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Schulwechsel in Berlin

Berliner Eltern mit Kindern, die kurz vor dem Verlassen der Grundschule stehen, wissen anhand des Titels sofort, wovon ich rede. Für alle anderen mag die Situation jedoch auch interessant sein, denn sie zeigt, in welchen Bildungsmiseren wir stecken.

Für den Wechsel von der Grund- auf die weiterführende Schule hat sich in diesem Jahr in Berlin einiges geändert, was Schulen, Lehrer, Eltern, vor allem aber Schüler verwirrt, verunsichert und ins Chaos stürzt. Dabei ist der Gedanke hinter den Änderungen gar kein schlechter.

Eine Schule für alle. Und noch eine für die anderen.

In Berlin gibt es ab 2011 keine Haupt-, Real- oder Gesamtschulen mehr. „Gemeinsames Lernen ab der siebten Klasse“ heißt der Zaubersatz, und daher gibt es in Berlin nur noch „Integrierte Sekundarschulen“, die den Schülern je nach Veranlagung, Fähigkeit und Wunsch unterschiedliche Abschlüsse an einer einzigen Schule ermöglichen:

MSA = Mittlerer Schulabschluss (früher Realschulabschluss)
BB = Berufsbildungsreife (früher Hauptschulabschluss)
eBB = erweiterte Berufsbildungsreife (früher erweiterter Hauptschulabschluss)
Abitur

Ach ja, und Gymnasien gibt es natürlich weiterhin, denn zuviel gemeinsames Lernen war dann wohl doch zuviel gemeinsames Lernen. Irgendein Privileg sollte schon noch sichtbar bleiben.

Dennoch, die Idee, Schülern individuelle Abschlussmöglichkeiten an einer Schule zu bieten, ist eine gute. Und dass zu Beginn einer solchen Reform nicht alles sofort rund läuft, sollte niemanden überraschen. Ob die Änderungen aber tatsächlich gerade den schwächeren Schülern helfen, die durch den bisherigen Besuch einer Hauptschule oftmals bereits mit elf Jahren auf dem sozialen Abstellgleis landeten, darf zumindest in diesem Jahr stark bezweifelt werden, denn die Praxis der Umsetzung ist die reinste Hölle.

Die Reform vor der Reform

Der Jahrgang derjenigen Berliner Kinder, die 2011 auf die weiterführende Schule wechseln, erlebt nämlich bereits die zweite Reform ihrer noch jungen Schullaufbahn. Im Jahr ihrer Einschulung fiel die sogenannte „Kann-Regelung“ weg, nach der man ein Kind mit sechs oder auch erst mit sieben Jahren einschulen konnte. Seither müssen Berliner Kinder in dem Jahr eingeschult werden, in dem sie das sechste Lebensjahr vollenden. Was für den Einschulungsjahrgang der aktuellen Schulwechsler bedeutete, dass Kinder von fünf bis sieben Jahren in den ersten Klassen landeten:

1) Die Kinder, die im Vorjahr „zurückgestellt“ wurden, nun also bereits sieben Jahre alt waren
2) Die Kinder, die zu Beginn des Einschulungsjahres sechs wurden
3) Die Kinder, die erst am Ende des Einschulungsjahres sechs wurden, also bei Einschulung noch fünf waren

Womit schnell klar wäre, warum in diesem Jahr ein paar tausend Kinder mehr als üblich die Grundschulen verlassen. Und warum dieses Jahr ein eher mittelgroßartig passendes Jahr für die Einführung einer weiteren Reform ist.

Some schools are bigger than others

Jedes Kind, das 2011 in Berlin die Grundschule verlässt, erhält mit dem Halbjahreszeugnis eine von zwei möglichen Empfehlungen: Entweder, es wird für das Gymnasium empfohlen, oder eben nicht. Ein Kind mit Gymnasialempfehlung kann sich natürlich auch für eine Sekundarschule entscheiden, denn auch dort kann es das Abitur machen, eine Möglichkeit, von der nicht wenige Eltern und Schüler Gebrauch machen wollen, denn auf der Sekundarschule hat man insgesamt 13 Jahre Zeit für das Abitur – auf dem Gymnasium muss man es in 12 Jahren schaffen. Diesen Stress möchten sich viele Eltern und Schüler verständlicherweise ersparen.

Wenn es denn so einfach wäre.

Die Schul-Entscheidung steht unter den gegebenen Voraussetzungen unabhängig vom Wohnort völlig frei, und so geben Eltern Anfang Februar den Schulwunsch in einem Formular an. Zu diesem ersten Wunsch sind ein zweiter und dritter möglich und es ist eine „Abarbeitung“ in Reihenfolge vorgesehen: Wenn es mit dem Erstwunsch nicht klappt, weil die Schule voll ist, dann wird es ja vielleicht die zweite oder dritte Wunschschule. Vielleicht aber auch nicht. Denn ob des oben beschriebenen extra starken Jahrgangs ist mir keine Schule bekannt, die nicht mit Erstwunsch-Anmeldungen überflutet sein wird – die Chance also, das irgendeine Schule überhaupt Platz für Zweit- oder gar Drittwünsche haben wird, geht gegen Null.

Zudem sorgt das Überangebot an Schülern dafür, dass sich auch die Sekundarschulen ihre zukünftigen Schüler sehr genau, nämlich nach Noten, aussuchen können – zumindest zum größten Teil, denn ein weiterer Teil der Plätze soll bei zu vielen Erstbewerbungen verlost werden.

Die Sekundarschulen wählen also die besten Schüler unter den Erstbewerbungen aus und verlosen weitere Plätze ebenfalls unter den Erstbewerbern (wir gehen mal davon aus, dass sie das tatsächlich tun), von denen mehr als ausreichende Zahlen vorhanden sind. Zweitbewerber? Drittbewerber? Keine Chance. Und wer von seinen drei Wünschen leider gar keinen bekommt (entweder, weil seine Noten zu schlecht waren oder das Glück ihm nicht hold), der landet eben dort, wo noch irgend etwas frei ist. Ein nur mittelmäßiger oder gar schlechter Schüler, dessen Zuhause vielleicht zudem nicht besonders engagiert und interessiert an seiner Schullaufbahn ist, braucht viel Glück.

So wie zuvor auch.

Viele Schulen reagieren und richten zusätzliche Klassen ein, und mein Gefühl nach unzähligen Schulbesichtigungen in den letzten Wochen und Monaten sagt mir, dass die Schulen wirklich bemüht sind, so viele Schüler wie möglich unterzubringen, die an die jeweilige Schule wollen. Doch irgendwann sind auch die Möglichkeiten solcher „Ausbauten“ ausgeschöpft, Sicherheiten gibt es nicht und die Stimmung bei den Lehrern, Eltern und Kindern ist mit „angespannt“ äußerst freundlich umschrieben. Womit auch das größte Manko an der aktuellen Reform erfasst wäre.

Die Schlacht ums kalte Schulbuffet

Berliner Schüler erleben ihren Wechsel auf die weiterführende Schule als Mischung aus zusätzlichem Leistungsstress, Chaos und hoffnungsvollem Bangen. Eltern stehen beim Versuch, alles zu überblicken, unter Dauerstrom und hetzen mit ihren Kindern von einem Termin zum nächsten. Ich habe Eltern gesprochen, die Vorstellungstermine (denn auch die gibt es noch) mit ihren Kindern „trainieren“ und strategisch absprechen. Öffentliche Informationstermine an Schulen sind völlig überlaufen, bei einzelnen Veranstaltungen kommt es zu absurd-grotesken Szenen, wenn sich Eltern um die ausliegenden Formulare beinahe prügeln oder das Weitergeben eines Kugelschreibers verweigern. Gleiche Chancen für alle, aber ich will zuerst.

Vorwerfen kann man es den Eltern kaum, denn am Ende bedeutet Zurückhaltung wahrscheinlich Benachteiligung. Das Ziel dieser Reform jedoch, die stärkere Gemeinsamkeit nämlich, die ist schon vor dem Start der neuen Schulart in Berlin in der Tonne gelandet. Schülerinnen und Schüler, nicht schon in der Grundschule ein Überflieger waren, werden auch jetzt nur mit viel Glück bessere Chancen als zuvor bekommen. Drücken wir ihnen die Daumen.

59 Kommentare

  1. 01
    Colonel Trautman

    @rhys (20):
    Komisch, ich habe als Erwachsener mein Abitur an einem Kolleg nachgeholt und dort mehr als drei Jahre lang mit knapp 30 anderen Erwachsenen (die ich mir nicht aussuchen durfte) in 30m2-Räumen verbracht, habe dabei (mehr oder weniger intensiv) den Ausführungen einer Lehrkraft gefolgt und wurde sogar regelmäßig über den Stoff geprüft. Und weißt Du was? Ich habe es genossen und bezeichne diese Jahre rückblickend immer noch als sehr, sehr erfüllend. Ganz im Gegensatz zu meiner vorherigen (praktischen) Berufsausbildung bzw. Berufstätigkeit.

    Natürlich kann man meine Erfahrungen nicht mit dem Schulalltag von Kindern gleichsetzen und es gibt sicherlich einiges zu kritisieren am deutschen Schulsystem aber das Zerrbild, das Du vom Schulbetrieb zeichnest entspricht sicherlich nicht der Lebenswelt der meisten Schüler – egal welchen Alters.

  2. 02
    Martin

    Ha, endlich wieder eine Bildungsdiskussion!

    Ich möchte nur kurz anmerken, das es extrem wichtig ist zw. der eigenen Definition der Schularten zu unterscheiden. Zugegebenermaßen scheint das Publikum von Spreeblick wohl doch eher von der Bundesdeutschen Hauptstadt und deren Umland geprägt zu sein. Trotzdem gibt es auch Leser aus anderen Bundesländern, wie ich es zum Beispiel bin.

    Ich würde es deshalb begrüßen, wenn bei Kommentaren immer im Hinterkopf gehalten würde, das die Grundschule in Berlin schon immer was anderes war als in Bayern. Es gibt ja nicht mal Religionsunterricht. Skandal!1!! Die Vergleichbarkeit ist einfach nicht so richtig vorhanden.

    Und genau da würde ich eine Bildungsreform ansetzen. Die Eigenbrötlerei abschaffen, somit die Einigkeit schaffen und das Beste aus dem Süden mit dem des Nordens vereinen. Erst dann kann es was in einer globalen Welt werden.

    Grüße aus dem schönsten Teil Deutschlands. Troll on.

  3. 03

    Faierweise sollte man doch mal sagen, dass, egal auf welche Schule man seine Kinder auch schicken mag, nichts und niemand solche Katastrophen wie Ursula Sarrazin verhindern kann. Wenn diese einen Bildungssenator zum Freunde hat.

    Schule bleibt ein Risiko und grosses Roulettespiel.

  4. 04

    50

    So viele sich tlw. unterscheidend benannte Schulformen gibt es.

    Nein,
    die Baumschule ist aussen vor.

  5. 05
    dielilly.

    vollkommen offtopic, aber das einzige, woran ich mich bei meinem „vorstellungstermin“ noch erinner, ist, dass der direktor mich fragte, was ich gern im fernsehen sehe und wir dann eine viertel stunde lang über die gags in „der prinz von bel-air“ redeten. hach.

  6. 06
    werner

    Das mit den fehlenden Vokalen hab ich nicht kapiert. Aber ansonsten interessante Diskussion.

  7. 07
    Spandauer

    Ein spannendes Thema, zu dem ich auch gerne meinen Senf abgeben möchte.

    Ich bin selber in einem dreigliedrigen Schulsystem zur Schule gegangen (Ba-Wü), und habe Anfang 1990 mein Abitur gemacht.
    Mein persönlicher Eindruck war, dass dieses System nicht so schlecht ist.
    Die geforderten Leistungen waren hoch (vgl. ZVS Bonus für die Südländer), Zentralabitur war Standard.

    Leider wird aber im Bildungssektor gerne politisch experimentiert, zu meiner aktiven Schulzeit war die Gesamtschule der große Renner.
    Heute ist es in Berlin die Sekundarschule.

    Problem wird sein, dass man zwar die Hauptschulen abschaffen kann, nicht aber die Hauptschüler. Oder wenn man an den Sport denkt, so würde man eine Fußball-Manschaft aus der Kreisklasse nicht mit einer Bundesligamanschaft trainieren lassen.

    Wie @sw richtig meinte, dass eben dann eine Abstimmung mit den Füßen stattfindet.
    Dieses „Abstimmung“ gibt es in Berlin bereits bei den Grundschulen (Stichwort Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen).
    Eltern die es sich leisten können und wollen weichen auch auf Privatschulen aus.

    Von daher sehe ich die „neue“ Sekundarschule sehr kritisch. Der Blick nach Finnland wurde in den Kommentaren schon erwähnt. Allerdings ist die dortige Ausstattung mit Lehrern deutlich besser.

  8. 08

    @PiPi: Ich meine gehört zu haben, dass es derzeit weit über 150 allein in Deutschland sind…

  9. 09

    @Johnny Haeusler:
    Umso schwerer wird es den Eltern gemacht, die in der der Lage sind selbst zu entscheiden, welche Schule für ihre Nachkömmlinge am besten geeignet ist.

    Privatschulen/Internate
    war bereits ein anderes Thema
    das Vorbehaltlich gesondert zu
    behandeln ist.

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