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Japan ist schuld

Am Sonntagabend bin ich dann doch noch bei der Sendung von Anne Will hängengeblieben. Fast wäre es dabei so weit gekommen, dass mir Christian Lindner leid tat, glücklicherweise drückte er aber selbst sehr deutlich aus, warum das nicht nötig ist:

Ich glaube, dass es in Deutschland eine Partei braucht, die marktwirtschaftlich und leistungsorientiert ist, die fair ist, aber nicht gleichmacherisch, die auch eine ökologische Verantwortung hat, dabei aber nicht staatsgläubig wird. Das ist das Profil der FDP.

Die völlige Abwesenheit von Vokabeln wie „Gesellschaft“, „Zukunft“, „Bildung“ oder auch „soziale Gerechtigkeit“ in dieser Selbstbeschreibung beweist ein Mal mehr, warum mir ein Land ohne FDP lieber ist. Aber gut, über die FDP herzuziehen ist wie kleine Kinder schubsen: Einfach. Verlassen wir uns diesbezüglich also lieber auf die Fünfprozent-Hürde, denn was mich eigentlich in der Debatte um die gestrigen Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ärgert, ist die Tatsache, dass Wählerinnen und Wähler einmal mehr zu rein emotional handelnden Dummköpfen degradiert werden, die keine wirkliche Ahnung haben. Nicht die Regierungsverantwortlichen seien am Ergebnis schuld, sondern die Ereignisse in Japan.

Nur wenige Worte fallen dabei über S21, keines darüber, dass es schon vor den Katastrophen in Japan immensen Ärger über die Laufzeitverlängerung inklusive Großdemos gegeben hat. Kein Satz darüber, dass Menschen seit 30 Jahren auf die Straße gehen, vor den Risiken der Atomenergie warnen, ihre Sorgen darüber äußern und dabei immer wieder ignoriert worden sind. Ebenfalls kein Wort dazu, dass ungelöste Fragen wie die Endlagerung schon viele, viele Jahre vor Fukushima und nicht erst seit Asse immer wieder Thema sind.

Es ist richtig, dass die Ereignisse in Japan zu einem beispiellosen Zulauf zu den Grünen geführt haben, die den Ausstieg aus der Kernenergie schon immer gefordert haben. Aber nicht, weil diese Ereignisse passiert sind. Sondern weil sie bewiesen haben, dass der von Atomkraft-Befürwortern seit Jahren als faktische Unmöglichkeit heruntergespielte GAU wahrscheinlich ist. Ob Flugzeugabsturz, Terrorangriff oder Naturkatastrophe: Die Gefahren für Atomreaktoren sind inklusive Endlagerung nicht beherrschbar. Genau diese Beherrschbarkeit jedoch hat uns die Atomlobby seit vielen Jahren vormachen wollen und Regierungen vieler Kombinationen ließen sich davon entweder fälschlicherweise überzeugen … oder aber sie haben wissentlich gelogen.

Der nun nötigen Ehrlichkeit, der demütigen Kehrtwende steht bei den Regierungsparteien CDU und FDP aber vermutlich die eigene Eitelkeit und der ein oder andere Deal mit der Atomindustrie im Weg. Als fataler Irrtum könnte sich daher der Glaube herausstellen, die neuesten Wahlergebnisse seien ein vorübergehender Ausrutscher der schockstarren Wählerinnen und Wählern.

38 Kommentare

  1. 01

    Selten hat mir eine Wahlanalyse dermaßen aus der Seele gesprochen! Danke!

  2. 02

    Japan ist schuld, genau. Die haben ja ihre Kraftwerke bestimmt selbst angezündet. Oder so.

  3. 03
    Thomas'

    Politker haben doch sonst nie Probleme damit Anschläge, Amokläufe etc. für ihre Propagande zu verwenden.

    Aber wenn es mal einer kleineren Partei dient, ist es natürlich sofort unerhört, wenn Wähler auf sowas reagieren.

  4. 04
    JanM

    Diese arrogante Geringschätzung der Mündigkeit des Wählers in Wort und Tat ist einer der vielen Aspekte der aalglatten Consultant-Politik, die mir auch jedes Mal aufs neue die Sprache verschlagen. Der größte Fehler, den Politiker nach selbstverschuldeten Katastrophen und verlorenen Wahlen noch eingestehen, ist, dass »mitunter Sachverhalte dem Wähler nicht richtig kommuniziert wurden«. Dass die Sachverhalte selbst der Grund sein könnten, weshalb man die Verantwortlichen in die Wüste schickt, ist ja ausgeschlossen, denn immerhin waren und sind diese stets »alternativlos«.

    Wobei der Zyniker in mir bei solchen Gedanken dann immer relativ schnell zum Schluss kommt, dass die letzten paar Politikergenerationen das beweisbar genauso gesehen, nur nicht so offen ausgesprochen haben.

  5. 05
    Ullrik

    Es passt einfach nicht in die Köpfe der SchwarzGelben:
    Die Grünen hatten und haben recht. Der Wähler hat’s honoriert – diverse Politiker noch nicht einmal bemerkt. Traurig!

  6. 06
    Theo

    Viel schlimmer finde ich, das es immer noch knappe 39% für die CDU in Baden-Württemberg gibt. Laufen da wirklich soviele Scheintote rum, oder sind die echt zufrieden mit ihrem „Ich richte Wasserwerfer auf mein Volk“ Mappus? Kaum zu glauben.

    Immerhin reicht das nicht zum Weiterregieren, ich bin ja mal gespannt, was Grün/Rot jetzt anders und (hoffentlich) besser machen werden.

    Und die FDP ist und war schon immer eine reine Klientelpartei, die Politik nach Wirtschaftsinteressen gemacht hat. Der Bürger als solcher ist da allenfalls Mittel zum Zweck. Traurig, das eben viel der eigentlich intelligenten Menschen in diesem Land ( Ärzte, Ingenieure, usw. ) da nicht hinter die Scheinkulisse blicken können oder wollen.
    Ich hab da selber so einen Fall von FDP Wähler in meinem Bekanntenkreis, da kann ich leider nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich höre, aus was für Gründen dort eben so gewählt wurde.
    Das Wort liberal verkommt zu einem Schimpfwort in der deutschen Politik durch die FDP.

  7. 07

    Ach kommt, ich bin schon froh, daß die Wahlen genau jetzt stattgefunden haben und nicht in ein paar Monaten. Die Leute vergessen so schnell – im Oktober standen die BW-Grünen bei deutlich über 30%, im Februar auch schon mal wieder unter 20%. So ist es eben.

  8. 08
    Jarolim

    Ichlinge,
    kein Hass,
    nur Ekel

  9. 09

    Kleine semantische Spitzfindigkeit: Der GAU ist ja die schlimmste Annahme, deren Vorkommen für möglich gehalten wurde – schon die Formulierung befördert die Suggestion, man habe Sicherheitsmaßnahmen für alle entsprechenden Risiken.

    Als Unmöglichkeit wurde allerdings der Super-GAU portraitiert, d.h. eine nicht berücksichtigte (und in Konsequenz auch nicht mehr beherrschbare) Katastrophe … wie etwa ein Erdbeben mit darauffolgendem Tsunami, das Sicherheitssysteme zerstört.

    Und an dieser Stelle hat man die Typen, die jetzt von „besserem Reaktordesign“ faseln, am Sack.

  10. 10

    Mit „Schuld“ hat das ja allenfalls aus Richtung der CDU/FDP zu tun.

    Ich sehe das so wie Sannie (06) und bin auch froh, dass die Wahlen genau jetzt stattgefunden haben.
    Wäre Fukushima nicht passiert, wäre Mappus voraussichtlich noch Ministerpräsident, da müssen wir uns jetzt nichts vormachen. Denn so groß waren die Verluste bei der CDU nicht, im Gegenteil, in Rheinland-Pfalz haben sie sogar noch hinzugewonnen.
    Bei einer Befragung gaben nur 25% der Wähler an, dass sie ihre Entscheidung von S21 abhängig gemacht hätte, bei Fukushima waren es, glaube ich noch in Erinnerung zu haben, knapp 90%

    Die Wähler vergessen wirklich sehr schnell und haben bei diesen Wahlen in der Mehrheit ihre Entscheidungen nicht aufgrund sozialer Themen gefällt. Und ich befürchte auch, dass dieser grüne Trend nur ein temporärer ist.

    Aber egal, jetzt kann man sich ja trotzdem erstmal freuen, dass die Wahlen so verlaufen sind, wie sie verlaufen sind.

    Die ersten kritischen Stimmen werden schon früh genug kommen. Zum Beispiel dann, wenn die Wähler merken, dass S21 vielleicht doch weitergebaut wird, obwohl die damalige Opposition teilweise einen Baustopp versprochen hat.

  11. 11

    Zum Artikel u. den Kommentaren.

    Nicht allein der, wie sich mittlerweile herausstellt, Gau, war ursächlich
    für den Ausgang der Wahl in BW. RP hat neben Katzenberger und dem
    Bärtigen eigentlich nichts besonderes vorzuweisen. Erst jetzt wird die
    Grüne Partei das erste mal in einem Landtag gefordert, das zu tun was
    diese als bisherige Opposition immer eingefordert hat. Mal schauen.

    ‚Sunglasses At Night‘

  12. 12
    Lunaday

    Ich bin bestimmt kein Befürworter von schwarz-gelb und auch kein Freund der Atomenergie. Man muss aber fairerweise sagen, dass rot-grün den Atomausstieg (Atomkonsens) doch sehr halbherzig durchgeführt haben. Damals ging man von einer durchschnittlichen Restlaufzeit von 32 Jahren aus. Ob das konsequent war finde ich fraglich.
    Das dann die schwarz-gelbe Regierung durch die Laufzeitverlängerung, dem ganzen dann noch eins draufgesetzt hat, schlug dem Fass den Boden aus und plötzlich wahren alle wieder empört. Zu recht !
    Das diejenigen, die den Atomausstieg vor über zehn Jahren hätten durchziehen können nun durch diese Katastrophe wählerstimmen bekommen, ist für mich nicht von der Hand zu weisen. Ja, auch damals gab es schon eine starke Antiatomkraftbewegung.

    Unter einem Grünen Umweltminister waren die Castortransport sicher. Letztes Jahr hat man bekannte Grüne Gesichter bei den Blokaden gesehen.

    Stuttgart 21 hat eine über zwanzigjährige Geschichte. Auch hiergegen demonstriert man seit Jahrzenten. Doch erst als die Plannung vollendet war und die Bauarbeiten anfingen bewegte sich die grosse Allgemeinheit auf die Strasse.

    All das zeigt mir doch, wie kurzsichtig viele Wähler vorgehen.

    Es gibt sicherlich Politiker, die aufrichtig und ehrlich einen Atomausstieg befürworten. Doch auch die unterliegen immerwieder einem Fraktionszwang oder man nimmt Rücksicht auf den Koalitionspartner. Ich kann nur hoffen, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit endlich gelernt hat und diese Chance endlich nutzt und einiges anders macht.

  13. 13

    Ja der Herr Lindner war glaube ich kurz den Tränen nah. Als er bei ca. 2/3 der Sendung zu Trittin (?) gesagt hat: „Jetzt hören Sie aber auf“
    Fukushima hat zum (erneuten) Aufschwung der Grünen in BaWü beigetragen das ist richtig, aber auf Kosten der FDP ging da gar nichts. Die FDP wurde für die miserable Politik auf Bundesebene abgestraft und wird sich mal wieder für die nächsten 5-10 Jahre aus den Parlamenten verabschieden und bei allen kommenden Landtagswahlen an den 5% nagen, weil sie nur Klientelpolitik machen „jetzt hören Sie aber auf…“

  14. 14

    @rmn ingolstadt: “Jetzt hören Sie aber auf”, hat Lindner zu Geißler gesagt, der offensichtlich alles andere als ein Freund der FDP ist. Da hat der Papa den kleinen Lindner ganz schön böse ausgeschimpft. Er konnte einem fast schon leid tun.

  15. 15

    @Lunaday Ja, der Atom-Kompromiss war für alle echten Gegner der Atomkraft eine Enttäuschung und nicht wenige haben sich damals abgewandt von den Grünen. Ich meine aber, daß er das Beste war, was damals erreicht werden konnte. Radikaleres wäre – zu der Zeit – politisch nicht möglich gewesen. Erst in den folgenden Jahren, als man gesehen hat, daß sich Erneuerbaren dank EEG so viel posiitiver entwickeln als gedacht, wäre vielleicht die Möglichkeit gewesen, die Laufzeiten weiter zu verkürzen. Dummerweise haben wir seit fast sechs Jahren die falsche Regierung.

    (Ist natürlich an Lächerlichkeit nicht zu überbieten, daß Schwarz-Gelb heute den Grünen vorwirft, nicht weit genug gegagngen zu sein – aber das wurde ja zum Glück vom Wähler erkannt – und bestraft.)

  16. 16
    flubutjan

    Auja, FDP-Schubsen:
    FDP = Freunde der Perversion (feed the rich, let the normal havenots experience lack for that), die sich als ZDN aufspielen – Zuchtmeister der Nation.

  17. 17
    Marc

    „Als fataler Irrtum könnte sich daher der Glaube herausstellen, die neuesten Wahlergebnisse seien ein vorübergehender Ausrutscher der schockstarren Wählerinnen und Wählern.“
    Ich hoffe Du behälst recht!

  18. 18
    Marc

    *

    @Marc: sry – „behältst“

  19. 19
    monojoe

    ich frag mich, wie autistisch wir mittlerweile gegenüber dem parteienringelreihn geworden sind.
    grüner ministerpräsident.. wOw.

    „denn was mich eigentlich in der Debatte um die gestrigen Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ärgert, ist die Tatsache, dass Wählerinnen und Wähler einmal mehr zu rein emotional handelnden Dummköpfen degradiert werden, die keine wirkliche Ahnung haben. “

    wo ist denn an dieser feststellung die sensation ?
    ideal und wirklichkeit..
    wir leben immer noch in unseren mythen und ertragen die restrealität.

    moratorium :D
    maximal drei monate braucht das durchschnittliche menschliche gehirn, um sich an JEDE katastrophe & ausnahmesituation zu gewöhnen.
    unser gehirn ist zu allererst ein anpassungsorgan.
    shakespeare war ein unfall.
    citalopram oder tage des zorns ?
    wie bereit seid ihr für den deutschen mob ?

  20. 20

    Lieber monojoe,

    Erklär mir doch bitte ‚restrealität‘.
    Sei so nett und mach nicht nur mich so schlau,
    um wenigstens etwas folgen zu können. Merci

    Und wenn wir schon erklären, was sind Über-
    hangmandate? Bin nur ein klein wenig sauer.

  21. 21

    Wahr gesprochen. Ich habe gestern auch die Wahlergebnisse verfolgt und muss zugeben, ich habe doch ein wenig Schadenfreude verspürt. Ich weiss, das ist kein nobler Zug, aber manchmal geht es nicht anders.

    Mich hats auch geärgert, dass es wieder so hingestellt wird, als ob die Wähler kopflose Hühner wären, die sich wie ein Fähnchen im Wind drehen, je nachdem, woher der Katastrophen-Wind so weht. Das ist eine sehr kleingeistige Haltung weil sie mir sagt, dass die Politiker den Grund für den Wählerabsprung immer erstmal woanders suchen, nur nicht in den eigenen Reihen bzw. in der eigenen Politik. Obwohl sich Herr Westerwelle ja gestern doch irgendwie ein bisschen einsichtig zeigte.

  22. 22
    JanM

    Ist vermutlich eh schon jedem klar, aber ich will trotzdem noch mal auf die Ironie hinweisen: Die, die jetzt ohne das geringste Zögern dem Wähler nachsagen, er habe mit dem Politikwechsel nur unüberlegt und reflexhaft auf Fukushima reagiert, sind genau dieselben, die vor 2 Wochen mit höchster Entrüstung den Verdacht von sich gewiesen haben, sie hätten mit ihrem Moratorium nur unüberlegt und reflexhaft auf Fukushima reagiert.

  23. 23
    monojoe

    @PiPi: das schaff ich nicht, pipi, deine wirklichkeit gehört nur dir, mach was leckres draus !

  24. 24
    Alf Biegel

    Christian Lindner goes for Parteivorsitzender statt Westerwelle, quasi Analog Erich Honecker, Egon Krenz. Juhu die FDP schießt sich selbst ins Knie.

  25. 25

    Tja, wie heißt es so schön: Der Herrgott gibt, der Herrgott nimmt. So fühlen sich schwarze Fürsten in Baden- und in Württemberg heute in Bezug auf ihre Macht. Eine höhere Macht hat sie ihnen genommen. Dass Demokratie was mit Volk zu tun haben könnte, das hat die Landes-CDU schon längst vergessen. Doch auf einmal gab es jetzt einen Denkzettel eben genau deswegen.

  26. 26
    KOPNR

    Hätten CDU udn FDP die Klappe gehalten und nichts getan hätte der Bürger gar nicht soviel Atom-Angst bekommen. Und in drei Wochen Fukushima war sowieso jeder von dem Thema so gelangweilt dass es bei der Stimmeabgabe schon wieder vergessen wäre. Die haben sich selbst abgeschossen mit ihren dümmlichen Aktionismus.

    Endlich haben die Säcke mal die Quittung für ihre nur auf Wahlkampf ausgerichtete Lügenpolitik bekommen.

  27. 27
    jochen

    wie so einige hier glaube ich (leider) auch nicht daran dass dieser trend von dauer sein wird, auch wenn johnny gerne von etwas anderem ausgehen mag.
    der ungewoehnliche zufluss von wahlstimmen vom lager der cdu und fdp hin zu den gruenen in bw wird sich nicht aufrecht halten lassen. ich kann mir naemlich nicht vorstellen dass, sollten wieder andere themen in den vodergrund ruecken, diese wechselwaehler von der partei „die gruenen“ ueberzeugt sind. es mag den einen oder anderen gegeben haben der die cdu gewaehlt hat, jedoch schon laenger mit den gruenen geliebaeugelt hatte. fuer die groessere masse aber gilt dies sicher nicht. und meine vorstellungskraft reicht einfach nicht dafuer auss dass ich glauben kann dass diese abgewanderte waehlerschaft, die jahre oder jahrzehnte schwarz oder gelb gewaehlt hat, auf dauer bei den gruenen bleibt.
    um so wichtiger ist jetzt dass die zeit und die chance genutzt wird!

  28. 28
    Greyknight

    Ich denke tatsächlich auch, dass die These stimmig ist, das Japan die Wahlen für die Grünen gewonnen hat. Das mag daran liegen, das meine Haltung dem „Volk“ gegenüber genauso krittisch ist wie den Parteien. Das Menschen in der Masse, aus dem Bauch raus, wählen ist doch schon dadurch bewiesen, das die FDP in der Regierung sitzt. Die Menschen waren von der großen Koalition ausgelaugt und in die Politikverdrossenheit getrieben und hatten im Kopf herum schwirren, dass es eine „Wirtschaftspartei“ braucht und eine weitere Runde Schwarz/Rot mit allen Mitteln zu verhindern ist. BAMM… Aufeinmal hatte die FDP Rekordwerte, war im Siegestaumel und taumelte damit direkt in die Regierung, während sich unsereins mit Grauen gefragt hat, wie zur Hölle so etwas denn hätte passieren können.
    Die Masse reflektiert in erster Linie nur was gerade massiv in den Medien durchgearbeitet wird, was gerade die Angst der Stunde bestimmt, bestimmt in welche Richtung das Fähnchen schwingt. Das ist traurig, aber bisher habe ich noch keinen wirkliches Indiz dafür gefunden, das die gefallenen politischen Entscheidungen des letzten Wochenendes tatsächlich aus einem wohl überlegten, durchdachten Ansatz heraus entstanden sind.
    Ehrlich gesagt, bin ich schon froh, dass der Tod von Knut nicht Lybien und Japan komplett aus dem Medien genommen hat.

  29. 29
    rock

    das erinnert mich an einen blogeintrag vom eigentlich seriösen jörg schönenborn, der entsprechend (noch am wahlsonntag) schrieb, die bawü-wahl sei ‚beim wähler‘ im wesentlichen eine entscheidung zwischen kopf und bauch. und suggerierte im text:

    kopfentscheidung = vernunft, ratio, wirtschaft = cdu
    vs.
    bauchentscheidung = angst, hysterie = grün

    http://blog.tagesschau.de/2011/03/27/bawu-kopf-oder-bauch/

    es gab allerdings einigen widerspruch in der kommentarspalte.

    diese metaphern (?) wie ‚kopf‘ und ‚bauch‘ sind stark standpunktabhängig und verraten viel über die meinung desjenigen, der diese metaphern bemüht, denn man kann es freilich genau andersherum sehen, nämlich:

    kopf = einsicht, dass es mit der sicherheit vielleicht nicht allzuweit her ist, und dass es mit der atomenergie gar nicht so billig zu geht = grün
    bauch = traditionswahl, angst vor veränderung, „wird schon passen“ = cdu

    (ähnlich kann man das argument der vermeintlichen ‚instrumentalisierung der toten‘ drehen, wie man’s will)

    kinder schubsen, hihi

  30. 30
    Sebastian

    „Als fataler Irrtum könnte sich daher der Glaube herausstellen, die neuesten Wahlergebnisse seien ein vorübergehender Ausrutscher der schockstarren Wählerinnen und Wählern.“

    Zu dem Schluss muss man aber kommen, wenn man bedenkt, das bei den Bundestagswahlen Schwarz/Gelb (Mehrheit der Wähler!) u.a. gewählt wurde, weil Sie den Atomausstieg wieder rückgängig machen wollten. War ja ein zentrales Wahlkampfthema….

  31. 31

    Anne Will schaue ich nicht, da ist ja selbst Inspector Barnaby auf dem ZDF spannender und inhaltsvoller und schont zudem meine Nerven.

  32. 32

    Wer die „Wählerinnen und Wähler einmal mehr zu rein emotional handelnden Dummköpfen degradiert“, ist möglicherweise arrogant. So ganz falsch liegt er mit seiner Einschätzung aber nicht. Nur ein Bruchteil der Wahlberechtigten liest Partei- oder Wahlprogramme. Und vergleicht die dann auch noch inhaltlich. Das ist nämlich garnicht so einfach. Vor der letzten Bundestagswahl habe ich mir diese Mühe gemacht und festgestellt, dass

    a) die Programme auf den Webseiten einiger Parteien teilweise sehr gut versteckt sind
    b) man in Wahl- und Parteiprogrammen oft vergeblich nach klaren Aussagen sucht, da die Inhalte völlig aufgeweicht sind,
    c) die Formulierungen in den Programmen von CDU, SPD und Grünen oft beliebig austauschbar sind.

    Wer’s nicht glaubt, soll mal schnell diese Aussagen zuordnen – aber nicht schummeln:

    „Eine Vereinbarung über eine drastische Reduzierung der Nuklearpotenziale eröffnet die Aussicht, das Nichtverbreitungsregime zu stärken und das Streben weiterer Staaten in den Kreis der Nuklearmächte zu stoppen.“

    „Wir wollen eine Million Jobs schaffen und die Infrastrukturen und Schlüsselindustrien Autobau, Chemie und Maschinenbau neu ausrichten auf zukunftsfeste Produkte und Arbeitsplätze.“

    „Mit der XXX wird es keine aktionistischen Verbote oder staatliche Zensur im Internet geben. Die so genannte Online-Durchsuchung lehnt die XXX strikt ab.“

    „Die Wirtschafts- und Finanzpolitik muss Vollbeschäftigung anstreben, die inländische Nachfrage stärken und für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung sorgen.“

    „Niemand kann die Eltern aus der Verantwortung für ihre Kinder entlassen. Wir wollen ihnen durch Bildungs- und Betreuungsangebote helfen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.“

    So – und jetzt bitte auf Basis der oben zitierten Parteiprogramme eine rationale Wahlentscheidung treffen :)

  33. 33
    JanM

    »So – und jetzt bitte auf Basis der oben zitierten Parteiprogramme eine rationale Wahlentscheidung treffen«

    Wodka. Nein, moment – Whisky. Ach, verdammt.

  34. 34
    Niklas

    Sich in dem selben Absatz über die „Abwesenheit von Vokabeln“ in der Selbstbeschreibung einer Partei und über „die Tatsache, dass Wählerinnen und Wähler einmal mehr zu rein emotional handelnden Dummköpfen degradiert werden“ zu beschweren, ist klasse.

    Btw: Nicht nur „die Wirtschaft“ hat Interesse an Atomkraft, der Staat auch.

  35. 35
    Nele

    Steht heute in der Sueddeutschen http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-siegeszug-der-gruenen-die-stunde-der-heuchler-1.1078968
    Sehr guter kritischer Kommentar zur Klientel der Grünen

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