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Bundesliga-Rückrunde – Das wars, so isses, so hättes sein können


Vor der Saison habe ich, ich erinnere mich ungern daran, die Abschlusstabelle getippt: jetzt ist die Zeit der halben Wahrheit. Ungefähr nichts von dem, was ich prognostizierte, stimmt, aber das macht nichts, denn jetzt ist Zeit für ein paar Korrekturen.

Die vorgestellten Zitate stammen allesamt aus dem Vorschau-Artikel. Mit sechs der 18 Abrisse kann ich mich noch einigermaßen sehen lassen, dass ich den Rest hier so öffentlich vorzeige, fällt laut meines Therapeuten unter Masochismus. HSV-Fans werden mich verstehen.

Borussia Dortmund

Dortmund spielt anachronistischen Fussball mit anachronistischen Typen.

Es fehlt unglücklicherweise die Fußnote hinter ‚Typen‘, da müsste noch stehen: Außer Hummels. Außer Subotic. Außer Piszczek. Außer Schmelzer. Außer Sahin. Außer Götze. Außer Blaszczykowski. Außer Kagawa. Außer Barrios. Außer Lewandowski.

Aber ansonsten hatte ich völlig recht.

Mainz 05

Das wird eine gute Saison zur Konsolidierung, das untere Drittel ist so schwach wie seit Jahren nicht mehr.

Nur, dass Mainz das untere Drittel weniger interessiert hat. Die Artikel über Mainz klangen allesamt so, als hätten die Autoren bei der Bravo hospitiert und erinnerten sich jetzt dieser bisher erfolgreich verdrängten Zeit. „Die Mainzer Boygroup stürmt die Charts“, war allerorten zu lesen, und man fragte sich, wann Thomas Gottschalk die Mannschaft zu Wetten, Dass…? einladen würde. Aber weil Mainz sich da oben nicht halten wird und beim ZDF inzwischen eine panische Angst vor Abstürzen herrscht, wird das so schnell nicht passieren.

Bayer Leverkusen

Das Gegenteil der Ludolfs: attraktiv, aber nicht über die Maßen erfolgreich, und letzte Saison mit spärlich ausgestattetem Ersatzteillager.

Zwei Spieler können das ändern: Sidney Sam und Arturo Vidal. Der Schöne und das Biest. Arturo Vidal haftet immer noch das Image eines Kneipenschlägers an, nicht völlig zu Unrecht, wenn der an einem Anti-Atom-Protest teilnehmen würde, man kann davon ausgehen, der Castor käme nie ans Ziel. Vermutlich der beste Spielzerstörer der Bundesliga. Wenn sich jetzt in der Innenverteidigung nicht fortwährend schmalkaldengroße Löcher aufgetan hätten, wer weiß: vielleicht hätten wir einen zweiten ernsthaften Titelanwärter.

Hannover 96

Der Kader ist inzwischen so dünn wie Schmadtkes Haarpracht, im Sturmzentrum werden wir wieder häufiger Mike Hanke sehen, der eine Institution ist und so unbeweglich wie das Finanzamt.

„Der unfassbare Ya Konan“, das klingt wie ein neuer Superheld. Slomka hat schon das entsprechende Comic gescripted, aber Schmadtke findet den Plot scheiße.

Bayern München

Prognose: Erster.

Jaha. Irren macht Spaß.

SC Freiburg

Die Freiburger hatten die hervorragende Idee, ihren besten Stürmer zu verscherbeln, ohne Ersatz zu kaufen.

Wer konnte ahnen, dass ein kleines tanzendes Wiesel zu einem der besten Stürmer der Bundesliga aufsteigt? Die maßlose Eleganz, mit der Cissé über den Platz eiert, ist von einer so zarten Poesie, dass Durs Grünbein, sollte er sich je zu einem Freiburg-Spiel verirren, schamvoll für Wochen den Stift zur Seite legen würde.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt, die Doppelhaushälfte unter den Bundesligaclubs. Irgendwo zwischen Speckgürtel und Unterschichtenbehausung.

Frankfurt spielt anachronistischen Fussball mit anachronistischen Typen.

1899 Hoffenheim

Wenn Hoffenheim könnte, wie es könnte, wär Fußball nicht, was es ist.

Oder aber: Hätte Ragnick gekonnt, wie er gewollt hätte, wäre Hoffenheim ein Fussballclub und kein Investitionsprojekt.

Hamburger SV

Prognose: Achter.

Wenn Hamburg könnte, wie es könnte, wär Fußball nicht, was es ist. Andererseits: Eines der letzten Mysterien der Liga ist die Frage, wie Armin Veh aussehen mag, wenn er sich mal freut.

FC Schalke 04

Metzelder, Matip und Höwedes, Escudero und Uchida, das klingt so stabil wie ein Strategiepapier der FDP zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise.

Hell yeah.

1. FC Nürnberg

Das wird harte Arbeit.

Das wird eine gute Saison zur Konsolidierung, das untere Drittel ist so schwach wie seit Jahren nicht mehr.

1. FC Kaiserslautern

Aus Kaiserslautern kommen nur besoffene GIs und Kanalisationsdeckel, und genau so spielt der FCK auch. Es wird sich noch als Bombenidee herausstellen, statt einem gleich drei Jendrisek-Ersätze eingekauft zu haben.

Ich werde diese Schallplatte nicht kaufen, sie ist zerkratzt.

Hat jemand eine Decke, unter der ich mich verstecken kann?

VfL Wolfsburg

Dieter Hoeneß. Mögen sie absteigen in die Bedeutungslosigkeit.

Wenn Dzeko demnächst nach Madrid oder London oder Italien geht: wer soll denn dann in Wolfsburg bitteschön noch Fussball spielen? Immerhin: angesichts der bisherigen Leistungen hat Nike angekündigt, neuer Trikotsponsor werden zu wollen.

Werder Bremen

Bremen schießt traditionell häufiger aufs Tor als alle Absteiger zusammen, aber: Trefferquote Kategorie Dart nach sieben Futschi. Vom neuen Ball hört man, er hieße deswegen ‘Torfabrik’, weil der „immer reingeht, egal, wie schlecht der Stürmer zielt“ (Arnd Zeigler) und ‘Umwucht’ zu sehr an Rainer Calmund erinnerte. Bremen hat mit Rosenberg und Hugo Almeida zwei ausgewiesene Könner dieses Fachs im Kader, da kann nicht mehr viel schiefgehen.

Dass Arautovic und Hunt hinter den Erwartungen zurückbleiben würden, war fast zu erwarten gewesen: wie sehr sie hinter den Erwartungen zurückbleiben, davon ist man dann doch ein wenig überrascht. Ganz Westerwelle, haben sie keine Gelegenheit ausgelassen, sich zu blamieren, weswegen der mimikschwächste Spieler der Liga, Frings‘ Torsten, in den Interviews seinen Mundwinkel inzwischen etwas merkeleskes gibt. Thomas Schaaf kann sich noch nicht mal die Haare raufen, er ist durchaus zu bedauern.

FC St. Pauli

Prognose: Sechzehnter.

Verebbern. Das kommt etymologisch entweder von verebben oder veräppeln, ganz sicher aber von Ebbers. Denn St. Pauli hat ein Prokrastinationsproblem: sie kriegen nichts zu Ende. Satte fünf Chancen brauchen sie für ein Tor, ein Wert, den selbst Fredi Bobic als suboptimal bezeichnen würde.

1. FC Köln

Prognose: Dreizehnter.

Ein Gutes hat die verheerende Tabellensituation für Köln: Meier ist weg. Novakovic leider nicht, der diese Saison so nutzlos ist wie ein Fahrrad bei Paris-Dakhar. So bocklos wie der kickt, mich wundert, das Rüttgers den nicht längst zum Schneeräumen zwangsverpflichten wollte. Achso, den Rüttgers gibts ja auch nicht mehr. Macht immerhin zwei gute Nachrichten für dieses Jahr.

Was es sonst noch zu sagen gibt, sagt Rob Alef.

VfB Stuttgart

Die bipolare Störung zeigt sich bei den Betroffenen durch episodische, willentlich nicht kontrollierbare und extreme Auslenkungen des Antriebs, der Aktivität und der Stimmung, die weit außerhalb des Normalniveaus schwanken.

Was wird sich Bobic wohl gedacht haben, als er Gross entließ und Labbadia holte? „Die Mannschaft versteht offensichtlich nichts von Spielphilosophie, also holen wir halt einen Trainer, der keine hat“?

Borussia Mönchengladbach

Das Niemandsland der Bundesliga, für Gladbach-Fans ist es ein Paradies.

Mike Hanke hat diese Saison alle 48 Minuten ein Tor gemacht. Gut, er hat auch nur 140 Minuten gespielt, aber trotzdem: das überdurchschnittlich. Es mag Glück sein, aber auf etwas anderes kann Gladbach sich kaum verlassen in der Rückrunde. Glück und Kampfgeist, wer kommt einem da eher in den Sinn als Mike Hanke. Immerhin fällt der nicht nach einem Gegentor in sich zusammen wie ein zu früh aus dem Warmen geholtes Soufflé.

9 Kommentare

  1. 01
    San

    Also mit der Prognose lagen in dieser Saison die meisten ziemlich daneben. Die einzige Konstante in den Top 5 ist Leverkusen, den Rest hätte man dort nicht vermutet, bzw. nicht auf dem Tabellenplatz!

    Hoffen wir somit auf eine richtig spannende Rückrunde! (:

    VG,

    San

  2. 02

    Dein Satz zu den Freiburg-Stürmern hallte irgendwie die ganze Hinrunde in meinem Kopf nach…eigentlich nach jedem Cissé-Tor. Apropos, spielt Idrissou mittlerweile Champions League? :-)

  3. 03
    thorfabrik

    @ Sten: die ganze Nacht

  4. 04

    Mir geht es genau so wie den meisten, auch ich lag mit meinen Bundesliga-Tipps total daneben. Allerdings dürfte sich meinTipp, dass Köln absteigt, wahrscheinlich noch realisieren, es sei denn, es würde ein Wunder geschehen. Und wenn nicht, dann ist mit Podolski der letzte wirkliche Leistungsträger dort auch weg. Mein neuer Tipp: er geht dann nach Bremen.

  5. 05
    Frederic Valin

    @Sten: Mir hallten so gut wie alle Sätze nach, insbesondere Dortmund. Nach jedem Spieltag.

    Ich kann Dir sagen, ich hab Glück, dass ich über mich selbst schadenfroh sein kann.

    @thorfabrik: Gnihihi. Als Messi. Wahrscheinlich.

    (Das wär die beste Erklärung für seinen Leistungsabfall: Er spielt die ganze Nacht Barca auf der PS3, weil ers halt nicht mehr erwarten konnte. Entsprechend seine geistige Fitness tagsüber.)

  6. 06

    Die erste Hälfte der Saison war so bepackt mit Überraschungen in jedweder Richtung, dass ich mich schon narrisch auf die Rückrunde freue. Wenn das so weitergeht werden Mannschaften absteigen, die es noch nicht für möglich halten und ein Meister gekürt werden, der in 93. Minute am letzten Spieltag den Vierkampf um den Titel entscheidet.

  7. 07

    Nur mal angemerkt:
    http://mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/6209738?pageId=487888&moduleId=53524
    Daraus geht hervor, das Herz ist ein runder Lederflicken.

    Wenn der VFB Stuttgart absteigen sollte, werden deutschlandweit sämtliche
    Taxitarife erhöht. Porschefahrer veräussern ihre VW-Aktien. Bei Bosch wird
    Kurzschluss erzeugt, weil Kärcher als Putzmeister den überlaufenden Neckar
    voll der Tränen nicht ableiten kann. Wohin denn auch?

  8. 08
    Fred

    @PiPi: Deine Prognose zum VfB, die teile ich aber mal sowas von!

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