19

#25bahman

Die arabische Welt befindet sich weiter im Aufruhr. In Libyen, Jordanien, Jemen und Bahrain gehen Menschen auf die Straße. Wir erleben den großen demokratischen Aufbruch der arabischen Welt: Vielleicht fängt dieses Jahrhundert nicht mit 9/11 an, sondern jetzt.

Während über Libyen und Jordanien hin und wieder in der Presse berichtet wird, haben Jemen und Bahrain bisher ein publizistisches Schattendasein gefristet. Ein paar Hintergrundinformationen plus Links, die auf aktuelle Seiten mit Material verweisen, nach dem Klick.

Jemen

Der Jemen zählt zu den repressivsten Regimen im arabischen Raum: Seit 1978 regiert hier 1978 Ali Abdullah Saleh, der nach einem Militärputsch im Nordjemen an die Macht gekommen war. Obwohl der Jemen sich in den letzten zehn Jahren stabilisiert hat, bleibt die Situation insbesondere auf dem Land von Armut geprägt: die Schätzungen gehen zwar weit auseinander, im Schnitt geht man aber von einer fünfzigprozentigen Armut innerhalb der jemenitischen Gesellschaft aus. Entsprechend liegt die Lebenserwartung bei knapp über 60 Jahren. Das hängt einerseits mit Wassermangel und dem wenigen fruchtbaren Land zusammen, andererseits aber auch an der politischen Instabilität des Landes.

Die kommt nicht zuletzt durch die Invasion des Südens durch den Norden: 1990 besetzte Saleh mit Hilfe dschihadistischer Truppen (u.a. Osama Bin Laden) das Nachbarland. Seither sehen sich Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle dort schärfsten Repressionen ausgesetzt.

Jemen gilt dem Westen als Brutstätte des Islamismus: Um die AQAP, die Al Quaida der arabischen Halbinsel, unter Kontrolle zu halten, floßen 2010 63 Millionen US-Dollar nach Sana’a. Obendrein gibt es Zuschüsse für die Terrorbekämpfung (2009: 67 Millionen Dollar), wobei ein Fünftel der Summe in Waffen zu investieren ist. Der Rest versandet in den Taschen der Mächtigen. Tatsächlich ist die Bedrohung wohl sehr übersichtlich: Abdul Karim al-Iryani, früherer Ministerpräsident jetziger Berater Salehs, spricht von „allerhöchstens 400 Leuten“, die der AQAP angehörten. Wer eine ausführliche Geschichte des Jemens sucht, wird hier fündig: Tariq Ali: Zwei Jemen, ein Krisenstaat.

Die Proteste dort dauern seit ungefähr zwei Wochen an: sie werden getragen von kommunistischen Verbänden, die auch die Streiks organisieren, behauptet Kalima. Atiaf Alwazir, jemenitische Aktivistin, spricht hingegen davon, dass zumindest Teile des Aufstandes von einer gebildeten Oberschicht und den Studenten herrühren.

Was man mit Sicherheit sagen kann, ist: sollte in Jemen ein Umsturz stattfinden, wird das keine Twitter- oder Facebookrevolution: Zwei Prozent der Bevölkerung nutzen das Internet. Um sich über die Proteste im Jemen zu informieren, bietet sich neben Aljazeera auch die Seite movements.org an.

Bahrain

Bahrain ist vielleicht das Beispiel schlechthin, wie die amerikanische Demokratisierung von außen im Nahen Osten fehlgeschlagen ist. Das Land ist einer der wichtigsten Verbündeten der US-Regierung in der Region und spielt noch heute als Militästützpunkt eine zentrale Rolle in den Planungen des Pentagon.

Das Land war und ist von Gegensätzen zerrissen: Obwohl das Pro-Kopf-Einkommen bei fast 15.000 € liegt, leben große Teile der Bevölkerung in Armut. Vor allem die ausländischen Hilfskräfte, die Bahrain braucht, um seinen riesigen Dienstleistungs- und Bausektor am laufen zu halten, arbeiten und leben unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen. Obendrein sehen sie sich fortwährendem Rassismus ausgesetzt: um die soziale Frage nicht lösen zu müssen, setzen die Machthaber darauf, Ausländer an den Pranger zu stellen: entsprechend hat das Land in den letzten Jahren einige Massenunruhen erlebt.

Nach diversen Protesten hatte Bahrain – auch auf Druck der amerikanischen Regierung – Anfang des Jahrzehnts eine neue Verfassung beschlossen. Demokratische Rechte solle es geben und ein neues Parlament. Dass es dem Emir mit der Demokratie indes nicht besonders ernst war, zeigte sich schnell: die Verfassung wurde per Dekret beschlossen, und außerdem machte er sich gleichzeitig zum König.

Mehr

Der Twitterhashtag für alle Aufstände im arabischen Raum geht so: #25bahman. Mit diesem Suchbegriff kommt man via Twitter oder Facebook zu den neuesten Meldungen. Neben dem oben erwähnten movements.org beschäftigt sich auch die Redaktion von jeuneafrique umfassend mit dem Thema. Eine Linkschleuder zu allen Krisengebiete der Welt findet sich hier.

Ergänzungen willkommen.

19 Kommentare

  1. 01
    Bonny

    pertamax

  2. 02
    Maradatscha

    Im Iran sind wohl Montag und Dienstag auch Menschen auf die Straße gegangen?

    hashtag ist #iranelection auf twitter, mehr infos findet man vielleicht noch im twitterstream von @acarvin

  3. 03

    Die arabischen “ Revolutionen“ scheinen mir mehr ein Elitenaustausch von Alt zu Jung in der Mittel-und Oberschicht zu sein denn eine echte Revolution. Ist die Führung wie im Iran noch relativ jung und dynamisch, mißlingen diese Revolutionen. Die Armen dieser Länder revoltieren nicht, sie sind größtenteils Analphabeten und werden dafür sorgen, daß mittelfristig über Wahlen der Islam á la Iran an die Macht kommt. Und dann wird es mindestens so unfrei wie unter Mubarak oder dem Tunesier.

  4. 04
    sebastian

    Das Bild kann man, aus dem Kontext gerissen, auch falsch verstehen, oder? Schwarz-Weiß-Rot und Victory. Blöde Zufälle…

  5. 05
    Björn

    Frédéric, bist du sicher, dass der Hashtag #25bahman für alle Aufstände im arabischen Raum verwendet wird? Bahman ist doch ein Monat im iranischen Kalender. Der 25. Bahman ist, soweit ich weiß, der 14. Februar, an dem in diesem Jahr im Iran Proteste stattgefunden haben. Die Verbindung zu den Protesten in arabischen Ländern ist mir nicht klar. Weiß jemand Genaueres?

  6. 06
    malak

    Lieber Frédéric,
    nur kurz angemerkt, das Ausländerproblem in Bahrein ist etwas schwieriger als Du es beschreibst und die Problematik hängt sich an der Schiiten-Sunniten Frage auf. Das Regime ist Sunnitische Minderheit und versucht sogar ausländische Sunnis zu „bevorzugen“, – andererseits versuchen die Demonstranten momentan einer derartigen Aufspalltung der Lager aus dem Weg zu gehen und rufen dei Sunnis auf an den Demos teilzunehmen….

  7. 07

    ich empfehle auf twitter @NickKristof zu folgen, der berichtet live aus der gegend und hat sehr gute infos, re-tweets und artikel zu dem thema. derzeit ist er in #barhain, vorher war er in kairo.

    @sebastian 03: seit wann hatten die nazis streifen? und ist das victory-zeichen nicht von den alliierten verwendet worden? es ist nicht alles nazi, was s/w/r ist, das monopol auf die farbkombination hat noch nicht mal schneewittchen.

  8. 08
    Frédéric Valin

    @Björn: Zumindest teilweise, ja. Deine Erklärung zu bahman stimmt. Es gibt sicher noch andere hashtags, 25bahman aber ist der am meisten verwendete, glaube ich.

    @malak: Das stimmt. Kannst Du das noch ausführen? Ich hab mich nicht getraut, das so komplex anzulegen, ansonsten wäre aus dem Artikel wohl ein Buch geworden.

  9. 09
    sanne

    „1994 besetzte Saleh mit Hilfe dschihadistischer Truppen (u.a. Osama Bin Laden) das Nachbarland.“

    Das kann so nicht ganz stimmen – Norden und Süden haben sich 1990 (ein paar Monate vor Deutschland) vereinigt. Das 1994 war eher ein Bürgerkrieg, keine Besetzung eines Nachbarlandes.
    Allerdings gibt es wohl starke Bestrebungen vor allem im Süden, wieder unabhängig zu werden.

  10. 10

    Ich verweise mal ganz schamlos auf meinen Artikel „Oh, wie wild ist Manama“, in dem ich weitere Hintergründe über die Proteste in Bahrain beschrieben habe: http://www.alsharq.de/2011/02/proteste-in-bahrain-oh-wie-wild-ist.html

    Hashtag für die Entwicklungen in Bahrain ist übrigens #14feb.

  11. 11
    phil

    „Die arabische Welt befindet sich weiter im Aufruhr. In Libyen, Jordanien, Jemen und Bahrain gehen Menschen auf die Straße. Wir erleben den großen demokratischen Aufbruch der arabischen Welt: Vielleicht fängt dieses Jahrhundert nicht mit 9/11 an, sondern jetzt.“

    Von welcher Demokratie sprichst du? Ein Fakt der in der Blogosphäre bei der Betrachtung dieser sogenannten Revolutionen im Nahen Osten fast komplett ignoriert wird, ist die bloße Möglichkeit eine islamischen Regierungsform (Theokratie). Abstrakt gesagt: Das Mubarak-Ägypten ist in seiner Form für die USA ein enge Verbündeter gewesen. Das jetzige Machtvakuum kann von „beiden Seiten“ befüllt werden. Das solche autoritären Regime nicht nur schlecht sein müssen sieht man am Beispiel Singapurs. Worum es eigentlich geht sind zwei Elemente der Demokratie, die sich so auch in anderen Regierungsformen finden lassen können: Effektivität und Legitimität.

    Wer ein bisschen politologischen Background hat bzw. ein weiteres Verständnis für die Thematik kann, weiß um die grundsätzliche Bedeutung dieser Begriffe in fast allen Bereichen der Politik.

  12. 12
  13. 13
    heidrun

    @ phil: stimmt. zumal die ziele der demonstranten nicht überall gleich und auch nicht überall besonders „demokratisch“ sind. siehe jordanien.
    ich denke aber, in ägypten ist eine theokratie jetzt nicht durchführbar. zum glück.
    ich finde diese momentane mediale zusammenfassung der demonstrationen in den verschiedenen staaten etwas schwierig. die situationen sind z.t. sehr unterschiedlich (wegen dem, was in bahrain gerade passiert, dürften sich z.b. hezbollah & die iranische regierung mehr die hände reiben als wegen des aufstandes in ägypten, auch wenn sie den offiziell auch gut fanden), und dieser westliche blick auf „die arabische welt“ hat immer einen merkwürdigen unterton. finde ich zumindest.
    ansonsten bleibt’s spannend. ob das ganze in demokratien mündet, wird sich noch zeigen. spätestens, wenn es in saudi-arabien auch richtig losgehen sollte (wovon ich eigentlich fan wäre), dürften wir hier auch heftigere auswirkungen des ganzen spüren. gerade deswegen finde ich die eher mangelhafte berichterstattung der deutschen medien bemerkenswert.
    und der iran, 2009 noch das mediale lieblingskind aller selbsternannten demokraten und politisch interessierten, geht gerade etwas unter, was ich letztendlich gefährlich finde. und wenn darüber berichtet wird, wird er mit diktaturen wie mubaraks ägpyten in einen topf geworfen.
    „bahman“ ist tatsächlich aus dem iranischen. könnte sein, dass nur unter diesem hashtag nicht so viel verschiedenes zu finden ist, aber ich lese lieber längere hintergrundartikel als tweets :)

  14. 14
    phil

    @Johnny Haeusler: Johnny, das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. Ich habe mal gedacht, dass es der Diskurs ist der Blogs erst zu dem machen, was sie sind.

  15. 15
    heidrun

    hier übrigens videos aus libyen, da ist ja eine ziemliche mediensperre: http://libya2011.kaizer.se

  16. 16
    Elblette

    @phil: Ein Regime, das Leute aus politischen Gründen ins Gefängnis steckt, verprügelt und umbringt, gehört abgeschafft. Dass womöglich ein anderes abzuschaffendes Regime nachkommt, scheint mir kein Grund zu sein, Verprügeln und Umbringen direkt oder indirekt zu unterstützen. Guck Dir mal die Bilder aus Bahrain an. Falls Du die nicht aushältst, tut es auch der Twitter-Feed von Nick Kristof.

  17. 17
    next

    The revolution will not fit in 140 characters!

Diesen Artikel kommentieren