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Bundesliga 29

Eleganz ist selten effektiv, im Gegenteil: in aller Regel will sie genau das nicht sein. Sinn der Eleganz ist es ja, ein ästhetisches Konzept herauszustellen genau dadurch, dass man auf Brauchbarkeit scheißt, pardon: sich entleert. Einen Bodenschleier zu tragen, weil man es sich leisten kann, langsam zu gehen. Einen breitkrempigen, geschwungenen Hut, weil man die Zeit hat, auf Luftstöße zu achten. Eleganz ist die Zurschaustellung der eigenen Sinnlosigkeit bei gleichzeitigem Versuch, genau diese Überflüssigkeit zu überdecken.

Es gibt einige Bereiche, wo das nicht zählt: im Maschinenbau zum Beispiel. Es war der Futurismus, dem es vorbehalten blieb, eine Ästehtik der Maschinen zu propagieren: eine Ästhetik dessen also, was gleichzeitig nützlich ist. Wegen des Futurismus‘ finden wir heute Flugzeuge edel und formvollendet, und obwohl das Auto viel von seinem Zauber eingebüßt hat (außer im Zeit-Magazin, wo Tillmann Prüfer seinem Ästhetizismus einen Sandkasten gebaut hat), sind wir doch noch nicht Claudia Roth genug, um Porsche und Mercedes unschön zu finden.

Im Fussball ist Eleganz selten, denn es geht um Ergebnisse: Ergebnisse aber sind immer banal. Und Banalität ist der Antipode der Eleganz. Es gibt durchaus elegante Momente im Fussball, sinnlose Hackentricke, Vierfach-Übersteiger, die dann auch entsprechend überinszeniert werden durch hundertfache Widerholung, Nahaufnahmen und Zeitlupen. Es soll dann der Eindruck hervorgebracht werden, dass Fussball ein schöner und eben eleganter Sport sei. Dass das nicht stimmt, kann man an der Krampfigkeit und Vorhersehbarkeit der Inszenierungen sehr genau sehen.

Nichtsdestotrotz gibt es immer und immer wieder Spieler, die eine nonchalante Gleichgültigkeit an den Tag legen, welche auf den Zuschauer distinguiert, unangestrengt kunstvoll, kurzum: elegant wirkt. Vielleicht ist es Ausdruck eines Eurozentrismus, dass es sich dabei in erster Linie um Spieler aus fremden Kulturkreisen handelt; vielleicht sind wir schlicht nicht fähig, in der Physiognomie eines Farfan Anstrengung herauszulesen oder in der Mimik eines Papis Demba Cissé Konzentration.

Die zwei, drei Schritte nach dem Elfmeter. Natürlich hat er nachgesehen, ob er tatsächlich getroffen hat, aber seine ganze Körperhaltung sagt: eigentlich ist das völlig egal. Ein Körper, der weiterläuft, weil das eben so vorgesehen ist, wenn man einen Anlauf genommen hat, weil das eine Selbstverständlichkeit ist. Und der dann sofort in den Schritt wechselt, sobald das Sinn macht, man denkt bei sich: ja, genau so macht das Sinn. Genau so muss das aussehen.

Das denkt man bei Cissé ja oft: so muss man das machen, warum macht das nicht jeder so? Da kommt ein Ball, und er macht dann nicht viel, davon aber alles richtig. Er steht schon im richtigen Winkel, er weiß schon vor der Flanke, wie er den Ball nehmen wird, wohin damit, ohne es im Wortsinn zu wissen: es ist mehr eine Art Glaube an sich selbst, der über jeden Zweifel erhaben ist. Kein Stürmer hat diese Art der Selbstverständlichkeit momentan in der Bundesliga, nicht Ya Konan, nicht Novakovic, vor allem nicht Gomez, der für seine Kapazitäten schlicht zu viel denkt, viel zu viel, und davon sehr viel Unfug. Diese Leichtigkeit, die sieht man sehr selten, man hat sie schon bei Klose gesehen in den Bremer Jahren, das ist lange her. Messi hat das natürlich, aber Messi zählt nicht: Messi ist noch viel mehr, vor allem sein eigener Mythos. Iniesta, ja, der noch. Oder Theo Walcott. Manchmal noch Robinho, wenn er Bock hat.

Diese Eleganz stirbt aus, die Vereinzelung des Stürmers zielt darauf, ihn effektiver zu machen, brauchbarer. Ideale Stürmertypen sind inzwischen eher Arbeitercharaktere wie Drogba oder Olic, kraftvolle, dynamische, jadoch, Maschinen, Tevez und Balotelli, Multifunktionswerkzeuge wie Rooney, der in sein Spielsystem passt wie ein Taschenmesser: irgendein Feature hilft in jeder Lage.

Deswegen freue ich mich, Cissé zu sehen, ‚dass ich das noch sehen darf‘ denke ich immer und freue mich und weiß doch: ewig wird das nicht gehen. Gerade deswegen genieße ich jeden Moment, ihn spielen zu sehen, weil das eben auch zur Eleganz gehört: wie vergeblich sie ist gegen den Zeitgeist, und dass sie bald einmal vergehen wird. Aber noch nicht, noch spielt Cissé nicht in Wolfsburg, noch fünf Spieltage.

A propos Elfmeter und den Unterschied zwischen Eleganz und Effekthascherei:

Und alternativ, damit wir hier auch einen youtube-Link unterhalb der Millionengrenze haben (an dieser Stelle: vielen Dank, Nico!):

Die Kermess-Kicker gewannen die Münchner Staffel der Schul-Liga und dürfen nun weiterspielen um den deutschen Meistertitel. Die Bundeswehr wird den weiteren Werdegang der Jungs aufmerksam verfolgen. Sie wanzt sich als einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung an die jungen Männer ran und will sie für den Dienst an der Waffe werben.

Wie man eine Freiwilligenarmee aufbaut, und welche Rolle der Fussball dabei spielt. Ein kleines Lehrstück.

11 Kommentare

  1. 01
    xconroy

    1.) Auch Cisse wird, genauso wie Klose, Zeiten der Uneleganz und Ineffektivität erleben. Und er wird das Gesicht möglicherweise zu ähnlich dramatischen Landschaftsbildern der gequälten Seele verziehen, wie es Maicon meisterhaft beherrscht (und das Thema hatten wir zur WM schonmal, also von wegen „wir können die Physiognomie des Negers nicht lesen“, oder worauf das hinauslaufen sollte da oben…). Würde mich nicht wundern, wenn Spieler in Zeiten der übertriebenen Nahaufnahme im Fernseh ( „Emotionen! Was für Emotionen kamen Ihnen dabei hoch?“ ) mehr oder weniger halbbewußt die Hinfall- und Wälzdramaturgie auch auf die Mimik anwenden… kann ja sein, daß grade einer hinguckt bzw. es guckt ja dauernd irgendwer hin.

    2.) Als ich noch SportBild gelesen habe, in den 90ern also, wurde auch dauernd lamentiert, daß Eigenschaft XYZ dem Fußball bedauerlicherweise verlorengeht (Stichwort „Typen“, „Straßenfußballer“). Würde man das Dräuen und Mahnen konsequent verlängern, müßte heute stumpfester Catenaccio herrschen. Tatsächlich ist mmn der Fußball im Großen und Ganzen derzeit „eleganter“ als seit vielen Jahren, und es gibt auch mehr einzelne Spieler, die eine Synthese aus Funktionalität und Eleganz beherrschen bzw. die Aktionen beherrschen, in denen beides ungezwungen zusammenfällt, ohne sich gegenseitig zu behindern (was mmn nur möglich ist, wenn man Eleganz als Nebenprodukt von Effektivität annimmt und feststellt, daß sehr effektive Abläufe gleichzeitig sehr elegant sein können bzw. genau deshalb sehr elegant aussehen). Sei es Spanien, seien es Barca und teils Real, sei es der BVB in der Bundesliga und auch immer wieder Wengers Arsenal. Noch vor 5, 6 Jahren gab es im Prinzip nur Zidane, der diese Synthese beherrschte. Und davor – eigentlich niemand, jedenfalls nicht in Zeiten des hohen Tempofußballs, erst wieder weiter hinten in der Cruyiff-Zeit wieder.

    3.) 4-2-2-2 ist das neue 4-2-3-1. Früher oder später.

  2. 02

    „Versuch, genau diese Überflüssigkeit zu überdecken.“

    Lieber Fred

    Andererseits mag ich Querdenker sehr gerne, die
    mal wieder zum Nachdenken animieren. Alles Gute

  3. 03

    Entfremdung im Fußball. Bastian Schweinsteiger liest: Karl Marx, „Das Kapital“. Und die echte Frage: Was hat das eigentlich mit der Entlassung von van Gaal zu tun?

  4. 04

    Ich bin der Meinung, das heute so viel Fussball gespielt wird wie noch nie seit langer Zeit. Der One-Touch Fussball ist zwar nicht immer spektakulär, aber für mich eine sehr schöne Variante. Früher war früher und wenn man sich die Spiele aus den goldenen 70er Jahren anschaut, da war die heutige Dynamik nur in Ansätzen zu erkennen. Sicherlich könnte es mehr Spieler geben, die die individuelle Klasse haben und auch den taktischen Freiraum, um das Besondere zu liefern, aber die waren auch in frühreren Zeiten Mangelware.

  5. 05
    Sebastian

    Ich bin überrascht, Walcott in einer Reihe mit Iniesta und Messi zu lesen… war das Absicht? :p

  6. 06
    Frédéric Valin

    Der Fussball ist ohne Frage schöner geworden, seit ich ihn sehe, aber von einer anderen Schönheit als zuvor. Dynamik, vor allem Gruppendynamik, die ist inzwischen entscheidend. Deswegen ist für den Typus des Fussballdandys nicht mehr allzuviel Platz, wie es Hagi einer war oder Enzo Scifo. Und natürlich kann Cissé nur deswegen glänzen, weil man ihm bei Freiburg volle Freiheit lässt (Mannschaften, die auf individuelle Talente bauen, wird es immer mal wieder geben: sie werden aber anfälliger sein für individuelle Leistungsschwankungen, ein Umstand, der wie bei der Eintracht sehr bedrohlich werden kann).

  7. 07

    Remember Zinedine Zidane…In diesem Zusammenhang (allerdings Tennis) hat David Foster Wallace 2006 einen unglaublich guten Artikel in der NY Times über Roger Federer geschrieben. Ihm geht es dabei weniger um Eleganz sondern vielmehr um „beauty“ im Hochleistungssport.

    Auch für Leute (wie ich), die sich nicht für Tennis interessieren absolut lesenswert:
    http://www.nytimes.com/2006/08/20/sports/playmagazine/20federer.html

  8. 08

    Du bist entlassen. Sofortige Kündigung des Arbeitsvertrages.

    Diese Äusserung stellt für die meisten der Leser einen kapitalen Einschnitt dar. Der Jahresbeitrag ist obsolet. Andere soziale Ver-
    pfichtungen können nicht mehr erfüllt werden, da diese an den
    desolaten finanziellen Gegebeneiten scheitert.
    Armer Louis van Gaal.
    Spendekonten finden sich evtl. in Luxemburg o. auf den Caymans.

  9. 09
    Sebastian

    Irgendein Kommentator hat doch am Wochenende auch den Namen Götze mit Messi in Verbindung gebracht. Arne Zeiglers „Kleinkreuz“-T-Shirt fand ich da witziger…

  10. 10

    Für mich als alter Unioner ist Fußball erstmal eins: Kampf und das Zusammenwirken von 11 Leuten zu einer Mannschaft, einem Team, einer Truppe! Ich kann ja verstehen, wenn einige hier Messi oder Cisse gerne in der Bundesliga sehen wollen.
    Aber sind wir doch mal ehrlich, und das kann ich als Eisener aus leidvoller Erfahrung bestättigen: Fußball ist Identifikation und Leidenschaft. Deshalb hab ich auch nichts gegen Stürmer mit einem „Arbeitercharakter“ und überlasse die elganten lieber den „Traditionsclubs“ wie Wolfsburg.

  11. 11

    Die Diskussion darüber, wann etwas elegant ist, ist das eine.

    Das andere, was ich nicht verstehe, ist, was an Cisses Situation elegant sein soll. Das ist kein Kontra und auch keine Rumstänkerei. Ich sehe da nur nichts Elegantes. Ein Spieler schießt ein Tor, läuft aus, mehr nicht.

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