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Bundesliga 26

Die Schweigeminute dauerte 15 Sekunden. Höchstens. Gladbacher und Bremer standen sich gegenüber, manche kauten Kaugummi. Dann bedankte sich der Stadionsprecher, Dante rückte seine Maske zurecht, Frings klatschte in die Hände.

Es wirkte alles fürchterlich banal. Einerseits. Aber auch rührend hilflos.

Die Katastrophe in Japan hinterlässt ein großes, großes Loch, eine immense Sprachlosigkeit. Wie viele Menschen haben die letzten Tage in einen Satz geschrieben, dass sie jetzt keinen Satz schreiben würden? Sehr viele. Das Bedürfnis, den Opfern etwas zu widmen, ihnen etwas zukommen zu lassen, Aufmerksamkeit und Solidarität, es ist ein sehr verbreitetes.

Es gibt wahrscheinlich keine angemessene Reaktion auf eine solche Tragödie. Allein schon die Worte, die man benutzt, sind schal und abgestanden – Tragödie. Katastrophe. Und auch das GAU reicht nicht mehr, es muss schon der Super-GAU sein. Der Mega-GAU. Wir sind erst am Anfang der Vorkommnisse, und schon gehen uns die Worte dafür aus.

Was hat das alles mit Fussball zu tun?

München, kurz vor der Halbzeit, Robben drischt mit einer Urgewalt den Ball ins Netz. (Urgewalt? Im Ernst?) Er rennt raus zur Eckfahne, er rutscht auf den Knien bis zur Spielfeldbegrenzung, dann holt er aus und schlägt in die Luft, er kuckt grimmig, triumphierend. An seinem rechten Arm der Trauerflor.

Shinji Kagawa ließ vor zwei Tagen mitteilen, ihm ginge es gut und er werde schon bald auf wieder trainieren. Die Reha verlaufe ohne Komplikationen. Bald kann er wieder das gelbe Trikot überziehen, vorne steht Evonik drauf, der Chef von Evonik hat sich neuerdings gegen den Atomausstieg ausgesprochen. In Japan ist das Kühlsystem eines dritten Reaktors ausgefallen.

So eine Katastrophe reißt für jene, die nicht existenziell betroffen sind und trotzdem nach Erklärungen fischen, ein großes Loch ins Konzept, ein Loch, das man nicht zu füllen versucht, sondern nur irgendwie überdeckt. Mit fünfzehnsekündigen Schweigeminuten, mit Trauerfloren, mit Berichten über Spieler, die bald wieder spielen können. Man deckt das Loch kurz zu und hofft, dass es (bald, sehr bald) wieder weitergeht. Damit ein Debakel wieder ein Debakel ist, fünf Gegentore zu Beispiel, eine Katastrophe wieder eine Katastrophe, sagen wir ein Eigentor.

Der Fussball taugt nicht sehr gut dazu, Trauer öffentlich zu zelebrieren und stummes Mitgefühl zu zeigen: aber in seinen Versuchen, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden, da taugt er wieder, als Metapher. So fürchterlich banal. Aber auch rührend hilflos.

Weiter mit Fussball. Mario Gomez ist stumm vor lauter Bewunderung:

Ausnahmsweise noch ein zweites Video, damit sich zum Lustigen auch das Beindruckende gesellen mag:

Es hätten auch gut drei Videos werden können heute, aber Frank Rosts Wutrede gibt es bisher nur in viel zu schlechter Qualität, zum Leidwesen aller Freunde der gepflegten Arbeitgeberdemontage. Bis sich das ändert, hier drei vier Ausschnitte:

Ich kann sie nur für mich persönlich mitnehmen, das, was ich hier erlebe – bitte nicht so machen später, Frank! Weil das geht voll in die Hose! Das musst Du als Lehre mitnehmen.

(…)

Leute werden enteiert – nehmen Sie doch mein Beispiel: Man hat einen Torhüter geholt. Warum hat man den geholt? Den hat man geholt, damit der Rost mal die Klappe hält! Aber wenn man konsequent ist, dann lässt man ihn auch spielen. Aber wie könnte das in der Öffentlichkeit aussehen?

(…)

(Bernd Hoffmann) hat 160 Millionen Jahresumsatz gemacht – das war sein Erfolg. Die Mannschaft hat nur 50 Spiele gemacht – aber scheißegal! Das ist total uninteressant, ob sie mich wegfackeln, ist mir Wurscht! Scheißegal, dann sollen sie mich wegfackeln. Wir müssen gucken, dass wir 40 Punkte kriegen – das ist das Entscheidende!

Was glauben die hier: Dass wir irgendwo hinfahren und irgendwelche Leute abschießen? Wir haben heute nicht mal einen Blumentopf getroffen! Aber ich muss die Dinge aktiv regeln – und nicht aussitzen! Stellen Sie sich mal vor, jeder Spieler, bei dem der Vertrag ausläuft, macht jetzt Urlaub!

(…)

Kai Pahl hat das Vollzitat.

11 Kommentare

  1. 01

    Als Fan des 1.FC Nürnberg schäme ich mich momentan sehr für unseren Trikotsponsor. Übrigens hatte AREVA zum zeitpunkt des erdbebens monteure in fukushima… sind aber alle wohlauf.

    Mein Mitgefühl gilt allen Personen, welche direkt oder indirekt von den Geschehnissen in Japan betroffen sind.

  2. 02
    Guram

    Ich weiß, dass das jetzt Kleinkram ist, aber: der Begriff Super-GAU ist an sich kein Schwachsinn. Ein GAU ist der Fall, für den das System (muss ja nicht zwingend ein Kernreaktor sein) ausgelegt ist, einen GAU hält man also gerade noch aus. Ein Super-GAU geht eben wörtlich darüber hinaus, das System bricht zusammen, der Reaktor fliegt in die Luft usw. Dass das umgangssprachlich zum „sehr großen GAU“ wurde, ist eine andere Geschichte. Um so dämlicher ist natürlich ein Mega-GAU…

  3. 03

    Toll ist auch der „absolute Super-GAU“. Ich glaub der Abstieg von Hertha war laut Verantwortlichen-Retorik so einer.

  4. 04
    Flux

    Wasn mit Bundesliga 25 (nicht) passiert?

  5. 05
    Hatem

    Frank Rost ist einfach nur großartig.

  6. 06
    Hanoi

    Jaaaaaaa, der hat Eier! Von wegen enteiert!!

  7. 07

    Ja, was soll man im Moment noch schreiben, was darf man posten? Ich habe mich entschieden erstmal nichts zu schreiben. goodnews – geht das überhaupt?!

    Das Ausmaß der Katastrophe ist so immens, dass es in Worten nicht begreifbar zu machen ist und wir sind nur Zuschauer und nicht direkt betroffen.

    Und Frank Rost tut gut daran, die Dinge beim Namen zu nennen. Hoffentlich folge ihm einige, nicht nur im Fussball.

  8. 08
    Frédéric Valin

    @Flux: Ich war im Urlaub.

  9. 09

    Sehr guter Blick auf den Spieltag. Auch wenn er für meine Mannschaft der erste gute Spieltag der Rückrunde war, erster Liga-Sieg 2011, ist es dann doch nebensächlich. Irgendwie symptomatisch auch die letzten 12 Nachspielminuten der Partie Cottbus – Osnabrück.

  10. 10
    Maddes

    naja, die schweigeminute ist ein moment des innehaltens und gedenkens – ob er jetzt 5, 10, 60 oder 394 sekunden dauert, ist auch irgendwo zweitrangig. denn wofür das ganze? gibt es einen japaner, dem so etwas hilft, dem es dadurch besser geht? oder ist es eher eine hilfe für die menschen hier, ihre anteilnahme zum ausdruck zu bringen?
    wobei ich bei sowas auch schon im block gestanden bin: da wird geredet, getrunken, geraucht, sogar leise gelacht – es gibt genug leute, denen das sowieso egal ist. fussball ist für viele auch ein mittel, um den eigenen alltag kurz zu vergessen. man will mit seinen leuten zusammen jubeln, sich vielleicht daneben benehmen, dem gegner alles schlechte wünschen, spieler zur sau machen. und gewinnen.
    bemerkenswert war das rost-interview definitiv. es hat das potential zum klassiker. davon aber abgesehen zeigt es (wie die veh-pressekonferenz) aber mehr als deutlich wie schlimm es um den hsv steht und welch chaotischen verhältnisse dort herrschen.
    natürlich geiern die medien danach und alle finden es toll, dass der „kleine angestellte“ rost es „denen da oben“ mal so richtig gezeigt hat. bei einem intakten verhältnis passiert sowas aber nie in der öffentlichkeit. und darf es auch nicht. ich hoffe, seine strafe wird deftig.
    doof finde ich, dass der vfb gewonnen hat. ich fänds viel schöner, wenn sie verlieren und absteigen.

  11. 11

    Zumindest auf UEFA Ebene ist die Schweigeminute auch gar keine Schweigeminute, sondern nur ein Schweigemoment und dauert laut Protokoll 40 Sekunden: http://yfrog.com/h8ev34j – Das Bild wurde übrigens von Anatoliy Tymoshchuk (@Timo_44) getwittert.

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