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KLICK.

I live by the river!

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Ich habe auf Empfehlung eines alten Freundes mit der Lektüre von Slavoj Žižeks „Violence“ begonnen (soweit ich weiß nicht auf deutsch erhältlich, in einer älteren Lettre-Ausgabe gab es aber mal Auszüge, hier der Amazon-Partnerlink).

Und während ich wegen dieser Lektüre Gedanken über verschiedene Formen der Gewalt mit mir herum trug, habe ich mich gefragt, wann ich selbst einmal direkte, physische Gewalt gegen Menschen angewandt habe. Und habe mich an einen bestimmten Moment erinnert.

Ich war Anfang 20, als ich mit meiner damaligen Freundin auf irgendeinem Konzert in irgendeiner Fabrikhalle war. Der Raum war viel zu groß für die Band oder die Band war viel zu klein, jedenfalls stand man recht dicht an der Bühne und hatte dennoch genügend Raum um sich herum. Wie auf jedem Konzert (vertraut mir: wie auf jedem Konzert, wenn es leer ist direkt vor der Bühne, wenn es voll ist irgendwo anders) nutzte ein Mann um die 30, den ich zurückhaltend als „blöden Hippie“ charakterisieren möchte, den bestehenden Freiraum für ein wissenschaftliches Experiment: Er versuchte zu beweisen, dass ein Mensch fähig ist, seine Arme, seine Beine und seinen Kopf komplett unabhängig vom Rest seines Körpers und vor allem ohne sichtbare Koordination zwischen den einzelnen Körperteilen wild hin und her zu werfen und dabei extrem bescheuert auszusehen. Und er war dabei enorm erfolgreich.

Der Mann hätte sein Verhalten damals auf Rückfrage sicherlich als „Tanz“ bezeichnet, da es jedoch keinen sichtbaren Zusammenhang zwischen der spielenden Musik und den zwar gleichzeitig, dennoch sehr unterschiedlich ablaufenden Bewegungen seines Körpers gab, würde ich dieser Beschreibung noch heute widersprechen.

Aus Mangel an Einzelkabinen für solche Experimente führten die Bewegungswege des Mannes ihn quasi durch die gesamte Halle, den Vorraum, die Toiletten aller Geschlechter und sicher auch den Backstage-Bereich, zu unserem Unglück jedoch leider auch viel zu oft in unsere Nähe.

Nun nimmt man den ein oder anderen Rempler auf einem Konzert ja ohne weiteren Kommentar in Kauf, ja teilweise begibt man sich sogar in vollem Bewusstsein in die Menge, sofern vorhanden, um sich gegenseitig herumzuschubsen und das dann „Tanz“ zu nennen, obwohl… na lassen wir das. Irgendwann aber nahmen die Rempler sehr unangenehm zu und wir begannen, den Mann etwas bestimmter und ohne Aggression wegzuschieben, es war schließlich AUSREICHEND PLATZ VORHANDEN, VERDAMMT NOCHMAL! Eine Weile lang hielt uns diese freundliche Schubsbarrikade den Mann vom Hals, schnell ging es aber wieder los. Und irgendwann, nach einem weiteren Rempler, drehte sich meine Begleiterin ungewohnt aggressiv zu ihm und brüllte den Mann an, er solle sie endlich in Ruhe lassen.

Ich beruhigte sie. Kein Grund, durchzudrehen, der Typ ist halt etwas breit. Wir würden einfach woanders hingehen, beschwichtigte ich meine Freundin, die mir dann jedoch den Grund für ihre heftige Reaktion erzählte: Der Typ hatte ihr beim „Tanzen“ mehrfach von hinten zwischen ihre Beine gefasst.

„WTF?“ konnte ich damals noch nicht denken, denn es gab ja noch kein Internet, aber dass nun Schluss mit Lustig war, wusste ich auch so.

Ich hielt ihn bei nächster Gelegenheit am Arm fest, wir sprachen äußerst deutlich mit ihm und rieten ihm, sich fernzuhalten. Woraufhin er mit einem breiten Lächeln an die Brust meiner Begleiterin griff.

Dann passierte es.

Es machte KLICK.

Es machte KLICK. und ich war nicht mehr die Person, die ich zuvor mein ganzes Leben lang gewesen war.

Es gab keine Vernunft mehr, keine Gelassenheit, keine Abwägung und vor allem keinerlei Furcht. Noch bevor der Typ sein Lächeln beenden konnte, prügelte ich dürrer, im Kampf unerfahrener Jüngling den zumindest erwachseneren Mann mit aller mir zur Verfügung stehenden Wut quer durch die Halle, meine Fäuste (ich hatte plötzlich viel mehr als zwei) donnerten auf sein Gesicht, gegen seinen Kopf, seinen Körper, meine Füße versuchten, ihn mit Tritten zu treffen. Er flüchtete rückwärts und vorwärts, doch ich war schneller, egal wie schnell er gewesen wäre, wäre ich schneller gewesen, ich war so schnell, dass niemand auch nur versuchen konnte, mich zu stoppen. Mein Herz raste, mein Nebennierenmark pumpte Adrenalin in die hintersten Ecken meiner Blutbahn und wahrscheinlich war ich auch grün. Ich sah gewiss noch lächerlicher und ungelenker aus, als der Mann bei seinen Tanzversuchen zuvor, doch das war völlig egal, alles war egal, außer immer mehr Schläge auf den Mann zu richten.

Dieser stolperte rückwärts, strauchelte und fiel in einen Haufen Schrott, der vielleicht ein in der Halle ausgestelltes Kunstwerk war, krachte rückwärts in den Berg von Metall.

Und blieb dort regungslos liegen.

Ich atmete schwer und spürte nichts. Kein Mitleid, immer noch keine Furcht. Meine Muskeln vibrierten, als stünden sie unter Strom, meine Hände taten weh, doch gleichzeitig wollten sie immer noch mehr von diesem Schmerz.

Meine Freundin packte mich an der Hand und wir rannten aus der Halle heraus als würde uns jemand jagen. Draußen angelangt zog nur langsam die Person wieder in meinen Körper zurück, die ich eigentlich war. Das Vibrieren meiner Muskeln wurde erst zu einem Zittern, dann zu einem Nachgeben, ich konnte kaum stehen, setzte mich auf den Boden und die letzten Sekunden ließen von mir ab. Ich begann, lauthals zu weinen.

Doch die Tränen, die aus mir herausschossen, galten nicht dem Mann, den ich soeben unter Umständen schwer verletzt hatte. Ich weinte, weil ich unter Schock stand. Die Verwandlung, die ich gerade erlebt hatte und die man wirklich nur als „Persönlichkeitsveränderung“ bezeichnen kann, hatte plötzlich begonnen, mir ungeheure Angst zu machen. Noch nie zuvor hatte ich erlebt, wie etwas anders als mein eigener Wille Besitz von mir ergriffen hatte und mich Dinge hatte tun lassen, zu denen ich mich zuvor nicht fähig gehalten hätte.

Wieder im Besitz meiner Vernunft, doch mit immer noch zitternden Beinen und Armen kehrte ich in die Halle zurück, denn ich hatte tatsächlich Sorge, den Mann verletzt oder unter Umständen durch den Sturz in den Schrotthaufen sogar getötet zu haben. Ich war darauf vorbereitet, die Konsequenzen meines Handelns tragen zu müssen. (Hatte ich damals wirklich „Sorge“? Natürlich wollte ich bei aller Wut niemanden umbringen, aber wollte ich ihm denn nicht wehtun?)

Ganz so schlimm konnte es jedoch nicht gewesen sein, denn er war bereits wieder dabei, wirbelnd die Halle zu durchqueren. Darüber erleichtert, aber immer noch inmitten eines außerordentlichen Gefühlschaos‘, verließen wir den Ort des Geschehens.

Die Beschreibung dieser Begebenheit klingt so aufgeschrieben irgendwie krass (schließlich bemühe ich mich ja auch, euch nicht zu langweilen und stattdessen Entertainment und Thrill zu liefern!), einige Leserinnen und Leser können mein Handeln sicher auch nachvollziehen. In Wahrheit war die ganze Geschichte aber enorm uncool, unsouverän, peinlich und gefährlich und ich bin nicht stolz auf diese Episode meines Lebens. Sich von einem Volldeppen derart provozieren zu lassen, ist nichts anderes als falsch und dumm. Doch ich hätte in der beschriebenen Situation kaum etwas anders machen können, ich war, das klingt wie ein Klischee, ist aber sehr wahr, nicht mehr Herr meiner Sinne. Der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, war in diesem Fall ein ganzer Wasserschwall gewesen. Das ist keine Entschuldigung, nur eine Feststellung.

KLICK.

Bis heute erinnere mich an die Verwandlung, die durch dieses KLICK. bei mir eingeläutet wurde und seitdem ich weiß, was mit einem Menschen passiert, bei dem es KLICK. gemacht hat, bin ich in brenzligen Situationen noch vorsichtiger als zuvor. Seitdem ich weiß, wie rücksichtslos und frei von Furcht und Vernunft jemand agiert, bei dem es KLICK. gemacht hat, seitdem ich vermute, dass es Leute gibt, die diesen KLICK. selbst triggern können oder bei denen der KLICK. schon beim längeren Ansehen ihres Bieres entsteht, habe ich berechtigten Respekt vor gewissen Menschen, die nach dem KLICK. nur durch pure physische Überlegenheit oder geschulte Kampftechniken gestoppt werden können. Denn auch dieser Aspekt darf nicht missachtet werden: Mich hat die ganze Sache verunsichert, vor mir selbst verängstigt, schockiert. Und doch weiß ein kleiner, dunkler Teil von mir seitdem sehr genau, dass der Zustand, in dem man sich befindet, wenn Adrenalin Rationalität auslöscht und das Handeln steuert, auf eine Art eben auch erschreckend großartig ist (dies zählt nicht für das Opfer). Gewisse Drogen können vielleicht ähnliche Zustände hervorrufen, auch der Hunger nach Extremsportarten mag in der Einzigartigkeit dieses Zustandes begründet sein. Und natürlich: Fight Club. Adrenalin als Droge. Aus KLICK. wird KICK. Nichts, nach dem man streben muss. Aber gut zu wissen.

Bei mir hat es seit damals nie wieder KLICK. gemacht, ich wünsche mir den Moment glücklicherweise nicht zurück und ich hoffe, dass ich ihn nie wieder erleben werde. Einmal war völlig genug, danke sehr. Aber was ist mit denen, denen das eine Mal nicht genügt?

Natürlich gibt es viele Studien zu dem Thema, Arbeiten, Untersuchungen. Die will ich hier nicht liefern, ich wollte nur berichten. Und vielleicht auch etwas von euch hören dazu. Zu euren Erfahrungen mit physischer Gewalt – nicht an euch, sondern durch euch.

56 Kommentare

  1. 01
    joni

    Gänsehautartikel!
    Kenne dieses ‚Klick‘ auch nur zwei Mal von mir und mir ging es danach ganz ähnlich.

  2. 02

    Vermutlich hätte ich an deiner Stelle genau gleich reagiert.. Wenn eine Frau schlecht behandelt wird, kann ich auch sehr ungemütlich werden. Du beschreibst ja sehr schön, dass man in so einer Situation gar keine Kontrolle mehr, dass man regelrecht fremdgesteuert handelt. In Extremsituationen werden wohl unsere menschlichen Urtriebe wach, die wohl die wenigsten von uns kennen. Deine Geschichte zeigt, dass hinter unserer menschlichen Fassade auch Abgründe lauern. Das uns das beängstigt ist völlig klar, die Frage ist nur wie wir damit umgehen.

  3. 03
    tob

    >>In Wahrheit war die ganze Geschichte aber enorm uncool, unsouverän, peinlich und gefährlich und ich bin nicht stolz auf diese Episode meines Lebens.

    Interessant fände ich ja eine Antwort auf die Frage, was deiner Meinung nach denn damals die „richtige“ Reaktion dem Typen gegenüber gewesen wäre, mit Hinblick auf alle Beteiligten, auch und insbesondere deiner Freundin.

  4. 04
    Martin

    Hm.. weiss nicht. Als Jugendlicher mal Ringkämpfe gemacht, die aber auch ab und an nicht ganz so spaßig waren.

    Aber noch was anderes: Irgendwo war Deine Reaktion ja auch sozial erwünscht. Ein Teil der Reaktion ist evtl. nicht nur der bloßen Wut geschuldet, sondern auch der Ohnmacht vor einer angemessenen Handlungsalternative. Du wolltest doch evtl. nicht auch als Feigling o.ä. darstehen und daher evtl. auch so ne Übersprungshandlung. Könnte mir zumindest vorstellen, dass es bei mir so wäre.

  5. 05

    @tob: Sofern ich weiß, sind nur bestimmte Frauen stolz darauf, wenn sich ihr Kerl für sie prügelt, meistens solche, die eben auf Kerle stehen, die sich prügeln. :) Und in den meisten Fällen ist es eh besser, wenn die Frau das selbst regelt (wenn das geht) … aber ich habe da auch ein bisschen vielleicht auch dummen Stolz, ich kann bei so etwas nicht daneben stehen.

    Ich wünschte, ich hätte das mit einer gezielten Backpfeife (der Form halber) und einem klaren Satz abhaken können, zusätzlich hätte man gehen und damit beigeben müssen. Wäre damit aber der sprichwörtlich Klügere gewesen. Ich hätte den, mit etwas Pech, schwer verletzen oder umbringen können, wenn er anders in diesen Schrotthaufen gefallen wäre. Nicht nur sein Leben wäre damit ruiniert gewesen.

  6. 06

    @Martin: Klar, da spielen lauter solche Sachen eine Rolle. Und immerhin hatte ich einen auch für Außenstehende nachvollziehbaren Grund. Und: Es gibt auch Leute, die so etwas an bestimmten Abenden wirklich gezielt suchen, die verhauen werden wollen. Auf Droge, gefrustet, wasweißich. People are strange.

  7. 07
    rob rob, der robert

    Ich habe mal jemanden ins Gesicht geschlagen, als ich 15 oder 16 war. War schlimm. :(

  8. 08

    Merkwürdig: Seit Tagen bastele ich an einem Artikel über körperliche Gewalt. Liegt das Thema in der Luft?
    Auch ich werde über meine persönlichen Erfahrungen mit dem Boxen, Hauen, Kloppen und Treten schreiben. Ich gehöre jedoch einer anderen Generation an (Jahrgang 1952). Und trotz aller Hippie-Vermutungen waren Prügeleien unterschiedlichster Art in meiner Jugend (also etwa zwischen 1966 und 1974) an verschiedenen Stellen aus verschiedensten Gründen in unterschiedlichsten Millieus an der Tagesordnung – nicht nur beim Fußball (da sogar am wenigsten). Mir kam das normal vor, und deshalb kenne ich die von dir beschriebene Reaktion nicht, obwohl ich eher zu den Wegrennern zählte, als zu den Sportlichen.
    Im Gegenteil: Bisweilen werde ich wütend, dass es mir verschiedene Folgend des Alters (sowie eines Sportunfalls vor etlichen Jahren) an bestimmten Stellen körperliche Gewalt einzusetzen.

    An meine letzte Kneipenschlägerei (vor 1980) erinnere ich mich gut, und deren Verlauf zählt trotz diverser gebrochener Nasen- und Sonstwas-Beine zu meinem immer wieder gern präsentierten Anekdotenschatz. War ein fairer Kampf. Deshalb habe ich auch nicht die Bohne schlechten Gewissens. Und dieses ganze Püschologisieren (Frust, Droge etv etc) halte ich für ein typisches Verhalten der Generation Kakao, die von den Eltern ja mit Methode von den Ecken und Kanten der Welt isoliert wurde ;–))

  9. 09
    Peter

    Ich kenne dieses Gefühl – nur noch eine Spur gruseliger:

    Wenn man selbst gewaltsam schwer verletzt wird und dadurch …KLICK.

    Freunde haben mir anschließend erzählt, was ich mit dem (mir körperlich weit überlegenen) Anderen gemacht habe, nachdem er eine Bierflasche in geschmeidiger Abwärtskurve an meiner Stirn zerbrach, um mir die Haut von Stirn und Nase aufzuschlitzen.

    Ein dumpfer Schlag, kein Schmerz, meine Hand zur Nase, Tränen nehmen mir die Sicht, ertastete Glassplitter auf der Haut, ein furchtbares Grinsen in Richtung meines Kumpels neben mir – ich höre mich zu ihm sagen „Und du dachtest, dein Abend wär Scheiße“…

    Dann nur noch minutenlanger, roter Zorn.

    Der Schläger sah dass ich noch stand, versuchte zu flüchten, wurde von meinem anderen Ich zu Fall gebracht, Es kniete sich auf seine Arme und schlug immer wieder zu. Hielt ihn fest. Verhöhnte ihn. Brüllte ihn an. Besudelte ihn mit meinem Blut…

    Das letzte und das erste woran ich mich erinnere ist Blut an meinen Händen. Zunächst meins, dann auch das von ihm…

    „Bei mir hat es seit damals nie wieder KLICK. gemacht, ich wünsche mir den Moment glücklicherweise nicht zurück und ich hoffe, dass ich ihn nie wieder erleben werde. Einmal war völlig genug, danke sehr.“

    Das unterschreib ich gerne. Verdammt nochmal. Kontrollverlust ist ein Arschloch.

    Ach ja: Wir haben beide – nur – Narben davon getragen.

  10. 10
    tyler

    „In Wahrheit war die ganze Geschichte aber enorm uncool, unsouverän, peinlich und gefährlich und ich bin nicht stolz auf diese Episode meines Lebens. “
    Ist die Abwesenheit von Stolz und Coolness denn grundsätzlich schlimm und immer ein relevantes Kriterium?
    Irgendwann auf Provokationen mit Gewalt zu reagieren ist IMHO einfach nur menschlich. („menschlich“ wird oft mit „gut“ verwechselt, so wie „rein pflanzlich“ mit „gesund“.)
    Mir fehlt auch die coolere, souveränere Alternative zu deiner Vorgehensweise.
    Auf ein hippie-eskes und definitiv nicht cooles „Ey Du, hör mal Du, mach das nicht noch einmal!“ hättest Du ein „Was ist sonst?“ als Reply bekommen können. Und dann? Doppelt uncool!
    In einem Punkt stimm ich dir aber zu: Als kampfunerfahrener Hänfling einen Kampf anzufangen war gefährlich

  11. 11
    Niels

    @Johnny Haeusler: „Sofern ich weiß, sind nur bestimmte Frauen stolz darauf, wenn sich ihr Kerl für sie prügelt, meistens solche, die eben auf Kerle stehen, die sich prügeln.“

    -Dachte ich früher auch, denke ich aber inzwischen nicht mehr. Ich denke in der von dir beschriebenen Situation erwartet die Mehrzahl der Frauen eine Reaktion, die mindestens ein wegschubsen und zusammenschreien sein muss; besser aber in einem gezielten Schlag bestehen sollte. Zustimmen würde ich, dass ein solcher ausreicht und das „durch die Halle prügeln“ -nüchtern betrachtet- unnötig und dumm war. Verstehe aber, dass es da bei dir KLICK gemacht hat.
    Interessant finde ich auch den Punkt der Erwartungen des Umfeldes. Denke auch dass das eine große Rolle spielt. War auch schon in der Situation, in der ich geschlichtet und abgewiegelt habe und danach unterschwellig (von männlichen wie weiblichen Freunden gleichermaßen) zu spüren bekommen habe, dass das „schwach“ war.

    Fände es interessant wenn sich auch die Spreeblick-Leserinnen zu dem Thema mal äußern würden…

  12. 12
    Thorsten G.

    Ich habe Schwierigkeiten mir vorzustellen das es bei jemandem klick macht. Bei mir tat es da noch nie. Vielleicht kann nicht jeder Mensch diesen Zustand erreichen – unabhängig davon wie man den Zustand bewertet.

    Ich würde vermuten, wenn man zu wenig Selbstvertrauen hat kann man gereizt werden wie man will, es wird nicht klick machen.

  13. 13

    @Thorsten G.: Ich weiß nicht, ob das mit Selbstvertrauen zu tun hat und würde wenn überhaupt vermuten, dass ein gutes Selbstvertrauen eher vor zu frühem „Klick“ bewahrt. Ich weiß auch nicht, wie alt du bist, ob du viel unterwegs bist (also auch dort, wo auch mal etwas mehr Alkohol getrunken wird oder die Leute andere Sachen zu sich nehmen) usw., aber ich bin sicher, dass es bei jedem Klick machen kann. Allein die Höhe der Schwelle ist sehr unterschiedlich und wenn dir das noch nie passiert ist, also eine sehr hohe Schwelle hast, kannst du einfach froh sein, ich würde das für mich mit dieser Ausnahme auch geltend machen. Ich bin nicht sooo einfach zu provozieren.

    Aber es gibt bei jedem einen Punkt, an dem Schluss ist, dessen bin ich sicher.

  14. 14

    @Niels: Ja, die Meinung von Frauen wäre in dem Zusammenhang hilfreich. Ist aber sehr unterschiedlich, denke ich.

  15. 15
    Hanoi

    Ich kenne dieses Gefühl aus einigen, ganz wenigen Momenten auch. Doch richtet sie sich (bis jetzt) nur gegen Gegenstände, zum Glück…

  16. 16
    Britta

    Meinung einer Frau…

    Na, da sach ick ma watt. Obwohl ich bestimmt nicht „typisch“ bin, haha…

    Ich glaube, ich wäre nicht so glücklich, wenn sich mein Mann für mich in ein Gefecht stürzen würde, jedenfalls nicht wegen Banalokram. Präsenz zeigen, sehr gern. Aber drauf hauen würde ich dann vermutlich gern selbst :-)

    Musste aber nie sein – ich kann prima böse gucken und das hat bislang gereicht.

  17. 17

    Du bist also ein sehr netter Typ, der niemand etwas zu Leide tun möchte, Johnny? Was da passiert ist, zeigt sich in meinen Augen jedoch als menschlich. Wir sind nicht immer die guten Menschen, die wir mitunter sein wollen. Manchmal staut sich etwas unbewusst auf, was sich dann übermäßig entlädt. Oder nimmt Überhand, wenn man sich nicht mehr anders zu helfen weiß, jedoch sein naturgegebenes Aggressionspotenzial nicht kennt, nicht einschätzen kann.
    Auch ich habe mich schon körperlich gewehrt, aber sofern dank persönlicher Reife möglich, dann deeskaliert, sodass es nicht ausartete. In meiner Pubertät schlug ich ab und zu über die Strenge. Mittlerweile bin ich enorm kommunikativ, rede unter anderem über Gewalt und Aggressionen. Kommunikation hilft gegen Aggression, vorausgesetzt, es sperrt sich keiner, die Leute öffnen sich in spannungsvollen Situationen.
    Um mal richtig Dampf abzulassen, empfehle ich einen Sandsack oder Schattenboxen! Mir tut das gut, wenn es sein muss bzw. darf.

  18. 18
    akufo

    Sitze hier mit einem fantastischen, schön anzusehenden Hämatom dank eines aggressiven Heißsporns, bei dem es auch Klick gemacht hat, ganz ohne Anlass, ganz ohne Vorwarnung.
    Hoch lebe die Klick-Verwandlung. Die menschliche, natürlich … und immerhin schämt man sich hinterher. Toll.

  19. 19
    ps xxx

    Hallo

    Der Artikel liest sich sehr gut und zumindest aus meiner Sicht wird das Erlebnis BlackOut gut beschrieben. Ich bin leider schon mehrere Mal in einer solchen Situation gewesen, wobei diese sich in der Intensität natuerlich unterschieden. Das Gefühl was einen danach ergreift ist echt unangenehm, als wäre man innerlich verbrannt. Die Glut schwellt dann meist noch lange im Inneren weiter.
    (Trotz allem gibt es bestimmt Leute, die diesem Gefühl sehr angetan sind.) Dabei spielt es meist gar keine Rolle ob man als „Verlierer oder Gewinner“ aus einer solchen Situation geht. Meine Erfahrung damit ist, es gibt Situationen im Leben da musst du deinen Mann stehen. (Auch wenn ich wuenschte das es anders wäre.)

  20. 20

    @akufo: Zunächst: Gute Besserung, das tut mir leid zu hören.

    Was dein Kommentar in Bezug auf diesen Artikel jedoch mit deinem Unglück zu tun hat, müsstest du genauer erläutern. Schließlich gab es bei dir weder Anlass noch Warnung. Ganz andere Geschichte also.

  21. 21
    Klicklick

    @Johnny Haeusler: „[…]zusätzlich hätte man gehen und damit beigeben müssen. Wäre damit aber der sprichwörtlich Klügere gewesen.“
    Ist man klug, gibt man nach, klar. Aber folgt dann nicht doch dieser nagende Gedanke: Jetzt hat der gewonnen, der hat grade bestimmt, wie mein Abend weitergeht – meine Freiheit eingeschränkt?

    Dazu meine Erfahrung: Bislang ohne „Klick“, hatte nur mal eine schon ausgeholte Faust vorm Gesicht und konnte dem Gegenüber grade noch erklären, dass er den Falschen vor sich hat. Jemand hatte dem ein Bier über den Kopf gekippt und ich war wohl als erstes in Griffweite. =)

  22. 22
    akufo

    @johnny
    mein Kommentar hat mit meinem Unglück (sic.) gar nichts zu tun. Und ja, Deine Geschichte ist eine andere. Geschichten sind immer anders. Ich verstehe Dein Interesse daran, dein Erlebnis zu verstehen und greifbar zu machen und du selbst behandelst die Thematik, wie ich finde, angemessen und zurückhaltend.

    Ich wollte nur, auch wenn off topic, erwähnt haben, dass Gewalt scheiße ist und durch „Klicks“ nicht angemessen beantwortet wird.

    Der Verweis auf Adrenalin, Kontrollverlust, und dass das Erlebte – Zitat – „auf eine Art eben auch erschreckend großartig ist“ – halte ich dagegen für – man verzeihe mir – bescheuert.

  23. 23
    tob

    @Johnny Haeusler: Vielen Dank für die Antwort. Ich habe selbst noch nie eine solche Situation erlebt und wäre auch froh wenn das so bleibt :-)

  24. 24

    @akufo: Aber natürlich ist Gewalt das Letzte und ich gehe mit der beschriebenen Ausnahme (und der, dass ich ein paar Mal selbst ordentlich auf die Nase bekommen habe, glücklicherweise aber ohne schlimme Folgen außer der Angst in den Tagen danach) sehr gewaltlos durchs Leben.

    Aber.

    Sie ist – leider – Teil unseres Daseins, und dass du die genannten Passagen bescheuert findest, verstehe ich, aber sie sind wahr, so blöd ich es auch finde. Das kann man sich doch nicht schön reden. Adrenalin hat – auch in solchen Situationen – eine euphorisierende Wirkung. Das macht die Sache überhaupt nicht toll, aber man sollte das erkennen und auch mal aussprechen, ich bin trotzdem weit davon entfernt, Gewalt deshalb irgendeine Legitimation zu geben (hoffe ich). Verstehen und gut finden sind ja zwei sehr verschiedene Dinge.

    Beantworten tut diese Geschichte nichts, das stimmt. Das wollte sie aber auch nie und ich denke, diesen ganzen Scheiß mit Leuten, die grundlos Gewalt ausüben – wie es dir passiert ist – kann man nicht erklären. (Es gibt jedoch eben diesen einen Satz „Aber was ist mit denen, denen das eine Mal nicht genügt?“ der eben darauf hinweisen soll, dass es Menschen gibt, die sich an Gewalt weiden und die Sätze vorher, die beschreiben, warum diese mir nach meinem Erlebnis noch weniger geheuer waren als zuvor schon.)

  25. 25
    Peter H aus B

    Mein erstes und letztes KLICK hatte ich mit 12. Da hab ich einem auf der Aschebahn vom Sportplatz das Gesicht zerrieben. Unschön war das und sehr blutig. Grund war ein Übergriff auf ein Mädchen aus meiner Klasse.

    Seitdem nie wieder.

    Wenn einer heute Streit sucht, sage ich nur: „Ich geh kurz ins Krankenhaus und du sehr lange in den Knast. Sehr, sehr lange. Meine Anwälte sind gut“ (Der Plural macht wohl Eindruck)
    Hat jetzt schon zweimal geholfen und das Schlimmste vermieden. Toi, toi, toi.

    Ich hasse körperliche Gewalt.

  26. 26
    anni

    hm… meinung einer frau:

    ich kenne klicks nicht. aber ich würde solch einem kerl, wie er im artikel beschrieben ist, nicht mal annähernd eine runter hauen wollen, sondern eher abhauen wollen – solchen widerlingen will ich mich gar nicht in den weg stellen.

    das ist vielleicht nicht sonderlich mutig, aber ich entwickele schon beim lesen einen ekel gegenüber solchen männern. bäh. da kann ruhig mal die männliche begleitung aktiv werden, weil besagter widerling eh absolut keinen respekt vor mir hätte. und ich wär auch glaub ich nicht in der lage, den einzufordern.

    auch generell – ich glaube, ich bin typische kandidatin, die auf das ’starke geschlecht‘ in dem fall angewiesen ist. und das ist absolut nicht negativ gemeint – nur subjektiv.

  27. 27
    taikonaut

    Wenn man gelernt hat, den „Klick“ in eine gezielte passiv-agressive Handlung zu kanaliseren, ist so eine Situation schnell zu lösen. Das bedarf aber viel Training, Selbstvertrauen und Entschlossenheit.

    Ich erinnere mich da an eine ähnliche Situation. Ein völlig besoffener Gast auf einem Konzert macht Ärger. Ein anderer vorher unscheinbarer Gast, sieht sich das eine Weile an, wartet den richtigen Moment ab, packt mit einer unwiderstehlichen Bewegung den Besoffenen an Arm und Hosenbund, nimmt ihn in den Polizeigriff und führt ihn bestimmt und kraftvoll aus dem Saal. Später erfuhr ich, dass der Mensch Profi auf dem Gebiet war (Kampfsportler, Personenschützer… ich weiß es nicht mehr) und dem Besoffenen vor der Tür verbal ganz klein mit Hut gemacht hat.

    Imponierend… aber nur zur Nachahmung empfehlenswert, wenn man weiß was man tut. Sonst kann sowas schnell eskalieren, denke ich.

  28. 28

    Ich habe glücklicherweise noch keine derartige Situation erlebt. Wenn jemand meine Frau allerdings derart belästigt weiß ich nicht, ob es bei mir auch Klick machen würde. Die archaischen Anteile in uns sind einfach da und es bedarf je nach Situation eines Auslösers, um sie zu aktivieren.

  29. 29

    @taikonaut: So oder ähnlich souverän möchte man reagieren können, das ist aber ohne Ausbildung oder Training kaum möglich, stimmt. Zum Glück hatte ich solche Situationen nicht so oft, mein Drang zum Kampfsport (der natürlich auch ohne brenzlige Situationen gut sein kann) hält sich daher in Grenzen.

  30. 30
    Martin

    @anni: Das ist aber auch ein bißchen einer der knackpunkte. Man möchte als Mann evtl. nicht als Schwächling oder Feigling dastehen und reagiert evtl. noch härter oder extremer als angemessen.

  31. 31
    A

    noch eine Frau:

    Grundsätzlich muss ich sagen, wehre ich mich lieber selbst, muss das aber von Situation zu Situation entscheiden (wie stark ich körperlich unterlegen und sauer bin). Ich würde es mir aber nicht bieten lassen, dass mir jemand mehrmals zwischen die Beine greift. Da kann ich schon durchaus mindestens laut werden.

    Bei einer Situation vor zwei Wochen war auch ich es, die richtig sauer geworden ist, als ein guter Freund von mir angegriffen wurde. In der Situation konnte ich aber froh sein, eine Frau zu sein, da der Typ mich nur kurz mit dem Blick gestreift hat.

    Mit deinem KLICK hat das natürlich wenig zu tun (ist mir auch noch nie passiert). Mir sind solche krassen Typen unverständlich und ich kann zumindest verstehen, dass man sich das nicht bieten lassen will (oder eben nicht anders kann) und etwas unternimmt (über die Form lässt sich natürlich diskutieren). Wenn aber genug Zeit ist, möchte ich gefragt werden, ob mein Begleiter etwas unternehmen soll oder ob ich das nicht auch gut selbst machen kann.

  32. 32
    Anna

    Auf keinen Fall – auch nicht unterbewusst – wünsche ich mir einen Beschützer. Was zu regeln ist, regel ich selber.

    Oder ich entscheide mich dazu, zu gehen. Oder ich lasse ihn rauswerfen – wahrscheinlich die beste Lösung – aber sicher nicht von meiner Begleitung.

  33. 33
    EsEf

    Willkommen im Club der Pazifisten, die entsetzt feststellen mussten, daß der Uraffe doch ziemlich dicht unterhalb der Zivilisationstünche haust.

    Ab einem gewissen Punkt wird jeder Mensch zur Kampfsau und diese Schwelle liegt bei jedem Menschen woanders. Ich habe so etwas leider schon mehrfach an mir selbst erlebt. Nicht weil meine Schwelle niedrig liegt, sondern, weil die Gefahr/Gewalt der ich mich von anderer Seite ausgesetzt sah, keine Flucht und kein Ausweichen zugelassen hat. Mir hat diese „Notschaltung“ in mindestens 4 Fällen Gesundheit und Leben gerettet. Der Ur-Affe ist äußerst effizient und er gibt immer 100%. Man kann lernen, ihn zu bremsen und ein bisschen zu lenken – aber kontrollieren kann man ihn nicht. Der Instinkt ist stärker.

    Unser gesellschaftlicher Pazifismus – so gut und wichtig er für unser Zusammenleben ist – ist nur aufgesetzt. Außerdem kann er ein sehr großes Hindernis sein, wenn einem Gewalt entgegengebracht wird. Dann ist man nämlich das Opfer von Leuten, die Gewaltausübung gewohnt sind.

  34. 34
    BenZol

    Irgendwie macht mir der Artikel ein ganz schlechtes Gefühl im Bauchbereich, aber ohne dass ich mit dem Finger genau auf das zeigen könnte, was mir so Bauchschmerzen macht. Vielleicht ist es Täter-Opfer-Umkehr die durch Deine Perspektive (unumgänglich, zugegeben) vermittelt wird. Vielleicht ist es auch die blumige Darstellung des Gewaltaktes zusammen mit dem Statement zum Entertainment, die mir zusehr in die amerikanische Ecke (Gewaltdarstellung = cool/entertaining) geht. Auch „Klick“ in Richtung Unzurechnungsfähigkeit zu entschuldigen, finde ich zweifelhaft.

    Egal was, aber das macht Dich gerade echt unsympathisch.

  35. 35
    BenZol

    Kommentar vom Autor gelöscht, weil er gerade gemerkt hat, dass moralische Entrüstung und pseudowissenschaftliche Definitionen das Problem nicht lösen werden.

  36. 36

    @BenZol: Ich hatte gerade eine lange Erklärung getippt, aber irgendwie muss man nicht jeden Artikel erklären oder analysieren, er muss auch für sich stehen können. Wenn ich dadurch unsympathisch für dich werde, weil ich eine real geschehene Situation ohne Schönreden darstelle und Dinge, die dabei oft unerwähnt bleiben, nenne – dann muss ich damit leben. Ich würde aber denken/hoffen, dass es weniger meine Person ist, die dir Bauchschmerzen macht, sondern die Situation. Und das tat sie bei mir auch. Wie man lesen kann.

    Unzurechnungsfähigkeit ist übrigens keine Entschuldigung (Herrje, das steht sogar oben explizit, wie also kommst du darauf, dass ich etwas entschuldigen will?), sondern u.a. ein wichtiger Faktor in der Rechtsprechung, also nichts neues. Gleichzeitig wäre sie für den oben beschriebenen Fall wahrscheinlich nicht in Frage gekommen, denn ich war weder betrunken noch anderes, der Ausdruck ist in diesem Fall nicht ganz korrekt.

  37. 37

    kerle, die frauen angrabschen, müssen in die schranken gewiesen werden. und da sie sowieso keinen respekt vor frauen haben, kann das ein mann viel besser tun – und zwar mit worten. mädels, stellt euch vor, ihr sagt euren leuten bescheid, dass ihr grad angefasst wurdet, und fünf eurer männlichen freunde gehen auf den typen zu und sagen: „hör mal, wir dulden nicht dass du frauen belästigst. sieh zu dass du land gewinnst!“

    das hinterlässt meiner meinung nach viel mehr eindruck als wenn die frau, von der er sowieso kein positives bild hat, sich wehrt. aber der eindruck kommt nur an, wenn es dabei gewaltlos bleibt. wird so ein typ verkloppt, glaubt er nämlich nur, er hat von einem anderen arschloch was aufs maul bekommen, weil der eifersüchtig war, oder aggressiv oder bekloppt. er merkt nicht, dass sein verhalten der frau gegenüber das problem ist.

    deshalb kann ich nur an alle männlichen leser appellieren: toleriert nicht, wenn eine frau belästigt wird. zieht es nicht mit gewalt auf eine platzhirsche-unter-sich ebene. gebt dem typen mit worten deutlich zu verstehen, dass sexuelle übergriffe gegen frauen von euch männern wahrgenommen und nicht akzeptiert werden. das ist das verhalten, dass wir frauen euch danken werden!

  38. 38
    EsEf

    Wir leben doch in emanzipierten Zeiten. Eigentlich dachte ich, dass das patriarchale „Der-Mann-beschützt-das-Heimchen-am-Herd“ vorbei wäre. Ich persönlich gehe erst dann dazwischen, wenn mein Ehe-Weib sich nicht mehr zu helfen weiß. Der letzte der sie angegrabscht hat, hatte eine exquisite Auswahl an Blessuren – und zwar nicht von mir *g*. Sie hat ihn drei mal ausdrücklich gewarnt, bevor sie ihm den Arm und zwei Rippen gebrochen hat.

    Leute – pazifistische Haltung, pazifistische Erziehung/Prägung hin oder her. Aus einigen der Kommentare weiter oben spricht eine Haltung, die ich nicht teilen kann. Dieses „keine Gewalt – egal, welchen Preis es kostet“ kann einen auf Deutschlands Straßen schnell zum Opfer gewalttätiger Menschen machen. Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dumme ist.

    @ tba
    Ich gehe immer dazwischen, wenn z.B. in der U-Bahn eine Frau belästigt wird und sich nicht selbst zu helfen weiß. Die meisten Leute zeigen ja leider so gut wie nie Zivilcourage, weil sie mit Gewalt halt nicht umgehen können. Pazifismus macht feige. Andererseits habe ich mir auch schon mal ein Messer eingefangen, weil halt Leute, die andere Leute belästigen eine recht niedrige Hemmschwelle haben, wenn es um Ausübung von Gewalt geht. Da kann man noch so „deeskalierend“ ankommen – wenn jemand auf Gewalt gebügelt ist, dann nützt keiner der tollen Ratgeber mehr. Ich habe fast 30 Jahre Erfahrung in Prävention – aber heutzutage nützen diese Methoden immer weniger.

    Meine Abneigung gegen die herrschende Spielart des Pazifismus wird immer größer. Ich bin der Letzte der Streit anfängt, oder gar als erster zuschlägt. Aber ich handle nach der Maxime: „Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen“. Das steht so im Gesetz.

  39. 39
    heidrun

    ähm, er provozierte also DICH, indem er deine frau angrapschte?
    ich find dieses ganze beschützerding hier auch ziemlich „archaisch“, sprich ziemlich zum kotzen. sexuelle belästigung passiert eben meistens zwischen einem mann und einer frau, und die frau sollte das ding als erste regeln. im artikel kommt sie irgendwie kaum vor, ausser als schweigendes opfer. wer lässt sich denn bitte mehrmals angrapschen und lässt dann seinen freund prügeln? und wer bitte, @ britta, bezeichnet sowas als banalokram? rape culture galore.
    da lob ich mir lieber oben genannte freundin, @EsEf :) und glaubt mir, ein herzhafter griff in die eier kann auch schon wunder wirken.
    aber den klick, den kann ich verstehen. ist wohl eine frage der sozialisation, wann er passiert. in bestimmten situationen halte ich aber körperliche gewalt für durchaus angebracht. am liebsten a la schnell überraschend angreifen und rausschmeissen. wenns nur immer so einfach wäre…

  40. 40
    ps xxx

    In der Einleitung vom Artikel wird sich u.a. auf den Lettre Artikel bezogen. Es wäre interessant zu erfahren, wie die beschriebene Situation nun theoretisch einzuordnen ist.

    „In allen Fällen ist Gewalt ein implizites Eingeständnis der eigenen Ohnmacht/Impotenz.“ (Lettre) Aus dem beschriebenen Ablauf geht hervor, dass der Autor eindeutig zum Gewalttäter wurde. Somit ist er es, der aus dem Gefühl der Ohnmacht (Ausweg- und Ratlosigkeit; Kontrollverlust; Nervenzusammenbruch, etc) anfängt physische Gewalt auszuüben. Dabei bringt er sich (vielleicht bewusst) selbst in Gefahr.

    Anderseits wird gesagt, „In allen (..) Fällen stecken Gewalt und Gegengewalt in einem tödlichen Teufelskreis, bei dem jeder jenes Gegenteil erzeugt, das er zu bekämpfen versucht.“ (Lettre) So wird der Täter selbst zum Opfer, da das unsittliche Verhalten und die Provokationen des Tänzers auch als eine (wenn auch weniger physische) Form der Gewalt verstanden werden kann. So wird der KLICK zum Schutzreflex auf eine Form von Gewalt. Der Täter ist nun Opfer. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt die Annahme zu treffen, dass es Schläger gibt die sich tatsächlich mehr als Opfer denn als Täter sehen.

    Verlässt man die individuelle Ebene und stellt den Grad physischer gesellschaftlicher Gewalt (jüngerer Menschen) der „anonymen Gewalt des kapitalistischen Systems“ (Lettre) gegenüber, so sind beide plötzlich Opfer. Aber ist es aus individueller Sicht möglich sich als Opfer des kapitalistischen Systems zu definieren und damit physische Gewalt gegenüber anderen zu rechtfertigen? Anders gefragt, liegt der Grund für die ständigen KLICKS unserer Mitmenschen wirklich im System? Sind wir wirklich so animalisch und schwach, uns vom System derart korrumpieren zu lassen?

    An den Autor: Wie ist Deine Einschätzung. Warst Du mehr Täter als Opfer oder umgedreht. Und was veranlasst Dich dazu es so zu sehen?

  41. 41
    flubutjan

    Mein Senf:

    – „blöder Hippie“ –

    (Gelinde gesagt)Blödes-Verhalten-bashing ja (leicht gesagt, ein gewaltfreies Wie manchmal nicht zuhanden, stattdessen dann aber rächende Reflexe),

    Hippie-bashing (sowohl als auch): no.

    Klarerer Text: Mit suboptimalen Verhalten des „Tänzers“ hat die Episode alles, mit seinem Hippietum erst in dritter oder vierter Linie zu tun. Ick hab nämlich ’n Problem mit Typen-Denken, also mit Festlegungen von Menschen auf irgendeinen Typus (der Hippie, der Hartz-IV-Empfänger etc.) aufgrund von Äußerlichkeiten. (Außer irgendwie bei Nazis, FDP-Erkrankten usw., wie inkonsequent).

    Von Äußerlichkeiten auf einen Typus zu schließen bedeutet in jedem Fall das Nicht-Substanzielle (eben Äußerliche) als substanziell (gewissermaßen als Wesenskern) zu sehen. Nicht nur ein logischer Trugschluss, sondern auch etwas gefährlich, weil dann nämlich Gemeinsames (dat „Menschsein“) nicht mehr gesehen wird und dieser oder jener Typ zu etwas ganz Anderem, zu einer anderen Spezies wird, für die die Rücksichten, die ich mir für mich und „meinesgleichen“ wünsche, u. U. nicht mehr gelten.

  42. 42
    muetzenmaedel

    okay, meine Ansicht mit zwei Ebenen:

    1. Die KLICK-Ebene:
    die kenne ich auch. Ich werde dann allerdings verbal gewalttätig und drehe so durch. Verbal-Amok fällt mir da als Stichwort ein und kam zum Glück in meinem Leben nur 2-3mal vor. Das Gefühl danach, nicht Herrin über mich selbst gewesen zu sein ist grauenhaft. Wir wissen alle, auch Worte können verletzen und ich halte diese Ausraster für besch…, uncool und einer erwachsenen Person nicht angemessen. Von der Innenansicht, denke ich, kann das verglichen werden.

    2. Die „schützenswerte Frau“-Ebene
    hat für mich auch mit Punkt 1 zu tun. Ich kann mich wehren und tu dies auch; ich weiß in körperlichen Auseinandersetzungen ziehe ich den Kürzeren. Mir fehlt die physische Kraft, die Erfahrung und die Übung mit Schlägerein. Ich kann also meine Grenzen klarmachen aber wenn diese überschritten werden, brauche ich eine andere Strategie. Das heisst nicht: mein Begleiter soll die Person verprügeln, dass kann aber heissen, ich sage meinen Begleiterinnen Bescheid und dann stehen der Person auf einmal 6 Frauen gegenüber, die pissed sind und ihm sagen, dass das nicht zugelassen wird…
    Damit wird das von tba angesprochen Platzhirschverhalten ausser Kraft gesetzt.

  43. 43
    Martin

    @flubutjan: ja, da geb ich Dir Recht, auch wenn ich es in dem Fall zulässig finde. Aber diese Schubladendenke ist letztlich eine Spielart des Rassismus.

  44. 44
    flubutjan

    @Martin: Yo. Manche nennen den auch etwas blumig „Typen-Seligkeit“.

  45. 45
    taikonaut

    @Johnny Haeusler: Dazu kommt noch, dass Kampfsportarten wie Judo oder Karate überhaupt nichts bringen, weil sie ihre Effektivität nur in sehr abstrakten Wettkampfsituationen entwickeln. Deshalb ist und bleibt für jeden noch so harten Kampfsportler die Regel… wenn´s brenzlig wird, hau ab.

  46. 46
    taikonaut

    Ein Bekannter von mir war mal deutscher Meister im Taekwondo und wurde Nachts über die Straße hinweg auf übelste bepöbelt. Er schlüpft aus seinen Holzbotten und springt aus dem Stand 7-8 Meter hoch und macht dabei einen Fußtritt.

    Sozusagen „aufgeplustert“ und „losgegockelt“. Die Situation hatte sich dann schnell relativ friedlich erledigt. Das war auch noch zu einer Zeit, als nicht jeder zweite bildungsferne Mensch „Ey, isch mach Kickboxen, Digger!“ gerufen hat. :)

  47. 47
    Martin

    @flubutjan: Das Tragische ist ja, dass viele Menschen, sich selbst in solche Schublade stecken. Ist ja auch ok bei der Identitätsfindung, nur eben schade, wenn man sich selbst und seine Möglichkeiten begrenzt dadurch.

  48. 48

    @ps xxx: Ich war eher Täter als Opfer. Das kann man aber im Artikel auch recht deutlich lesen. Und das war der Anlass, ihn zu schreiben.

  49. 49

    @Johnny Haeusler:
    Ist es nicht eher die Furcht davor dass keine Selbstreflektion sondern die
    von der Boulevardpresse propagierte Gewaltbereitschaft überhand nimmt?

    Alles Gute
    PiPi

  50. 50

    Völlig d’accord. Mit jedem einzelnen Wort.

    Mein persönliches Waterloo habe ich bei einer Feier meines Theatervereins erlebt, wo sich auf einmal eine Gruppendruck-Situation entwickelte, die komplett gegen mich ging, (Einzelheiten egal), die die anderen 50 Leutchen aber wahrscheinlich nur als lustiges Spiel begriffen haben.
    War dann irgendwann vorbei, in mir pumpte noch Adrenalin und dann muste einer, eigentlich eher jemand den ich recht gern hab’ dann im Vorbeigehen nochmal einen dummen Spruch draufsetzen.
    Er ist einen halben Kopf größer als ich und trainiert regelmäßig Judo und bevor ich wieder denken konnte lag er auf dem Boden und ich drehte ihm Finger, Hand und Arm bis an die Grenze von irgendwas reisst-da-gleich-ab.
    Dann wieder Bewusstsein, loslassen, rausrennen, losheulen.

    Er hat begriffen, was passiert ist und hat sich bei mir entschuldigt, ich mich bei ihm, zwischen uns alles gut.
    Bei mir lange Zeit nicht alles gut, ich wollte nie Gewalt anwenden.

    Irgendwie aber auch gut zu wissen, wie schnell es gehen kann. Und wie es sich auf der anderen, der ausklickenden Seite anfühlt. (Nachdem ich es kante, durch einen Jugendtreff getrieben zu werden, weil ich einen Besucher „Was ist?“ gefragt hatte)

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