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TV-Tipp: Aufnahmezustand


Im Früher war das so:
Wenn eine Band ein Album aufnehmen wollte, mietete sie ein Studio, stellte sich mit allen Instrumenten rein und auf ‚Los!‘ ging’s los.
Verspielte sich jemand, fing man von vorne an, verspielte sich jemand noch einmal, wurde das Mittagessen gestrichen, beim dritten Patzer gab’s was auf die Mütze. Unter dem Einfluss von Schlafentzug und inspirierenden Drogen entstanden so Meilensteine der Musikgeschichte.
Heute produziert Damon Albarn ein komplettes Album allein und en passant auf dem iPad und der Herrentoilette des Tourbusses.
Mit der Reihe ‚Aufnahmezustand‘ tastet sich 3Sat zurück zur Musikmanufaktur.
In den traditionsreichen Studios des ehemaligen Funkhaus der DDR an der Nalepastrasse dokumentiert ‚Aufnahmezustand‘ das intensive Miteinander geladener Bands und den ebenso atemberaubenden, wie nervenaufreibenden Enstehungsprozess eines Songs.
‚Get well soon‚ legen vor.

Im handgestrickten Interview plaudert ‚Aufnahmezustand‘-Erfinder und Regisseur Sven Haeusler alles aus. Alles.

SB: ‚Aufnahmezustand‘, schöner Titel. Is der von dir?

Sven Haeusler: Ja, der ist von mir.
Ich mag den Titel auch, obwohl ich ja ansonsten eher eine Abneigung gegen Wortspiele habe….

SB: Die Anlehnung an ‚Ausnahmezustand‘ interpretiere ich so, dass man Musik heute für gewöhnlich anders produziert als du es zeigst.

S.H.: Ja, genau.
Ich wollte gerne Musiker in einer unspektakulären Arbeitssituation zeigen – ohne Showlicht, ohne Bühnen-Styling, ohne Posen für´s Publikum.
Damit´s nicht wieder heisst: „Na, die pennen doch immer alle bis in die Puppen und stehen nur für´s Konzert auf“.

SB: Die Studios in der Nalepastrasse sind sowohl für ihre Akustik, als auch für ihre Atmosphäre berühmt. Hat das einen Effekt auf die Musiker?

S.H.: Get Well Soon haben sich auf jeden Fall darüber gefreut, in so einem old-school-mässigen Studio aufzunehmen. Das gibt es ja auch nicht mehr an jeder Ecke.
Ich denke schon, dass das eine Art von Respekt und vielleicht fast Ehrfurcht mit sich bringt, wenn man an einem Ort arbeitet, an dem schon viele andere Menschen gute Sachen hervorgebracht haben.

SB: Welche Einblicke gibt die Sendung? Zeigst du musizierenden Künstler, oder wird man auch Zeuge, wie sich die Band unter Drogeneinfluss bei diversen Meinungsverschiedenheiten zu schubsen beginnt?

S.H.: Die Sendung versucht, das miteinander zu verbinden, was ich an Musik am meisten liebe:
1. Schallaufnahmen (CDs, MP3s, Vinyl, was-auch-immer), die mich als Hörer im besten Fall lange Zeit begleiten und als eine Art Speicher für Erinnerungen und Gefühle funktionieren
2. live-musik, weil sie intuitiv und spontan entsteht
und
3. Musik-Dokumentationen.
Neben der eigentlichen Recording-Session gibt es also auch Erläuterungen zu den Instrumenten, Anekdoten und Aussagen über das Selbstverständnis als Musiker. Sowohl als O-Töne, als auch im gesetzen Interview.

Auf Drogenexzesse hoffen wir bei einer der nächsten Bands…..

SB: ‚Get well soon‘ machen den Anfang. Ist ‚Aufnahmezustand‘ als Serie angelegt?

S.H.: Ja, die Sendung ist als Serie angelegt.
Die Folge mit Get Well Soon ist die Pilotfolge.
Je nach Erfolg, Zuschauer-Resonanz und der allgemeinen Wetterlage wird dann vom Sender entschieden, ob wir weitermachen.

SB: Na dann: ToiToi!

Aufnahmezustand mit ‚Get well soon‘, 3Sat, Samstag, 18. Dezember 2010, 21.45 Uhr

17 Kommentare

  1. 01
    senator arepo

    Wird bestimmt ne interessante Sendung.
    Aber: Der Rundfunk der DDR hieß gar nicht DEFA.

  2. 02
    Felix

    Samstag, 21:45? Da schaun Leute Fernsehn?

    Gibt es wenigstens die Moeglichkeit, das dann spaeter in deren Mediathek zu sehen?

  3. 03
  4. 04

    @senator arepo: Das stimmt und ist korrigiert, danke!

    @Felix: Ja, ich weiss aber nicht, wie lange 3Sat ausgestrahlte Sendungen in der Mediathek zur Verfügung stellt.

  5. 05
  6. 06
    Steffen

    Sehr schön. Und mit Get Well Soon auch gleich die momentan so ziemlich beste deutsche Band erwischt. :)

  7. 07
    Maurus

    Ihr solltet das Schlagzeug teilweise mit hochgesetzten akustischen Wänden umbauen damit die Becken nicht so hart auf die anderen Mikrophone übersprechen. So wurde das früher auch von uns Cracks gemacht. Die vorsätzlich rentenversicherten Tontechniker im überbezahlten 40-Wochenstundenstress der Rundfunkanstalten (in Deutschland) haben damals wie Heute kaum gewusst wie man Popmusik Live im Studio aufnimmt und nur über zu hohe Pegel und Arbeitszeit gemeckert anstatt Lösungen zu improvisieren. Das war ein Grund warum sich damals auch kaum eine Band darauf eingelassen hat bei Sendern live zu spielen. Ein weiteres Negativbeispiel dafür sind auch die Rockpalastkonzerte des WDR, die jahrzehntelang von hochbezahlten Stümpern schlecht aufgenommen wurden, da war man als Bandtechniker vollkommen machtlos!

  8. 08
    Höhlenschwein

    Gut, dass ich da gerade noch daran gedacht habe. Lohnt sich si cher, wegen GWS aber auch der Studiolocation.
    Anno 1999 hab ich da selbst mal ein Album aufgenommen. Ich hab bis heute keinen vergelichbaren Ort gesehen.

  9. 09
    gunnar

    Großartig! Hat riesen Freude gemacht anzuschauen & hören. Bitte mehr davon :)

  10. 10
    Höhlenschwein

    Ja, sehr sehr schön war das. Für Fortsetzungen wünsch ich mir:
    The Notwist, Slut, Kante, Gisbert Zu Knyphausen oder Scumbucket. Gerne natürlich auch internationale Bands wie Junip, The Whitest Boy Alive oder Menomena.

    Nur so interessehalber: besteht verwandschaftliche Bande zwischen dem interviewten und dem blogbetreibenden Haeusler?

  11. 11
    Siamfisch

    Danke für den Tipp. Mir waren GWS neu, aber wenn es anderen Zuschauern auch so ging wie mir, sollten ihre iTunes-Verkäufe einen hübschen Sprumg gemacht haben. Was ich mich bei der Sendung allerdings noch gefragt habe, ist, was denn mit dem aufgenommenen Material passiert? Sprich: Wo kann man´s downloaden?

  12. 12

    @Siamfisch: hier kann man die sendung für 7 tage in der mediathek sehen
    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=22275&mode=play

    download ist leider nicht möglich.
    vielleicht hat es ja jemand aufgezeichnet und extrahiert sich den ton usw….

    ansonsten gibt es vorerst keine konkreten pläne für die verwertung der ton-aufnahmen. aber natürlich viele ideen und mal schauen, was die zukunft bringt….

  13. 13

    @Höhlenschwein: Gut beobachtet! Johnny und Sven sind Brüder.

  14. 14

    Gods of Blitz bei ihren Aufnahmen zu
    ‚Reporting a Mirage‘ für FOURmusic 2006,
    auch in der Nalepastraße:
    http://gegenfarbe.de/nalepa

  15. 15

    die sendung runterladen:

    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=22275&mode=play

    im videofenster auf den kleinen pfeil rechts unten klicken. „als quicktime-film sichern“ auswählen. und schon landet der film auf deiner festplatte…

  16. 16

    Das sieht doch niemand:

    Eine klitzekleine Anekdote
    zu den ÖR-Sendern, die, wie man weiss, unabhängig sind.
    Von der ‚Gebührentlichen‘ Abgabe mal zwingend abgesehen.

    http://mediathek-video.br-online.de/o16/br/b7/player/public/b7mediathek.html?bccode=both
    Ich liebe die Äusserungen von Herrn Priol.
    Der kleine Versprecher in 00:48:47 (SPD mit der FDP verwechselt)
    Soll nur zeigen, dass man mitdenkt.

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