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Tätää

Onkel Paul war ein Nazi. Nicht aus Überzeugung, er selbst sah sich eher als Humanist alter preussischer Prägung. Der Zucht- und Ordnungszwang seiner Generation aber stand ab ’33 diesem Humanismus im Wege: Onkel Paul hätte, wenn er dazu gezwungen gewesen wäre, selbstverständlich einen Partisanen hingerichtet oder einen Juden verraten. Nicht, weil Hinrichtungen und Verrat seinen Überzeugungen entsprochen hätten, sondern weil es Recht und Gesetz gewesen wäre. Er war gesetzestreu bis zur Selbstaufgabe, ein Konservativer in der falschen Zeit. Dass er nach Ende des III. Reiches nie ganz zur Demokratie gefunden hatte, lag daran, dass er nicht undankbar sein wollte. Onkel Paul war Nazi aus Pflichbewusstsein geworden, und aus Dankbarkeit geblieben.

Für ihn war der Krieg die beste Zeit seines Lebens gewesen. Geboren in einem kleinen Kaff irgendwo in Ostpommern, hatte er seine Kindheit damit verbracht, möglichst anständig und folgsam zu sein. Als Erstgeborener und guter Schüler hatte er das Privileg genossen, aufs Gymnasium zu dürfen. Ihm stand eine Karriere als kleiner Beamter oder vielleicht als Pfarrer bevor, weswegen er fleißig Latein und Mathematik lernte: wahres Vergnügen aber fand er nur an der Literatur. Von morgens bis abends las er die alten Stücke von Schiller, von Goethe, rezitierte auf seinen langen Schulwegen Klopstock und Wieland, lernte die Balladen von Uhland auswendig und besorgte sich von seinem mühsam zusammengesparten Geld einige Shakespeare-Übersetzungen. Gefangen in einer Welt der wohlklingenden Worte, machte er mit achtzehn Jahren sein Abitur, der Krieg ging in sein zweites Jahr.

Er wurde sofort eingezogen und der Infanterie zugeteilt. Als Nachhut zog seine Truppe durch den zwangsbefriedeten Balkan bis an das südliche Ende Griechenlands. Onkel Paul hatte viel Zeit, sich Ruinen älteren und jüngeren Datums anzusehen, wobei er sich wenig für zerschossene Bauernhäuser interessierte, sondern lieber die alten Steinhaufen in Augenschein nahm, die früher mal Paläste gewesen waren. Kaum dass er siebenundzwanzig dieser Trümmerberge bewundert und bestaunt hatte, wurde seine Einheit nach Nordfrankreich abgezogen, an den Atlantikwall in der Nähe des Mont Saint Michel. Dort fuhr er mit dem Fahrrad durch grüne Wiesen und beschattete Schafherden, alle paar Wochen verbrachte er einige Tage in Paris. Er spazierte durch die Museen, schrieb auch einige Verse, lernte Französisch und Englisch und trank, wenn er übermütig wurde, schon vor dem Essen einen Pastis. Die Invasion vom 06. Juni 1944 erlebte er im Lazarett, denn er hatte sich bei einem Sturz einen komplizierten Bruch des Schien- und Wadenbeins zugezogen. Er kam in ein Gefangenenlager und wurde wegen seiner Sprachkenntnisse bald zum Vermittler zwischen seinen Kameraden und den Alliierten. Weil einer der Offiziere begeisterter Bewunderer der Weimarer Klassik war, verbrachte er viele Nachmittage in dessen Wohnzimmer, wo bei Alkohol und Zigaretten über die Unterschiede zwischen deutschem und französischem Alexandriner debattiert wurde. Kurzum, für Onkel Paul war der Weltkrieg ein langes Ferienabenteuer. Selbst fünzig Jahre nach der Kapitulation bemerkte er hin und wieder, dass er ohne „den Herrn Hitler“ Griechenland nie gesehen hätte und auch niemals Gymnasiallehrer hätte werden können.

Tante Susanne verließ selten die Wohnung, denn sie verfügte über mehr Phobien als in ein Handbuch der Psychologie passen. Sie hatte sogar Angst davor, neue Phobien zu entwickeln. Als sie ihrem Arzt 1962 dieses Leiden schilderte, wurde sie zum ersten diagnostizierten Phobophobie-Fall in Deutschland. Der Arzt fragte sie, ob er ihren Fall publizieren könne, sie erbat sich drei Tage Bedenkzeit und sagte dann, sie sei damit nicht einverstanden: sie fürchte sich vor der Berühmtheit.

Ich betrat die Wohnung von Tante Susanne und Onkel Paul zum ersten Mal im Februar 1996, ich war 14 Jahre alt. Die beiden hatten keine Kinder, vielleicht war Tante Susanne phallophobisch, ganz genau konnte man das bei ihr nicht wissen. Wollte man auch nicht.

Überall im Haus lagen Teppiche aus, dicke, dunkelrote Teppiche, sie hingen selbst an jenen Wänden, die nicht mit Bücherregalen zugekleistert worden waren. Obwohl Tante Susanne drei Mal am Tag das Haus aussaugte, hatte sich der Staub zwischen alle Fasern gesetzt. Wenn man zu fest mit dem Fuss aufstapfte, stoben kleine Wölkchen durch die Luft. Das allerdings war der einzige Effekt: die Teppiche schluckten jeden Hall. Wenn man in der Küche ein Glas zerschmiss, konnte man das im Wohnzimmer schon nicht mehr hören. Das ganze Haus war eine einzige gutbürgerliche Gummizelle.

Ich war damals sehr schlecht in Latein. Das letzte Jahr war es noch gegangen, denn wir hatten vor allem alte Sagen übersetzt. Statt Vokabeln und die korrekte Anwendung des Ablativus absolutus zu lernen, hatte ich die alten Bücher rausgekramt, in denen kindgerecht all die Geschichten erzählt wurden, die wir in den Klassenarbeiten zu übersetzen gehabt hätten. Nachdem der Lehrer die Aufgaben verteilt hatte, scannte ich den Text grob auf Namen und dichtete mir ungefähr den Zusammenhang dazu. Augias, Herkules, das war das mit den Ställen. Polyneikes, Eteokles, das war sieben gegen Theben. Ich versuchte, mir ein paar Vokabeln aus dem Französischen herzuleiten und begann. Manchmal traf ich genau die Stelle, die gemeint war, manchmal lag ich daneben, manchmal schrieb ich Passagen dazu, die der Lehrer ausgelassen hatte. So schwankten meine Leistungen immer zwischen drei und fünf, was okay war, denn es machte Spaß.

Mein Plan, so bis zum Abi zu kommen, scheiterte, als wir begannen, Cicero zu übersetzen. Von der ersten Klassenarbeit hatte mein Lehrer mir nur die ersten drei Zeilen korrigiert, sagenhafte 28 Fehler bei 32 Worten. Daruter stand: Unkorrigierbar, sechs.

Meine Mutter hatte ihr Leid, das eigentlich mein Leid war, der Großmutter geklagt, und die hatte an Onkel Paul gedacht. Der sollte mir Latein einpauken, über die Faschingsferien. Deswegen war ich hier.

Die Tage verbrachte ich damit, Vokabeln zu lernen, aus dem gallischen Krieg zu übersetzen und Gerundium von Gerundivum zu unterschieden. Machte ich einen Fehler, begann Onkel Paul zu knurren. Machte ich zwei Fehler, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Machte ich drei Fehler, begann er laut zu zetern und zu schimpfen. Ich hoffte, dass er nicht irgendwo einen Rohrstock versteckt hielt, und duckte mich unter seinem Unmut. Während des Mittagsessen dozierte er mit strenger Miene über mittelhochdeutsche Literatur und aktuelle Politik, während Tante Susanne ganz fest ihren Teller umklammerte, aus Angst, er könne ihr zu Boden fallen. Es war soweit ein fürchterlicher Aufenthalt.

Dachte ich.

Es gibt immer noch ein Erdgeschoss.

Schlag siebzehn Uhr stellte Onkel Paul den Unterricht ein, eine halbe Stunde später gab es Abendessen. Schlag achtzehn Uhr wurde dann der Fernseher angestellt, den sich Onkel Paul und Tante Susanne nur zu einem Zweck angeschafft hatten: zwei Wochen lang jede Karnevalssendung anzusehen, die in ihren Zeitplan passte. Von Mainz bleibt Mainz bis Volle Kanne, alles wurde aufgesogen, Hauptsache, irgendwo stand eine Bütt.

Wenn das erste Humba Humba Tätärää über die Lautsprecher dröhnte, legte sich ein leises Lächeln über Tante Susannes Gesicht. Ich sehe Thomas Neger auf der Bühne herumhopsen und denke, dass es furchtbar gewesen sein muss, in den 50ern aufzuwachsen. Onkel Paul schaut zärtlich auf seine Susanne, ich glaube, er hat den Impuls, sie im Gesicht zu berühren, nimmt sich aber im letzten Moment zusammen. Stattdessen beginnt er, zur Auflaufmusik des Bundestagsboten zart in die Hände zu klatschen. Die Kamera zeigt als Biene Maja verkleidete Mumien, denen die Schminke aus den Falten bröckelt. Ein greiser Mann, graumeliert, in Smoking und mit Brille auf der Nase tritt ans Rednerpult, er sagt: „Wollemer uns an schönen Abend mache oder sind Sie auch inner SPD.“ Der Saal tobt. „Glauben Sie mir, wenn Wahlen was verändern könnten, wären sie längst verboten“, sagt der greise Mann, Onkel Paul nickt heftig. Wahrscheinlich nickt er jedes Jahr so heftig, weil der greise Mann jedes Jahr die gleiche Rede hält und nur ein paar Namen austauscht. Das Publikum scheint sich nicht weiter dran zu stören, die meisten warten dämmernd auf den Tusch, um dann ruckartig zu applaudieren. „Danach“, sagt der greise Mann, „war der Münte leutselig und ging, da waren die Leut selig“, und ich überlege kurz, ob ich mich vor Fremdscham einmache. Der Saal lacht.

Guddi Gutenberg macht sich über seine Aryuveda-Kur lustig, da muss man viel Suppe essen, sagt er, der Saal lacht, mit Stäbchen, sagt er, die Musiker vergessen, den Tusch zu spielen. Einen Moment lang weiß keiner, was zu tun ist, man sieht ratlose Gesichter im Saal, die stumm nochmal den letzten Satz durchgehen auf der Suche nach der Pointe. Dann macht Guddi Gutenberg einfach weiter, er tut mir ein bisschen leid.

Ich sinke in meinen Sessel zurück und wünsche mir Ohrenlider. Rechts von mir gluckst Tante Susanne, ich habe sie noch nie so gelöst gesehen. Onkel Paul hebt die Hand: „Solchen Witz und Verstand“, sagt er zu mir, dann bricht er ab. Als die Band auf der Bühne ‚Im Schatten des Doms‘ anstimmt, beginnen die beiden sanft zu schunkeln.

Es ist der Moment, in dem ich beschließe, ein schlechter Schüler zu bleiben. Mein Latinum habe ich nie bekommen.

20 Kommentare

  1. 01

    Noch einer der mit dieser Taktik auf die Nase fiel. Sagen gingen, Asterix ging und dann kam der Bellum Gallicum und das war’s mit dem kleinen Latinum.

    Der Rest ist die immer noch vorhandene gruselige deutsche Realität.

    Eine Schulfreundin ist lesbisch und hatte größte Angst, sich vor ihren konservativen Eltern zu outen. Irgendwann war ich einmal in der Küche ihrer Eltern und dort hingen Tickets für eine Travestie-Schow. Ihr resignierter Kommentar, auf meine Frage, wieso sich ihre Eltern dies anschauten war. „Das ist ja auch nicht ihr Sohn.“

  2. 02

    Hmm

    Tiefgründige Betrachtungsweisen zu noch unklaren Verhältnissen begegnet man
    am besten mit irreführenden Aussagen wie z.B.:
    „Wir geben uns zu wenig Rechenschaft darüber,
    wieviel Enttäuschung wir anderen bereiten.“
    (H.Böll)

  3. 03
    lana

    nice. der stil erinnert mich ein wenig an herrndorf.

  4. 04
    Das Handtuch von Arthur Dent

    Herrlich. Danke.

  5. 05
    flubutjan

    „Ohrenlider“, cool.

  6. 06
    Frederik

    Ihr wolltet euer Latinum einfach nicht genug.
    Die Taktik die bei euch und bei mir mit Sagen recht gut funktionierte, konnte man auch leicht auf den gallischen Krieg anwenden. Man musste nur bereit sein den Mist zu lesen. Einmal habe ich das Thema einer Arbeit vorhergeahnt und genau die entsprechende Passage vorher gelesen. Auf den Lorbeeren konnte ich mich dann ausruhen bis Catull drankam. Der hätte mir fast das Genick gebrochen. Aber auch da konnte man ja ein wenig vorlesen. Irgendwann hab ich mal meinem alten Lateinlehrer davon erzählt und er meinte, dass eine der klassischen Situationen gewesen wäre, in denen das Pfuschen genausoviel Arbeit war, wie das Lernen und ich in sofern mein Latinum duchaus verdient hätte.

  7. 07
    leo

    @Frederik: So ist das mit dem Lernen: viele Wege führen nach Rom. (Schenkelklopfer)

  8. 08

    „Ohrenlider“ hat wirklich einen Preis verdient. Sehr schön.

  9. 09
    leo

    @Fleur: Erstaunlich finde ich ja auch, dass „Phobophobie“ tatsächlich auf Wikipedia in der Liste der Phobien steht: http://de.wikipedia.org/wiki/Phobophobie
    Das ist wohl sowas wie jemand, der sich für einen Hypochonder hält, ohne es zu sein.

    Ich würde die Menschen mit diesen Phobien ja bemitleiden, wenn ich nur nicht so schreckliche Angst vor ihnen hätte. (Schenkelklopfer #2)

  10. 10
    Maddes

    schöne geschichte, gefällt mir gut. erinnert mich ein bisschen an das bürgerliche wohnzimmer von tresenlesen.

  11. 11

    Die Negerfamilie ist groß in Mainz. Und erfreut sich daran, das auch so zu lassen. Man schaue sich das Logo an, http://www.neger.de und entscheide, wie weltoffen und verbessert dieses Land geworden ist seitdem du bei deinem Onkel Angst hattest.
    Über Phobophobie habe ich mich dennoch gefreut :).

  12. 12
    Martin

    Vielen Dank für den schön geschriebenen Text.

    In Latein habe ich das auch immer so gemacht. Namen gesucht, Verben gesucht, Stowasser gezückt, Verben übersetzt und herumgesponnen.

    Hat irgendwie auch immer Spaß gemacht rumzubasteln und ich habe die fleißigen Bienchen nie benieden, die immer alles brav richtig übersetzt haben.

    „Ohrenlider“ wünsche ich mir auch oft. Vor allem zur Karvenalszeit

    Viele Grüße
    (Dr.) Freiherr zu Martin

  13. 13
    mekong

    Ein feines Stück Prosa. Danke. Tut gut, nach all den hastig geschriebenen Kurzbeiträgen, News und Blogeinträgen ein liebevoll entwickeltes, längeres Stück Prosa zu lesen.

    BTW: Latein war auch mein schulischer Sargnagel. Werde nie die Noten meiner ersten Lateinarbeiten vergessen: 2-3-4-5-6. Ein klassischer Abstieg. Und der Lateinlehrer war ein klassischer Arsch, wie so viele Lehrer in den 60ern. Hat immer wieder gern vom Krieg erzählt, wie er ganz allein den Iwan mit seinem Panzer aufhalten musste, weil die feigen Itaker beim Anblick der Bolschewiken Fersengeld gegeben hatten. Glückliche Umstände führten allerdings dazu, dass ich nach einem Schulwechsel doch noch ein großes Latinum mit einer Zwei erreicht hatte. Den Lehrer (ein sympathisches Fossil) hat es allerdings bei der Korrektur des zweiten Tests dahin gerafft. (Ein großer Teil der Klasse hatte die Übersetzung des leichtfertig ausgeplauderten Prüfungstextes – der Vater eine Mitschülerin war Lateinlehrer – dabei…). R.I.P, Zack.

  14. 14
    Tim

    Der typische Lateinlehrer in den 60er und 70er Jahren. War grausam, man konnte nur hoffen eine nicht ganz zu „extremistische“ Lehrkraft zu bekommen. Latein lehrt fürs Leben.

  15. 15
    mekong

    Ja, so war es. Jede Stunde begann mit der Hinrichtung. Die Tafel wurde aufgeklappt, so dass 4 Delinquenten Platz hatten. Dann gab es für jeden acht Vokabeln zum übersetzen. Alles richtig: 2. Eine falsch: 3 und so weiter. Schulisch waren die 60er und 70er ein echter Härtefall.

  16. 16

    Hilfe

    Scheinbar Blutarme (med. Fachbegriff gesucht) bevölkern unser Land.

    Ganz harmlos sind diese Wesen nicht.
    Getarnt und verkleidet begrapschen
    diese Regionen, welche noch nie zuvor…
    (Raumschiff Enterprise)

    Scherzkekse und deren Brösel können
    an der Rezeption abgegeben werden.

  17. 17

    „Da kommt’n Komma“ (Köbes Underground, Stunksitzung 2011) http://www.youtube.com/watch?v=LjfY4-K6ybU

    Latein ist unbestritten hilfreich zum Erlernen deutscher Grammatik … ;-)

    Ho Narro!

  18. 18
    BenZol

    Oh ja, Latein war so schlimm. Alte Leute sind, hach, so wunderlich, hatten allem Anschein nach ein Leben vor den Enkeln/Kindern. Die überwiegend nüchterne Sprache setzt humorvoll-anbiedernde emotionale Highlights des irgendwie zusammen Durchgestandenen. – Willst Du uns hier anfüttern für einen noch zu veröffentlichenden Roman, der seine Faszination aus ubiquitären Traumata und dem Sepia-Glorienschein einer verlorenenen Jugend auspresst?

  19. 19

    Verkomplizierte Äußerungen

    dürfen gerne hilfreich sein.

    „ubiquitären Traumata und dem
    Sepia-Glorienschein einer verlo-
    renenen Jugend auspresst? “
    By Unknown BenZol

    Alles Gute

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