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Bundesliga 28

Heute, statt eines einzigen Themas, fünf Bemerkungen zu den Ereignissen der letzten Wochen.

1. Zum Abschied des Bayern-Trainers ist hier schon viel geschrieben worden. Ich möchte sagen: alles. Fast alles. Bevor wir uns wichtigerem zuwenden, was es zu sagen gibt in zwei Zeilen:

Man nannte früher van Gaal glorreich,
tat man es nicht, zeigt‘ er sein Rohr gleich.

2. Bedauerlich ist, dass jeder zweite Fussballredakteur in seinem Archiv noch eine kritische Bermerkung zu Christoph Daum liegen hat, die er dringend unter die Leute zu bringen müssen glaubt. Es reicht mit mahnenden Worten zum Dorgenkonsum. Wer noch immer auf seinen sauren Moralismus besteht, sollte bitte selbst anfangen, ein paar Narkotika einzunehmen. Und ja, es ist wirklich jeder Witz über die Kokain-Affäre gemacht worden, man kann also damit aufhören, irgendwelche schiefen Vergleiche an den Haaren herbeizuziehen.

3. Beeindruckend ist, wie schnell den Dortmundern jetzt wieder allerseits zur Meisterschaft gratuliert wird, an genau jenen Stellen, die zuvor der „Mini-Krise“ und dem „Meister-Flattern“ gewidmet worden waren. Wenigen ist aufgefallen, dass die Souveränität, die absolute Dominanz, die Spiele der Borussen bisher auszeichneten, weg ist. Schade um den frühen Ausgleich. Es wäre interessant gewesen zu sehen, was Dortmund einfällt angesichts einer Mannschaft, die ähnlich kreativitätsfeindlich ist wie eine oberbairische Klosterschule. Hätte nicht Mario Götze geniegleich die Hannovereraner Abwehr aussehen lassen wie ein Haufen verkrüppelter Birken, wer weiß: vielleicht hätte man zum ersten Mal Ratlosigkeit in Jürgen Klopps Gesicht gesehen.

4. Sehr überzeugend fand ich die These meines Wirtes, seines Zeichens Sankt Paulianer, der sagte, es könne sich bei dem Becherwerfer keinesfalls um einen Fan seines Vereins handeln, denn ein Sankt Paulianer brächte es wohl kaum über sich, einen halben Liter Bier zu vergeuden, zu welchem Zweck auch immer.

5. Immer unerträglicher ist das verlogene, homophobe Gehabe des DFB, überhaupt im Fussball. In Frankreich hat ein Amateurverein einen Spieler suspendiert, weil er schwul ist. So funktioniert das wohl in diesem Männlichkeitssystem: inzwischen hat man nichts mehr gegen Schwule, solang es sie nicht gibt. „Es ist mir völlig egal, welche sexuelle Orientierung einer unser Nationalspieler oder Nationalspielerinnen hat“, sagt Zwanziger, um sich dann darüber zu beschweren, dass in einem Tatort ein Satz darüber fällt, wie egal es sei, welche sexuelle Orientierung einer der Nationalspieler oder Nationalspielerinnen hat. Und das Missbrauchsopfer ist dann – die Nationalmannschaft.

„Ich habe generell das Gefühl, dass die moralischen Werte sinken,“ sagt Oliver Bierhoff, und ich weiß auch, wem man das zu verdanken hat, DFB.

Kann mir mal wer erklären, was Chamakh da macht?

Beim Länderspiel gegen Australien bleiben Tausende Plätze frei, Zuschauerpfiffe werden übertönt und schlechte Szenen nicht wiederholt: Der DFB inszeniert seine Fußballspiele und verbietet den Fans den Mund. Nicht das erste Mal.

Wigbert Löer hat im Prinzip Recht. Erwähnen könnte man die Mondpreise, die ein Länderspiel inzwischen Eintritt kostet, und die Unverfrorenheit, mit der Spieler (Ausnahme Mats Hummels) die Unterstützung einfordern: als wäre Zuneigung, Bewunderung und Unterstützung etwas, was ihnen per se zusteht. Interessantes Persönlichkeitsbild, das.

13 Kommentare

  1. 01
    huumer

    „…man kann also damit aufhören, irgendwelche schiefen Vergleiche an den Haaren herbeizuziehen.“

    War das Absicht?

  2. 02

    Zu 4tens

    Ich schmeiss mich weg vor lachen.

    Zu den anderen (ernsthaften) Themen
    kann ich mich nicht qualifiziert äußern.

    Danke Fred

  3. 03
    Mattes

    Aber die Überinzenierung ist doch schon lange gang und gäbe. Ich bin ja nur alle paar Jubeljahre im Stadion, aber bei der WM 2006 Schweden vs. Trinidad & Tobago in Dortmund habe ich mich schon scharz geärgert, wie laut – und zwar schon diskothekenhaft laut – sowohl Werbung als auch „Stimmungslieder“ über die Boxen schalten. Vor, zwischen und nach dem Spiel.

    Die 3x die ich seitdem ein Spiel der Borussia besucht habe genau das gleiche. Viel zu laute – wenn auch nicht so laut wie bei der WM – Musik vor und vor allem direkt! nach dem Spiel. Die Fans können nicht einfach singen was sie wollen, sie können sich nicht richtig freuen und auch nicht ärgern. Sie werden schlicht übertönt.

    Ich frage mich eigentlicht wer das will und wer das entscheidet. Sitzen da ernsthaft Menschen zusammen die sich sagen, dass die Leute sowas genau wollen um den Besuch als Event wahrzunehmen? Oder – was noch schlimmer wäre – bekommen die Organisatoren Feedback von den Besuchern, dass sie das toll finden?!

  4. 04
    Arthur

    an den Haaren, zu gut!

  5. 05
    Chris

    zu 4. So ein Sch… Soll das witzig sein? So ein Verhalten ist einfach nur asozial. Hätte Dein Wirt den gleichen Witz gemacht, wenn jemand wirklich verletzt worden wäre, was nicht ganz unwahrscheinlich war, bei Feuerzeugen und Bierbechern?

  6. 06
    Frédéric Valin

    @Mattes: Das stimmt, das gehört in diesen viel größeren Rahmen, den Du zeichnest. Es geht dabei nicht in erster Linie um die Fans (die zu Konsumenten herabgewürdigt werden), sondern um den passenden Rahmen für Sponsoren und Werbende. Dadurch verliert die Fussballkurve u.a. ihren Charakter als anarchischer Ort, wo man aus dem engen Korsett der Zivilisiertheit ausbrechen darf. (Ganz auf dieser Linie liegt ja auch @Chris mit seiner Forderung nach politischer Korrektheit.) Bis zur letzten Konsequenz ist diese Inszenierung ausgereift, wenn Fangesänge vom Band eingespielt werden oder aber – wie in Italien – ein Verein die Zuschauertribüne als komplette Werbebande gestaltet, die so aussieht, als wäre sie vollbesetzt.

    Kurzum, das gefällt keinem Besucher, jedenfalls kaum jemandem, dem an Fussball etwas liegt. Soziologisch ist das ziemlich spannend, welche Verschiebungen es da geben kann.

  7. 07
    alliance

    Ah, Fußball! Lange nichts mehr zu Libyen gehört von Dir, Frederic…

  8. 08
    schabracke

    [gelöscht]

  9. 09
    Chris

    @Frédéric Valin: Hey! Ich bin mir ganz ganz sicher (und weiß es aus eigener Erfahrung), dass – wenn ich an der Stelle eines Pauli-Fan gewesen wäre – ich geschimpft, geschrieen und getobt hätte, am Freitag Abend. Und diskriminierende und beleidigende Äußerungen sind sowohl in der Kurve als auch in der Kneipe schon im Affekt häufiger über meine Lippen gekommen. In der bitteren Erkenntnis, dass die BVB-Meisterschaft nicht mehr zu verhindern ist, ist meinem 8jährigen am Samstag ein „ich hasse Dortmund“ entfahren – das alles heißt doch aber nicht, dass ich in Kauf nehme, dass Menschen verletzt werden?! Wo sind wir denn hier?

  10. 10
    Frédéric Valin

    @Chris: Aber einen Witz darüber zu machen, heißt nicht, in Kauf zu nehmen, dass Menschen verletzt werden. Es ist eher ein hilfloser Versuch, den Verein und seine Fans zu entschulden. Man kann den Witz unangebracht finden (ich finde ihn nicht unangebracht). Das ist eine persönliche Regung, die ihre volle Berechtigung hat.

    Es gibt aber kein Recht auf Betroffenheit anderer.

  11. 11
    Chris

    Ich möchte den Sturm der Entrüstung sehen, der – auch hier – entstünde, wenn nicht ein Linienrichter, sondern ein Schwuler oder ein Ausländer Ziel einer solchen Attacke geworden wäre und die Aktion dann mit dummen Kneipensprüchen heruntergespielt würde. Diese Aktion ist nicht cool (auch wenn sie nach dem Abstieg von St. Pauli sicher glorifiziert wird, denn mit dem Ausgleich wäre das Spiel und eventuell die Zukunft von St. Pauli ganz anders gelaufen). Der Stammtisch in meiner Kneipe bedauerte im Übrigen lauthals den Verlust des Becherpfandes. Ha. Ha.

  12. 12

    Becherwerfer sind keine Verbrecher — bis sie treffen: http://s.ring2.de/2Dl

  13. 13
    Frederic Valin

    @Chris: Das ist schon Äpfel mit Birnen. Ein Angriff auf einen Schwulen oder einen Schwarzen ist immer ein Angriff auf dessen Identität, während ein Angriff auf einen Linienrichter nicht persönlich gemeint ist, sondern sich gegen die Institution „Richter“ wendet. Das Motiv ist ein völlig anderes: in dem einen Fall spiegelt sich hilflose, ein wenig ohnmächtige Wut, in dem anderen Fall ist es ein Wunsch nach Auslöschung.

    Ich will damit auf keinen Fall den Becherwurf entschulden: dass St Pauli für den Vorfall bestraft wird, ist gut und richtig. Aber damit hat sichs für meine Begriffe auch. Darüber Witze zu machen ist wie über Kachelmann Witze zu machen: nicht jedermanns Geschmack, aber deswegen gleich die Moralkeule rausholen? Ich weiß ja nicht.

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