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Arcade Fire Kurzfilm „Scenes from the suburbs“

Wie es einem geht, wenn man gerade solch einen Lauf hat, was die Anerkennung seiner künstlerischen Arbeit angeht? Nun, Win Butler von Arcade Fire fühlte sich das letzte Mal derart euphorisch und innerlich verstrubbelt, als Obama gerade die Stimme des Staates North Carolina gewonnen hatte. Ansonsten wisse er aber vor lauter Gefühlsfeuerwerk momentan nicht einmal mehr, welcher Tag es denn sei, geschweige denn, in welchem Jahr wir uns befänden. Wahrlich kein Wunder, wenn man sich die preisträchtigen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit rund um die liebenswürdigen Kanadier ansieht. Doch bevor diese endlich ansatzweise verarbeitet werden konnten und sich Mr. Butler mitsamt Bandkollegen wieder auf den Heimweg ins geliebte Montréal machte, stand gestern noch flugs die Premiere ihres Kurzfilms „Scenes from the suburbs“ und eine Pressekonferenz im Rahmen der 61. Berlinale auf dem Programm.

Ende des letzten Jahres konnte man bereits einen auf Musikcliplänge eingedampften Trailer des Werks sehen, das auf dem Album “The suburbs” beruht und unter der Regie von Künstlerfreund Spike Jonze schließlich zum Leben erwachte. Dieser hing des öfteren im Studio herum als die Band ihr neues Album einspielte und da man sich mochte, die Butler-Brüder außerdem nach eigener Aussage verkappte Filmemacher sind sowie das Budget überschaubar bleiben sollte, wurde nunmehr die Idee für ein Kurzfilmprojekt zur Albumveröffentlichung geboren. So traf man sich gegen Ende der Aufnahmen in Austin, Texas um dort innerhalb von 10 Tagen gemeinsam das Drehbuch zu verfassen und es direkt im Anschluss zu verfilmen – laut Win Butler die intensivste Woche seines Lebens, zumal er in dieser Zeit noch seinen 30. Geburtstag feierte. Um dem Film jedoch die angemessene Aufmerksamkeit schenken zu können, entschied man sich letztlich gegen eine gleichzeitige Veröffentlichung zum Album, weshalb er nun erst jetzt auf wenigen ausgewählten Festivals zu sehen ist, aber voraussichtlich irgendwann auch auf DVD erscheinen wird.

„Scenes from the suburbs“ zeigt die Erinnerungen der Hauptfigur Kyle an seine Stadtrandjugend. Teils mit Songs von (natürlich) Arcade Fire unterlegt, zeichnen jene Bruchstücke die Beziehung zu seinen Kumpels, aber insbesondere die zu seinem besten Freund nach, da diese auf mysteriöse Weise langsam zerbricht. Das Ergebnis ist ein von einzelnen Szenen durchsetztes Fragment, das diesen Verlauf einer Entmenschlichung beschreibt und von Will Butler in seiner Struktur auch ganz deutlich mit dem Verfassen von Songtexten verglichen wird. In einer klassischen Vorortwelt identischer Häuserfassaden und der hohen Kultur des gepflegten Abhängens angesiedelt, bedient sich der Kurzfilm dafür ebenso einiger Science-Fiction-Elemente und zollt unter anderem nach Aussage der Butlers auch Vorbildern wie Terry Gilliam Tribut. Ein besonderer Reiz geht dabei von den jugendlichen Amateurdarstellern aus, allerdings nicht nur von denen, die am Ende auch im Film mitspielen. Die über 400 Castingvideos mit den persönlichen Geschichten junger Menschen boten Jonze und den Gebrüdern Butler nämlich eine große zusätzliche Inspirationsquelle für das von ihnen geplante Emotionsporträt.

Okay, es ist vielleicht kein Meisterwerk und ich würde mich wundern, wenn Arcade Fire dafür auch noch den Oscar als Award abgreifen. Aber die 30 Minuten von „Scenes from the suburbs“ sind ein durchaus intensives Stimmungsbild geworden und ihnen ist die riesige Menge an Herzblut anzumerken, die Win und Will Butler dort hineinpumpten. Ich wünschte mir aufgrund dessen zumindest, dass sie beim nächsten Mal tatsächlich mehr Geld zur Verfügung haben, um ihre Songtexte in Leinwandsprache übersetzen zu können.

Wie bizarr war es daraufhin jedoch, feststellen zu müssen, dass die meisten geladenen Gäste der gestrigen Pressekonferenz sich weder für dieses aus Leidenschaft entstandene Projekt, noch für die Band dahinter interessierten. Da bekommen diese Journalisten drei charmant gut gelaunte, gerade auf dem bislang höchsten Punkt ihres Schaffens angelangte, fantastische Musiker für einen Plausch über deren an diesem Tag uraufgeführten Kurzfilm vor die Nase gesetzt und was fragen diese selbsternannten Halbgötter der professionellen Recherchekunst? Was die Band denn von Lady Gagas aktuellem Projekt hielte (Wer?), wie sie es finden, dass das Musikfernsehen in der Schweiz allmählich stirbt (Was?), wann denn bitte schön ihr neues Album herauskäme (Wie bitte?) und ob sie denn mal erklären könnten, worum es in dem Film eigentlich ging (…). In manchen Fällen hätte ich jedenfalls schwören können, dass einige Fragesteller nach vergangenem Sonntag ebenfalls erst einmal bei Google nachschauten, wer denn diese komischen Arcade Fire überhaupt seien. Mal im Ernst, Lady Gaga? Ich setze mich doch schließlich auch nicht vor einen Journalisten und befrage ihn zum Fleischerhandwerk? Anhand der verzweifelten Skepsisfalten auf ihren Stirnen konnte man danach zumindest sogleich alle Menschen erkennen die das Werk von Arcade Fire wirklich zu schätzen wissen – Label-Chef Christof Ellinghaus schien sich mitunter gar im Zen-Buddhismus üben zu müssen – und ihnen eine ernstzunehmende Frage zu stellen, war mir schließlich schon mehr als ein Herzensbedürfnis.

„Scenes from so-called journalism“ – meine Antwort darauf versteckt sich passenderweise im offiziellen Filmposter.

7 Kommentare

  1. 01
    christian

    Du hast soooo recht. Wäre so gern auf die PK gegangen als Großfan der Herren und Damen. Leider kamen mir andere Berlinale Aktivitäten dazwischen. Was die dummen, kaum vorstellbar einfältigen Fragen der Presse angeht, kann man das auch auf den üblichen Berlinale PK erleben. Wir haben dazu sogar zwei Artikel geschrieben: hier:
    http://www.festivalblog.com/archives/2011/02/post_19.php5

    und hier:

    http://www.festivalblog.com/archives/2011/01/post_6.php5

    bin jedenfalls neidisch, dass du da warst und hoffentlich kluge Fragen gestellt hast.

  2. 02
    jo.

    schöner text, anne.

  3. 03
    Anne Wizorek

    @christian: „Bei den Pressekonferenzen auf der Berlinale scheint sich der Intelligenzquotient der Fragenden gegenläufig zur Berühmtheit der befragten Schauspieler oder Regisseure zu verhalten.“ Diese These kann ich ab sofort auch für Bands/Drehbuchautoren bestätigen. ;) Mir taten Arcade Fire ziemlich schnell so unglaublich leid und ich kann einfach nicht nachvollziehen, dass die Journalisten sich nicht mal für eine Zehntelsekunde in deren Situation versetzen wollten.

    Es hat leider nur für eine Frage von meiner Seite gereicht, aber ich wollte wissen, inwieweit sie auch an der visuellen Umsetzung des Films beteiligt waren oder eben „nur“ am Script. Will Butler war der Script Supervisor und hat aufgepasst, dass alles so umgesetzt wurde, wie es da drin stand. Und auch wenn sie sich sonst eher zurückhielten und voll auf Spikes Können vertrauten, haben sie doch was Lichtverhältnisse und Look des Films angeht, sehr viel mitgeredet, sowie beim Casting natürlich auch.

    @jo.: Ein kanadisches Dankeschön dafür. :)

  4. 04

    @Anne Wizorek:
    Mal (blöd) nachgefragt ;-)

    Die Journalisten handeln doch nur soweit wie es ihr Auftraggeber vorgibt.
    Blöde Fragen = blöde Redaktion

    Kann mir als Aussenstehender keine fundierte Meinung erlauben.

    Alles Gute

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