einem „i“?

  4. 04
    Bryan Ferry

    Seit meiner Zeit bei Roxi Music.

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