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Über die Verharmlosung von sexuellen Straftaten

Während wir in dieser Zeit des allzu spürbaren Umbruchs erst noch verstehen lernen müssen, welches Ausmaß eine Plattform wie Wikileaks auf politische und somit gesellschaftliche Entwicklungen und unser demokratisches Verständnis tatsächlich hat, zeichnet sich im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Julian Assange eine Tendenz der Meinungsäußerung ab, welche ein ganz spezielles Risiko in sich birgt. Die Verharmlosung von sexuellen Straftaten.

Zur eigentlich unnötigen Erinnerung: Der Haftbefehl gegen den Wikileaks-Gründer wurde wegen des Vorwurfs der Nötigung, sexueller Belästigung und Vergewaltigung erlassen (hier das schwedische Original und die Aktualisierung nach der Festnahme). Widerwärtige Verbrechen für die er, sollten sich die Anschuldigungen als wahr herausstellen, verurteilt werden muss. So einfach ist es und zugleich doch so schwer. Denn selbstverständlich muss auch in seinem Fall die Prämisse „Im Zweifel für den Angeklagten“ gelten.

Einigen Unterstützern und Befürwortern von Wikileaks scheint der ungeklärte Vorwurf allerdings bereits Anlass genug, sich mit Abwertungen bis hin zu schlimmen Abfälligkeiten über die potentiellen Opfer zu äußern. Im Zweifel für sie zu sein, ist hier offenbar erst gar keine Option, schließlich sind sie ja lediglich Teil einer Schmutzkampagne gegen Assange. Stattdessen werden in unzähligen Tweets und Blogposts, zusätzlich zur Unwissenheit über die schwedische Gesetzeslage, Bilder geprägt, die im Kontext von Vergewaltigungsvorwürfen leider allzu verfestigt sind. Besonders, wenn es sich beim Beschuldigten um eine prominente Person handelt.

Die amerikanische Autorin und Aktivistin Jaclyn Friedman hat dies in ihrem Artikel „What we talk about when we talk about rape“ folgendermaßen beschrieben:

Sobald der Vorwurf einer Vergewaltigung in den Nachrichten erscheint (meistens, weil der Angeklagte berühmt ist), wird dieser mit unserer kollektiven, unterbewussten Vorstellung dessen verglichen, wie eine „Echte Vergewaltigung“ […] aussieht. Zur Erinnerung: Der Vergewaltiger ist ein furchterregender Fremder mit einer Waffe, noch besser ein armer Farbiger [„poor man of color“]. Das Opfer ist eine junge, weiße, recht hübsche, nüchterne, unschuldige Jungfrau. Außerdem gibt es Zeugen und/oder unbestreitbare physische Beweise, und das Opfer rennt zu den Autoritäten, sobald der Angriff vorbei ist.

In Wirklichkeit passieren tatsächliche Vergewaltigungen fast nie nach dieser Vorstellung. Die meisten Vergewaltiger benutzen keine Waffen, sondern Alkohol oder Drogen, um den Übergriff zu erleichtern, und die wenigsten berühmten Männer, deren Anklägerinnen mediale Aufmerksamkeit erhalten, sind arme Farbige. Es passiert nicht in einem Vakuum, wenn den Opfern Schuld vorgeworfen oder hinterfragt wird, warum ihre Darstellung nicht unserer Vorstellung von Vergewaltigung entspricht. Millionen von Menschen sehen und hören zu, während solche Vergewaltigungsmythen bis zum Gehtnichtmehr wiederholt werden.

Der grausame Effekt: Menschen, denen sexuelle Gewalt widerfährt, zweifeln verstärkt daran, ob sie überhaupt richtig einschätzen, was ihnen angetan wurde und trauen sich dementsprechend immer seltener, rechtliche Schritte gegen die Täter einzuleiten. Dass dies ebenso durch Retweets geschmackloser Witze unterstrichen wird, bedarf wohl keiner weiteren Betonung. In Bezug auf den Fall Julian Assange verschärfen sich diese Umstände sogar noch in äußerst grotesker Art, da die Realität um das Stellen eines Sexualstraftäters eine gänzlich andere und sehr traurige ist, wie die Feministin Naomi Wolf ausführlich bei der Huffington Post zusammenfasst:

[…] für die zehntausenden Frauen, die entführt und vergewaltigt, mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt, gruppenvergewaltigt, mit scharfen Gegenständen vergewaltigt, geschlagen und vergewaltigt, als Kinder vergewaltigt, von Bekannten vergewaltigt wurden – und die immer noch auf den kleinsten Hauch von Gerechtigkeit warten –, ist die höchst ungewöhnliche Reaktion Schwedens und Großbritanniens auf diese Situation ein Schlag ins Gesicht. Sie scheint allen Frauen in Großbritannien und Schweden, die beim Vorwurf eines Sexualverbrechens ernst genommen werden wollen, klarzumachen, dass sie sichergehen sollten, dass der Mann, den sie anklagen, zufälligerweise auch noch die mächtigste Regierung der Welt bloßgestellt hat.

Die Bedeutung von Wikileaks also einmal außen vor gelassen und eine politische Motivation des Haftbefehls beiseite geschoben, halte ich es daher ganz mit den Worten von Jill Filipovic und bitte jeden, der sich zum Fall Assange äußern möchte, diese im Hinterkopf zu behalten:

[…] auch wenn die Heftigkeit von Assanges Verfolgung klar politisch motiviert ist, bedeutet dies nicht, dass die Vorwürfe gegen ihn dadurch völlig unglaubhaft sind oder er sich diesen Vorwürfen nicht stellen muss. Tatsächlich kann man Wikileaks unterstützen und gleichzeitig sein Urteil darüber zurückhalten, ob sich Assange der Vergewaltigung strafbar gemacht hat und vor allem darüber, ob die Frauen lügen. Wenn man die beteiligten Frauen diskreditiert, schafft man ein feindliches Klima für Überlebende von Vergewaltigungen und erneuert die furchtbaren alten Klischees über Frauen und Vergewaltigungen.

Nachtrag:

Zu Naomi Wolf – Ja, selbst sie als langjährige Feministin hat es geschafft, sich abfällig über die Frauen im Fall Assange zu äußern (Auszug: „Both alleged victims are also upset that he began dating a second woman while still being in a relationship with the first.“) und wurde deswegen auch absolut zu Recht kritisiert. Dessen war ich mir bewusst, als ich diesen Post schrieb. Im Grunde ist sie damit nämlich leider ein perfektes Beispiel für das hier angesprochene Problem: Wenn sogar mit dem Thema der Sexualstraftaten vertraute Menschen plötzlich in diesem Kontext mit ekligen Klischees aufwarten, ist das Risiko einer solchen Art der Diskussionsführung mehr als offensichtlich.

Differenzierung sei ihr natürlich dennoch ebenso zugestanden. Ihre Äußerungen ändern nämlich nichts daran, dass es stimmt wenn sie sagt, dass die an der Suche nach Assange beteiligten Staaten eine falsche Botschaft senden, da andere, weitaus schwerere Sexualstraftaten abwertet bzw. vollkommen ignoriert werden. Hier liegt die Verharmlosung also auf staatlicher Seite, ist dadurch aber logischerweise nicht ungefährlicher in Bezug auf das geprägte Bild von Vergewaltigungsopfern und stellt somit für mich nicht zwingend einen logischen Bruch dar, als den ihn offenbar einige empfinden.

Zum Sex mit Einverständnis – Hierzu sei ebenfalls Jill Filipovic zitiert, dieses Mal aus ihrem generell sehr lesenswerten Artikel „Some thoughts on ’sex by surprise'“:

If you consent to sex but then at some point during sex withdraw that consent by telling your partner to stop, your partner should stop, and if your partner doesn’t stop then that’s assault. It’s not too hard, for those of us who have had sex, to imagine how this works — I have a difficult time imagining any decent human being hearing their partner say “Stop!” in the middle of sex and not, you know, stopping. I can’t imagine hearing my partner say “Stop” and not stopping. And if your partner is saying “Stop stop stop stop!” and you keep going, yes, you are raping them.

Zusammengefasst heißt dies also, dass ein anfängliches Einverständnis selbstverständlich kein Freifahrtschein ist, wenn während des Geschlechtsverkehrs etwas passiert, das die sexuelle Integrität eines Partners verletzt. Und wenn zum Beispiel die Bedingung für das Einverständnis das Tragen eines Kondoms war – was für jeden mit nur einem kleinen Maß an Verstand nachvollziehbar ist, der Spaß an Sex haben und zugleich ungewollte Schwangerschaften und/oder die Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten vermeiden möchte – dann fällt dies nun mal darunter. Einfach schlafend neben jemandem zu liegen, ist darüber hinaus natürlich fern jeglichen Einverständnisses. Weshalb das für manchen nicht nachvollziehbar ist, kann ich wiederum nicht verstehen.

Allgemein – Es geht mir darum, darauf hinzuweisen, wie leider zu oft über Sexualstraftaten und deren Opfer geredet wird, wenn wie zum Beispiel im Fall Assange ebenso der Verdacht der Instrumentalisierung besteht. Diese Unsachlichkeit kann immer nur Schaden anrichten und mein Hinweis gilt freilich Männern gleichermaßen wie Frauen.

95 Kommentare

  1. 01
    Richard

    @#777891: Na weil Wolf ja in eine ganz andere Kerbe schlägt als du. Während es in deinem Artikel um die Verharmlosung von Sexverbrechen geht, kritisiert Wolf die Art und Weise wie plötzlich ein ganzer Apparat, der Vergewaltigungsopfern sonst ganz selten zur Verfügung steht, anläuft.

    Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, und ihren Artikel zur Untermauerung deiner Argumente herzunehmen, schwächt deinen Artikel einfach, weil da keine logische Stringenz herrscht.

  2. 02
    Richard

    @#777891: Ach, und falls es in dem von dir zitierten Artikel nicht klar genug rauszulesen ist, Wolf hat ihre Bedenken, etwas polemischer, auch hier zusammengefasst: http://www.huffingtonpost.com/naomi-wolf/interpol-the-worlds-datin_b_793033.html

  3. 03
    okol

    Liebe Anne,

    das war ja wohl leider ein Griff ins Klo. Hättest du den Fall Kachelmann genommen, dann gäbe es nichts einzuwenden an deiner Intention „Über die Verharmlosung von sexuellen Straftaten“ zu schreiben.

    In diesem Fall wäre wohl eher „Über die Verharmlosung den Vorwurf einer sexuellen Straftaten als (politisches) Druckmittel einszusetzen um einen Menschen zum Schweigen zu bringen“ korrekt und die bessere Wahl gewesen. Die gesamte Geschichte mit dem Hin und Her – erst war es keine Vergewaltigung und die 2!!! (klar, man vergewaltigt gleich mal 2 – doppelt hält besser) Damen haben im Internet geprahlt, dann haben sie sich getroffen, dann war es eine, dann wieder nicht, dann Haftbefehl, dann wieder aufgehoben, dann keine Vernehmung uns Aureiseerlaubnis, dann EU-Haftbefehl, dann Festsetzung, dann Einspruch gegen Kaution, … sorry, aber wer bei dieser Farce ernsthaft an eine Vergewaltigung glaubt, der hat nicht meht alle Latten am Zaun.

    Denn was gibt es für ein einfacheres Mittel einen Mann fertig zu machen, als ihm Vergewaltigung vorzuwerfen? Wie will man als Mann seine Unschuld beweisen. Ich wüsste nicht, was ich machen könnte, wenn meine Freundin morgen zur Polzei geht und behauptet ich hätte sie vergewaltigt. Mein Leben wäre ruiniert, egal wie der Prozess ausgehen würde. Es bleibt immer was zurück. Allein die Anschuldigung reicht. Das ist nicht nur so bei Prominenten wie Andreas Türck und Kachelmann.

    Wieso hab ich noch keinen Artikel gelesen über Männer die zu Unrecht angeklagt wurden und deshalb danach ihr komplettes Leben versaut war? Familie wendete sich ab, Freunde weg, Job weg, … ja so läuft das idR.

    Um nochmal anzumerken:
    Opferschutz bedeutet auch unschuldig Angeklagte zu schützen.

  4. 04

    In Schweden kann man wegen Vergewaltigung verurteilt werden, wenn man mit einer Frau ohne Kondom Sex hat. Und das war bei Assange wohl der Fall. Von Vergewaltigung, wie wir es verstehen, ist keine Rede. Assange hatte mit den Frauen einvernehmlichen Sex und keine Gewalt angewendet.

    Wenn man solche heiklen Themen aufgreift, muss man sich schon ganz, ganz genau informieren, bevor man sich eine Meinung bildet und sie publiziert.

  5. 05
    david

    @okol:

    Wieso hab ich noch keinen Artikel gelesen über Männer die zu Unrecht angeklagt wurden und deshalb danach ihr komplettes Leben versaut war?

    Weil du sie nicht gesucht hast. Sehr prominent in der Zeit, es gab ein ganzes Dossier:
    http://www.zeit.de/2002/19/200219_irrtum.xml

  6. 06
    Michael_DF

    Der komplette Artikel ist glaube ich nur in der sonntaz.
    Trotzdem, da passend zum Thema:
    http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/ploetzlich-hat-er-mir-eine-gescheuert/

  7. 07
    leo

    Vielleicht geht es dann in der übernächsten Diskussion darum, ob es ethisch vertretbar ist, den Friedensnobelpreis einem verurteilten Sexualstraftäter zu überreichen. Es wäre dann interessant zu sehen, ob das Komitee den Preis wieder einem Stuhl überreicht, oder ob sie vielleicht ein paar hundert Meter zur Vollzugsanstalt laufen.

  8. 08
    Martin

    Guter Artikel.

  9. 09
    irreversibel

    @monettenom:
    OMG. Vielleicht solltest Du mal genau das tun (Dich ganz, ganz genau informieren – und zwar bei seriösen Quellen) bevor Du hier so einen Bullshit ablässt.

  10. 10
  11. 11

    Assange zu verteidigen indem man die beiden Klägerinnen angreift geht am Thema vorbei.

    Mal grob wiederholt: Assange ist in Schweden angeklagt. Er wird in GB festgehalten, und das Land, das seine Auslieferung fordert, und in dessen medialer Öffentlichkeit dieser Fall am schärfsten diskutiert wird sind die USA. Zumindest bilde ich mir ein, dass nur dort gefordert wird ihn umzubringen oder zumindest nach dem 1917 Espionage Act anzuklagen (http://www.huffingtonpost.com/naomi-wolf/post_1394_b_795001.html).

    Der Fall in Schweden wird herangezogen um zu *beweisen*, dass Assange
    ein (juristisch) verurteilungswerter Charakter ist, und weil er emotionalere Diskussionen erlaubt. Da Assange die Welt, (vielleicht, hoffentlich) mit Aussnahme der schwedischen Gerichtsbarkeit wg. Wikileaks interessiert wäre es sinnvoll, sich mit Wikileaks zu beschäftigen anstatt mit den „mächtigen Waffen der Frauen“.

  12. 12
    Lalla

    Was mich ja wundert ist, dass viele Leute außer Acht lassen, dass es gar keine Anklage gegen Julian Assange gibt. Er soll lediglich zu den Vorwürfen befragt werden.

    Und ich denke, der momentane Umgang damit, da kann man zu recht von einer Schmutzkampange sprechen. Ob die Vorwürfe grechtfertigt sind oder nicht, darauf möchte ich auch nicht eingehen.

    http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/wikileaks-julian-assange-moeglicherweise-bald-wieder-auf-freiem-fuss_aid_582020.html

    (Ja, ich weiß, der Focus ist nicht gerade für Seriösität bekannt, aber genau das hat die Staatanwältin am Anfang, als der Haftbefehl erlassen wurde auch betont, er solle nur befragt werden, eine Anklage läge ausdrücklich nicht vor!)

  13. 13
    Anne Wizorek

    Es gibt einen Nachtrag, der ein paar der hier aufgekommenen Fragen und Missverständnisse klären sollte. Bitte also noch mal alles lesen. :)

    @#777866: Danke, es war mir mittlerweile auch echt ein Bedürfnis.

    @#777880: Vielen Dank für die Ergänzungen!

    @#777902: Merci. Der „Hype“ ist ja allerdings nicht unberechtigt. Nur gehört der eben auch in einen ganz anderen Kontext.

  14. 14
    Floda Nashir

    »… und trauen sich dementsprechend immer seltener, rechtliche Schritte gegen die Täter einzuleiten« entspricht nicht meiner Beobachtung.

  15. 15
    Anne Wizorek

    @#777885: Ein Link zur Daily Mail als Faktenbasis? Hast du da nicht die Ironie-Tags vergessen?

  16. 16
    cjs

    Entschuldigung Anne, aber natürlich gibt es ein paar erhebliche Probleme mit der argumentativen Stringenz deines Textes, wenn Du einerseits schreibst: „Im Zweifel für sie zu sein, ist hier offenbar erst gar keine Option, schließlich sind sie ja lediglich Teil einer Schmutzkampagne gegen Assange. Stattdessen werden in unzähligen Tweets und Blogposts, zusätzlich zur Unwissenheit über die schwedische Gesetzeslage, Bilder geprägt, die im Kontext von Vergewaltigungsvorwürfen leider allzu verfestigt sind. Besonders, wenn es sich beim Beschuldigten um eine prominente Person handelt.“ Und andererseits im nächsten Atemzug Naomi Wolf zustimmend zitierst, die genau das macht was du kritisierst und zwar auch genau in dem Text und zum Teil auch in der Textstelle die du wiedergibst. Wolfs Aufzählung brutaler Vergewaltigungen dient in dem Text nämlich genau dazu, Bilder zu prägen, „die im Kontext von Vergewaltigungsvorwürfen leider allzu verfestigt sind“. Wenn Du die Vorwürfe gegen Assange in deinem Nachtrag mit „anderen, weitaus schweren Sexualstraftaten“ kontrastiert, bist du Wolf leider voll auf dem Leim gegangen.
    Auch ist mir nicht ganz klar, warum die an der Strafverfolgung von Assange beteiligten Staaten ein falsches Signal senden, wenn sie auch Sexualstraftaten verfolgen, die dem Klischee einer brutalen, anonymen Vergewaltigung nicht entsprechen? Aus feministischer Perspektive würde man sich doch wünschen, dass auch solche, vermeintlich gewaltfreien Vergewaltigungen von den Behörden ernst genommen werden. Das sendet doch gerade das Signal, dass es nicht wie in dem von Friedman geschilderten Szenario zugehen muss, damit Anschuldigungen nachgegangen wird.
    Wolfs Text zielt natürlich im Kern darauf ab, dass Sexualstraftaten hier von Schweden, Großbritannien, dem CIA und den Illuminaten instrumentalisiert werden, um Assange mundtot zu machen. Da mag etwas Wahres dran sein, aber Wolf kann nicht der Versuchung widerstehen sich dabei über die Anschuldigungen der beiden Frauen lustig zu machen, die von ihnen beschrieben Vorfälle zu bagatellisieren und sich im gleichen Atemzug auch noch als Oberfeministin zu stilisieren. Diese Scheinheiligkeit wäre doch mal einen Artikel wert gewesen.

  17. 17
    Rokkoko

    Ganz Schwach, Spreeblick!
    Damit seid ihr aus meinen Favoriten geflogen. So einen politisch korrekten Gutmenschen-Moralismus hätte ich euch nicht zugetraut.

    Da eure Arbeitsqualität meistens den Anforderungen entsprach, wünsche ich euch alles Gute. Vor allem Gesundheit.

  18. 18
    anonym

    Ich weiß wirklich nicht, was Sie mit dem Text sagen wollen. Mein Eindruck ist, daß Sie es selbst nicht ganz genau wissen, weil Sie sonst nicht am Schluß Ihres Textes eine Art Zusammenfassung gebracht hätten.

    Es ist doch leider so, daß dieses ganze Thema extrem unangenehm, unappetitlich und völlig witzlos ist. Wenn Staaten wie Schweden leider eine völlig unangepaßte und völlig überzogene Gesetzgebung haben, dann können doch nicht in erster Linie die Leute dafür, die in Schweden leben, sondern der Staat selbst bzw. der dortige Gesetzgeber, der (überraschenderweise) nicht über genug Lebensklugheit verfügt, unsinnige Gesetze zu vermeiden.

    Was den Fall Assange betrifft, so liegt es doch auf der Hand, daß kein Beobachter sich dem Eindruck entziehen kann, daß hier Interessen am Werk sind, die andere Ziele verfolgen, als nur eine gerechtfertigte Anklage in einem begrenzten Strafrechtsverfahren in Schweden zu erreichen. Wenn gleich zwei Frauen fast zeitgleich auf Assange (immerhin eine sehr bekannte Person!) losgehen, um ihn hinterher in Rekordzeit und nach gegenseitiger Absprache anzuzeigen – dann müssen diese beiden Personen so etwas von strohdumm sein, um die Konsequenzen vorher nicht gesehen zu haben, daß es dafür keine einleuchtende Erklärung gibt. Und Assange ist natürlich vehement vorzuwerfen, sich mit diesen beiden Personen überhaupt eingelassen zu haben, wo er noch viel eher hätte sensibilisiert sein müssen, wie gefährdet er wirklich ist, denn darüber hätte bei ihm ja keine Sekunde ein Zweifel bestehen dürfen.

    Ich kann mir gut vorstellen, daß es für ein Vergewaltigungsopfer traumatisch wirkt, wenn ihm nicht geglaubt wird (womit es aber zwangsläufig rechnen muß). Andererseits geht doch nichts so leicht, wie die Verdächtigung einer Vergewaltigung in die Welt zu setzen, ohne daß der Betroffene jemals die Möglichkeit hätte, die Zweifel an seiner Unschuld wieder völlig auszuräumen. Etwas Perfideres in der modernen Zivilisation gibt es also fast gar nicht. Dem schwedischen Staat muß man den harschen Vorwurf machen, daß er durch unsinnige Gesetze solchen Machenschaften unnötig Vorschub leistet.

  19. 19

    @OliverG: Noch schnell eine Antwort auf die Frage, warum Assange nicht wegen Wikileaks angezeigt wird. Ich würde sagen, weil die USA – und GB und Schweden erst recht – anders als Iran eben Rechtsstaaten sind. Es braucht eine Rechtsgrundlage für eine Anklage und einen Haftbefehl. Die gibt es nicht. Eher im Gegenteil. Das Tun von Wikileaks wird auch von der Rechtssprechung der USA tendenziell geschützt. Das Geschrei von Joe Liebermann allein bringt einen nicht hinter Gitter. Noch nicht.
    Der Aufwand, den die Justiz um Assange treibt, hat – das ist auch klar – etwas mit seiner Prominenz zu tun. Um Otto Normal hätten sich weder die Opfer noch die Staatsanwältin und auch nicht Interpol besondere Mühe gemacht (Leider?!). Doch bin ich überzeugt, dass es allein die Prominenz ist, die Assange jetzt Schwierigkeiten bereitet. An CIA-Verschwörung zu glauben, dafür gibt es nicht wirklich glaubhafte Indizien.

  20. 20

    Und noch ein Wort zu denen, die glauben, dem schwedischen Staat wegen seiner Gesetzgebung rund um sexuellen Missbrauch den Status der Rechtsstaatlichkeit aberkennen zu wollen. Schweden ist Teil des Europäischen Rechtsssystems. Im Zweifel müssen die Urteile dortiger Gerichte sich der Überprüfung durch europäische Instanzen unterwerfen. Macht Euch mal keine allzu großen Sorgen um Euren Helden und schaut nochmal genau hin.
    Ich glaube, wenn Assange sich in Schweden der Justiz stellen würde, wäre er schneller – ggf. unter Geldauflage – aus der Nummer raus, als mit der aktuellen Krawallkampagne.

  21. 21

    @68: Al Capone haben sie ja auch wegen Steuerhinterziehung gekriegt. Einigen wir uns darauf: hier ist einiges schief
    a) Interpol wg. (sagen wir mal) sexuellem Missbrauch (wär ja ’schön‘, wenn es das auch sonst gäbe)
    b) Hype von Sex-Vorwürfen wegen Beihilfe zum Whistleblowing

    Meine Frage, ob die Frauen auch zur Polizei wären, wenn Assange nicht Assange wäre, hat noch keine Reaktion erfahren.

  22. 22

    Mein en ginbg @50hz, da ist was mit der Attribuierung schief, Scotty.

  23. 23

    @OliverG: Äh. Doch. Habe ich beantwortet: „Um Otto Normal hätten sich weder die Opfer noch die Staatsanwältin und auch nicht Interpol besondere Mühe gemacht (Leider?!).“
    Aber ist das nicht genauso sch.. egal, wie der Umstand, dass sich Interpol bei weniger Prominenz weniger bemüht.
    Wir könnten ja auch einfach froh sein, das sich die Behörden in diesem Fall bemühen. Und statt dessen beklagen, dass sie sonst oft schludrig arbeiten, wenn es um die Erniedrigung von Frauen geht.

  24. 24

    @72 / 50Hz: Jaja DU schon, aber generell ;)

    Diesen Artikel hab ich genau so verstanden, singemäß: „Diese internationale Verfolgung eines minderschwerden („nicht ganz soooo“ gewalttätigen) Vergewaltingungsfalles ist ein Schlag ins Gesicht aller (brutal) Vergewaltigten.“ (Incl. Nebenargument, dass man aus Sympathie für WikiLeaks nicht Unsympathie (im sinne vom Mitliedslosigkeit) für dei beiden Anzeigenden machen muss.)

    Oder bin ich jetzt auf der ganz falschen Dampferflotte?
    Sonst müsste ich mir mal ne Argumentationsanalyse aufmalen ;)

  25. 25

    @OliverG: Hmm, habe ich etwas anders verstanden.

  26. 26
    KTZF

    Ich hatte es oben ( @#777886 ) schon angesprochen, aber mich liest wohl keiner von denen die hier wieder und wieder über eine unsinnige schwedische Gesetzgebung berichten.

    Kann das mal irgenjemand konkretisieren und belegen?

  27. 27
    anonym

    @ KTZF
    Sie werden jetzt nicht erwarten, daß hier jemand das schwedische Strafgesetzbuch in deutscher Übersetzung herunterbetet, habe ich recht?

    Ich finde, wer regelmäßig Zeitung liest und ein passables Gedächtnis hat, ist manchesmal im Vorteil. Ich kann mich jedenfalls noch recht gut daran erinnern, daß die Schweden vor etwa 10 bis 15 Jahren – die Medien berichteten – strengere Gesetze einführten, die wohl fortschrittlich sein sollten, aber dennoch auf ein gewisses Unverständnis stießen. So wurde z. B. Prostitution kriminalisiert, aber nicht die Prostituierten machten sich strafbar, sondern deren Kunden. Man kann ja zu Prostitution stehen, wie man will, aber ein solches Gesetz wirkt nun mal nicht besonders liberal, eher im Gegenteil.

    Wer so etwas mal gehört hat, kann für sich auch den nicht unzulässigen Schluß ziehen, daß auch andere Gesetze auf diesem Gebiet in Schweden von ähnlicher Güte sind. Zumindest würde es einen nicht überraschen. Mein Eindruck ist auch, daß durch solche Gesetze die Rechtssicherheit eben nicht erhöht, sondern eigentlich das Gegenteil, auch für den Durchschnittsbürger, erreicht wird. Schon allein dadurch passen sie eigentlich nicht zu einem liberalen Rechtsstaat. (Die Beruhigungspille mit Europa schlucke ich übrigens nicht, das ist mir denn doch zu platt.)

  28. 28

    @OliverG:

    @50hz:

    Auf der (uebrigens oeffentlich zugaenglichen) Liste Interpol Red Notice Liste sind heute ueber 100 Menschen die wegen „Rape“, „Sexual Crimes“ und aehnlichem international gesucht werden gelistet. Ich schaetze mal die wenigsten davon (wenn ueberhaupt irgendwelche) sind „Prominente“. Scheint also doch recht haeufig gebraucht zu werden und nicht nur in diesem einen Fall.

  29. 29
    Tobias

    Danke für diesen Artikel.
    Ich habe keine Ahnung ob die Vorwürfe gegen J.A. irgendwie gerechtfertigt sind oder nicht und bin Verschwörungstheorien gegenüber auch immer gerne offen, aber eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung und bleibt eine, selbst wenn diese (wie nicht ganz unwahrscheinlich) instrumentalisiert wird, um unliebsame Zeitgenossen mundtot zu bekommen.

  30. 30
    Zwiebelchen

    Ist schon ein bisschen peinlich, dass du den Artikel von Naomi Wolf offenbar so komplett falsch verstanden hast und versuchst damit deinen Standpunkt zu untermauern, obwohl ihr Standpunkt nahezu konträr zu deinem ist. Ms. Wolf und ich sind in diesem Punkt so ziemlich einer Meinung und das ist ziemlich eindeutig nicht deine.

  31. 31
    Philipp Jahner

    Mhh, ich bin tatsächlich schockiert (und enttäuscht), wie undifferenziert und sorglos sich hier einige Kommentatoren weiterhin genau den oben angesprochenen Automatismen hingeben. Besonders zu einem Post, bei dem es konkret darum geht, einen weiteren wichtigen Blickwinkel auf die Problematik der Situation aufzutun.

  32. 32

    Wenn man die neu bekannt gewordenen Details der Anschuldigungen kennt, verschiebt sich die Sichtweise auf Vorwürfe und Gegenvorwürfe ein bisschen, finde ich:

    http://www.guardian.co.uk/media/2010/dec/17/julian-assange-sweden?CMP=twt_gu

    http://alrightokee.de/meinung/kondome-schutzen/

  33. 33

    Pressefreiheit

    oder

    Anklage

    Auch nach intensiven Recherchen gibt mein kleines Gemüt auf.
    Zwingend, soweit glaube ich zu verstehen, wird zum. versucht
    Konstrukte zu bilden, welche die Person angreifen können. Im
    Bewusstsein dass das reflexartige Aktionen auslöst. Gänzlich
    ohne Gewalt. Das Wort ist ein scharfes Schwert.

    PiPi

  34. 34

    @fk:

    Und in dem Guardian-Bericht ist auch dieses zu finden:

    The co-ordinator of the WikiLeaks group in Stockholm, who is a close colleague of Assange and who also knows both women, told the Guardian: „This is a normal police investigation. Let the police find out what actually happened. Of course, the enemies of WikiLeaks may try to use this, but it begins with the two women and Julian. It is not the CIA sending a woman in a short skirt.“

    Leider bezweifele ich dass das das ganze Rumgefasel von Verschwoerungen und Komplotten auch nur im kleinsten beeinflussen wird.

  35. 35

    Danke für diesen sauber recherchierten Artikel. Verblüffend ist allerdings, dass nach einer so sauberen Aufdröselung der unsauberen Geschichte immer noch einige Kommentatoren das Gerücht perpetuieren, dass es nur um Sex ohne Kondom ginge, der in Schweden strafbar wäre – Lesekompetenz, anyone? Oder hat der Titel des Artikels etwas damit zu tun?

    Ich habe im Zug meiner schwedischen Spurensuche auch etwas gefunden – das Protokoll der Einvernahme (allerdings nicht verifiziert) von JA im August, in dem u.a. folgendes vorkommt:

    Die Polizei wollte auch wissen, ob die Frau während der Nacht irgendwann seine sexuellen Avancen abgewiesen hätte.
    – Ja, mehrfach, aber nicht auf eine ernstzunehmende Art und Weise. Nein, da war nichts Ungewöhnliches, antwortete Assange, der darauf besteht, dass alles, was er getan hat, völlig normal war.

    Das sagt ja auch einiges aus, wenn es denn stimmt.

  36. 36

    Klug heisst nicht unbedingtes wissen.

    Prävention

    Die http://www.charite.de unterhält im Bereich der Psychosomatischen Forschung,
    Beurteilung, Behandlung, Begleitung von sex. getriebenen Menschen eine spez.
    Abteilung.

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